Es musste eine dritte Flasche Rotwein entkorkt werden, das Thema verlangte einfach danach. Juris Kronbergs, James Woodall und ich saßen feurig diskutierend am ovalen Tisch. Wir nippten an unseren mit Fortdauer des Gesprächs immer rascher geleerten Gläsern. Die lettische Nacht zeichnete sich Mitte Juli 2009 wie immer im Hochsommer durch ihr schmales, dunkles Band aus. Bald würde es durch die Strahlen des neuen Tages abgeschnitten sein. Und dieses Gespräch trug dazu bei, dass der Schlaf auf die nächste Nacht verschoben werden musste. Wie hätte man seitens der Alliierten Großbritannien, Frankreich und USA auf Stalin und die UdSSR reagieren sollen, um die Unabhängigkeit der baltischen Länder wiederherzustellen oder war dieses Ansinnen nach der Jalta-Konferenz im Februar 1945 reines Wunschdenken und blieben die Menschen im Baltikum einmal mehr die Spielbälle geopolitischer Strategien?
Was mich an den Debatten, die ich über zwei Jahrzehnte an so unterschiedlichen Orten wie Ventspils (Lettland), Lavigny (Schweiz), Paliano (Italien), Winterthur (Schweiz), Hawthornden (Schottland) oder Wiepersdorf (Deutschland) führen konnte, am meisten faszinierte, lässt sich als eine Art Pervertierung des von David Dunning und Justin Kruger beschriebenen Dunning-Kruger-Effekts begreifen. Der Effekt beschreibt die vermeintliche Souveränität des Wissens bei tatsächlich Inkompetenten. Darüber hinaus wird das Wissen der anderen unterschätzt und die eigene Inkompetenz resolut ausgeblendet.
Diskutiert man jedoch mit vielen Menschen, löst man sich aus der eingebildeten Schlauheit, dennoch bildet sich ein Phänomen brennender Ambiguität: Man erfährt neue Perspektiven, hält sich aus gutem Grund für wissender und ist zugleich noch ratloser hinsichtlich dessen, was man beispielsweise als verbriefte Geschichte bezeichnen kann. Künstler:innen-Residenzen sind – meiner Erfahrung nach – oft Brennpunkte solcher Diskussionen.
Der Dunning-Kruger-Effekt ist so etwas wie das sozialpsychologische Gegenteil der sokratischen Vorsicht, die wortgetreu als „ich weiß, dass ich nicht weiß“ berühmt ist. Dies schafft im Idealfall Respekt vor dem Geheimnis des anderen und hilft dabei, nicht nur die eigene Wunde mit Literatur zu behandeln.
Die Geschichte(n) der anderen
Juris Kronbergs war ein lettisch-schwedischer Übersetzer und Dichter. Er starb 2020. Sein Lyrikband Wolf Einauge (lettisch Vilks Vienacis), ins Deutsche übersetzt von Kristaps Grasis, befasst sich mit dem Phänomen langsamen, aber unaufhaltsamen Erblindens. Eine Textsammlung als Notwehr gegen die Auflösung des vertrauten Selbstbildes, an welcher das Sehen einen unverzichtbaren Anteil hat; ein Aufbegehren gegen die drohende Auslöschung der Sehfähigkeit. Die Geschichte klar zu sehen, sie in einer eindeutigen Version zu erfassen, gleicht einem kindlichen Wunsch. Als gäbe es eine einheitliche Geschichte! Eine solche existiert schließlich nur in totalitären Systemen. Zum Wesen der Demokratie gehört die Diskussion. Nicht jedes Gespräch ist gleich ein Diskurs, aber die Wertschätzung der Meinung ist essenziell, meint man es mit der Idee der Freiheit ernst. Das bedeutet keinesfalls einen Freibrief für jeglichen Unfug, sondern fordert noch mehr dazu auf, sich der Kriterien der eigenen Meinungsbildung bewusster zu werden. Der entmystifizierte Blick hilft sich mit teils wichtigtuerischen Begriffen wie beispielsweise Narrativen, um die Länder in Schablonen pressen zu können, und das, was das Denken der Menschen prägt, durch die Linse von Verlierern und Siegern der Kriege, durch regional dominierende Konfessionen oder auch disruptive Innovationen zu betrachten.
