#Roman

Der Jude der Kaiserin

Vladimir Vertlib

// Rezension von Florian Dietmaier

Wien um 1670. Kaiserin Margarita Teresa hasst Juden und macht sie für den frühen Tod ihres Erstgeborenen verantwortlich. Nun ist sie wieder schwanger und hofft, ihrem Mann, der ihr Onkel ist, einen Sohn zu schenken. Ihr Leibarzt Pedro will gemeinsam mit der jüdischen Hebamme Esther für eine sichere Geburt sorgen – und hofft, so die Vertreibung der Juden aus Wien verhindern zu können. Vladimir Vertlib erzählt in Der Jude der Kaiserin vom Ende dieser Hoffnung, aber auch von einem neuen Anfang.

Seit 2014 ziehen sich zwei Tagebuchsätze über den Gehsteig der Großen Pfarrgasse in Wien. Sie sind Teil des von der österreichischen Künstlerin Catrin Bolt initiierten und umgesetzten Projektes Alltagskulpturen Mahnmal, die mehreren Wiener Straßen Erinnerungen von aus der österreichischen Hauptstadt vertriebenen Holocaustüberlebenden einschreibt. Wenige Schritte davon entfernt erinnert eine Tafel an der Leopoldskirche “an die Vertreibung der 2. Wiener Jüdischen Gemeinde in den Jahren 1670 / 1671“.

An diese Vertreibung denkt auch Pedro Esteban de Rojas, einer der Protagonisten von Vladimir Vertlibs neuem Roman Der Jude der Kaiserin. Am Morgen des 12.03.1673 ist er in der Nähe der heutigen Großen Pfarrgasse unterwegs: „Linkerhand, dort, wo früher das Ghetto gewesen ist, entsteht die nach dem Kaiser benannte Leopoldstadt. Wo einst die Synagoge stand, erheben sich nun der gelb und weiß gestrichene Turm und das rote Dach der Leopoldskirche. Niemals würde Pedro seinen Fuß in diese Kirche setzen.“ (S. 397)

Vertlib hat sich in seinem schriftstellerischen Werk der Erinnerung an die jüdische Geschichte in und außerhalb Österreichs verschrieben. Sein neuer Roman ist da keine Ausnahme. Diesmal geht er aber weiter zurück in die Vergangenheit als bisher. In seinem spannenden historischen Roman erzählt er, wie es 1670 – nach der ersten Vertreibung der Juden aus Wien von 1421 – zum zweiten Mal dazu kommen konnte, dass die jüdische Gemeinde, die erst vor rund vierzig Jahren wieder nach Wien hatte ziehen ‚dürfen‘, erneut der Stadt verwiesen wurde.

Dabei ist die Erinnerung und ihr Bewahren ein zentrales Thema des Buches. Das spiegelt sich auch in der Form wider. Um den Überblick über die komplexe Geschichte zu gewährleisten, entwickelt Vertlib sie nämlich chronologisch. Nur manchmal, wenn längere Rückblenden es erfordern, bricht er die Chronologie. Die Kapitel sind im Präsens und personal erzählt, vor allem aus der Perspektive dreier Charaktere: der realen Kaiserin Margarita Teresa, des fiktiven Arztes Pedro und der fiktiven Hebamme Esther. Vertlib zeigt an ihnen, wie unterschiedlich die Zeit im Wien des Hochbarock – abhängig von Religion, Stand und Geschlecht – erlebt und erinnert werden kann.

Erinnerungsvermögen oder Gedächtnisverlust?

Pedro braucht ein gutes Gedächtnis. Er will seine private Geschichte nicht vergessen, darf sie aber auch nicht mit jener durcheinanderbringen, die er für sich als Person des öffentlichen Lebens hat erfinden müssen. Denn zum einen ist er vom Veteran des Dreißigjährigen Krieges zum Leibarzt der Kaiserin Margarita Teresa aufgestiegen, kennt ihren Judenhass und kam mit ihr vom Madrider an den Wiener Hof. Zum anderen ist er aber ein Converso: Seine jüdische Familie konvertierte im habsburgischen Spanien vor zweihundert Jahren aus Zwang zum Christentum, um nicht fliehen zu müssen. Von der jüdischen Vergangenheit der Familie ist Pedro der Glaube geblieben, der sich mit der Zeit aber immer weiter von der Schrift entfernt, sich ins Gedächtnis verlagert hat. Pedro sind ein paar Phrasen Hebräisch geblieben, ein Gebetsschal und „ein Stück Pergament […], ein Ausschnitt aus dem Tanach, der Bibel auf Hebräisch“ (S. 245). Im Keller seines Hauses in Wien betet er im Geheimen und „auch wenn sich ihm die Bedeutung der hebräischen Gebete nur zum Teil erschließt, spürt er, welch große Kraft aus dem Innersten dieser Sprache, der Worte und der heiligen Buchstaben zu ihm kommt.“ (S. 92f)

Aber auch die Kaiserin hat ein gutes Gedächtnis. So erinnert sie sich an den Bericht der Inquisition, der Pedros Geheimnis verriet. Aus Selbstsucht will sie ihn, will sie ‚ihren‘ Juden aber nicht verraten: „Nur Pedro […] vermag ihre Not zu lindern“ (S. 43). Er mischt Arzneien, betet für sie und legt ihr seine heilenden Hände auf den riesigen Kropf an ihrem Hals. Und vor allem verrät sie ihn nicht, damit er ihr hilft, einen gesunden Sohn zur Welt zu bringen, denn sie weiß: „Dieses Kind ist ihr Schicksal. Ihr Blut ist gesegnet, ihr Schoß ist fruchtbar. Das ist ihre Bestimmung, dafür hat der Herrgott sie erschaffen und auserwählt.“ (S. 34)

