Die Pneumatische war ein der Rohrpost nachempfundenes Transportsystem für Leichen, das, Ende des 19. Jahrhunderts vom Ingenieur Franz von Felbiger ersonnen, nie realisiert wurde. Sie bildet nicht nur den wichtigsten Schauplatz, sondern auch das motivische wie erzählerische Epizentrum dieses höchst eigensinnigen Buches, mit dem die von Social Media, dem FM4-Wortlaut-Wettbewerb und dem Ingeborg-Bachmann-Preis bereits bekannte Wienerin nun endlich auch als Romanautorin debütiert.
Der reale Plan, den logistischen Herausforderungen, die sich mit der Eröffnung des Zentralfriedhofs im Herbst 1874 (dem damals größten Friedhof Europas) für die österreichische Hauptstadt ergaben, mit einem durch Druckluft betriebenen, unterirdischen Transportsystem zu begegnen, findet sich in Wipauers Wien umgesetzt; die Pneumatische wurde kurz nach Eröffnung des Zentralfriedhofs im Wiener Gemeinderat beschlossen, dann gebaut und in der Gegenwart der Erzählung auch schon wieder geschlossen.
Merian, die Erzählfigur des Romans, besitzt als eine von wenigen noch einen Schlüssel zu den Tunneln und bietet offenbar regelmäßig Führungen unter Tage an. Eine solche Führung bildet auch die Rahmenhandlung des Buches – Merian leitet eine Gruppe junger Männer durch den Untergrund und erzählt dabei allerlei Wissenswertes über die Geschichte der Bahn, die Mythen, die sie umgeben, und die vielen Fehlannahmen und Projektionen, mit denen sich vor allem Männer allzu oft aufmachen, um die Stollen zu erkunden. So entspinnt sich ein vielschichtiges Netz an Erzählfragmenten, das sich aus persönlichen Erinnerungen Merians, Tagträumen, faktischen wie kontrafaktischen Details und Anekdoten ebenso speist wie aus den auswendig gelernten Fakten, die Jaun, Max, Stefan und Florian – allesamt ausgeprägte ‚Gschaftlhuber‘ – auf ihren Trip in die Unterwelt mitbringen. Man erfährt dabei von Merians Kindheit „hier unten“, als Tochter einer der „letzten Mitarbeiterinnen der Wiener Pneumatischen Leichenbeförderung“ (S. 50), von Jenny, Vera und Viki, den liebenswert-seltsamen Kolleginnen der Mutter, von etlichen Schulwechseln und verschwundenen oder gar nicht existenten Vätern; von physiologischen Veränderungen toter Körper, von etlichen prominenten Toten Wiens und von deren Nachleben und dabei natürlich von Niki Lauda (im Netz schreibt Wipauer auch regelmäßig über die Formel 1):
Als Niki Lauda in seinem Rennanzug aus der Kapelle runter zu uns in die Station der Pneumatischen Leichenbeförderung gesenkt wurde, ahnten wir schon, dass es nicht gut gehen konnte. (S. 48)
Wipauer zeigt in all dem ein ausgeprägtes Talent für das wilde Fabulieren, zugleich ist der Roman das Resultat umfänglicher Recherchearbeit. Fakten und Erfundenes überlagern sich dabei immer wieder, bis ins dezidiert Widersprüchliche, wobei man als Lesende selten die Orientierung behält – eine grundlegende Irritation, die der Roman auch rein formal klar herausfordert, verzichtet er doch auf jedwede Markierung von Sprechtext innerhalb des Erzähltextes – keine Krähenfüße, keine Guillemets. Von Merian Gedachtes, Gesagtes und Erlebtes ist so kaum voneinander zu unterscheiden.