Sitzt man jedoch an einem ovalen Tisch wie im Gemeinschaftsraum im Ventspilshouse und verstrickt sich dabei mit Intelligenten anderer Länder in Diskussionen, wird man die manchmal durch den Katheder begründete akademische Arroganz genauso beiseitelassen wie das plärrende Urteil populistischer Politiker. Hat es nicht seine volle Berechtigung, wenn manche Menschen aus dem Baltikum behaupten, dass hier der Zweite Weltkrieg erst 1991 mit der Erklärung des Obersten Sowjets über die Unabhängigkeit der baltischen Länder sein Ende gefunden hat (diese wurde seitens der drei Länder bereits 1990 unilateral erklärt, de facto sind die letzten sowjetischen Soldaten erst 1994 abgezogen)? War andererseits die Kriegsmüdigkeit in der Nachkriegsära nicht überbordend und waren die Frontlinien des Kalten Kriegs nicht an anderen Orten gezogen worden, etwa Korea, Laos oder später Kuba? Wer hätte deshalb im sogenannten Westen ein Interesse daran gehabt, Stalin die Stirn zu bieten und die wechselseitige Zusicherung einzuhalten, die Grenzen vor 1939 wiederherzustellen? Oder soll man gar noch weiter gehen und darüber sinnieren, ob wir uns nicht doch im langen Nachhall dieses Krieges befinden?
Anteil am Ganzen nehmen
Es sind Gespräche wie dieses hier skizzierte, die mich bei vielen Residenz-Aufenthalten lange beschäftigt hielten und Demut wachsen ließ angesichts der Komplexität der Herkunft „des Anderen“ und der vielen Faktoren, die diese ausmachen. Es sind im besten Fall unprätentiöse Tafelrunden geistig aufmunternder Menschen. Man mag an Emanuel Levinas Die Zeit und der Andere denken und die Betrachtung, dass Zeit erst in der konkreten Erfahrung des anderen seine Bedeutung entfaltet. Das ist universell, aber ein Künstlerhaus ist als fokussierter Begegnungsraum schlechthin zu verstehen, immerhin teilt man sich manchmal Küchen wie Wohnräume und findet sich allein deshalb öfters in Diskussionen wieder.
Einerseits lässt sich die Befindlichkeit der so verstreuten Regionen dieses oft mühsam zusammengedachten Kontinents Europa besser erfassen, andererseits ist es die Vitalität der Debatte, der sich nur ein besonders resistenter Bewohner des Elfenbeinturms wird entziehen können. Als Writer-in-Residence ist man oft ein Ambassador-in-Exchange. Fast erinnert einen die Debattenintensität dort an studentische Jahre, an WGs mit überfüllten Aschenbechern und meist vergeblich gesuchten sauberen Gläsern. Ganz so punkig geht es „mit den Jahren“ nicht mehr zu, statt Wodka steht oft wirklich nur ein „Wässerchen“ mit Fruchtsirup oder Kräutertee auf dem Tisch. Es sei denn, die Debatte nimmt an Fahrt auf und führt schnurstracks an die Schwelle zur Mitternacht und darüber hinaus.
Streitgespräche sind heute mehr im digitalen Raum präsent als im analogen. In vielen Künstler:innen-Häusern ist das anders. Da kommen Menschen nicht nur auf einen Kaffee zusammen. Sie verbringen mehrere Wochen, manchmal gar Monate Tür an Tür und lassen sich damit sukzessive nicht nur auf ihre eigene Fremdheit, sondern auch auf die des anderen ein. Schließlich kommen diese Textarbeiter aus allen Winkeln und gerade an diesen Winkeln lässt sich die Welt neu vermessen.
