#Literaturhaus Wien

Literaturarchive als Institutionen der Fürsprache

Mi. 17.12.2025

// ein Konzeptaufriss von Iuditha Balint (Direktorin des Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt)

Dieser Vortrag wurde am  24.09.2025 zur Eröffnung der Ausstellung Ein kenntnisreicher und hingebungsvoller Betreuer der österreichischen Literatur anlässlich des 60. Geburtstags der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur und zum Auftakt der Jahrestagung der KOOP-Litera Österreich gehalten.
Dies ist eine leicht überarbeitete Fassung.

Beim Nachdenken über den Vortrag für diesen Anlass konnte ich nicht erahnen, wie hervorragend das Thema Fürsprache zu der Ausstellung passen würde, die heute hier eröffnet wird. Mir war noch nicht bewusst, dass die Ausstellung sich Viktor Suchy widmen würde, und seinem – um die in der Ausstellungsbroschüre zitierten Aussagen Ernst Jandls und Friederike Mayröckers aufzugreifen – „kenntnisreichen und hingebungsvollen“ Bestreben zur Sicherung, „Vermittlung und […] Förderung der österreichischen Literatur“. Denn wenn ich Literaturarchive als Institutionen der Fürsprache fokussiere, möchte ich das nicht lediglich auf einer abstrakten Ebene tun, sondern vielmehr auch Archivpraxen und damit explizit die Rolle der Archivar:innen, Vermittler:innen, Wissenschaftler:innen und insgesamt derjenigen berücksichtigen, die daran beteiligt sind, Literatur zu sammeln, zu verzeichnen, zu erschließen, zu erforschen, und fördernd, zugeneigt, ‚kenntnisreich‘ und ‚hingebungsvoll‘ zugänglich und sichtbar zu machen.

Im Vorfeld soll betont werden: Erstens spreche ich nicht nur als Literaturwissenschaftlerin oder Direktorin einer Institution, die ein Archiv betreibt, sondern auch als Privatperson als Befürworterin der ethnologischen Selbstbefragung in meinem Verhältnis zur Literatur. Insofern ist mein Vortrag zur Hälfte Wissenschaft, zur anderen Hälfte begründetes Plädoyer. Und zweitens sind meine Überlegungen im Kontext einer im Entstehen begriffenen Monographie über literarische Institutionen (wie Verlage, Stiftungen und Archive) als Fürsprecher der Literatur entstanden. Darin und also auch hier gehe ich von der Beobachtung aus, dass sich der literarische Repräsentationsdiskurs einigermaßen erschöpft hat. Diese Aussage mag erstaunen, zumal ein stetiger Meinungsaustausch über Repräsentation und Sichtbarkeit im Literaturbetrieb existiert; ein seit Jahrhunderten währender Austausch, der den Literaturbetrieb konstant verändert hat:

Als Wilhelm Dilthey im 19. Jahrhundert den desolaten Ist-Zustand der Erhaltung von Literatur als kulturelles Erbe thematisierte und einen anderen Soll-Zustand, also das Errichten von „Archive[n] für Literatur“ (Dilthey 1889) verlangt hat, wurden diese allmählich gegründet. Und wenn heute Autor:innen die verstärkte Berücksichtigung und Sichtbarmachung vergessener, verdrängter, randständiger, wenig oder nicht gesehener literarischer Positionen in etablierten literarischen Institutionen verlangen, werden diese verstärkt berücksichtigt. Es werden vermehrt Texte von Frauen, queeren und Transpersonen, Schwarzen Autor:innen und anderen People of Color, von Autor:innen migrantischer oder migrantisierter Herkunft, von Autor:innen aus der Arbeiter:innen-Klasse veröffentlicht. Die Diversifizierung des Literaturbetriebs schlägt sich auch in Förder-, Preis- und Übersetzungspolitiken nieder: Es wird mehr darauf geachtet, wer wen übersetzt, auch darauf, an wen Preise und Stipendien vergeben, welche Autor:innen (und Texte) ausgezeichnet werden, selbst bei der Vergabe des Nobelpreises für Literatur, u. a. an Toni Morrisson, Herta Müller, Abdulrazak Gurnah oder Annie Ernaux.

