Simone Hirth scheint einen Hang zur De- und Rekonstruktion weithin und allgemein bekannter problematischer Paarbeziehungen zu haben. In ihrem letzten Roman Malus etwa arbeitete sie das Verhältnis von Adam und Eva, dem biblischen ersten Menschenpaar, in einen Befreiungsversuch aus weiblicher Abhängigkeit und individuell und gesellschaftlich ausgeübter Gewalt um. Eine ähnliche Stoßrichtung verfolgt die 1985 im baden-württembergischen Freudenstadt geborene und seit 2012 in Österreich lebende Autorin in ihrem jüngst bei Kremayr & Scheriau in Wien erschienenen Roman Die Kröte. Hier ist es das Märchen vom Froschkönig, welches als Ausgangspunkt für die dann vollkommen veränderte Handlung genommen wird, welche mit dem Einbruch des Wunderbaren in eine mitteleuropäische Lebensrealität spielt.
Der idealistischen und zu mitunter selbstquälerischer Reflexion neigenden Milena, einer als Rezeptionistin arbeitenden alleinstehenden Mutter, fällt eines Tages ihr Mobiltelefon in einen Teich. Eine Kröte bietet ihr an, das Handy wieder heraufzutauchen, wenn Milena sie dafür an ihrem Leben teilhaben lässt. In einem Moment der Schwäche und von Einsamkeitsgefühlen geplagt stimmt Milena zu. Doch die Kröte drängt sich schon bald wie ein ihren Wirt langsam erwürgendes Schlinggewächs in, um und durch ihre Existenz, nimmt ihre fünfjährige Tochter Lotte für sich und gegen Milena ein. Deren innere Verzweiflung nimmt immer mehr zu. Sie begegnet zufällig dem gutaussehenden und charmanten Lokalpolitiker König, beginnt einen Flirt mit ihm, bis sie auf Indizien einer rechtsextremen Einstellung bei ihm stößt und sich zurückzieht. König droht ihr implizit mit Ärger um das Sorgerecht für Lotte, weil er befürchtet, dass Milena versuchen könnte, seine wahren Anschauungen öffentlich zu machen. Im Affekt schleudert Milena ihm vor einer laufenden Videoüberwachungskamera ausgerechnet die allgegenwärtige Kröte an den Kopf – was bei König überraschenderweise zu einem “Gehörsturz und Verbrennungen ersten Grades am rechten Ohr und auf der rechten Gesichtshälfte” (S. 199) führt. Auf den Videobändern ist jedoch keine Kröte zu sehen, sondern ein offenbar mit Säure getränkter Schwamm. Milena wird eines politisch motivierten Attentats bezichtigt und bereitet sich nun mental auf den Prozess vor, der von einem alten Richter mit dem sprechenden Namen Dr. Grimm geleitet werden wird.
An dieser Stelle setzt das Buch ein und lässt das beschriebene äußere Geschehen sich in einzelnen, nicht chronologisch erzählten Rückblicken zusammensetzen. Milena versucht dezidiert ein Bild ihrer scheinbar hoffnungslosen Situation zu entwickeln und macht als zentrales Element ihre immerwährende Erschöpfung aus. Ein wichtiger Faktor ist dabei die sich selbst auferlegte Glücksverantwortung für ihre Tochter Lotte:
Lotte aber soll behütet sein. Lotte soll es gut und sicher haben. Lotte soll ohne Angst, mit Zuversicht und Hoffnung aufwachsen.
Das ist das Wichtigste für mich. Und das Schwierigste.
Das, was mich tagtäglich wieder aufs Neue zerreißt (S. 104).
Die Kröte ist dabei ihr ständiger Gesprächs- und Diskurs-Kontrahent – als Partner kann man sie nicht wirklich bezeichnen. Doch interessanterweise sind es beileibe nicht nur Fake News und zynische Gemeinheiten, die sie von sich gibt, sondern auch Achtsamkeitsformeln und die ganze Palette an gängiger Küchenpsychologie, die die Protagonistin insgeheim ja auch gern für bare Münze nähme:
Beginne den Tag mit einem Lächeln auf den Lippen. Schenke dem Universum dein Lächeln. Du wirst es tausendfach zurückbekommen (S. 88).
Abschnittsweise gibt sich die Kröte als verständnisvoller Freund oder als therapeutische Instanz. Die von Beginn an implizit vorhandene Abneigung gegen die Kröte ist anfangs sogar eher durch die Behauptungen der Protagonistin als durch die Äußerungen der Kröte selbst bestimmt. Das ändert sich aber rasch, die Kommentare der Kröte werden höhnischer und sind immer öfter durchsetzt von giftiger Verachtung für Milena, deren Bemühungen, sich und der Kröte gegenüber ehrlich zu sein, sie gleichzeitig angreifbarer zu machen scheinen: ein Trugschluss, wie sich später herausstellt. Denn durch die klare, ganz bewusste sprachliche Aufarbeitung des Geschehens und der inneren seelischen Spannungen scheint am Ende doch so etwas wie Hoffnung auf für Milenas weiteren Weg und den Ausgang des Prozesses. Genau ausbuchstabiert wird das allerdings glücklicherweise nicht, und so kann sich Simone Hirths Lesegemeinde schließlich selbst ihr Bild davon machen. Doch wie Milena ganz am Schluss zur Kröte sagt: “Meine Geschichte endet erst, wenn mir die Wörter ausgehen. Und das ist, wie du siehst, nicht der Fall. Noch lange nicht.” (S. 205).
