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Priessnitz-Preis 2025 – Lobrede auf
Yevgeniy Breyger

Di. 20.1.2026

// von Margret Kreidl 

Der Reinhard-Priessnitz-Preis, einer der wichtigsten österreichischen Auszeichnungen für Schreibende jüngerer Generationen, wird jedes Jahr Ende Oktober / Anfang November im Literaturhaus Wien verliehen. Bei der Verleihung am 5. November 2025 wurde – ausgewählt von den Juroren Gustav Ernst und Robert Schindel – der ukrainisch-deutsche Autor Yevgeniy Breyger ausgezeichnet. Die Laudatio hielt – auf Wunsch des Preisträgers – die österreichische Schriftstellerin Margret Kreidl. Sie hat uns ihren Text dankenswerterweise zur Veröffentlichung auf der Literaturhaus Wien Website überlassen.

 

Tageszettel, 14. Juli 2025
Faszien und Gedicht. Es tut weh, als die Osteopathin neben dem linken Beckenkamm in meinen Bauch drückt. Als der Schmerz nachlässt, denke ich an die fasziale Dynamik des Gedichts, von der Yevgeniy Breyger im Zusammenhang mit seinem Buch GESTOHLENE LUFT spricht. Ich habe begonnen, es wiederzulesen: NOCH FÜNF TAGE, ein Prolog mit vier Gedichten, dann folgt der Zyklus KÖNIGREICHE, dazwischen geschaltet TAG 8.
Heute ist Montag. Nach der Behandlung lese ich im Café Ritter die F.A.Z. Im Feuilleton stoße ich auf die Besprechung einer CD von Maria Faust, einer estnischen Jazz-Saxophonistin und Komponistin. Sie ist 1979 geboren, noch in der Sowjetunion aufgewachsen, Marschmusik war der Soundtrack ihrer Kindheit. Mit einer Methode, die sie “memory analysis” nennt, versucht sie … in Tiefenschichten ihres Bewusstseins vorzudringen und die kommunistischen Propagandamärsche zu dekonstruieren.
Zuhause höre ich mir Auschnitte aus ihren Kompositionen an, in denen die Bewegungsenergie des Jazz mit dem Gleichschritt, der Lenin’sche Marsch mit der ukrainischen Hymne kollidiert. Am Küchentisch schlage ich die GESTOHLENE LUFT auf: KÖNIGREICH DES REGENS: In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet … Im Denken verschwimmt eine Erinnerung. … Geschichte schießt auf Geschichte, Hunde erschießen sich … In welchem Krieg bin ich hier? Der deutsche Überfall auf die Ukraine, die Massaker der Nazis und jetzt? Jetzt sind die Vogelschwärme Geschosse. Mir fallen Zeilen aus einem Gedicht von Maksym Krywzow ein: weil die Wunden / Vögel werden / Arme / werden Gras / Beine / werden Gras / und Träume? Maksym Krywzow ist als Soldat der ukrainischen Armee am 7. Jänner 2024 in der Region Charkiv gefallen. Am 26. Juli 1989 wurde Yevgeniy Breyger in Charkiv geboren.
Das Licht verschluckt die Dunkelheit, das Leben verschluckt das Wort. Der Panzer patroullierte an der Grenze und sollte die Menschen vor den Metaphern bewahren, lese ich in Yevgeniys MÜNCHNER REDE ZUR POESIE.
Der Panzer bewahrte die Menschen für eine kurze Zeit vor den anderen Menschen. Weil Mord keine Metapher ist, bittet der Autor um eine Minute Ruhe.

