#Lyrik
#Debüt

einüben ins aussterben

David Hoffmann

// Rezension von Birgit Schwaner

Das Buch-Debüt David Hoffmanns beschenkt Leser:innen mit Gedichten, die in konzentrierter Sprache von Kindheit, Großstadtleben und dem Zusammengehen von Liebe und Angst erzählen.

David Hoffmann wurde 1985 in Oberwart geboren. Er ist zweisprachig aufgewachsen, u.a. studierter Philosoph, Übersetzer aus dem Ungarischen, Falsettsänger und Texter der “Poesiepunkband” Smashed To Pieces – und Dichter. Vor drei Jahren erhielt er für seine Lyrik den Literaturpreis der edition exil, in der nun sein erstes Buch erschien.

Ein Band mit rund hundert Gedichten in drei Kapiteln. Schwarz das Cover, die Schrift weiß und rot. Eine archaische Kombination: Schwarz das Dunkel, weiß das Licht, rot das Leben. Archaisch auch die beiden Symbole, die den Titel ergänzen. Möglichst reduziert, in einer Linie, ohne abzusetzen gezeichnet, in Weiß: ein Ei und darunter die Ourobos-Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt – manche sagen, sich selbst verzehrt – und so einen Ring formt. Einen Kreis, Bild der Wiederholung oder Wiedergeburt, wie auch das fruchtbare Ei. Aber beide Zeichen, so einfach sie sind, so ambivalent und vielfältig lassen sie sich deuten. Und das ist, vorweg gesagt, eine Eigenschaft, die sie mit David Hoffmanns Lyrik teilen, dem es gelingt, in einfachen Worten ein komplexes Geflecht an Bedeutungen und Perspektiven zu bündeln. Und mit eigener Stimme einen Teil der stets widersprüchlichen Wirklichkeit sprachlich zu spiegeln.

Schon der eingängige Titel einüben ins aussterben birgt bei näherer Betrachtung einen Widerspruch, der verhindert, dass man ihn als zynischen Kommentar zur gegenwärtigen Weltlage abtut. Die Präfixe „ein“ und „aus“ sind bereits für sich genommen ein Gegensatzpaar, das eine Spannung aufbaut. Diese wird dann mit der Verbindung der Wörter „einüben“ und „aussterben“ durch das Wörtchen „ins“ noch etwas gesteigert – und wirft Fragen auf, denn: Einüben ist mehr als üben, sozusagen eine andere, intensivere Qualität des Übens – was man einübt, will man sich ganz zu eigen machen, quasi einverleiben, by heart. Während aussterben auf quantitative Weise mehr ist als sterben, kein Individuum, sondern eine ganze Art betrifft – und einfach geschieht.

Geht es also darum, das Denken ans Aussterben einzuüben? Ähnlich der Aussage Senecas, man müsse lebenslang sterben lernen, sich seiner Endlichkeit bewusst sein. Aber diese bezieht sich wieder nur auf den einzelnen Menschen. (Die Ourobos-Schlange beißt sich in den Schwanz und rotiert um sich.)

Folgt man dieser Spur, lässt sich das – keineswegs stoische – Hoffmann’sche „einüben ins aussterben“ als Synonym für ein Lebensgefühl lesen, für ein Dasein, dem angesichts von Klimakatastrophe, Artensterben etc. das Aussterben, also ein sozusagen alles überdachendes „No Future“ ins Bewusstsein eingeschrieben ist.
Das gleichnamige Gedicht steht am Anfang des zweiten Kapitels „ins leere“. Ein angesprochenes Du (das den Leser, die Leserin ebenso meinen kann, wie den Autor im Selbstgespräch) wird darin an Alltagserfahrungen, -wahrnehmungen und -gefühle erinnert, die sich zu einem Bild der Trostlosigkeit addieren.

Auf die ersten zwei Zeilen „wie du aus dem unvermittelt anhaltenden zug blickst / ausschau hältst nach überresten eines suizidenten“ (S. 59) folgen weitere, stets mit „wie du“ eingeleitete Szenen, die die Empfindung von Leere und Sinnlosigkeit illustrieren könnten; Stichworte: Clubbing mit „bitterem schweiß auf der zunge“, Binge-Watching, das Vorbeihuschen an Crack-Rauchenden im Stiegenhaus, das „Nachschmecken“ des Geruchs eines Bettlers … In diesem Gedicht hat die existentielle Tristesse alle Sinne ergriffen, wird sozusagen seelisch eingeatmet. Und es scheint kein Entkommen zu geben, nur, vielleicht, eine kleine Freiheit, am Schluss, wo das Du nicht mehr mitten im Geschehen ist, sondern entfernter, wo der Blick übers Balkongeländer geht, über „den zebrastreifen / den felsvorsprung / den beckenrand“ und es abschließend heißt: „wie du über die landschaft schweifst und weißt:“ Das durch den Doppelpunkt offene, eigentlich „ins Freie geöffnete“ Ende lässt dem Ungewissen Spielraum, dem Nichtwissen im Wissen, der Hoffnung in der Desillusionierung.

Es spricht für das dichterische Können David Hoffmanns, dass dieses wie die anderen Gedichte in einüben ins aussterben an Facetten und Deutungsmöglichkeiten gewinnen, je öfter man sie liest. Es gibt, und so sollte es sein, nicht nur eine Lesart.