Maecenas‘ Dichterkreise
Der erste Impuls für einen Schreibaufenthalt jenseits der eigenen Wohnung ist aber meist ein ganz profaner: Geld. Denn Geld ist Zeit fürs Schreiben. Diese Umwertung der kapitalistischen Moral bildet den Kern all dieser Autor:innenförder-Programme. Ich bekenne freimütig, dass mich manches Stipendium vor einer final vernichtenden Ebbe bewahrt hat. Die moderne Demokratie hat das Mäzenatentum der Aristokratie und später auch des Großbürgertums abgelöst mit Stiftungen und von öffentlicher Hand finanzierten Förderprogrammen. Dennoch werden in Zeiten tatsächlicher oder dramatisierter Budgetnöte immer wieder Argumente für eine Kürzung der Förderungen vorgebracht. Dabei entsprechen die dabei zu erzielenden Einsparungen für die Kommunen kaum Prozentpunkten im Gesamtbudget. Wirtschaftsförderungen werden hingegen im großen Stil vergeben, oft ohne Überprüfung, ob sich diese Subventionen amortisiert haben. So manche Industrie- und Bauruine zeigt die offensichtliche Fehlinvestition.
Besonders schmerzen klischeehafte Vorstellungen, wonach sich prekäre Lebensumstände positiv auf die literarische Qualität auswirken. Als würde sich etwa Franz Kafkas Literatur allein daraus erklären, dass er zum Kanzleidienst verdammt war! Womöglich aber hätte Kafka dank einer längeren Autorenresidenz vor seiner Tuberkulose-Erkrankung sein Selbstverständnis als Schreibender anders interpretiert und nicht auf Vernichtung des Nachlasses plädiert. Mit Max Brod hat er allerdings einen bestimmt, der diesem Auftrag – womöglich unbewusst ersehnt – besser als andere zu widerstehen vermochte.
Der Autor als verkanntes Genie ist eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts und der Autor als Unternehmer eine moderne, neoliberale Spielart einer durch Geld maßgeblich bestimmten Informationsgesellschaft. Der Autor als engagierter Laborant ist einer, der sich an Stilen und Inhalten abarbeitet: Das bedeutet einen Segen für jede Kultur, die bereit ist, Selbstreflexion von ihren Rändern aus zuzulassen; denn es ist eine Binsenweisheit, dass sie genau von dort ihre aufklärerische Qualität erhält.
Ohne Breitensport kein Spitzensport
Nur uninformierte Leute sind überrascht, wenn sie erfahren, dass vom Buchverkauf allein kaum jemand leben kann. Die literarische Infrastruktur mit Verlagen, Literaturhäusern, Literaturmagazinen und diversen Messen, Festivals sowie Vermittlungsplattformen aller Art mag man in den deutschsprachigen Ländern als erstaunlich vielfältig betrachten. Anderswo ist das nämlich kaum oder auch gar nicht der Fall. Dabei sollten doch selbst der Kunst Fernstehende durch den Sport eine erhellende Analogie erfahren: Wer meint ernsthaft, es gäbe einen Spitzensport ohne Breitensport? Gleiches gilt für die Kunst. Eine bessere Erfindung als die meist zierliche Gießkanne lässt sich für das Biotop Literatur kaum denken. Ohnedies bilden Jurorinnen und Juroren oder auch Lektorinnen und Lektoren eine zuweilen fragwürdige Gatekeeper-Funktion, denn es finden sich immer wieder exquisit Schreibende, deren Texte erst posthum so richtig die gebührende Wahrnehmung erfahren. Damit diese nicht gewählte Ignoranz – etwa im Gegensatz zu Emily Dickinson oder Fernando Pessoa, die ganz offensichtlich zeitlebens wenig Engagement für das Veröffentlichen zeigten und vor allem deshalb erst mit großem Abstand in den Äther des Literaturkanons aufgenommen wurden – das Entstehen starker Texte nicht verhindert, spielen Residenzprogramme eine lebenserhaltende Rolle, sie stellen die Biodiversität des Schreibens sicher und schaffen Räume insbesondere für Texte, die sich einer Etikettierung beharrlich entziehen.