Pedro ist sich dieser Abhängigkeit bewusst. Im ersten der drei Teile des Romans glaubt er jedoch, sie ausnutzen zu können. Die Handlung setzt im November 1668 ein. Im Jänner starb das erstgeborene Kind der Kaiserin, wofür sie natürlich die „Juden der Judenstadt bei Wien […] verantwortlich“ (S. 28) macht. Im April sorgte ein Mob in der Judenstadt für Tote und Verletzte. Nun glaubt die Kaiserin, sie „werde keinen gesunden Thronfolger zur Welt bringen können, solange nicht alle Juden ohne Ausnahme aus den österreichischen Erblanden vertrieben worden seien“. (S. 28f) Die Vertreibung der Juden scheint also bereits besiegelt.

Um das zu verhindern, die Geschichte umzuschreiben, schlägt Pedro dem Gemeinderat der Judenstadt vor, die jüdische Hebamme Esther anzuheuern, denn wenn „die Kaiserin mit Esthers Hilfe ein gesundes Kind zur Welt bringt […] und sieht, dass eine Jüdin ihr geholfen hat, wird sie das möglicherweise gegenüber den Juden des Landes milder stimmen …“ (S. 30)

Als Esther davon hört, will sie am „liebsten […] mit ihren Kindern klammheimlich und für immer aus der Judenstadt verschwinden.“ (S. 50) Denn auch sie leidet unter ihrem Gedächtnis, hat sie doch schon eine Vertreibung, eine erfolgreiche Flucht hinter sich. Ursprünglich kommt sie aus einem Dorf, das am Dnipro liegt. Kosaken überfielen es, als Esther acht Jahre alt war, und töteten die jüdische Bevölkerung beinahe vollständig. „Jedes Mal, wenn sie die Augen schließt, erstehen Bilder jenes Tages in ihrem Gedächtnis” (ebda.), immer noch, zwanzig Jahre später.

Gedenken

Aus den Perspektiven seiner Figuren entfaltet Vertlib ein düsteres Bild, das aber jederzeit ins Groteske umkippen kann. Oder umgekehrt. So trägt Pedro lange die Erinnerung an eine Begebenheit aus dem Dreißigjährigen Krieg in sich, die er schließlich nur seinem Hund anvertrauen kann. Und Padre Sebastián, der geckenhafte Beichtvater der Kaiserin, stellt sich als Mitglied in einem katholischen Päderastenverein heraus, dem die damalige katholische Prominenz der Stadt angehört. Auch Padre Sebastián lässt die Kaiserin ungeschoren, da er ihr hilft.

Möglicherweise ist das eine Erfindung, aber an der Geschichte ändert Vertlib nichts, sie steht fest: Die Wiener Juden wurden 1670 aus der Stadt vertrieben und das werden sie auch in Der Jude der Kaiserin. Der Roman endet aber im Jahr 1685. Neben all der Düsternis der Geschichte, lässt Vertlib in der Fiktion auch Hoffnung auf einen neuen Anfang zu, eine Liebe, die Chance für neue Erinnerungen.

Dieses Ende kündigt sich an, als Pedro den Schabbat im Haus von Esthers Stiefbruder Schmul zum ersten Mal „mit richtigen Juden, welche die echten und unverfälschten Rituale kennen“ (S. 132) feiern kann, seinen bisher nur erinnerten, im Geheimen zelebrierten Glauben mit anderen ausüben kann. Kurz vorher haben er und Esther das zweite Kind der Kaiserin gerettet, doch Esther glaubt nicht an die Ruhe, fürchtet den Sturm. „Bring mich fort von hier!“ (S. 142), flüstert sie Pedro ins Ohr. Zuvor hat ihm Schmul seine Bibliothek gezeigt und ihm damit womöglich schon einen Hinweis für eine Flucht gegeben. Sein Vermögen hat der Schmuckhändler auch in Bücher investiert, denn: „Bücher kann man mitnehmen, wenn man vertrieben wird oder aus anderen Gründen rasch wegziehen muss. Häuser nicht.“ (S. 136)

In seinem gelungenen neuen Roman zeigt Vertlib, dass zerstörte Häuser, wie jenes von Schmul in der Wiener Judenstadt, die der Leopoldstadt Platz machen mussten, in der Literatur wiederauferstehen können. Und im Gedächtnis der Leser:innen weiterleben.

 

Florian Dietmaier wurde 1985 in Graz geboren und hat dort ein Germanistikstudium abgeschlossen. Literarische Publikationen in der Zeitschrift manuskripte, Rezensionen u. a. in der schreibkraft. manuskripte-Förderungspreis der Stadt Graz 2019. Sein im Frühjahr 2024 erschienenes Romandebüt Die Kompromisse (Droschl Verlag) wurde mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark 2024 ausgezeichnet. Im Frühjahr 2026 erschien – wieder im Grazer Droschl Verlag – sein zweiter Roman Spuk.

Vladimir Vertlib Der Jude der Kaiserin
Roman.
Wien: Residenz Verlag, 2026.
416 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-7017-1821-4

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Vladimir Vertlib

Rezension vom 18.03.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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