#Lyrik

salamanderin

Katharina J. Ferner

// Rezension von Astrid Nischkauer

„solange du schreibst gibt es hoffnung“

All jenen, die sich immer schon fragten, ob das Ich aus Ingeborg Bachmanns Roman Malina, das am Ende in der Wand verschwindet, für immer dort bleibt oder wieder daraus hervortritt, bietet salamanderin von Katharina J. Ferner eine mögliche Antwort.

Eine literarische Referenz an Ingeborg Bachmann

Denn in Ferners vielschichtigem Lyrikband sind nicht nur Zitate aus dem 1971 erschienenem Roman und dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann mit Max Frisch enthalten, sondern wir begegnen auch Figuren – einem Ich und Ivan – (wieder?), die aus Malina stammen könnten, als wäre das Ich von dem einen Buch in das andere getreten, um die dort unterbrochenen Telefongespräche fortzuführen – „am telefon fragt ivan nie wie es mir geht / sondern spricht sofort drauflos“ – wobei das Telefonkabel inzwischen etwas fehl am Platz scheint:

ob es denn nicht genug sei
dass ich ständig über die telefonschnur stolpere
die in dieser modernen wohnung schlichtweg
keinen platz mehr findet (S. 7.)

salamanderin ist Katharina J. Ferners dritter Lyrikband, sie hat mit Der Anbeginn (Limbus, 2020) aber auch schon einen Roman vorgelegt. Das ist insofern wichtig für die Lektüre ihres aktuellen Lyrikbandes, als darin Figuren auftreten, wie man es eher aus erzählender Literatur denn aus Gedichtbänden kennt. salamanderin funktioniert  tatsächlich wie ein Roman, es gibt eine tiefere Erzählebene sowie eine Handlung und viel Dialogisches.

Inhaltlich geht es in den Gedichten um Zwischenmenschliches, das an Details festgemacht wird, und um Kommunikation bzw. das Misslingen von Kommunikation. Es wird viel telefoniert, Briefe, Postkarten und selbst Telegramme werden zumindest gedanklich verschickt:

darat i da a telegramm schickn stop
wos stangat do drin stop
bitte noch amoi stop
olles auf onfong stop (S. 21.)

Der Gedichtband ist in drei Kapitel unterteilt, übertitelt mit: „salamanderin“, „Magnolien“ und „Tag 09: Der Traum“.

Im ersten Teil geht es um die Kommunikation mit Ivan, es wird viel telefoniert und es lassen sich intertextuelle Bezüge zu Bachmanns Malina finden. Im zweiten Kapitel wird das Du wichtiger, auch durch häufige briefliche Anreden. Das legt einen Bezug zum Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch nahe, aus dem im Band auch zitiert wird. Ein Paar schreibt sich, es geht hin und her mit „bonjour madame“ – „bonjour monsieur“, oder auch mit „ma chère“ und „mon chéri“.
Im dritten Teil stehen dann der Verlust im Mittelpunkt sowie der Traum, was hätte sein können. Als Stimmung überwiegt nun Wehmut:

ich bewahre momente im fotografischen langzeitgedächtnis
und bestelle mit worten von früher ein getränk (S. 81)

Das erste Kapitel lässt sich aufgrund des Malina-Bezugs lose in Wien verorten. Danach folgt ein unbestimmtes, erträumtes bzw. nicht realisiertes Unterwegssein:

ich würde so gerne wegfahren
mich in den zug setzen wie früher
aber ich scheitere schon beim einpacken
an ausgelesenen büchern und
zerbrochenen brillengläsern (S. 64)

Ferners Gedichte sind vielschichtig, es kommt auf jedes Detail an. Als Beispiel seien die eben zitierten „zerbrochenen brillengläser“ aufgegriffen: Alle, die Malina nicht nur an- sondern auch ausgelesen haben, finden kurz vor Ende die Stelle, in der Malina die Sonnenbrille der Ich-Figur zerbricht und in den Papierkorb wirft.