Jenseits merkantiler Enge
Das globale Diktat eines Wirtschaftsmodells permanenter Verwertung und der Maximierung von Einfluss und Geld ist für gewöhnlich an Biotopen nur dann interessiert, wenn diese sich für die eigenen, also monetären Zwecke nutzen lassen. Dabei werden Biotope als kleinste Einheiten von Lebensräumen verstanden. Dort, wo etwas gedeihen kann, das andernorts nie entstehen könnte. Diese Arten regen neue Arten an. Wachstum wird in diesem Jahrhundert bald viel mehr als qualitative und immer weniger als quantitative Frage gestellt werden müssen – zumindest in den westlichen Ländern.
Künstlerhäuser sind Orte qualitativen Wachstums. Betrachten sich Kunstschaffende nicht oft zurecht als schützenswerte, vom Aussterben bedrohte Spezies? Gewiss benötigen viele, wenn nicht alle künstlerisch tätigen Menschen, genau das: geschützte Werkstätten. Das heißt auch, Raum für kluges Blödeln zu haben, für terminbefreite Perspektivwechsel, für wurzelsuchendes Einfühlen, für ein absichtsloses Tun, das aus einem inneren Drängen kommt. Nicht alles, was glänzt, ist Kunst, aber wo, wenn nicht durch solche Residenzen ließe sich dieser Frage und vielen anderen schlau und ergebnisoffen nachgehen?
Immer Drama im Künstlerhaus
In der britischen Komödie Tamara Drew (dt. Immer Drama um Tamara, 2016) zeigt der britische Regisseur Stephen Frears in liebevoller Überzeichnung, wie eine Wohngemeinschaft schreibender Menschen aussehen kann. Der Film erzählt von einem erfolgsverwöhnten Krimiautor, der sein großes Haus deutlich erfolgloseren Autorenkolleg:innen für Kurz-Aufenthalte öffnet.
In Tamara Drew erhält auch der kauzige Literaturafficionado Glen McCreavy seinen verdienten Platz. Er schreibt jahrelang an einem Aufsatz über Thomas Hardy. Dabei verfestigt sich seine natürliche Melancholie kontinuierlich. Das ganze Ensemble entspricht dem Klischee verschiedener Laufbahnen schreibender Menschen und McCreavy verkörpert den Typ des konsequent Erfolglosen. Er steckt heillos in einem Essay fest. Er genießt meine ganze Sympathie. Dabei zeigt gerade seine Verstrickung mit Hardy, was Schreiben auch bedeutet: Immer wieder das gleiche Thema aufgreifen, sich durch Blockaden durchboxen und die Ignoranz der anderen einfach ignorieren. Der ironische Film greift im Übrigen lose einen Erfolgsroman von Thomas Hardy selbst auf, Am grünen Rand der Welt erschien 1874 und lieferte dem Autor tatsächlich seinen ersten großen Erfolg. Das klingt so sehr wie ein Klischee, dass ich ausrufen möchte: Mein Gott, wenn’s doch im Leben nur einmal so wäre!
