Es rauscht
Das Rauschen ist in Jules Alltag immer da. Da fließt der Bach hinter dem Haus, dessen Rauschen sie nachts, wenn es stiller wird, noch lauter hören kann. Im Dunkeln rauscht auch das Babyfon, wie ein Störgeräusch, um das eigentliche „Störgeräusch“ des wachgewordenen Kindes hörbar zu machen. Dazwischen rauscht es oft auch in ihrem Kopf, vor Müdigkeit und permanenter Anspannung. Kein ungewöhnliches Symptom für die anstrengende erste Zeit, die Eltern mit einem Neugeborenen haben. Und Jule will es richtig machen, dem Kind das Beste geben, nachdem die Geburt nicht ganz komplikationslos verlaufen ist. Auch Elias ist beeindruckt davon, wie schnell und gut Jule alles hinbekommt, während er scheinbar zu sorglos mit dem Kind umgeht und dabei Fehler macht. Selbst seine Frau zu trösten, schafft er nicht und sie weint viel in dieser Zeit. So tut er, was er kann, und kümmert sich um das Haus und die Alltagsverrichtungen. Das dämpft sein Gefühl ein wenig, außen vor zu bleiben und nicht richtig zu der kleinen Neofamilie zu gehören. Und wenn er ehrlich ist, versteht er Jule oft nicht und auch nicht, warum er schon wieder etwas falsch gemacht haben soll. Dabei scheint für ihn doch alles perfekt zu sein mit Jule und dem Kind.
In Jule hingegen kommt schon nach wenigen Monaten das beängstigende Gefühl auf, dass mit ihrem Kind etwas nicht in Ordnung ist. Der Vergleich mit anderen Gleichaltrigen, die Gespräche mit deren Eltern und sogar die Herstellerempfehlungen von einschlägigen Produkten wie einem Buggy (das empfohlene Sitzalter sind 6 Monate, Jules Kind ist fast dreimal so alt und kann nicht darin sitzen) liefern ihr immer neue Indizien und Begriffe zum Thema Entwicklungsstörungen, die sich nicht ignorieren lassen. Ihre Beobachtungen und die im Internet in schlaflosen Nächten recherchierten Ergebnisse lassen ihren Verdacht langsam zur Gewissheit werden. Und damit wachsen nicht nur Angst und Sorge um das Kind, sondern auch die Schuld, der Verantwortungsdruck und letztlich die Einsamkeit.
Irgendwann „rauscht“ das normale Leben an Jule vorbei. Sie zieht sich zunehmend aus der Welt „da draußen“ zurück. Zu anstrengend ist es für sie, die Balance zu finden zwischen dem, was das Kind braucht, und dem, was die Umgebung erwartet und fordert. Denn vor allem dann, im Zusammensein mit anderen, wird die von der Norm abweichende Entwicklung des Kindes zu einer eindeutigen und schmerzhaften Tatsache. Selbst mit Elias kann sie ihre Sorgen und Ängste nur selten so teilen, dass sie sich auch verstanden fühlt.
Zwischen den beiden hat sich eine Kluft aufgetan und die kleinsten alltäglichen Dinge werden zum Anlass für Verletzungen; Unverständnis und wachsende Wut auf den anderen nehmen zu. Jule glaubt sich allein verantwortlich für eine adäquate Betreuung des Kindes, scheint doch nur sie die ganze Tragweite seines Andersseins zu erkennen und sich ernsthaft um Verbesserung – etwa in Form von Therapien – zu bemühen.
Elias hingegen findet, sie übertreibe das „Problem“. Er fügt sich aber in die ihm durch die Umstände und nicht zuletzt Jules Verhalten zugedachte Rolle des Ernährers und Erhalters. In den Zeiten, in denen er seinen Anteil an der Care-Arbeit nicht praktisch unter Beweis stellen kann, flüchtet er in die Welt von reaktionären Podcasts, die von der biologisch begründeten Mutterschaft in jungen Jahren oder von den ebenso naturgegebenen männlichen Beschützer- und Ernährerinstinkten erzählen. Instinkte, deren Verlust – da braucht man sich nicht wundern –den Mann in Angst, Depressions- und Aggressionszustände versetzen können. Und macht er seine Sache als Vater nicht gut, so wie die Millionen von Vätern davor? Kümmert er sich nicht um all die wichtigen Sachen, ohne die der Familienalltag nicht funktionieren könnte? Immer öfter ärgert er sich über Jules Sturheit, mit der sie vorgibt, ganz allein zu wissen und entscheiden zu können, was das Kind brauche und wie alles zu sein habe. Darum nutzt er seine Chance, sich die gebührende Anerkennung und Wertschätzung auf andere Art zu holen.
Das Kind
Ist es am Anfang des Buches, wo Jule noch schwanger ist, nachvollziehbar, wenn vom Kind als neutrales Wesen mit unbekanntem Geschlecht geredet wird, so wünscht man sich als Leser:in ab der Geburt und mit zunehmendem Alter des Kindes zumindest einen Namen. Doch das Kind bleibt immer etwas nicht ganz Eindeutiges. Tatsächlich ein kluger literarischer Kunstgriff, denn so schafft es die Autorin, die Aufmerksamkeit bei den Erwachsenen und – so könnte man subsumieren – den verantwortlich handelnden und entscheidenden Protagonist:innen zu belassen. Das Kind bleibt, nicht zuletzt durch seine Sprachlosigkeit, eine Projektionsfläche für all die Annahmen, Vorstellungen und Erwartungen, die nicht nur die Personen im Buch, sondern tatsächlich auch wir als Leser:innen über und an „es“ haben.
