Es waren Zufälle und die Ermutigung durch Bekannte, die Barbara Klein bestärkten, die Geschichte ihrer „rätselhafte[n]“ jüdischen Familie nachzuzeichnen. Im Nachlass ihrer Eltern fand sie u. a. Briefe der Kriegs- und Nachkriegsjahre, Originaldokumente und Fotografien. Nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit hatte sie Zeit, sich damit und mit den Rissen in ihrer Familie zu beschäftigen. Im Nachwort erzählt sie, wie es zur Idee des Buchs kam und dass viele Menschen halfen, das „Puzzle mit tausend Einzelteilen“ (S. 214), zusammenzusetzen, indem sie Wissen mit ihr teilten oder die auf den Fotos abgebildeten Personen identifizierten. Die Autorin nennt zudem Archive, mit deren Hilfe sie Lücken in der Familienbiografie füllen konnte. Dennoch bleiben Leerstellen, was im Buch in Form von Fragen deutlich wird, die heute niemand mehr beantworten kann.
Barbara Klein umreißt das Leben dreier Generationen in kurzen, prägnanten und weitgehend chronologisch entwickelten Erzählungen. Sie sind als Teile einer größeren Geschichte so ineinandergeschoben, dass wir begreifen, wie die drei Zeitebenen nicht nur für sich stehen, sondern aufeinander wirken.
Da sind zunächst die Großeltern Bruno und Else Klein. Bruno ist Zahnarzt und Professor für Zahnmedizin an der Universität Wien. Er ist Jude und sieht die Gefahren durch den Nationalsozialismus. Der fast Sechzigjährige versucht 1938, Ausreisegenehmigungen und Visa für seine Familie zu bekommen. Dies gelingt für seine beiden Söhne Rudolf und den zwei Jahre jüngeren Erich. Doch er selbst scheitert „mit allen fünf Emigrationsversuchen“ (S. 59) und verbringt mit Else den Krieg in Wien.
Er überschreibt seiner katholischen Frau, einer „Vollarierin in privilegierter Mischehe“ (S. 144) die Gersthofer Villa, um das gemeinsame Wohnhaus auf diese Weise zu arisieren. 1939 konvertiert er zum Christentum, was ihm leicht fällt, weil er sich „nicht als Angehöriger einer jüdischen Religions- und Schicksalsgemeinschaft“ (S. 35) fühlt. Doch ihm wird schon 1938 die Lehrbefugnis entzogen, er muss seine Ordination schließen und den Zusatznamen Israel tragen. Sein gesamtes Vermögen verliert er im Lauf der Nazi-Herrschaft und darf als Zahnarzt und Kieferchirurg nur mehr im letzten jüdischen Krankenhaus Wiens ordinieren. Nach dem Krieg wird Bruno als Professor wieder an die Universität berufen und kann seine Ordination neu eröffnen. Die Rückerstattung des Vermögens gelingt ihm nicht. Er stirbt 1954, drei Monate vor Barbara Kleins Geburt.
Die zweite Generation ist jene von Barbara Kleins Vater Rudolf. Informationen über sein Leben in der Emigration entnimmt sie Briefen, die Bruno und Else mit ihrem Sohn wechseln und die auszugsweise im Buch abgedruckt sind. Sie sind von gegenseitiger tiefer Zuneigung und Liebe geprägt, was dem Sohn über Phasen auswegloser Verzweiflung und Depression hinweghilft. Die Eltern verschweigen indessen ihre schlechte Lage in Wien. Stattdessen bekräftigen sie in ihren Nachrichten stets „Bei uns ist soweit alles in Ordnung“ (S. 141), was Klein zur Wahl des Buchtitels bewog.
Während Rudolfs jüngerer Bruder Erich nach England flüchtet, gelangt der 19-jährige zunächst nach Brüssel, wo er die Weiterreise verabsäumt, weil er sein in Wien begonnenes Musikstudium fortsetzen will. Nach dem deutschen Einmarsch in Belgien wird er nach Frankreich deportiert. Er verdankt sein Überleben Zufällen und glücklichen Fügungen. Mehrere Versuche, in die Schweiz zu fliehen, misslingen, bis er dort schließlich Ende 1942 Asyl bekommt. Durch ein Stipendium und die finanzielle Zuwendung eines Verwandten kann er in Fribourg/Freiburg sein Studium fortsetzen. Er lernt die Schweizerin Maja kennen, heiratet und kehrt mit ihr Ende 1946 nach Wien zurück.
Die beiden verbindet eine lebenslange Liebe, wie Briefe des Paars belegen, das eine traditionelle Ehe führt. Er ist leidenschaftlicher Musikwissenschaftler, „lebt in seiner eigenen Welt“ (S. 8) und geht in seiner Arbeit auf, während sie den Haushalt führt, vier Kinder aufzieht und weiblichen Pflichten nachgeht. Erst spät wird sie sich „ihres Schattendaseins als Hausfrau und Mutter bewusst“ (S. 186) werden.
Die dritte Perspektive ist jene der Nachgeborenen. Barbara Klein wurde 1954 als einzige Tochter nach drei Söhnen geboren. Liebe und Zärtlichkeit erfahren die Kinder kaum. Stattdessen prägen psychische und physische Gewalterfahrungen, wie damals in der Erziehung üblich, ihr Aufwachsen – in den 1970er Jahren wird dafür der Begriff der „Schwarzen Pädagogik“ geprägt und erst 1989 in Österreich das Gewaltverbot in der Erziehung gesetzlich verankert werden.
