#Roman

Schneckenkönigin

Sabine Schönfellner

// Rezension von Franz Schörkhuber

Mit Schneckenkönigin legt Sabine Schönfellner nach Draußen ist weit (2021) ihren zweiten Roman vor. Ein nicht nur philosophisch forderndes Stück Prosa, das erneut durch die beklemmende Hermetik der Bewusstseinsformen ihrer Protagonistinnen geprägt ist. Der Kampf einer Frau um die Benennbarkeit ihres chronischen Krankseins weitet sich zu einer Spurensuche nach den Bestimmungsgründen des eigenen Selbstbilds.

Klara leidet an einer Krankheit, von der ihr niemand zu sagen vermag, was es sei. Die Schmerzen schießen plötzlich ein, die Schwindel- und Schwächeanfälle können Stunden oder auch Tage dauern, und wenn sie wieder vorüber sind, wüsste sie nicht zu benennen, worunter sie litt. Mehr noch als sie selbst, drängt Partner Matti darauf, endlich Klarheit zu schaffen: er dokumentiert die Symptome, recherchiert denkbare Diagnosen, liest Fachartikel und vereinbart Termine bei Ärzten. Klara selbst, die schon als Kind an wiederkehrenden Fieberanfällen litt, verzagt immer öfter, sie empfindet die prüfenden Nachfragen der Ärzte meist als kränkend und zeigt sich zusehends verstockt. Der Alltag, mit Kind, Job und Hausarbeit, ist kaum mehr zu bewältigen. Die Freundinnen bekunden zwar Hilfsbereitschaft, trauen sich dann aber doch nie zu stören. In der Arbeit zeigt man Verständnis – aber finden die meisten Projekte nicht längst hinter ihrem Rücken statt? 

Manchmal schien es so, als wäre wochenlang alles in Ordnung, als könnte sie Fahrrad fahren, stundenlang mit Lea auf dem Spielplatz bleiben, drei schwere Einkaufstaschen vom Supermarkt nach Hause und die Treppe hoch schleppen, am Abend noch einen Film zu Ende sehen, nachts dreimal von Lea geweckt werden und dennoch am nächsten Tage wieder aufstehen und von vorne beginnen. Dann wieder war sie ausgeschlafen und sicher, dass sie genug getrunken hatte, aber ihr wurde trotzdem plötzlich schwarz vor Augen. Sie konnte nie wissen, wann es umschlug, wann sie sich auf einmal in der Früh zu schwer und müde fühlte, um sich im Bett aufzurichten, und mit einem Mal ein kribbelnder Schmerz ihre Wirbelsäule nach unten ziehen würde. (S. 5)

Das kaum 160 Seiten starke Buch besteht aus 33 äußerst dicht komponierten Kapiteln, in denen wir meistens den verschlungenen, in sich abgekapselten Wahrnehmungsfolgen Klaras nachgehen. Ähnlich wie die spiegelverkehrten, falsch herum gewundenen Schneckenkönige tickt auch Klara in der Art ihrer Gedankengänge anders als ihre Mitmenschen. Was sie in sich selbst in sonderbaren Windungen denkt, bricht durch zufällige Trigger dann an den paradoxesten Stellen nach außen, sodass sich im Zusammensein mit Partner Matti, in den Gesprächen mit ihrer Schwester Lotte oder deren Mutter Marianne fortwährend Missverständnisse oder plötzlich abbrechende Halbannäherungen ergeben. Der solcherart entstehende Eindruck der Fremdheit und Undurchdringlichkeit nahestehender und einander im Grunde wohlwollender Menschen erzeugt eine ganz eigene Art der Bangigkeit, so als ob alle Menschen gleichsam hinter Glas lebten und die einander zugesandten Zeichen und Regungen notwendig der quasi privatsprachlichen Fehldeutung unterliegen würden. Doch hat diese Hermetik ihre eigene Poesie und Klara fühlt sich zuweilen auch geborgen in ihrer Verlorenheit:

Sie kannte dieses Gefühl, einfach aufzutauchen, ohne zu wissen, wo und wer sie war. Einmal hatte sie versucht, Hanna zu erklären, dass sie es beruhigend fand, wie ein Dahintreiben auf einem großen, offenen See, aber Hanna hatte sie nur entsetzt angesehen.
Sie erinnerte sich an einen schwarzen Strand, als sie die Gischt an einem Felsen aufschäumen sah und dachte, sie sei allein, eben erst aus einem Traum aufgewacht. Als sie sich zu Gehen gewandt hatte, hatte Stefan ihr nachgerufen, wo sie hinwolle. (S. 83)

