Stella lebt zu zweit mit ihrem Vater in einem Haus auf einem Hügel. Doch an diesem einen Morgen will sich der Vater nicht zum Frühstück bewegen lassen. Er liegt leblos im Bett und wird nicht mehr aufstehen, was die Tochter erst am nächsten Tag wahrhaben will. Nun ist sie völlig allein. Es gibt eine Mutter, die jedoch immer bloß bei ihrem Vornamen Grete genannt wurde. Seit geraumer Zeit und aus unklaren Gründen lebt sie, kaum mehr ansprechbar, in einer psychiatrischen Klinik. Die Nachbarn versuchen, die junge Frau zu unterstützen, doch Stella will sich nicht so recht helfen lassen. Sie bleibt erstaunlich cool. Der Schock ist zwischen den Zeilen lesbar, die Lakonie der Sprache transportiert die anfängliche Abwehr der Realität.
Den Vater lernen wir nun einzig durch Stellas Erzählen und Erinnern kennen. Er war ein wandelndes Lexikon des Weltraums, der Sterne und der Himmelserscheinungen. Seine große Leidenschaft galt der Sonnenfinsternis. Jedes Jahr begab er sich auf eine große Reise, immer in einen anderen Teil der Welt, um eine Finsternis zu beobachten. Und er tat dies immer allein – dabei ist seine Tochter ganz nach ihm geraten. Sie teilt seine Faszination und die beiden verband ein inniges Verhältnis.
Weniger innig war das Verhältnis der zwei eigenbrötlerischen Menschen auf dem Hügel zur Dorfgemeinschaft, was auch Stella nach dem Tod des Vaters zu spüren bekommt. Der Garten verwildert und wird in erstaunlichem Tempo zum Urwald, sehr zum Missfallen der Nachbarn. Auch bei der Beerdigung gibt es Komplikationen und es gelingt Stella nicht, ihren letzten Wunsch für ihren Vater zu erfüllen und ihm seine Spezialbrille zur Beobachtung der Sonne auf seinem letzten Weg aufzusetzen.
Der Pfarrer und der Bürgermeister können über derlei Spinnereien nur den Kopf schütteln, doch nach anfänglichen Konflikten arrangiert man sich. Schließlich wird Stella sogar Gemeindebedienstete – die jüngste und erste weibliche Totengräberin des Ortes. So integriert sich die Teenagerin Stück für Stück ins Leben dieses etwas sonderbaren, abgeschotteten Dorfes, das stellenweise entfernt an die Provinz in Raphaela Edelbauers Das flüssige Land erinnert. Zugleich beschäftigt sich Stella intensiv mit der Hinterlassenschaft ihres Vaters. Das Haus ist voll mit Aufzeichnungen, Fundstücken und Ausrüstung rund um die Reisen des Vaters zur Sonnenbeobachtung.
Je weiter Stella auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit fortschreitet, desto stärker schleichen sich dezente Realitätsverschiebungen in die Wirklichkeit des Textes ein. Schatten von Menschen oder Tieren beginnen ein Eigenleben zu entwickeln. Außerdem scheint es da, wo Stella ist, keine Jahreszeiten mehr zu geben: Der kleine Urwald rund ums Haus und auch der Friedhof, wo sie arbeitet, bleiben auf unerklärliche Weise auch im Winter grün. Schließlich tritt Stella in die Fußstapfen ihres Vaters. Etwas Geheimnisvolles umweht die Familiengeschichte und die Tatsache, dass der Vater immer nur allein auf seine Reisen ging. Auch die Kontaktaufnahme mit der Mutter bringt keine Klarheit. Stella möchte alldem auf die Spur kommen und bucht ein Ticket in den Kongo, zur Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis.
Trotz dieser Rätsel ist die Beziehung Stellas zu ihrem Vater erfrischend innig, beschwingt und verspielt. Es ist ein ungebrochen warmherziges Eltern-Kind-Verhältnis, das Michael Stavarič in diesem Roman ausbreitet. In der so problem- und abgrundfixierten Landschaft der ernsten Literatur ist das eine erfrischende Abwechslung. Vor allem aber gelingt dies dem Autor durchwegs ohne jeden Anflug von Kitsch oder Künstlichkeit.
Als einzige Kritik ließe sich vielleicht anbringen, dass der Roman stellenweise etwas statisch wirkt. Erst Stellas Aufbruch in den Kongo stellt einen wirklichen Wendepunkt dar – der kommt jedoch erst vierzig Seiten vor Schluss und mündet dann zügig in das Finale und die Auflösung eines Rätsels. Bis dahin werden bisweilen auch Geschehnisse länger auserzählt, die auf nicht allzu viel hinauszulaufen scheinen. Das wird auch nicht durch kunstvolle Sprache oder Beobachtungstiefe wettgemacht – wir haben es hier nämlich mit einer konsequent schlanken Sprache zu tun, die sich zurückhält. Aber das ist auch eine große Stärke des Buches: Die Erzählung ist immer am Punkt, der Lesefluss stolpert niemals über unnötige Schnörkel.
Das Thema Licht vs. Schatten zieht sich als zentraler Faden in verschiedenen Variationen durch Die Schattenfängerin. Das Schwarz der vom Mond verborgenen Sonne am Höhepunkt ihrer Verfinsterung – so stellt Stella gegen Ende fest – sei schwärzer als das Schwarz des Weltalls selbst. Bei einer Finsternis zeigt sich die Sonne nur als Corona, als Strahlenkranz rund um das verborgene, dunkle Zentrum. Gibt es Dunkelheit also nur im Kontrast? Ist es die Ahnung von Wärme, das Licht des Abwesenden – oder des Verlorenen –, was die Dunkelheit erst dunkel macht?
Diese starke Symbolik, dieser Assoziationsraum bilden das Herz des Textes, der genau das richtige Maß zwischen Geheimnis und Explikation hält. Es ist zu schade, dass das Ende des Buches hier nicht verraten werden darf, denn ihm nachzufühlen und darüber zu spekulieren, macht Freude und berührt.
Jakob Kraner, aufgewachsen im Waldviertel, lebt in Wien. Er studierte Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst und Philosophie an der Uni Wien. Sein Debüt Kosmologie erschien 2022 bei Rohstoff/Matthes & Seitz Berlin und erhielt den Anerkennungspreis für Literatur des Landes Niederösterreich sowie eine Nominierung für den Deutschen Popliteraturpreis. Jakob Kraner schreibt Prosa, Essays und Theatertexte, zuletzt Versuch, irgendetwas zu verstehen (2023) und eine Jedermann-Adaption (2024) für das Waldviertler Hoftheater. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien wie Triëdere, Schreibheft und kolik. Teil des Literaturperformance-Duos VIEIDER/KRANER und der Poesiepunkband Smashed To Pieces. Zuletzt mit einem Projektstipendium des BMKÖS ausgezeichnet. Fellow am Schloss Wiepersdorf, Brandenburg (2024) und am Literarischen Colloquium Berlin (2025).