Die Forderungen und Bedürfnisäußerungen auf der einen, die Reaktionen literarischer Institutionen auf der anderen Seite haben aber inzwischen iterativen Charakter: Sie wiederholen sich, verhallen oder bewirken bestenfalls, dass stets ein wenig mehr nicht gesehene oder übersehene Literatur Berücksichtigung findet und Sichtbarkeit erlangt. Ebenfalls wiederholen sich Phrasen und Schlagworte, die strukturellen Veränderungen erfolgen nicht oder lediglich in kleinen Schritten. Und so scheint mir dieses berechtigte und strukturell bedingt wiederkehrende Fordern von Diversität und das Anprangern von Einseitigkeit wie jede nicht-literarische Iteration, die auf Lücken und blinde Flecken hinweist, ein mühsames Unterfangen – zumal darin eine Frontstellung zwischen Autor:innen und literarischen Institutionen gezeichnet wird, die es aus meiner Sicht seitens der literarischen Institutionen dringend zu reflektieren gilt.
Eine Frontstellung, die sich auf der dichotomischen Trennlinie zwischen Kompetenz/fehlende Kompetenz, Wollen/Nicht-Wollen, Können/Nicht-Können, Wahrnehmen/Nicht-Wahrnehmen, Zeigen/Nicht-Zeigen, Fördern/Nicht-Fördern, Dafür und Dagegen-Sein bewegt. Eine Frontstellung, die nur sporadisch zu einem dialektischen Durchbrechen dieser Grenzlinie führt, also dazu, dass etwa Verlage, Literaturhäuser, Archive, Förderinstitutionen für ihr Tun, also für ihr Personal, ihre Programme, ihre Sammlungs-, Bewahrungs-, Erschließungs- oder Vermittlungsstrategien Strukturen etablieren, die es ermöglichen, der Vielfalt der Literatur gerecht zu werden.

Warum gilt es aber diese vermeintliche Frontstellung von institutioneller Seite zu reflektieren? Und wie steht diese Frage in Verbindung zu Praktiken der Fürsprache? Um das zu klären, möchte ich den Repräsentationsdiskurs vom Kopf auf die Füße stellen. Das heißt, die Forderungen von Autor:innen als Verantwortung des Literaturbetriebs zu lesen und das Selbstverständnis des Literaturbetriebs in den Fokus zu rücken. In diesem Fall: die Verantwortung und damit auch das Selbstverständnis der Literaturarchive. Denn es sind die Akteure des Literaturbetriebs, es sind die Archive, die die strukturelle Macht haben, den Repräsentationsdiskurs nachhaltig zu verändern und die Forderungen der Autor:innen nach mehr Repräsentation zu eigen zu machen.

Dafür werde ich zunächst erläutern, welches Konzept von Fürsprache meinen Auseinandersetzungen zu Grunde liegt. In einem zweiten Schritt untersuche ich Fürsprache als Aufgabe der Literaturarchive – um schließlich daraus ein Plädoyer für das Selbstverständnis von Literaturarchiven als Fürsprecher der Literatur abzuleiten.

I. Was ist Fürsprache?

Fürsprache wird im herkömmlichen Sinn verstanden als „die Verwendung“ einer Instanz „zugunsten eines andern bei einem Dritten“ (DWDS 2025). Also Person A setzt sich vor Person B für eine Person C ein. Gerade der Repräsentationsdiskurs der letzten Jahrzehnte hat jedoch deutlich gemacht, dass für jemand anderen zu sprechen unterschiedliche Formen annehmen kann, die häufig als bevormundend wahrgenommen werden oder gar bevormundend sind, zumal Fürsprache anstelle einer Instanz gehalten wird, die selbst nicht spricht oder nicht sprechen kann. Die Fürsprecherin kann also die Stimme der vertretenen Instanz mit ihrer eigenen überschreiben und sie dabei unsichtbar machen oder den Blick auf sie verstellen.