Tageszettel, 26. Juli 2025
Auf meinem Küchentisch liegt Das Rauschen der Zeit von Ossip Mandelstam, seine autobiographische Prosa der 1920er Jahre, daneben GESTOHLENE LUFT von Yevgeniy, der Buchtitel ist ein Verweis auf Mandelstam. In seiner VIERTEN PROSA heißt es in der Übertragung von Ralph Dutli: Sämtliche Werke der Weltliteratur teile ich ein in genehmigte und solche, die ohne Genehmigung geschrieben wurden. Die ersteren sind schmutziges Zeug, die letzteren – abgestohlene Luft.
Durch Yevgeniy komme ich wieder zu meinen russischen Lieblingsdichtern und -dichterinnen zurück. Er ist gerade in Berlin, um mit einer Übersetzerinnengruppe rund um Ilma Rakusa Gedichte von Marina Zwetajewa ins Deutsche zu übertragen.
… zwei sprachen sprech ich jetzt / deutsch, russisch, einmal die, die meine leute massengemordet / einmal die, die in deren fußstapfen treten wollen und meine andren leute / umbringen
schreibt Yevgeniy in seinem 2023 veröffentlichten Gedichtband FRIEDEN OHNE KRIEG. Das Buch liegt auf meinem Schreibtisch, auf meinem Nachttisch sein erstes Buch FLÜCHTIGE MONDE, das ich gerade wieder lese – Breyger-Lektüre als Parallelaktion – auf einem Bücherstapel neben dem Bett nICHTS. manifeste und poeme von Yevgeniy Breyger, Eva Köstner und Michael Wagener.
Ich setze mich an den Küchentisch und blättere in der GESTOHLENEN LUFT, schaue meine Lektürenotizen durch.
Vergiss, was du tust, folge einem Gesang.
In Yevgeniys Gedichten werde ich angesprochen, angerufen, aufgerufen. Seine KÖNIGREICHE sind keine Märchenreiche, in denen Geschichte mythologisiert und in ein Reich des Trostes entsorgt wird. Es sind Reiche der Erinnerung, der Träume und Traumata, leibliche Erfahrungen, die sich Schicht um Schicht entfalten und – im Wortsinn – begreifbar werden.
In der Nacht, als das Dorf sich bewaffnet … In der Nacht, als sie schwanger wird … Drüben im Tal brennt noch Licht … Drüben im Bauch brennt noch Licht.
Wer erinnert sich an dieses Licht, das in den Körpern brennt?
Erinnern, die Mutter plantschte im Pool, wurde dann in ein Lager geführt. … Folge der Mutter und gib ihr die Hand.
Wiederlesen.
Wieder das Pochen. Wirst du mich finden? … Sie gräbt in Archiven nach Namen. … Der Boden ein Loch – ich weiß noch, wofür.
Wer spricht?
Du, sie, ich. Wir sind wieder am Anfang. Das letzte Königreich ist das KÖNIGREICH DES WEITEN WEGS.
… Sie sagte, die Zählung beginnt mit dem ersten Gesang der Kröte.
Sechs Gedichtzyklen: NOCH FÜNF TAGE, KÖNIGREICHE, ERFINDEN, NACHSICHT, ENTE, ZWÖLF ESEL UND DIE ZINSBIBEL, MUTTERGEIST BEIM ABENDMAHL.
Die Gedichte verwandeln sich in Form und Gestaltung, von den mehrstrophigen Königreichen über siebenzeilige Gedichte – die siebte Zeile kommt nach einer Leerzeile als Nachsatz, als Kommentar. Dann ein Zyklus von Gedichten, die aus einzelnen Sätzen bestehen, getrennt durch Leerzeilen. Luftige Satzgebilde, wechselnde Rhythmen – für Mandelstam ist das Wichtigste an der schriftstellerischen Arbeit das, worauf das Muster sich hält: Luft, Durchstiche, Atempausen.
Ich lese die Gedichte von Yevgeniy leise und laut, mache Pausen, ein langer Prosasatz, atme aus, ein Halbsatz, ein Ausruf, eine Frage: Möchte ich ein Nest für diese Frage bauen? Ein Gedicht, das aus einem Satz besteht: Aus einer Birne dreht man ihnen den Apfel und zeigt auf die Farbe. Ich bleibe am Apfel hängen. Ist das üblich oder fürchterlich? Gedankensprünge, Abgebrochenes, Nichtausgeschriebenes, Gedankenstrich, traumhaft Von Osmose überrascht werden.
Osmose reimt sich auf Metamorphose, in diesen Gedichten erfahre ich Übergänge und Verwandlung: Ich bin ein Geschoss, eine Wand, /eine Axt, ein Treibgut von Fröschen verfolgt, / ein zu spät begriffener Abschied, ein Handtuch, / ein Schnupftuch, ein Tierchen von vielen.
Ja, Tiere und Tierchen, Pferdchen, ein Rudel Hunde, zwölf Esel, eine Fuchsfamilie, Katzen und ihre Gebieter, dunkle Vögel, Göttinnen mit Schwanenhals, Pfirsich- und Pflaumenköpfen, ein winterlicher Zitteraal sind so selbstverständlich Teil der Gedicht-Schöpfung wie die Seelen der Abteilungsleiter und der kotverschmierte Muttergeist beim Abendmahl.
Vielgestaltiger Gesang, der ein Gedicht ist.