Rudolf und Maja bilden „eine geschlossene Front“ (S. 97) gegen ihre Kinder, sprechen mit ihnen wenig und gehen nicht auf ihre Fragen ein. Wichtigste Aufgabe der vier Geschwister ist es, „maximale Leistung zu erbringen.“ (S. 8) Vor allem aber müssen sie brav sein, sich ruhig und gesittet verhalten und haben zu schweigen.
„Ich muss Gästen Bussis geben, oft wildfremden Menschen. Grüß Gott sagen, knicksen, lächeln, süß sein. Und dann verschwinden.“ (S. 21)
Für Fehlverhalten gibt es drastische Strafen. Klein beginnt ihr Buch mit einer für ihre Kindheit typischen Prügelszene. „Sie ist sechs und es ist schon oft passiert. […] Den drei Brüdern sicher öfter.“ (S. 7) Der Vater kommt nach Hause, packt den Teppichklopfer und schlägt auf sie ein. Er „weiß nicht, worum es geht. Gründe für die Strafen interessieren ihn nicht. Die Mutter ist Richterin, sie fällt das Urteil, der Vater führt es aus.“ (S. 8)
Für das Kind, erinnert sich Klein, wiegt am schlimmsten „die Demütigung. Die windelweich geschlagene Würde.“ (S. 9) Und Demütigungen gibt es im Lauf ihrer Kindheit viele. Dazu zählt, dass das Mädchen nicht aufgeklärt wird. Als sie als Volksschülerin sexuelle Gewalt erfährt, kann sie sich niemandem anvertrauen und sucht die Schuld an dem Vorfall bei sich. Und als sie in der Schule von der ersten Regelblutung überrascht wird, schämt sie sich. Es sind Szenen wie diese, in denen Barbara Klein von der Ich- in die Außenperspektive wechselt, wohl einerseits, um das Geschehen zu distanzieren, andererseits um zu verdeutlichen, dass es sich um keine bloß privaten Erinnerungen handelt, sondern dass sehr viele Mädchen ihrer Generation unaufgeklärt blieben und ähnliche Dinge erlebten.
Ihre Zeit wird schon früh mit schulischen und häuslichen Aufgaben überfrachtet. Oft hat sie Hausarrest, auch Fernsehverbot oder der Entzug des Abendessens sind gängige Strafen. Das Mädchen findet Wege, sich zu entziehen. Sie ist getauft und beeindruckt vom Brimborium der katholischen Kirche. In ihrem Zimmer improvisiert sie einen Altar, spielt am liebsten Heilige Messe und ist sich früh über ihren Berufswunsch im Klaren. Erst die Elfjährige erfährt, dass sie weder Priesterin noch Päpstin werden kann, weil sie ein Mädchen ist. „Es dürfte dieser Moment sein, der mich in der Sekunde zur Feministin werden lässt.“ (S. 77), resümiert die Autorin.
Über die Gräuel der Nationalsozialisten und die familiären Verluste wird nicht gesprochen. Erst mit „ungefähr achtzehn“ (S. 81) Jahren erfährt Klein vom Judentum, der Shoah und von ihren fehlenden Verwandten. Zu dieser Zeit ist sie allerdings schon mit der Wahl ihres Berufes beschäftigt, mit dem die Eltern nicht einverstanden sind. Sie studiert am Reinhardt-Seminar, wird Schauspielerin und erarbeitet feministische Kabarettprogramme. 2000 ist sie Mitbegründerin des kosmos.frauenraums, der wenig später in KosmosTheater umbenannt wird und dessen Intendantin sie bis 2018 bleibt. Früh wird sie Mutter und Alleinerzieherin einer Tochter, erfährt Solidarität, bekommt Hilfsangebote und erlebt Enttäuschungen, von denen sie einige im Buch anspricht.
Klein thematisiert auch das Schicksal ihrer Brüder und die Beziehung zwischen den Geschwistern, die nie harmonisch ist. Ihr Lieblingsbruder stirbt als junger Mann bei einem Verkehrsunfall, was auch ihren Eltern sehr nahe geht. Ein anderer Bruder verursacht Familiendramen und der Kontakt bricht schließlich ab. Nur zum ältesten Bruder bestehen lose Beziehungen. Er hatte am meisten unter den Erziehungsmaßnahmen zu leiden und kann seinen Eltern weder den rohen Umgang noch seine beschränkten Entwicklungsmöglichkeiten verzeihen, weil sie sein Leben bestimmen. 80 Jahre nach Ende des Kriegs sind die Geschwister zudem immer noch mit Versuchen „der Durchsetzung einer Restitution“ (S. 183) befasst.
Barbara Klein schreibt in ihrem Buch gegen das Vergessen an. Sie ruft die jüngere Zeitgeschichte wach, die weder zuhause noch in ihrer Schulzeit thematisiert wurde, weil dort der Unterricht nie über den Ersten Weltkrieg hinauskam. Die Erzählungen über ihr Aufwachsen sind privat und zugleich ein wichtiges Zeitdokument. Denn sie beschreiben prototypisch die Bedingungen, unter denen Kinder der 1950er und 1960er Jahre aufwuchsen, weil die Leiden der Kriegsgeneration nachwirkten. „Gegen das Vergessen“ (S. 202) ist auch Titel des letzten Kapitels ihres Buchs, in dem sie an das Schicksal naher und ferner Verwandter erinnert. Manche wurden umgebracht oder haben sich dem Nazi-Regime durch Suizid entzogen, anderen gelang die Flucht und ihre Nachkommen leben heute in Brasilien, Kanada und Ländern Europas. Auch die Überlebenden und ihre Nachkommen seien letztendlich „Überlebende der Shoah“ (S. 203), meint Klein und setzt ihnen mit ihrem Buch ein würdiges Denkmal.
Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020, Finalistin beim Lyrikpreis Meran 2026; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com