Wie kann also Fürsprache auf eine Weise geübt werden, die es erlaubt, dass die Stimme der vertretenen Partei zur Geltung kommt und nicht überschrieben wird? (Zu den folgenden Absätzen ausführlicher: Balint 2024.) Als ergiebig erweist sich das aristotelische Verständnis von Fürsprache, auf das auch der Literaturwissenschaftler Rüdiger Campe verweist. In seiner Rhetorik beschäftigt sich Aristoteles mit Techniken der Argumentation und mit der Kraft der Rede, unter anderem der Rede vor Gericht – und prägt bis heute die Wahrnehmung der Rhetorik als Kunst der Überzeugung. Gerade in der Gerichtsrede, konkreter: im Plädoyer, kommt der Fürsprache eine entscheidende Funktion zu. In seiner Reflexion der vorhin erwähnten, basalen Bedeutung von Fürsprache als ein Sprechen zugunsten einer anderen Instanz vor einer dritten Instanz nimmt Aristoteles eine wichtige Differenzierung vor und merkt an, dass Fürsprache idealiter nicht „Vertretung“, sondern „fördernder Beistand“ sein muss. Gewissermaßen also eine ‚Verstärkung‘ der Stimme und der Anliegen der vertretenen Partei, eine Form der Mit-Sprache:

Der griechische Rhetoriker spricht [bei Aristoteles, IB] nicht ‚anstelle‘, sondern verstärkend ‚mit‘ der Partei. Er sorgt dafür, dass deren Stimme besser gehört wird, dass ihre Äußerungen deutlicher artikuliert werden. Durch die Rede, die er nach den Regeln der techne rhetorike verfasst, hilft [er] demjenigen, um dessen Geschick es geht[,] für sich selbst zu sprechen. (Campe 2010, 72)

Zentral für dieses Konzept der Fürsprache als Mit-Sprache erscheinen mir drei Punkte: (1) ein erlittenes Unrecht oder ein als Unrecht empfundener Umstand; (2) ein Kontakt der fürsprechenden Person zu der vertretenen Person und ihrer Welt (vgl. Neumann, Twellmann 2014), der eine intersubjektive Beziehung beider Partner:innen und das „Affiziertwerden“ (Campe 2010, 74) der fürsprechenden Person durch das Anliegen der Person oder der Gruppe ermöglicht; (3) schließlich die „korrektive und unterstützende Funktion“ der vertretenden Partei „in einem rechtsförmigen Prozess“ (Campe 2010, 75).

Eine Fürsprache, die also nicht paternalistisch, sondern fördernd ist, erfordert daher eine Ungerechtigkeit, eine emotionale Beziehung zwischen der vertretenen und vertretenden Partei und eine hingebungsvolle, zugewandte Einstellung des Fürsprechers der vertretenen Partei gegenüber, die sich günstig auf die Position dieser Partei im Vertreten ihrer Anliegen auswirkt.

Diese Form der Fürsprache korreliert mit dem Konzept der geteilten Autorität (vgl. Frisch 1990). Dieses Konzept wird durch die Prämisse getragen, dass traditionelle Institutionen mit historischer Autorität wie Museen, Universitäten und Wissenschaftler:innen zunehmend Nichtfachleute, sogenannte Zeitzeug:innen befragen und in ihre Geschichtsschreibungsprozesse integrieren. Sie tun dies, indem sie sie dazu einladen, ihre historischen Erfahrungen in Form von mündlich überlieferter Geschichte mit der Öffentlichkeit zu teilen. Frisch argumentiert, dass dieser Geschichtsschreibungsprozess, der auf einem Gespräch zwischen Historiker:in(nen) und Zeitzeug:in(nen) basiert, von der alleinigen Autorität des Geschichtsschreibers wegführen und zu einer Verschmelzung der interpretativen Autorität der jeweiligen Geschichtswissenschaftler:innen und Zeitzeug:innen hinführen sollte: zu einer Verschmelzung von subjektivem Erinnern und historischer Wissenschaft. Dabei verändere sich, so Frisch, auch der Umgang mit Erfahrungswissen und Geschichtsschreibung in signifikanter Weise. Statt eines Top-Down-Ansatzes seien die Praxis und das Konzept geteilter Autorität auf eine Zusammenarbeit ausgerichtet, die Fachwissen, Dialog und partizipatives Engagement einschließt. Shared authority ist etwas, was in der Praxis der Oral History idealerweise gegeben ist: Historiker:innen und Zeitzeug:innen teilen ihre Autorität.