Der Hang zur Verkapselung erweist sich im Laufe des Lesens als mitbedingt durch ungeklärte Fragen nach der eigenen Identität. Klara hieß eigentlich Carina, bestand als Kind aber auf dem Namen einer auf einem vergilbten Foto abgebildeten Frau in Federhut und Kostüm, von der die Mutter behauptet hatte, es handle sich um die vornehme Vorfahrin, von der auch die geerbte Perlenkette stammte. Dass jedoch die Erzählungen der Mutter ebenso erfunden waren wie die daran sich knüpfenden Fantasien der Kinder, ist eine Einsicht, die Klara während ihrer Suche nach dem richtigen Umgang mit ihrer Krankheit machen wird. Neben diesem Aspekt der Heilung, der über die Destruktion erzieherisch bedingter Verblendung und eine verspätete Akzeptanz der familiären Defizite erfolgt, nimmt die damit komplementäre Frage, inwieweit ihre Krankheit bestimmt sein muss, um damit leben zu können, entscheidenden Raum ein. Klaras wachsende Weigerung, sich von ihrer Umwelt (v. a. dem sie umsorgenden Matti) auf ihre Schwächen reduzieren zu lassen, geht auf dem langsamen Klärungsweg einher mit dem (zunächst reichlich undankbar wirkenden) Schwinden ihres Interesses an einer ärztlich sanktionierten Befundung ihrer Lage.

„Ich finde schon, dass du mit dir selbst jetzt viel geduldiger bist“, insistierte Matti.
„Ich habe mich mit manchem abgefunden.“
Er wiegte den Kopf hin und her: „Du wirst die Geduld schon noch brauchen.“
„Woher willst du das wissen?“ Er hatte schon wieder diesen Tonfall, als wäre er Arzt oder Psychotherapeut, als würde er sie über eine schmale Brille hinweg ansehen und ihr wohlwollend zunicken. Als wüsste er mehr über sie als sie über sich selbst, weil er mehr gelesen hatte. Als würde er nur darauf warten, dass sie etwas einsah, das ihm schon lange klar war. (S. 74)

Der Großteil der 33 Kapitel schildert die Wucht plötzlich hereinbrechender Schmerzen, man folgt Klaras mäandernden Gedankenwegen über ihr Anderssein und ihre Isolation, ihren Erinnerungen an eine von der Krankheit belastete Kindheit und Jugend. Meist sieht man sie allein im Bett, bei einsamen Wanderungen an einem Fluss oder See. Und selbst wo sie einmal mit anderen ist (mit einer Freundin im Kaffeehaus, mit der Tochter im Park, mit Lea und Matti am Meer), gilt die Aufmerksamkeit den seltsamen und abwegigen Seiten des Daseins, wie sie uns in jenen Momenten deutlich werden, da wir uns entfremdet haben von der Welt. 

Während wir von Lea und Matti nur indirekt, vermittels der Gespräche und Reflexionen Klaras erfahren, werden Schwester Lotte und Mutter Marianne eigene Kapitel gewidmet, wo wir an nächtlichen Fantasievorstellungen der Mutter und an Lottes Ängsten ob der zusehends brüchig werdenden Bindung zu ihrem Sohn teilhaben. Das Motiv für diese Perspektivenwechsel erschließt sich nicht sogleich, scheint mir aber darin zu liegen, den Zug zur Entfremdung als familiäre Disposition auszuweisen, mithin der Leserin nahezulegen, dass Klaras Krankheit, wo nicht genetisch, so doch erziehungsgeschichtlich mitbedingt sein könnte. Mir scheint diese in der Erzählabfolge wirksam werdende Suggestion nicht ganz redlich, weil sie zu undurchsichtigen Schlüssen verleitet. Das in Lottes Traum aufgebrochene Sujet der gleichsam naturhaften Bindung zwischen Mutter und Kind ist aber (wie etliche andere im Roman problematisierte Selbstverständnisse) für sich allein schon der Betrachtung und des Nachdenkens wert.

Sie war vor einer hohen Glasscheibe gestanden, auf der anderen Seite ein Kind, das sie nicht zu sehen schien. Es starrte sie an, hob eine Hand an die Scheibe und begann mit dem Zeigefinger hin und her zu wischen. Sie klopfte gegen die Scheibe, doch es war nichts zu hören.
[…] Ihr kam es so vor, als hätte sie den Traum nicht zum ersten Mal gehabt. Sie konnte sich an mehrere Kinder erinnern, die sie anzustarren schienen, sie aber hinter der Glasscheibe nicht sahen. Auf ihrer Seite war das Licht dämmrig grau. So weit sie nach links und rechts blicken konnte, sah sie nur eine kahle Fläche. (S. 96)