Etwas unklar bleibt auch die Diagnose, die Jule und Elias gegen Ende des ersten Teils erhalten und die den Roman teilt in eine Zeit davor und in eine Zeit danach. Die größte Herausforderung in der ersten Phase ist die Sprachlosigkeit. Nicht nur das Kind spricht nicht, gibt maximal Laute oder unartikulierte einzelne Wörter von sich, auch das Darübersprechen zwischen den Eltern, mit der Umgebung, selbst mit Expert:innen funktioniert nur unzureichend. Im Austausch mit Letzteren kann sich Jule wenigstens in die medizinisch einschlägige Fachsprache retten, für ihre Gefühle fehlen ihr aber – ebenso wie Elias – die passenden Worte.
Es stellt sich schließlich heraus, dass das Kind mit einem sehr seltenen Gendefekt geboren wurde, zu dessen Erscheinungsbild Entwicklungsstörungen wie Sprechapraxie und motorische Dyspraxie zählen, aber auch Hypersensibilität und Symptome aus dem Autismusspektrum.
Endlich gibt es einen medizinischen Befund und Jule kann damit die richtigen Expert:innen konsultieren und passende Therapien in Anspruch nehmen. Endlich scheint es so etwas wie einen Weg für sie zu geben und vor allem – wenn auch nur online – den Austausch mit anderen Eltern in ähnlichen Lebensumständen. Menschen, denen Jule auf Augenhöhe von ihrem Alltag erzählen kann und von deren Alltag hört und Tipps, Zuspruch und Trost erhält. Das Suchen und Ringen um Bestätigung, Antworten und Erklärungen ist zwar ein Stück weit zu Ende, dafür stellen sich ihr aber neue Fragen. Fragen, die sich um eine mögliche gemeinsame Zukunft drehen und darum, wie es für sie als Mutter, Partnerin und Frau weitergehen könnte. Und auch die Frage der Schuld ist nicht gelöst, sondern hat nun lediglich einen konkreten Boden, auf dem sie weiterwachsen kann.
„Für alle, die nicht so selten sind, wie sie glauben“ (S. 5)
Der Text rührt an einige offenen Wunden unserer Gesellschaft. Zu oft ist Elternschaft nur auf dem Papier eine praktische Angelegenheit von zwei Personen. Noch immer führen strukturelle Gegebenheiten dazu, dass die Mütter nicht nur die Hauptlast der Care-Arbeit übernehmen, sondern dafür auch auf eigenes Ein- und Fortkommen, Karriere und finanzielle Absicherung verzichten müssen. Aber auch moralisch wird es immer noch vorwiegend der Verantwortung und dem Versagen der Mutter zugeschrieben, wenn ein Kind sich nicht normgerecht entwickelt und kein angepasster, funktionierender Teil der Gesellschaft ist. Das Buch verweist aber auch darauf, wie Inklusion theoretisch aussehen könnte und in der Realität tatsächlich aussieht, wie wenig die meisten von uns mit betroffenen Kindern, deren pflegenden Angehörigen und generell Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen umgehen können.
Doch die größte Stärke von NACHTS NUR DAS RAUSCHEN liegt nicht darin, den Finger zu erheben und mahnend auf diese Wunden hinzuweisen oder gar ein Rezept für ein Heilmittel zu „verschreiben“. Es ist auch nicht allein die Sichtbarmachung der Missverhältnisse in einer Gesellschaft, die Individualität und Diversität hochhält, die die Integration von beeinträchtigten Menschen propagiert, in der Realität aber den Anforderungen und Bedürfnissen dieser Personen und deren Angehörigen „hinterherhinkt“ (ja, genau dieses Wort braucht es an der Stelle!).
Am eindrücklichsten aber ist der leise und unausweichliche Zwang, sich als Leser:in mit der eigenen Einstellung auseinanderzusetzen, darüber nachzudenken, was wir selbst als Norm erachten und wie wir mit dem umgehen, das von dieser Norm abweicht.
Vielleicht ließe sich der eine oder andere Aspekt in einem Sachbuch zum Thema wesentlich klarer und fundierter darstellen. Ein literarischer Text zu diesem Thema geht tiefer, er spricht unsere Empathie an und zwingt uns nicht nur, nachzufühlen, wie es in Jule und Elias als Eltern aussieht, sondern ermöglicht uns zugleich, auch die Seite der „Außenstehenden“ einzunehmen, der Freund:innen, Nachbar:innen, Therapeut:innen und Ärzt:innen. Nicht mehr, aber auch kein bisschen weniger. NACHTS NUR DAS RAUSCHEN ist ein Roman, nicht nur „für alle, die nicht so selten sind, wie sie glauben“, und denen die Autorin das Buch widmet, sondern einer für ALLE.
Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.