Tageszettel, 21. August 2025
Ein hungriges Pferdchen scharrt mit den Hufen, will heute bei dir übernachten. / Lass es herein. Das Pferdchen aus dem KÖNIGREICH DER FRIST, DIE DICH FRISST und die überwältigenden Pferdebilder von Susan Rothenberg, die Lucas und ich vorgestern in der Kunsthalle Krems gesehen haben, sind heute Nacht in meinen Träumen aufgetaucht. Weiße, weiße Striche, ein riesiger Pferdekopf, große schwarze Augen, die mich anschauen, dann steht plötzlich ein kleines Pferd vor mir. Es reicht nur bis zu meinen Knien. Ich spreche mit ihm. Ich bücke mich und streiche über seinen Rücken und die seidige Mähne. Beim Aufwachen ein Glücksgefühl. In seiner MÜNCHNER REDE ZUR POESIE hat Yevgeniy gesagt: Was auch immer passiert, Pferd und Gedicht überleben (…).

Tageszettel, 15. September 2025
Ein Spätsommernachmitag, ich sitze im Gastgarten vom Rüdigerhof und warte auf meinen Bruder Stefan.
du musst das hören
charkiw soll evakuiert werden, weil die deutschen kommen
Ich schaue nach oben, zwischen den Baumkronen ein Stück Himmel, blau so blau, und ich denke an den Himmel über Charkiw, die Chronik der ersten vier Kriegsmonate von Serhij Zhadan.
Laszlo bringt mir einen doppelten Espresso, auf dem Tisch liegt FRIEDEN OHNE KRIEG von Yevgeniy, das Buch ist gespickt mit Notizzetteln.
Stefan kommt, er bestellt eine Melange und wir reden über die neuesten Familiennachrichten. Dann schlage ich das Buch auf und lese meinem Bruder vor:
du musst das hören
charkiw soll evakuiert werden, weil die deutschen kommen / die ganze familie geht, bis auf Mina, Mina ist schwanger von Wassja / der ist ukrainer und will sie beschützen, familie geschockt / die deutschen kommen, Wassja verrät sie und sie kommt nach Babyn Jar
Was ist das für eine Geschichte, fragt Stefan. Es ist die Geschichte von Yevgeniys Familie in der Ukraine, sage ich, über den deutschen Massenmord an den Juden und Jüdinnen, über den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, es sind Gedichte darüber, dass es dem Autor unmöglich ist, nach dem 24. Februar 2022 Gedichte zu schreiben, in denen der Krieg nicht vorkommt, es sind Gedichte über die Ahnungslosigkeit, Feigheit und Gemeinheit deutscher Intellektueller, über die Schamlosigkeit des Literaturbetriebs, es sind Gedichte über die Scham, im Frieden zu leben und über den Krieg zu schreiben, es sind zornige, bittere Gedichte – ich merke, dass ich immer lauter rede. Du nimmst das persönlich, sagt Stefan. Ja, sage ich, genau so ist es. Ich nehme diese Gedichte persönlich, sie treffen mich, tun mir weh, weisen mich ab, ziehen mich an.
Ich blättere durch das Buch. Schau, sage ich zu Stefan, du hast ja Russisch studiert. Da sind Namen und ganze Textpassagen in Kyrillisch. Ich wollte das so stehenlassen beim Lesen, fremd sein lassen, undurchdringlich. Aber jetzt möchte ich mehr von diesen Sätzen verstehen, vielleicht weil sich das Buch mir immer wieder entzieht und mir gleichzeitig so zusetzt. Du musst mir helfen, sage ich zu Stefan, und die russischen Namen und Gedichtpassagen übersetzen.
Wir sitzen im Gastgarten, es dämmert, es wird dunkel, die Laternen gehen an, und Stefan übersetzt: Mina, Wassja, Shura, Sveta, Vitalik, Ira, Lisa, Maksim, er liest mir vor, übersetzt, unterbricht sich, da muss ich passen, schwierig, was heißt das: Stele der Energie, ist das schön, erklär mir, warum du das Sterben der Vögel zugelassen hast. Ich schreibe mit Bleistift die Übersetzungen ins Buch. Wie sich Deutsch, Englisch und Russisch im Zyklus APRILLEN mischen, ineinander verwoben, verhakt sind. Wie Yevgeni The Waste Land von T. S. Eliot aufnimmt, als Folie, als durchsichtigen Hintergrund verwendet – das ist großartig, sage ich. Die geliebten Vögel des Bewusstseins – wir sind am Ende des Buchs angekommen: im tagebuch – grausamster / monat, april.
Wahnsinn, sagt Stefan. Ja, sage ich. Was für eine Montage, das Grausame und Zarte, zusammengesetzt.