Es ist diese Methode, die Viktor Suchy in seinen Interviews mit literarischen Persönlichkeiten angewendet hat – eine Methode, der auch die Ausstellung zum 60. Jubiläum der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur nachgeht, und die einige Ethnolog:innen, Archivar:innen, Historiker:innen und Literaturwissenschaftler:innen in den 1960-70er-Jahren benützt haben.

Überträgt man das von Frisch entwickelte Konzept auf Literaturarchive, wird ihre Verantwortung im Umgang mit Autor:innen und der Literatur deutlich, wie auch die Notwendigkeit ihrer Selbstreflexion in der Kommunikation über Literatur: Archive müssen Autorität teilen, sie tun es inzwischen sogar. Wenn auch Literaturarchivar:innen als Kenner:innen beschrieben werden können, unter deren „Händen […] alle Kunst zu einer Kammerkunst“ (Raulf 2006, 407) wird, wenn also die Bearbeitung von Literatur im Archiv eine der verantwortungsvollsten Aufgaben von Archiven bleibt – so hat der Weg der Literatur aus dem Archiv, also ihre Vermittlung und die Kompetenzen, sie publikumsgerecht zu vermitteln, inzwischen an Relevanz gewonnen.

II. Aufgaben der Literaturarchive

Den Anstoß zu meinen Überlegungen zu Literaturarchiven als Institutionen der Fürsprache gab der eingangs zitierte Titel des Aufsatzes von Wilhelm Dilthey, Archive für Literatur, der 1889 im Märzheft der Deutschen Rundschau erschienen ist, und der eine rege Debatte auslöste über (1) die Errichtung von Literaturarchiven, (2) über Art und Weise, ob, wie und wo Literatur zu sammeln, zu erhalten und zu bearbeiten sei, und (3) darüber, was zu dieser zu erhaltenden Literatur alles gehöre. Jürgen Thaler, der die zeitgenössische Rezeption des Dilthey’schen Textes rekonstruiert und dabei „wesentliche ästhetische und wissenshistorische Aspekte der Einrichtung ‚Literaturarchiv‘“ ausgearbeitet hat, spricht Diltheys Aufsatz zurecht die Funktion eines „Plädoyer[s]“ zu, und bezeichnet Diltheys Unterfangen als ein „Eintreten für die Schaffung einer Einrichtung zwischen [Staats-]Archiv und Bibliothek“ (Thaler 2011, 361). Zurecht, denn – so möchte ich hervorheben – die von Dilthey im Aufsatztitel verwendete Präposition „für“ zeigt nicht nur den Nutzen oder den Zweck der Literaturarchive an, sondern auch ihre Position als Institutionen in Stellvertretung, die keinen Selbstzweck verfolgen, sondern zugunsten der Literatur handeln und sich für sie einsetzen.