Ein Ausnahme stellen vielleicht nur einige wenige, mehr plakative Gedichte des Kapitels „ins leere“ dar, die konkret erzählend Szenen des urbanen Alltags, die Begegnung mit Bettelnden, Drogenkurieren u. a. oder heftige Gefühle wie Verzweiflung und Wut thematisieren. So erklärt in staub:kante (S. 67f.) – einem rasenden, rhythmisierten Kurzmonolog – das sprechende „ich“, seinen Kopf „wie ein hohles ei“ an der „tisch:kante“ zu zerschlagen, zerschlagen zu wollen: „er ist leer / er ist nichts“. Staccatohafte Aufeinanderfolge der Worte auch in fäulnis erde (S. 65) mit dem Anfang „viehisches viehgestöber / viehisches viehgestöber / mir anvertraut“ – was einen daran erinnert, dass der Dichter auch Punkmusiker ist (nicht nur wegen der assoziativen Nähe des Gedichttitels zum Wort „Punk“, das auf Deutsch „faules Holz“ bedeutet). Die besonders rhythmischen Texte, mehr „lyrics“ als Lyrik, lassen sich in diesem Sinn lesen (und wurden teils von Hoffmans Band smashed to pieces vertont): als eindringliches Manifest einer Reaktion auf die kaputte Welt – außen wie innen, Sprache: dazwischen. Und umgeben von Sprachlosigkeit, die sie formt.

Das ganze Spektrum an Tonlagen, Stimmungen und sprachlichen Bildern, die in David Hoffmanns Gedichten zu entdecken sind, zeigt sich dann, wenn man die drei Kapitel des Bandes zusammen betrachtet. Denn den mittleren Abschnitt „ins leere“ ergänzen zwei weitere, die ihren Ausgangspunkt jeweils in der Beschäftigung mit philosophischen/psychoanalytischen Themen haben. „ein grundriss“, das erste Kapitel, fasst Gedichte zu einem „lyrikessay“ (D. H.) zusammen, das, so David Hoffmann im Anhang, u. a. auf die Lektüre von Gaston Bachelards Buch Poetik des Raumes zurückgeht. Der Phänomenologe beschreibt darin das literarische Motiv des Hauses als Bild für die Kindheit und prägt den – positiv besetzten – Begriff der „Topophilie“, der Liebe zu eben diesem Gehäuse der Kindheit und seinen Räumen.

„es gibt ein ich / das hat zimmer küche bad / und einen raum / an den ringsum erde presst“ (S. 9), schreibt David Hoffmann zu Beginn seines Lyrikessays in zwei Teilen à 10 Gedichte. Es sind Kindheitserinnerungen, in denen Räume und Häuser für das Ich und seine Erfahrungen stehen und selbst zu leben scheinen. Dem ersten Teil, der nach Bachelard mit „topophilie“ betitelt ist, setzt Hoffmann einen zweiten entgegen: „topophobie“, der die andere Seite der Kindheitserfahrungen zum Thema hat, die Angst.

Auch ohne Wissen um den theoretischen Hintergrund sprechen die Gedichte für sich. Mit wenigen, Worten und surrealen Sprachbildern erzeugt David Hoffmann eine eigene, atmosphärische Dichte, die das magische Denken eines Kindes ebenso vermittelt wie die Entrücktheit früher Erinnerungen und der Unmittelbarkeit der damit verbundenen Gefühle und Fragen. Ein wenig wie Träume der Vergangenheit, die auch Leser:innen keine Ruhe lassen, da sie sie ebenso träumen wie den Autor.

Die Gefährtin der Liebe, die Angst, findet sich auch im dritten Teil ein: „an uns“ versammelt Liebesgedichte, die, schreibt David Hoffmann, aus einer zeitweiligen Beschäftigung mit Phobien entstanden. Vielleicht eines der schönsten trägt den Titel licht (S. 95) und verbindet in zwei Teil den großstädtischen Raum in Gestalt einer U-Bahn-Station mit der Sehnsucht nach dem geliebten Du: „ich suche züge / wie sie sich winden / vorbeiziehen // vertiefen // hervorspringen / hinter ecken und kanten könntest du stehen / dich bewegen / zwischen bruchstücken / die dein fehlen ergeben“, lautet die erste Strophe. Auch ohne die zweite, in der das sprechende Ich erklärt, es sei außerhalb „dieser tiefen schächte“ und „von leuchtwürmern durchzogener dunkelheit zu finden“, wird deutlich: Das „einüben ins aussterben“ ist der Versuch, zu leben. Hiervon, in aller Komplexität, erzählen die Gedichte David Hoffmanns. Die besten von ihnen wahren ein Geheimnis, das unserer Existenz entspricht.

 

Birgit Schwaner, geboren in Frankenberg/D und seit 1984 in Wien lebend, studierte Germanistik und Philosophie; Sie ist freie Autorin und Journalistin, seit 1994 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, seit 2000 Hörspiele im ORF, ab 2007 Bücher. Auszeichnungen (Auswahl): Siemens Literaturpreis, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur, Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen (Nordrhein-Westfalen); Werkzuschuss aus dem Jubiläumsfonds der Literar-Mechana; Österreichisches Projektstipendium für Literatur. Zuletzt erschienen: Alice und Ich (Klever, 2023) Podium Porträt Nr. 108: Birgit Schwaner. Gedichte und Flaschenposten (hg. von Erika Kronabitter, Literaturkreis Podium, 2020) und Jackls Mondflug (Klever, 2017).

David Hoffmann einüben ins aussterben
Gedichte.
Wien: edition exil, 2025.
124 Seiten, broschiert.
ISBN: 978-3-901899-97-3.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor

Homepage von David Hoffmann

Rezension vom 21.08.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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