In einer Szene, welche die Protagonistin aus ihrer Zeit als Volksschullehrerin beschreibt, um zu erklären, weshalb sie diesen einst von ihr mit großen Erwartungen verbundenen Beruf irgendwann aufgab, wird das ganze destruktive Potenzial der Kröte offenbar – und mit ihm auch der aktuelle Gesellschaftsbezug der gesamten Romankonstellation. Die Wirkmacht implizit faschistoider Verhaltensweisen von gerade einmal zehnjährigen Schulkindern, die ungeahndet blieben und – schlimmer noch – einer syrisch-stämmigen Kollegin wegen derer spontaner und nachvollziehbarer Reaktion vonseiten einer rückgratlosen Schulleitung sogar eine Suspendierung einbrachte, machten Milena schlussendlich so mürbe, dass sie von sich aus ihre sichere und gut bezahlte Stellung aufgab, um nach einem nicht zu Ende gebrachten Jurastudium schließlich als Rezeptionistin ihr Auskommen zu suchen. Die Kröte stellt während dieses für Milena schmerzhaften Prozesses der Aufarbeitung andauernd relativierende, vom eigentlichen Thema wegführende und das Geschehen insgesamt verharmlosende Fragen und wirft Milena psychologisch geschickt vor, selbst an ihrer Situation Schuld zu sein.
Auch als Milena erzählt, dass ihre Mutter sie eigentlich ursprünglich auf den Namen Malina taufen lassen wollte, nimmt die Kröte auf zynische Weise diesen Bezug zu Ingeborg Bachmann und dem Namen ihrer Romanfigur auf, verwechselt ihn absichtlich und in verletzender Weise mit dem tatsächlichen Vornamen der Protagonistin. Die Dichterin sei “noch so ein lebensunfähiges Frauenzimmer” gewesen, wie die Kröte anmerkt (S. 25).
Es gibt zwei Stimmen der Kröte, zwei Sprechinstanzen, die unterschiedlich funktionieren. Die eine ist tatsächlich in Milenas Kopf und agiert mitunter gar wie ein freudianisch kommentierendes Über-Ich. Die zweite ist die Stimme des, zumindest für Milena und Lotte, physisch vorhandenen Tieres. Beide werden im Text auch unterschiedlich kenntlich gemacht: die innere Stimme kursiviert, die physische als direkte Rede in Anführungszeichen. So erscheint Milena permanent als Opfer eines Zwei-Fronten-Krieges zwischen Innen und Außen, dem Rückblick auf das Geschehen und dessen widerstreitenden Auslegungen in der Gegenwart.
Und stets impliziert das Bild der Kröte Sachverhalte, die mit der menschlichen Erfahrung und ihrem Umgang mit Redensarten, Mythen und Symbolen spielen: etwa mit einem im Allgemeinen als “hässlich” empfundenen Geschöpf, dem Sprichwort, dass jemand “eine Kröte schlucken muss” oder deren symbolischer Bedeutung im Mittelalter als Hexen- bzw. Teufelstier. Dass die Kröte andererseits auch als überaus weise, die Lebenswelten von Wasser und Land verbindend und als Symbol von Transformationen im persönlichen Leben eines Menschen gesehen wird, trägt zum Empfinden einer unterschwelligen Ambivalenz bei. Denn auch die Kröte ist bei aller Destruktivität nicht nur böse. Sogar Milena selbst muss ihr widerstrebend in manchen Punkten Recht geben.
Was das Buch immer wieder auf sehr poetische Weise der reinen Prosaebene enthebt, sind die zahlreichen und wohlgesetzten Gedichtzitate ausnahmslos von Dichterinnen wie Sylvia Plath, Hilde Domin, Marie-Luise Kaschnitz, Christine Lavant und der bereits erwähnten Ingeborg Bachmann. Poesie wird im romanhaften Geschehen von Hirth wiederholt als sinnstiftendes (Über-)Lebenselixier für ihre Protagonistin inszeniert:
Nichts will ich mit einem Gedicht. Das ist es ja gerade. Ich will es nur sagen. Nur denken. Um darin weiterzuatmen. Um den Mut nicht zu verlieren. Um bei Sinnen zu bleiben (S. 84).
Nur das Poetische, die Domin’sche “Rose als Stütze” kann auf Dauer persönlichen Rückzug und geistige Gesundung von Ich und Gesellschaft herstellen.
Simone Hirths Die Kröte ist ein eindrucksvolles Plädoyer für eine wahrhaftige und poetische Sprache, wie sie nur die reflektierte Literatur hervorzubringen vermag. Das könnte im übrigen auch eines der konkreten Merkmale sein, die eine humane und humanistische Literatur von einem nach simplen Wahrscheinlichkeitskriterien durch eine sogenannte künstliche Intelligenz zusammenkompilierten Machwerk immer unterscheiden werden.
Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.