Wie werden Archive heute verstanden? Im Vorwort ihres 2016 erschienenen und gemeinsam herausgegebenen Handbuchs Archiv. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven geben Marcel Lepper und Ulrich Raulff eine kurze Zusammenfassung der Aufgaben von Archiven, Bibliotheken und Museen, die leicht auf Literaturarchive übertragen werden können: Literaturarchive sind „Institutionen, die vordergründig mit der Erwerbung, Erschließung, Bewahrung, Erforschung und Vermittlung“ von Literatur „befasst sind“ (Lepper/Raulff 2016, VII). Bereits diesen Aufgaben sind Ambivalenzen eingeschrieben, denn die Frage, mit der sich Literaturarchive oft konfrontiert sehen, ist: Was ist erwerbungs-, erschließungs-, bewahrungs-, erforschungs- und vermittlungsrelevant, wer bestimmt das und nach welchen Kriterien? Eine Frage, die die Systematik von Literaturarchiven in ihrem Kern betrifft. Denn die Systematik eines Literaturarchivs „geht stärker aus ihrer je eigenen Genese, aus ihrer Materialstruktur, aus ihrer Politik und ihren Kontingenzen hervor und ist weniger übertragbar“ auf andere Literaturarchive – so dass es ein etwas komplizierteres Unterfangen ist, Klassifikationen für Literaturarchive global zu denken, „auch wenn formale Regeln für Mindeststandards in Archiven sorgen können“ (ebd.).

Auffällig am Nachdenken über Aufgaben und Funktionen von Archiven ist, dass die Sammlungs- und sonstigen Tätigkeiten von Archiven ausschließlich archivseitig gedacht zu sein scheinen. Denn häufig mangelt es an Perspektiven auf die Aufgaben von Literaturarchiven, die über ihre Genese und die Starrheit ihrer Materialstruktur und Politik hinausgeht. Denn erstens sind Materialstruktur und Archivpolitiken wandelbar. Und zweitens stellt sich die Frage: Warum sammeln Archive, was sie sammeln, warum erwerben, bewahren, erforschen und vermitteln sie Literatur? Eine rein archivseitige Antwort würde lauten: Weil sie archivrelevant ist. Eine Antwort, die die Literatur an erster Stelle denkt, und nicht das Archiv, würde lauten: Archive sammeln, erwerben, bewahren, erforschen und vermitteln, weil sie davon ausgehen, dass Literatur erhalten und sichtbar gemacht werden muss.

Diese zweite Antwort zeigt Literaturarchive aus einer Perspektive, aus der sie nicht lediglich ihre eigenen Interessen verfolgen, sondern sich den Interessen der Literatur unterordnen. Genauer: Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Aufgaben der Literaturarchive sich ohnehin an der Literatur orientieren, dann verschwindet die vermeintliche Frontstellung, die ich anfangs erwähnte. Dann wird sichtbar, dass sich Literaturarchive der Literatur verschreiben und nicht selbstbezogen agieren. Literaturarchive sprechen mit der Literatur für die Literatur und teilen ihre Autorität. So ist es möglich, sich die Forderung nach Repräsentation zu eigen zu machen und als eigene, aber auch mit Autor:innen, und anderen Akteur:innen geteilte Verantwortung zu sehen.

III. Literaturarchive als Institutionen der Fürsprache

Sabine Brenner-Wilczek, Gertrude Cepl-Kaufmann und Max Plassmann heben in einem gemeinsam verfassten Aufsatz die „kulturelle Mittlerleistung [von Archiven] für künftige Generationen“ (Brenner-Wilczek et al. 2006, 95) hervor. Und genau diese Position in der Mitte, zwischen Vergangenheit und Zukunft, aber auch – so möchte ich hervorheben – zwischen Autor:innen und Forschung, zwischen Nachlässer:innen und Benutzer:innen, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, genau diese Mittlerposition qualifiziert aus meiner Sicht Literaturarchive als für die Literatur sprechende, für die Literatur eintretende Mittlerinnen, als Verantwortliche dafür, wie mit der Literatur ein Plädoyer für die Literatur gehalten wird.
In Anlehnung an Maurice Halbwachs und Jan Assmann sehe ich es daher als Aufgabe von Literaturarchiven, zu betonen, dass „Vergangenheit ein Ergebnis aus kultureller Konstruktion und Repräsentation ist“ (ebd.). Wie Brenner-Wilczek und ihre Co-Autor:innen es ausdrücken: „Archive […] haben eine besondere Aufgabe: Sie haben nämlich nicht nur Teil am Konstruktionscharakter von Erinnerung, sondern Archivalien sind ebenso in der Lage, falsche Vorstellungen über die […] eigene[] Kultur zu revidieren und deren Beliebigkeit kenntlich zu machen.“ (ebd.)