Dialektfassungen

mon chéri
wir woarn woi im söbn dram (S. 72)

Von jedem Gedicht gibt es im Band zwei aufeinanderfolgende Fassungen: Eine hochsprachliche und eine im Dialekt. Beim Schreiben entstehe meist zuerst die hochsprachliche Fassung, weil  sie sich dann besser „in den Dialekt reinlegen könne“, wie Katharina J. Ferner selbst sagt.

Dafür hat sie eigene Wortsammlungen angelegt, die sich aus verschiedenen Dialekten speisen und auf die sie zurückgreift. Einen größeren Einfluss gibt es aus dem Salzburgischen, Oberösterreichischen und aus dem Wiener Raum. Ferner schafft so – ausgehend von realen Dialekten – einen literarischen Kunstdialekt. Die Worte schreibt sie dabei so auf, wie sie selbst sie aussprechen würde. Wie bei allen verschriftlichten Dialektgedichten sind die Gedichte beim lauten Lesen besser und leichter verständlich.

Den Entstehungsprozess der Dialektfassungen kann man als Selbstübersetzung bezeichnen, wobei Ferner sich als Autorin dabei immer wieder Freiheiten herausnimmt, wie beispielsweise: „du trägst das meer in den augen“ – „dia schwappt es mea aus die augn“ (S. 46). Dadurch entsteht eine eigene Spannung zwischen den beiden Versionen, die einander durchaus auch einmal widersprechen können: „ich widerspreche“ – „ka widared“ (S. 9). Generell lässt sich sagen, dass das Dialekt-Ich etwas störrischer und trotziger ist und es sich durchaus lohnt, beide Varianten vergleichend zu lesen.

Dialogische Gedichte

du sagst in meinen gedichten
passieren dinge die noch gar nicht
wahr sein wollen (S. 28)

Die ersten beiden Kapitel enthalten je 17 Gedichte, das dritte 15. Alle sind durchnummeriert und beginnen immer bei 1. Man könnte das Buch wie üblich Kapitel für Kapitel von vorne bis hinten lesen. Aber es wäre ebenso möglich, Gedichte mit der gleichen Nummer zu lesen, da sie sich aufeinander beziehen und einander antworten.

Überhaupt ist das Dialogische sehr präsent in dem Band. Einerseits, weil der Inhalt von Gesprächen zwischen den Figuren wiedergegeben oder nacherzählt wird – ganz gleich, ob es sich dabei um wirkliche, erinnerte, erdachte oder erträumte Dialoge handelt, und ob diese nun in einem direkten Gespräch, über Telefon, brieflich oder als Selbstgespräche stattfinden.

Dann gibt es auch einen  – bereits erläuterten – intertextuellen Dialog.

Und als drittes den Dialog von Hochsprache und Dialekt, bei dem es bewusst immer wieder zu kleinen Verschiebungen kommt, weil Ferner den Übersetzungsprozess als Autorin immer wieder subversiv zu unterlaufen und zu unterwandern versteht.

Nicht zuletzt ist auch von Bezügen zu Ferners ersten beiden Gedichtbänden nur einmal fliegenpilz zum frühstück (2019) und krötentage (2022) auszugehen.
Viele Gedichte aus salamanderin entstanden ursprünglich für die seit 2021 wöchentlich in der Salzburger Krone erscheinende poetische Kolumne Ferner dichtet, wurden für das Buch allerdings überarbeitet und neu angeordnet, sodass das Buch als Ganzes stimmig überzeugt.

 

Astrid Nischkauer, geboren 1989 in Wien. Studierte Germanistik und Komparatistik. Mehrere Gedichtbände, Lyrikübersetzungen und Herausgaben. Sie arbeitet für den Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft (Zwischenwelt) sowie für die IG Autorinnen Autoren (Programmorganisation von literadio.org). Lebt zwischen Bücherbergen und in Wien.

Katharina J. Ferner salamanderin
Gedichte
Innsbruck: Limbus Verlag, 2025.
96 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-99039-263-8

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Katharina J. Ferner

Rezension vom 12.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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