Tageszettel, 23. September 2025
Gestern war ich im Kosmos Theater bei der Präsentation des Sammelbands Im Flug der Zeit. Junge ukrainische Dichterinnen über den Krieg. Die Herausgeberin Iryna Sazhynska ist aus Kiew gekommen und hat gemeinsam mit dem Übersetzer Alois Woldan das Buch in einer Lesung auf Ukrainisch und Deutsch vorgestellt.
Worte haben Wert und Gewicht / wirf sie ab unterwegs – / überflüssiges Gepäck heißt es in einem Gedicht von Jelizaveta Volodimirivna Zharikova. … wenn es mich heute verwehte / und es dich verwehte / wieder so ein Gedicht (besser, es wäre nicht).
Seit 2022 ist die Dichterin und Liedermacherin medizinische Hilfskraft im Militär. Sie wurde schwer verwundet und ist wieder an die Front zurückgekehrt.
Auf dem Heimweg nach der Lesung möchte ich auf der Mariahilfer Straße laut schreien. Warum schreie ich nicht?
Zuhause mache ich mir einen Nachttee und lese weiter in Zischen Vogel Zwitschern Stein. Es ist das Buchmanuskript, das Yevgeniy im Feburar 2022 bei seinem Verlag abgegeben hat. kann ich so ein buch überhaupt publizieren? barocke sprache / fern von alltag, handwerklich meisterklasse, mehr ist mir nicht möglich / aber DENNOCH / kein wort zum krieg, kein wort zum … / ich ziehe das buch also zurück …Das Motto, das Yevgeniy diesem nicht veröffentlichten Gedichtband vorangestellt hat, stammt von Giuseppe Ungaretti: M’illumino / d’immenso. Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches heißt es in der Übersetzung von Ingeborg Bachmann. Es ist das erste Gedicht in meiner zweisprachigen Ausgabe und trägt den Titel Mattina / Morgen. Ungaretti hat es als Soldat des 19. italienischen Infanterieregiments geschrieben, Santa Maria la Longa, 26. Jänner 1917. 