„Das Bewusstsein sozialer Zugehörigkeit, das als kollektive Identität bezeichnet wird, beruht auf der Teilhabe an einem gemeinsamen Gedächtnis.“ (ebd., 96) – Auch in diesem Sinn müssen Literaturarchive als Institutionen verstanden werden, die Bedeutung hinterfragen, modifizieren, herstellen, unterstreichen und somit den Bedeutungswandel von Literatur und Kultur prägen; am Bedeutungswandel ihrer Zeit „aktiv und passiv teil[nehmen]“ (ebd., 97). Die Frage ist, welchen Bedeutungswandel sie selbst erleben können oder müssen, um die Pluralität unserer gegenwärtigen Gesellschaft hervorzuheben und zu stärken, um also mit der Literatur für Alle, also für die Gesellschaft zu sprechen.

Um konkreter zu werden: Die Sammlungs-, Vermittlungs- und Forschungsschwerpunkte der literarischen Archive im deutschsprachigen Raum sind fast selbstredend deutschsprachige Literaturen. Aber auch hier fehlen in institutionalisierten Archiven zum Beispiel die Schwarzen und migrantischen Nachlässe weitgehend, was diesen die öffentliche Wahrnehmbarkeit erschwert oder gar verunmöglicht. Denn die Frage, die sich literarische Archive stellen müssen, ist: Was bedeutet „deutschsprachige“ oder hier: „österreichische“ Literatur? Gehören dazu nicht alle Autor:innen, die in Österreich wirken oder aus Österreich stammend in anderen Ländern auf Deutsch schreiben? (Ein Gesichtspunkt, der den Kern der Österreichischen Exilbibliothek ausmacht.)

Ich möchte als Beispiel das Archiv des von mir geleiteten Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt heranziehen (vgl. Balint 2025): Unser Archiv sammelt, erschließt und erforscht Literatur der Arbeitswelt aus dem deutschsprachigen Raum. Wir haben keinen einzigen Bestand, der nicht in deutscher Sprache verfasst wurde. In anderen Archiven vielleicht keine gravierende Lücke, bei uns jedoch schon.

Das Sammlungsprofil unseres Archivs hat sich mit der Zeit verändert. Lag der Schwerpunkt zunächst auf Arbeiter:innen-Literatur, so sind später Nachlässe, Überlieferungen von literarischen Gruppen oder Verlagen, Kunst und Musik und anderes Material hinzugekommen, das nicht dem Konzept der Arbeiter:innen-Literatur entsprach, sondern sich breiter um alles formiert, was in der Literatur als Arbeit verstanden wird. Der Schwerpunkt liegt nun also auf der Literatur der Arbeitswelt. Und dennoch sind die Bestände des Archivs hauptsächlich weiß, männlich, deutsch. Dass der Nachlass einer Ilse Kigbis, die von Erfahrungen von Reinigungskräften oder Kassiererinnen schreibt, Eingang ins Archiv des Instituts gefunden hat, war nicht selbstverständlich, aber gewünscht und gewollt. Erst in letzter Zeit haben wir damit begonnen, Nachlässe von Autorinnen wie Ilse Kibgis stärker hervorzuheben und gezielter zu sammeln – und innerhalb des Archivs ein weiteres Konzept für einen Sammlungsschwerpunkt zu Arbeitsmigration zu erarbeiten, ein „Literarisches Arbeitsmigrationsarchiv“. Denn es ist augenscheinlich, dass unser Archiv kaum Bestände zur sogenannten Gastarbeiter:innen-Literatur enthält, kaum Bestände, die von Autor:innen verfasst wurden, die in Deutschland lebend auf Deutsch oder in anderen Sprachen über Arbeit und Arbeitsmigration schreiben.

