#Roman
#Debüt

Am Anfang wieder die Nacht

Martin Mader

// Rezension von Evelyn Bubich

Im Netz der Abgründe

Das „Aufschlagen eines Papiersacks“ im Ohr verwandelt sich in ein Raketengeräusch, bis dieses in ein Rascheln übergeht: „Ein Kraftpapierrascheln“ erfüllt den Raum, diesen schwankenden ersten Raum, den man betritt, wenn man Martin Maders Romandebüt Am Anfang wieder die Nacht aufschlägt, einen in experimenteller Sprache und formaler Konzeption ebenso ungewöhnlichen wie berauschenden Roman, in dem die Zeitachse außer Kraft gesetzt scheint und alles immer wieder zurückkehrt zu einer Sylvesternacht, die für alle Beteiligten eine Zäsur bedeutete.

Dieser als “taub” beschriebene erste Raum ist ein Wohnraum, und darin pocht ein Kopf. Es ist der Kopf von Karla, die im ersten Kapitel – Karla Ulrika EINS 2006 – wie „aus dem Delirium einer längst vergangenen Zeit erwacht“ (S. 7). Und es ist die Erinnerung, die in Karlas Kopf pocht, die Erinnerung, die erst nur kleine Splitter sind, die hier und da aufblitzen, wenn das Licht sie trifft – „Licht das rauscht, Licht das schwoll und ich, angstvoll bis ans Herz (S. 7) –, um sich dann mit anderen Splittern zu einem Bild zu verbinden, das es zu rekonstruieren gilt.

„Ich musste ihm dann einfach hinterher, dem Nico“ (S. 8), erinnert sich Karla in einem inneren Monolog, in dem schon ganz zu Beginn eine fünf oder sechs Jahre zurückliegende Silvesternacht erwähnt wird. Eine Nacht, die tiefe Spuren hinterlassen hat nicht nur bei Karla, auch bei Nico und Judit, die seither in Gedanken immer wieder zu dieser Nacht zurückzukehren.
Der Roman beginnt im Jahr 2006 und im Bett neben Karla liegt Marcel, seine Augen „zart wie Glas. Glas aus viel zu wenig Schlaf“ (S. 9).

Als würde man kurz vor dem Fallen aus einem Traum erwachen, reißt Karlas fragiler Gedächtnisfaden nach 34 durchnummerierten kurzen Erinnerungsfragmenten plötzlich und jener von Nico setzt mit einem neuen Kapitel – Nico Russo EINS 2012 – ein.
In der Auflösung liegt alles“ (S. 49), denkt Nico, der sich selbst aufzulösen scheint in den Rückschau auf bestimmte Ereignisse, während er seine unruhigen Augen, denen er nicht trauen mag, über die Häuserzeile vor seinem Fenster schweifen lässt wie zitternde Lichtpunkte über einsame Gardinen und verlassene Zimmerdecken.

Das darauffolgende Kapitel – Judit Renner EINS 2018 – wird aus der Sicht von Judit erzählt und katapultiert uns schließlich direkt nach Oberbach, an den Ort, an dem in der Silvesternacht 1999/2000 etwas passiert ist, „das seine Spuren hinterlassen hat und in das Leben hineinwirkt wie Strahlung und es fortan durchzieht“ (S. 32). 

Und alles wieder auf Anfang

Wie mit einer Zeitmaschine kehrt man danach wieder zurück ins Jahr 2006 – Bruchstück um Bruchstück setzt sich aus den drei Blickwinkeln von Karla, Nico und Judit und im Abstand von je sechs Jahren ein Puzzle zusammen, das in die Vergangenheit blicken lässt; doch so leicht wollen die Teilchen nicht ineinanderpassen, und wo es einmal kurz aufklart, ist kurz darauf alles wieder in dichten Nebel und zähes Schneetreiben gehüllt – in ihrer verräterischen Stille lautstarke Metaphern für die gesellschaftlichen wie politischen Abgründe, die sich in diesem sprachlich rasanten und komplex strukturierten Roman auftun. Er taucht tief ein in die österreichische Vergangenheit, deren faulige Hände hier und da noch immer herüberreichen bis in die Gegenwart. In einem Land, „aus dessen Schoß ungebrochen autoritäre Charaktere krochen“ (S. 241) und in dem „überhaupt noch nie jemand irgendwas wissen [mochte]“ (S. 69f.). Nichts ist so prägend für die Zukunft wie die Vergangenheit.

Der Wald voll dumpfem Schnee

Zwischen Ekstase unter Stroboskoplichtern, bei hämmerndem Bass und Sexpositiv-Partys in Marcels Technoclub Koma und der Engstirnigkeit einer autoritären Männergesellschaft, zwischen der Erinnerung an ein rosa Fahrrad, angelehnt an eine Esche, einen Mann mit einer durchlöcherten Mütze, zwischen der Erinnerung an den Geruch von Petersilie und Gulasch, an rauschendes Blut in den Ohren geistern Erinnerungen wie Schemen durch den Raum. Es sind Räume der Erinnerung, die sich wie “Trabanten, die sich rund um sich selbst […], die sich rundherum im Nebel“ (S. 26) drehen. Unter Verwendung verschiedener Stilmittel wie Wiederholungen und rhythmisch eingesetzten Textelementen schreibt sich das immer wiederkehrende Trauma auch sprachlich in den Text ein. „Das Jetzt wird sich wölben, über mich wölben“ (S. 35), in diesem „Wald voll dumpfem Schnee“ (S. 11), in dem alles zu verschwinden droht – im monströsen Schlund der Vergangenheit. 

In diesem Roman, der dem österreichischen Umgang mit Schuld und Vergangenheit radikal-subtil auf den Zahn fühlt, trifft Spannung auf Sprachkunst, wird ein unbestechlicher Blick in politische, gesellschaftliche und persönliche Abgründe geworfen. Thomas Bernhard lässt grüßen.

 

Evelyn Bubich, geboren 1988 in Klagenfurt, studierte Komparatistik, Digital Media Publishing und Kommunikationsmanagement; Autorin, Lektorin, Literaturvermittlerin; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen und Anthologien sowie im Freien Radio; Literatur-Performances und genreübergreifende Arbeiten; Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Podium, Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren; lebt in Wien. Homepage von Evelyn Bubich

 

Martin Mader Am Anfang wieder die Nacht
Roman.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2025.
370 Seiten, broschiert.
ISBN 978-3-7013-1333-4.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Homepage von Martin Mader

Rezension vom 01.02.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.