Tageszettel, 6. Oktober 2025
flieder flieder, senk dein mieder. Diesen Satz aus FLÜCHTIGE MONDE, Yevgeniys erstem Gedichtband, habe ich heute den ganzen Tag vor mich hin gesagt. Ich erinnere mich, dass ich als Kind meine Mutter durch die stundenlange Wiederholung von Schwan, kleb an fast in den Wahnsinn getrieben habe.
Am Abend rufe ich meine Schwester Verena in Salzburg an. Hast du schon die Ausstellung im Trakl-Haus gesehen, frage ich sie, das könnte dich interessieren, die Nummer 200 von SALZ als begehbare Literaturzeitschrift. Ich möchte dir etwas vorlesen, aber ich muss die Stelle erst suchen, da sind so viele Lesezeichen im Buch.
trakl hatte angst vor tackern, kakerlaken, kindern und amphoren.
in salzburg geboren, kein wunder. kursiert in salzburg schließlich

blanker stoff, amphorenhass vom feinsten.
Verena lacht. vorwärts amphoren, sage ich und blättere um, ein kurzes Zitat noch: im flüssigen licht bricht sich die amphorendiagnostik. / barbarenbarden füllen phalluskolben aus …
Das Buch möchte ich haben, sagt meine Schwester. Ich werde dich in meiner Laudatio zitieren, sage ich.
Nach dem Telefonat lese ich weiter, kreuz und quer durch die FLÜCHTIGEN MONDE, koste die barocke Sprachlust aus, das Spiel mit Binnenreimen, Klang und Laut, den Worterfindungszwang, kaskadenimitate. Ich gehe, ich laufe den hoch rhythmisierten Gedichten mit der Stimme nach, komme immer wieder nicht mit und nicht nach. Ach, ist das schön!

Tageszettel, 31. Oktober 2025
Mit Lucas im Café Rathaus, wir lesen die Zeitungen. Ich schreibe Schlagzeilen aus der Süddeutschen Zeitung in mein Notizheft: Die Schokoflation, Krise in Zartbitter, Wie riecht die Gegenwart? Wie ein fröhlicher Racheporno, Einer wie Zeus, Auch Schiller brauchte Tapeten, Der letzte Hippie des Kapitalismus.
In fünf Tagen ist die Preisverleihung und ich habe auf Priessnitz vergessen. Vergiss Priessnitz, sagt Lucas, du wolltest doch noch eine Liste für Yevgeniy schreiben. Ja, aber ich habe so viel Material, dass ich es bis jetzt aufgeschoben habe. Lucas lacht, du hast immer zu viel Material.

Tageszettel, 2. November 2025
Es ist halb drei Uhr früh und ich sitze noch immer am Schreibtisch.
Ein Gedicht, das ein Gesang vom Anfang ist.
Ein Gedicht, das zwitschert.
Ein Gedicht, das zart und wild ist.
Ein Gedicht, das eine Körperschrift ist.
Ein Gedicht, das ein Sprachspiel ist.
Ein Gedicht, das nichts erklärt.
Ein Gedicht, das notwendig ist.
Ein Gedicht, das wahrhaftig ist.
Ein Gedicht, das Handwerk ist.
Ein Gedicht, das Geschwätzmuster kenntlich macht.
Ein Gedicht, das ein Gespräch mit den Toten ist.
Ein Gedicht, das die Sprache aus dem Identitätszwang löst.
Ein Gedicht, das die Sprache aus dem Todeszwang löst.
Ein Gedicht, das von Babyn Jar spricht.
Ein Gedicht, das eine brennende Zeile ist.
Ein Gedicht, das ein Auftrag ist.
Ein Gedicht, das ein Raum aus Stimmen ist.
Ein Gedicht, das ich im Traum weiterträume.
Ein Gedicht, das ein Wegweiser für Umwege ist.
Ein Gedicht, das ein Fahrzeug zum Mond ist.
Ein Gedicht, das russisch spricht.
Ein Gedicht, das ein Zitat ist.
Ein Gedicht, das mich als Leserin erfindet.
Ein Gedicht, das meine Angst in das Buch bindet.
Ein Gedicht, das Wortlust und Wortfurcht verbindet.
Ein Gedicht, das den Krieg beim Namen nennt.
Ein Gedicht, das eine Inschrift ist.
Ein Gedicht, das eine Erzählung ist.
Ein Gedicht, das keine Metaphern braucht.
Ein Gedicht, das ein Dokument ist.
Ein Gedicht, das ein kleines süßes Kryptogedicht ist.
Ein Gedicht, das nach Hibiskus duftet.
Ein Gedicht, das nach Gerstenkuchen schmeckt.
Ein Gedicht, das ich immer wieder lese.
Ein Gedicht, das mein Begleitpferdchen ist.
Ein Gedicht, das Bocksprünge macht.
Ein Gedicht, das ein Rebhuhntanz ist.
Ein Gedicht, das Flügel hat.
Ein Gedicht, das in der Schwebe bleibt.
Ein Gedicht, das auf letzte Worte pfeift.