Wollen wir jedoch mit unserem Archiv auch mit und für Arbeitsmigrant:innen sprechen, der Vielfalt der Literatur der Arbeitswelt des deutschsprachigen Raumes gerecht werden und diese der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, müssen wir uns darum bemühen, dieses Material zunächst aufzuspüren und ins Archiv zu bringen. Vertrauen zu Autor:innen und Nachlässer:innen aufbauen, vermitteln, dass diese Literatur wichtig ist: für die Repräsentierten, für das Archiv, für Forschende und andere interessierte Nutzer:innen, für uns als Gesellschaft, für die Literaturgeschichtsschreibung. Eine solche Arbeit erfordert mehr qualifiziertes Personal, eine gute finanzielle Ausstattung und vertrauensvolle Kontakte zu Expert:innen und Multiplikator:innen, also auch mehr Zeit. Aber sie ist notwendige Arbeit, auch weil – wie wir es spätestens seit Boris Groys` Untersuchungen in seinem Buch Über das Neue wissen – archivische Repräsentation die Kanonisierungsprozesse der Zukunft bestimmt.

Vergegenwärtigen wir uns zum Schluss eines der immateriellen Vorteile von Literaturarchiven: Die ersten Literaturarchive haben im 19. Jahrhundert eine Sammlungsidee etabliert, die „eine Abweichung von einer Sammelidee [war], die auf Herrschaftslegitimation basierte“ (Brenner-Wilczek et al. 2006, 98), also eine Abweichung von der Sammelidee der Staats- und sonstigen Verwaltungsarchive. Dieser Idee hat sich das Goethe-und-Schiller-Archiv in Weimar verschrieben; mit dieser Idee wurde das Deutsche Literaturarchiv in Marbach errichtet; und diese Idee war es, die Viktor Suchy in Anlehnung an das Marbacher Literaturarchiv dazu veranlasste, diese Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur zu gründen (das zeigen einige Exponate in der Ausstellung eindrücklich).

Diese Freiheit, sich in der inhaltlichen Sammlungsarbeit nicht einer Verwaltungsgewalt fügen zu müssen, die Freiheit der Literaturarchive, ihre Sammlungs- und Vermittlungspolitiken explizit selbst zu bestimmen, ist eine Freiheit, die es ihnen erlaubt, ihre Sammlungs- und Vermittlungspolitiken anzupassen.

IV. Fazit

Und hier ende ich mit einem Gedanken, der im Grunde ein weiteres Feld eröffnet, und den ich an anderer Stelle entfalten werde, der aber aus meiner Sicht unentbehrlich ist für unser Selbstverständnis des Literaturarchivs als Agent zwischen Literatur und Öffentlichkeit: Die archivische Fürsprache für die Literatur beginnt mit der Sammlungsidee und dem ersten Gedanken an ein archivwürdiges Dokument; und die Vermittlung von Literatur in die Öffentlichkeit beginnt spätestens mit der Verzeichnung. Auch insofern sollten daher alle archivfachlichen Aufgaben als solche verstanden werden, die es überhaupt erst ermöglichen, dass Literaturarchive als Institutionen der Fürsprache agieren.