Das eine Vielzahl philosophischer Paradoxien in ihrer Dialektik vorführende Buch (Akzeptanz und Apathie, Abbild und Natur, Geworfenheit und Selbstentwurf, Realität und Fiktion, Identität und Verschiedenheit etc.) regt, so man sich Zeit nimmt, zum Denken und Besinnen an. Die Gestalt des Romans, der in kurzen Kapiteln jeweils einzelne Szenarien und Gedankenbilder vor Augen führt, ermöglicht es auch, die Dialektik dieser Begriffe zu entfalten und in der Schwebe zu halten, ohne auf eine letzte Synthese oder Lehre zu verpflichten. Der in der Übersicht ausmachbare Klärungs- und Heilungsprozess der Protagonistin ist insofern keineswegs definitiv und abgeschlossen und lässt sich ebenso gut als Resignation wie als Ausdruck der Zuversicht und des geduldigen Annehmens deuten. In dieser Hinsicht bezeugt das Buch (mit Ausnahme des oben geäußerten Vorbehalts) einen redlichen Umgang mit seiner Materie, die zu einer leichtfertigen Psychologisierung wie zu vorschnellen didaktischen Lehren einladen würde. Auch die oft nicht leichtgängig lesbaren, da destruktiven Gedankengänge der Protagonistin und ihr mitunter befremdliches Verhalten zeigen sich als, wo nicht notwendige, doch wichtige Schritte auf ihrem Klärungsweg – sofern es denn letztlich einer ist.

Allerdings ist gerade diese Vielzahl der in dem schmalen Buch aufgeworfenen philosophischen Fragen auch dem Vorwurf auszusetzen, dass nicht immer klar ist, wodurch sie jeweils vermittelt sind. Wer mit der Dialektik der oben genannten Begriffe einigermaßen vertraut ist, wird bei einer wohlwollenden Lektüre das Fehlen mancher Scharniere vielleicht hinnehmen können. Manch eine Leserin könnte sich aber fragen, was nun das von Lotte und Klara anlässlich eines Museumsbesuchs geführte Gespräch über Original und Abbild eines Baumzweigs mit dem Problem chronischen Krankseins zu tun haben soll; oder inwieweit Klaras kindliche Weigerung, ihren Taufnamen Carina zu tragen, tatsächlich ein fehlgeleitetes Selbstbild verrät. – Der oben erwähnte Vorzug des Buches, dass es die Herstellung der Zusammenhänge der Leserin überantwortet, könnte deshalb auch als ernster Mangel betrachtet werden: Indem es spezifische Aspekte in Zusammenhang mit Klaras Kranksein beleuchtet, wird deren kausale Verknüpfung suggeriert oder nahegelegt. Und da wäre es dann vielleicht doch redlicher, die suggerierten Verbindungslinien als solche auszuweisen.

Sabine Schönfellners Schreiben ist, so scheint es mir wenigstens, geprägt von einem großen Misstrauen in die Möglichkeiten der Verständigung. Die sprachlichen Manöver ebenso wie das Arrangement der Szenen evozieren eine Aura metaphysischer Verschlossenheit, in der Menschen wie fensterlose Monaden nebeneinanderher leben und in ihren Bewusstseinsräumen gefangen bleiben, ohne je auf echtes Verständnis durch andre hoffen zu dürfen. Indem bei der Beschreibung innerer ebenso wie äußerer Vorgänge zudem jegliches Gefühlsvokabular ausgespart bleibt, überträgt sich auf mich als Leser eine seltsame Beklemmung, die eben jene Verzweiflung oder Aussichtslosigkeit der Protagonistinnen zumindest ansatzweise nachspürbar macht. Dadurch wird das Lesen zu einer durchaus herausfordernden, da ins Düstere ziehenden Angelegenheit. Wer sich dafür gewappnet sieht, der oder dem sei die Lektüre dieses Buches nachdrücklich empfohlen. Ob immer man die verständigungsskeptische Sichtweise der Autorin teilt oder nicht – die Art und Weise, in der sie in ihren Büchern Innen und Außen in ihrem unversöhnlichen Nebeneinander vorführt, zeugt von einem großen schriftstellerischen Vermögen. Übertrieben beschwingend ist die Lektüre einer solchen Prosa freilich nicht.

 

Franz Schörkhuber war als Lektor für deutsche Sprache und Literatur in Prizren und Bratislava tätig und ist derzeit externer Lehrbeauftragter am Wiener Institut für Philosophie.

Sabine Schönfellner Schneckenkönigin
Roman.
Graz: Droschl Verlag, 2025.
160 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-99059-188-8.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Sabine Schönfellner

Rezension vom 13.10.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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