© Margret Kreidl 

Der mit EUR 5.000 dotierte Reinhard-Priessnitz-Preis wird vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport finanziert und seit 1994 jährlich an Autor:innen vergeben, die in deutscher Sprache schreiben. Die Auswahl der Preisträger:innen erfolgt auf Vorschlag einer Jury, eine Einreichung ist nicht möglich.

Die Auszeichnung erinnert an einen der bedeutendsten Vertreter der Neuen Poesie, an den Wiener Autor Reinhard Priessnitz, der 1985 40-jährig in Wien gestorben ist.
Zuletzt ging der Priessnitz-Preis an Barbi
Marković (2019), Elias Hirschl (2020), Simone Hirth (2021), Jana Volkmann (2022), Bastian Schneider (2023) und Laura Freudenthaler (2024).

Margret Kreidl © Lucas Cejpek

Margret Kreidl ist gebürtige Salzburgerin und lebt seit den späten 1990er Jahren als freie Schriftstellerin in Wien. Sie schreibt Lyrik und Prosa, Hörspiele (u. a. für den ORF), Libretti und Theaterstücke (zuletzt in hebräischer Übersetzung: Dankbare Frauen, Tel Aviv 2022). Seit 1995 erscheinen regelmäßig Bücher von ihr – zuletzt in der Wiener Edition Korrespondenzen Mehr Frauen als Antworten. Gedichte mit Fußnoten (2023), Schlüssel zum Offenen. Gedichte (2021) und Zitat, Zikade. Zu den Sätzen (2017). Sie war writer in residence in Deutschland, Serbien und der Schweiz und Gastprofessorin in den USA. Seit 2015 ist sie Lehrbeauftragte für Szenisches Schreiben am Max Reinhardt Seminar in Wien. Margret Kreidl wurde für ihr Werk mehrfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet – darunter Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien (2016-1017), Robert-Musil-Stipendium (2017), Outstanding Artist Award für Literatur des Bundeskanzleramtes (2018), Preis der Stadt Wien für Literatur (2021).

Yevgeniy Breyger, 1989 im ukrainischen Charkiw geboren, lebte ab 1999 mit seiner Familie in Magdeburg/D. Nach Studien des Kreativen Schreibens, Kulturjounalismus und der Curatorial Studies in Hildesheim, Leipzig und Frankfurt am Main debütierte er 2016 mit dem viel beachteten Lyrikband flüchtige monde (kookbooks), dem die Bände Gestohlene Luft (kookbooks, 2020), Kryptomagie (mikrotext, 2022) und Frieden ohne Krieg (kookbooks, 2023) folgten. Im Februar 2026 erscheint sein neuer Gedichtband Hallo Niemand im Suhrkamp Verlag, wo 2027 auch sein Romandebüt erscheinen soll. Breyger wurde vielfach ausgezeichnet – u. a. mit dem Leonce-und-Lena Preis der Stadt Darmstadt (2019), dem Lyrikpreis München (2021), dem manuskripte-Preis des Landes Steiermark (2023), dem Christine Lavant Preis (2023), dem Klopstock-Preis (2024) und dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft (2025).
Breyger lebt und arbeitet in Wien, wo er als Senior Lecturer Literarisches Schreiben am Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst Wien lehrt. Homepage von Yevgeniy Breyger

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