Literatur

  • Balint, Iuditha (2024): Von der Fürsprache zur shared authority. Dinçer Güçyeters Unser Deutschlandmärchen (2022) als (post-)migrantisches Chorwerk. In: Zeitschrift für Germanistik. Folge XXXIV, Heft 1/2024, S. 147–165.
  • Balint, Iuditha (2025): Wer spricht für wen – und wie? Repräsentation im Literaturbetrieb und in der Literatur. In: Neue Gesellschaft | Frankfurter Hefte Heft 06/2025. LINK (zuletzt eingesehen am 08.12.2025).
  • Brenner-Wilczek, Sabine/ Cepl-Kaufmann, Gertrude/ Plassmann, Max (2006): Einführung in die moderne Archivarbeit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 93–129.
  • Campe, Rüdiger (2010): Synegoria und Advokatur. Entwurf zu einer Kritischen Geschichte der Fürsprache. In: C. Berger, F. Breithaupt (Hrsg.): Empathie und Erzählung. Freiburg. S. 53–84.
  • DWDS = Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache, Lemma Fürsprache: LINK (zuletzt eingesehen am 08.12.2025).
  • Dilthey, Wilhelm: Archive für Literatur. In: Deutsche Rundschau 58/1889, S. 360–375.
  • Frisch, Michael (1990): A Shared Authority. Essays on the Craft and Meaning of Oral and Public History. Albany.
  • Lepper, Marcel/ Raulff, Ulrich (2016): Vorwort. In: Dies. (Hg.): Handbuch Archiv. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart: Metzler 2016. S. VII–X.
  • Neumann, Michael/Twellmann Markus: Dorfgeschichten. Anthropologie und Weltliteratur, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 88 (2014), S. 22–45.
  • Raulf, Ulrich (2006): Wie kommt die Literatur ins Archiv – und wer hilft ihr wieder heraus?. In: Sinn und Form, Heft 3, 58. Jahr. S. 403–413.
  • Thaler, Jürgen (2011): Zur Geschichte des Literaturarchivs. Wilhelm Diltheys Archive für Literatur im Kontext. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 55, S. 361–374.

Iuditha Balint ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. Bevor sie 2018 die Leitung des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt  in Dortmund/D übernommen hat, war sie als Germanistin an der Universität Mannheim, der University of Virginia und der Universität Duisburg-Essen tätig. Sie wurde 2015 an der Universität Mannheim mit einer Studie zur Entgrenzung der Arbeit in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur promoviert. Gastaufenthalte führten sie unter anderem an die Karls-Universität Prag, die Universität Ljubljana und die Universität Vilnius.

Ihre Forschung bewegt sich an den kulturwissenschaftlichen Grenzen zwischen Geistes-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften; ihr Forschungsinteresse gilt der Diskursanalyse und Erzählforschung, den Verflechtungen von Literatur und Ökonomie, und der deutschsprachigen Literatur der Arbeitswelt seit dem 18. Jahrhundert. Ihren Fokus richtet sie dabei auf die Literatur der Weimarer Republik und der Gegenwart, auf Texte von Autorinnen, Schreiben als Arbeit und den Literaturbetrieb mit seinen Funktionsbedingungen. Aktuell arbeitet sie an einer Monographie über den Zusammenhang von Klasse und Fürsprache.

Sie gibt seit 2020 die Schriftenreihe Literatur und Ökonomie im Wilhelm Fink Verlag heraus. Seit 2023 ist Iuditha Balint Autorin der Kolumne Kritik & Zärtlichkeit in der österreichischen Zeitschrift Tagebuch.

Publikationen (Auswahl):

  • Literarische Ökonomik (Hg. mit S. Zilles, Verlag Wilhelm Fink 2014)
  • Erzählte Entgrenzungen. Narrationen von Arbeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts (Verlag Wilhelm Fink, 2017)
  • Goethe und die Arbeit (Hg. mit M. Albracht, F. Weiher, Verlag Wilhelm Fink 2017)
  • Ökonomie und Bildmedien (Hg. mit E. Gredel, P. Galke-Janzen, T. Lischeid, M. Raith, 2019, de Gruyter)
  • Arbeit am Text (Hg. Verbrecher Verlag 2020)
  • Brotjobs & Literatur (Hg. mit C. Wenzel, J. Dathe, K. Schadt, Verbrecher Verlag 2021)
  • Schichtungen des Urbanen / Urban Layers (Hg. mit J. Golombek, T. Nusser, Brill | Fink 2025)
  • Korrigieren – Eine Kulturtechnik (Hg. mit Janneke Eggert, de Gruyter 2025)

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