In unserer produktfixierten Welt denken nicht wenige, dass es beim Schreiben vorrangig um Bücher geht. Fragt man aber viele Schreibende, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass die Bücher nur ein notwendiger Teil des gesamten Prozesses und förmlich der Obolus sind, den man in der Leistungsgesellschaft beizusteuern hat. Der Obolus (griech. die Münze) diente einst als Fährgeld, das dem Fährmann Charon für die Überfahrt auf dem Fluss Styx zu geben war. Auf unser aller Weg in den Hades ist das Schreiben schlicht Notwehr. Zudem stellen literarische Texte Wegmarkierungen dar, um Verschwörungen auszuweichen, Massenhypnosen wie beispielsweise dem Faschismus besser zu entsagen oder ganz frivole Lebensweisen voller Autonomie zu wagen. Nicht selten kommen diese Themen erst durch Recherche- und – eben – Autorenhaus-Aufenthalte zu einem.
Anknüpfen an Gestern für Morgen
2017 durfte ich zwei Monate in Schloss Wiepersdorf bei Berlin verbringen. Der ehemalige Landsitz von Bettina und Achim von Arnim diente schon in der DDR als Residenz für Künstler:innen aller Sparten. Dabei ist die Bezeichnung Residenz verfänglich, signalisiert sie doch eine adelige Wohnstätte. Dies erfüllt das Schloss zwar zweifellos, aber die Wohnateliers sind über den ehemaligen Stallungen eingerichtet. Das passt ohnedies besser, denn über manchen zerfurchten Acker, den ein in Überarbeitung befindlicher Text leicht darstellen kann, mag ein tapferer Gaul ausdauernder ziehen als ein graziöser Prinz.
Wiepersdorf zeichnet sich durch eine Rarität aus, denn obwohl hier – nach kurzer Schließung und Neuorientierung – die Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf die Führung innehat, beteiligt sich auch Österreich an der Entsendung und Unterstützung von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, ausgewählt durch das Literaturhaus Wien und gefördert durch das österreichische Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport (BMWKMS). Im Jahr 2025 sind dies Bettina Gärtner und Ursula Knoll. Das Namenskürzel des Ministeriums zeigt, welch bescheidenen Stellenwert die Kunstförderung genießt. Dieser Behördenname hat etwas von einem Greißlerladen, der möglichst viele Agenden vereinen möchte. Dabei erfordert die Kunstvermittlung und -förderung doch ein Fachgeschäft.
Als ich im Spätsommer 2017 in Wiepersdorf ankam, ahnte ich noch nicht, dass dieser Aufenthalt ein Projekt forcieren würde, das mich schon Jahre zuvor als Idee zu begleiten begann: Eine Anthologie mit Beiträgen von Kolleginnen und Kollegen, die ich überwiegend durch Aufenthalte in Residenzen kennenlernte: Sie erschien schließlich 2019 im Limbus Verlag und trägt den Titel Schreibende Nomaden entdecken Europa. Jedes Wort in diesem Titel ist programmatisch für Writers-in-Residence-Erfahrungen, aber auch für Recherchereisen.
Der schreibende Nomade ist nicht der Vagabund, der ziellos bleibt, sondern er sucht inspirierende, geheimnisvolle oder auch tragische Orte und nimmt von diesen etwas auf in seine Arbeit. Dieses Entdecken hängt oft mit Peripherien zusammen und da die Peripherie per se der Rand ist, der um ein Zentrum besteht und in wechselseitigem Austausch mit diesem existiert, sind diese Peripherien immer auch Brenngläser für die Metropolen.
Am Rand von Rom etwa liegt Colleferro und in der Nachbarschaft die im Mai 2025 geschlossene Autorenresidenz Casa Litterarum in Paliano, die von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur geschaffen und fünfzehn Jahre betrieben wurde. In Colleferro liegen die riesigen Warenlager von Amazon & Co wie gestrandete Wale in der Landschaft. Sie geben eine Ahnung vom Sterben des Einzelhandels im Stadtzentrum, aber man muss erst hier an der Peripherie sein, um diesen gravierenden wie furchtbaren Struktur-Wandel so klar zu erkennen. In diesem Sinn erfüllen Stadt-, Dorf-, oder auch Gutsschreiber die mittelalterliche Funktion der Stadtschreiber: Sie sind Chronisten der Gegenwart.
Die Magie des Ortes ist oft eine andere als erwartet
In einer Residenz zu schreiben, bedeutet für gewöhnlich keine Verpflichtungen zu haben. Weder sind wohlmeinende Texte mit werbetauglichen Botschaften zu verfassen noch wird Aufdeckungsjournalismus erwartet. Manchmal sind Einblicke in den Arbeitsprozess erwünscht, Werkstattgespräche oder literarische Beiträge. Meist begleitet einen ein längeres Schreibprojekt über Jahre und damit auch über die jeweilige Residenz hinaus. Manchmal richtet man sich ein und plötzlich findet sich ein unmittelbar zu erfüllender Schreibauftrag im Posteingang. Auf Auftragstexte dieser Art können nur Bestsellerautor:innen verzichten, ich jedoch nicht. Deshalb ist gelegentlich auch eine Schreibresidenz dadurch geprägt, dass mehrere Texte entweder parallel oder hintereinander entwickelt werden. Mit zunehmendem Alter fällt die romantische Überhöhung historischer Orte schwerer; es ist vermutlich ein Verlust, der auch leichter macht: Soll man wirklich von einem Genius Loci sprechen, wenn man im Wiepersdorfer Park am Grab von Bettina von Arnim vorbeispaziert und dann den tolldreisten Figuren nach Callot-Entwürfen ins Antlitz blickt, die, gezeichnet vom 30-jährigen Krieg, eben auch von Europa und seinen Abgründen erzählen?
Hilft es bei Zweifeln, sich im zwischen Genf und Lausanne gelegenen Château de Lavigny an den Schreibtisch von Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt (vom Literaturkritiker Raddatz oft als HMLR abgekürzt) zu setzen, um die Erhabenheit der großen Literatur nicht nur zu spüren, sondern in sich aufzunehmen wie ein verbotenes Dopingmittel? Den Briefwechsel von Rowohlt mit Hemingway oder Nabokov durchsehend, als wäre man der gute Geist des Hauses, dabei ist man auch hier nur ein Durchreisender. Man darf in einem Künstlerhaus zweifeln und missmutig sein; die Melancholie fühlt sich hier einfach besser an als in der freien Wildbahn.
Bei etwas Abgeklärtheit öffnet sich der Blick zudem für verdeckte Erkenntnisse. Wie ein Schwamm habe ich die Geschichten unterschiedlicher Orte aufgesaugt. Nichts weniger als ein Lebenselixier sind solche Residenzen für mich, manches findet einen literarischen Niederschlag und manches berührt mich einfach. 2013 konnte ich einen Monat am Genfer See verbringen, in jener Villa, die einst erst der Sommersitz von HMLR und seiner Frau Jane war und dann, nach dem Tod des legendären – und wie ältere Beobachter des Literaturbetriebs wissen – Purzelbaum schlagenden Verlegers mittels Stiftung von Jane Ledig-Rowohlt zu einer Autor:innen-Residenz wurde. Was ich vom Interieur in Erinnerung behalten habe, ist das von HMLR so verehrte Schaukelpferd, das mit Geschichten aufgeladen ist. Es ist ein Gegenstand wie er in Orson Welles Citizen Kane Filmgeschichte geschrieben hat, dessen titelgebende Hauptfigur auf dem Sterbebett „Rosebud“ flüstert. Erst gegen Ende des Films klärt sich das Rätsel: „Rosebud“ stand auf dem Schlitten, der dem Buben einst ausgelassene Freude und eine verloren gegangene Unbeschwertheit bereitet hatte. Das Intime dieser Häuser, in denen oft noch Spuren der Vorbewohner sicht- und spürbar sind, kommt einem oft unverhofft entgegen. Es sind mitunter die verletzlichen persönlichen Aspekte und nicht erdrückendes Pathos, die einen wirklich nähren. Der Genius Loci darf eben manchmal herrlich unspektakulär, ja menschlich sein.
Literatur löst etwas für alle
Es sind keine Almosen, die hier gegeben werden. Vielleicht sind diese Ort vielmehr ein notwendiger Dienst zur Arterhaltung. Das Erasmus-Austauschprogramm ermöglicht Jugendlichen und Erwachsenen wertvolle Lernerfahrungen und Begegnungen mit Studierenden und Auszubildenden in anderen EU-Ländern. Ebenso unverzichtbar sind Begegnungsorte im Bereich der Kunst. Eine Gesellschaft, die sich dieser Orte beraubt, verliert sukzessive an Freiräumen, sie verliert auch jene, die man Brückenbauende nennen kann, denn sie bauen sowohl interdisziplinäre Verknüpfungen wie internationale Anknüpfungen. Manchmal sind es stille Refugien, die so bewahrt bleiben – wie die Wohnung von Friederike Mayröcker, die seit 2025 ebenfalls als Residenzwohnung zur Verfügung steht und vom Literaturhaus Wien betreut wird.
Ein Aufenthaltsstipendium bedeutet kostbare Zeit zum Arbeiten zu haben. Auch wenn es einige wenige gibt, die von Residenz zu Residenz reisen und denen mitunter Stipendien-Hopping unterstellt wird, was spricht dagegen, wenn dadurch starke Texte entstehen? Ob durch Stipendien unterstützt oder nicht, es braucht Texte, die der Wirklichkeit auflauern und ihr eine neue Sprache verschaffen, und damit zuweilen erst einen anderen Blick auf diese Wirklichkeit möglich machen! So eröffnen sich dringend benötigte Spielräume für unsere erstarrte, in destruktiven Mechanismen gefangene Gesellschaft. Ein Buch muss nicht immer die berühmte Axt für das gefrorene Meer in uns sein, manchmal schafft das auch eine menschliche Begegnung und manches Buch bietet einen Trost, den man anderswo gar nicht mehr zu erkennen vermag. Texte dieser Qualität entstehen meiner Erfahrung nach am besten dann, wenn man sich ihnen uneingeschränkt widmen kann und nicht durch Unterrichten, Reportagen oder andere Auftragsarbeiten geknebelt ist.
Die Summe meiner Arbeitsaufenthalte ist geringer als sie auf den ersten Blick erscheint. Meist liegen Monate, wenn nicht Jahre zwischen einzelnen Aufenthalten. Hätte ich einen Ordner mit Absagen angelegt, wäre der schon vor Jahren geplatzt. Von 2011 bis 2012 war ich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr ausnahmsweise tatsächlich ein schreibender Nomade, der Wien abhanden gekommen zu sein schien: Als Stadtschreiber in Schwaz konnte ich zwei Monate im Fuggerhaus leben und dabei das Leben im Kloster erfahren, dann war ich wochenlang allein in einem Autorenhaus auf Rhodos, das mich an manchen Tagen an Stephans King Shining erinnerte, weil es groß genug war, um Schauergeschichten hervorzubringen und der Wind kräftig dabei mithalf, dass diese Grusel-Stories mächtig werden konnten. Danach ließ ich mich in Winterthur nieder, um in der belebten Villa Sträuli meinen Roman Bis dass der Tod uns meidet abzuschließen, und schließlich fand ich mich für ein paar Wochen im ruhelosen Rom ein, auch um Caravaggio noch mehr zu verfallen.
Oft stieß ein Aufenthalt etwas an, was ich vorher überhaupt nicht geplant hatte. Das mag zu einem neuen Text geführt haben oder auch zu einer anderen Ausrichtung eines bereits in Arbeit befindlichen Textes. Der temporäre Aufenthalt an diesen Stätten bedeutet für mich ein Ankommen bei gleichzeitigem Unterwegssein. Es braucht Orte solch nährender Durchlässigkeit.