Und auch wenn es an einer Stelle heißt: „Meine Mutter hat immer gesagt, ich solle die Wahrheit sagen, die Wahrheit komme immer ans Licht“ (S. 136), lässt es sich im Halbdunkel der Pneumatischen einfach besonders gut flunkern: „Meine Mutter, so hat man mir es erzählt, war ein rot-weiß lackierter Gelenkbus der Wiener Linien.“ (S. 278)
Die kontrafaktische Prägung von Wipauers Erzählwelt entsteht allerdings nicht aus der Lust am Fabulieren allein – auch wenn man den absurden Konstellationen, die daraus oft entstehen, viel abgewinnen kann. Der Roman verfolgt damit auch das ambitionierte Unterfangen, sich dem Phänomen Tod und dem menschlichen Umgang damit möglichst vielschichtig anzunähern, wobei eben auch Phantastisches und potenziell Mögliches Platz in dem aus vielen Einzelerzählungen resultierenden Panorama finden. Ganz nebenbei entsteht dabei fast so etwas wie eine kleine Kulturgeschichte des Sterbens – man könnte es auch einen modernen Totentanz nennen, der allerdings die Grundaussage dieser mittelalterlichen Text- und Bildtradition in ihr Gegenteil verkehrt. Denn Wipauer betont mehrfach, auch oder gerade vor dem Tod sind nicht alle gleich.
Der Tod ist immer eine Frage des Geldes. Man möchte meinen, er käme jeden holen, Groß und Klein, Jung und Alt, Arm und Reich, aber dem ist nicht so. Zu den Reichen kommt er auf Zehenspitzen, hat Samthandschuhe an, klopft an, gibt seine Visitenkarte ab, räuspert sich verlegen, wenn es dann doch schnell geht. Bei den Reichen bringt der Tod selbst die Blumen mit.
Die Armen schleift er an den Ohren durch die Winternacht, die letzten Kleider werden noch von der Reibung zerwutzelt, die das Schleifen auf der Straße erzeugt, die Pferdefuhrwerke fahren ungerührt über die Füße, alle sehen weg, keiner sieht jemanden zappeln, keiner hört jemand heulen, das war bestimmt ein Hund, der da jault, sagen sie. (41)
Und so sind Merians Erzählungen bestimmt von den Schicksalen all jener, die es unter den Reibungen dieser Welt noch im Tode zerwutzelt hat: Sie erzählt etwa von ungetauft verstorbenen Kinder, deren Leichname in fragwürdigen Ritualen kurzzeitig ‚wiederbelebt‘ wurden, um im Zuge einer Wundertaufe doch noch ewiges Seelenheil zu erlangen; oder vom grotesken Ringen um den Verbleib der sterblichen Überreste Rosa Luxemburgs, von der Exhumierung Ida Pfeiffers, oder ganz allgemein vom meist männlich besetzten Fetisch, über den Körper weiblicher Personen auch nach dem Ableben noch zu verfügen. Somit ist Merians Erzählen nicht nur ein Erzählen von „hier unten“, sondern auch ein Erzählen ‚von unten‘, in dem die Oben/Unten-Dichotomie, die gleich mit dem ersten Satz aufgemacht wird, mehrfach an Bedeutung gewinnt: „Die Menschen da draußen glauben, wir hier unten hätten die Sonne nie gesehen. Das ist nicht wahr.“ (S. 7)
Die Tunnel stehen dabei immer wieder sinnbildlich für das in Erzählungen allzu oft Verzerrte, Missbrauchte oder Unterrepräsentierte: „Die Tunnel der alten Städte jedoch werden gefüllt oder besichtigt oder absurd.“ (S. 14) Im Widerspiel mit ihren präpotenten und zum Teil offen misogynen Klienten gewinnt Merian erzählend nach und nach die Deutungshoheit und damit letztlich Macht. So kippt auch die Rahmenerzählung zunehmend ins Phantastische und schließlich ins Gespenstische, wenn plötzlich Dinge in den Tunnelsystemen auftauchen, die eigentlich nicht da sein dürften, wenn eine zunächst noch subtil sich ankündigende Bedrohung „von hier unten“ (S. 339) greifbar wird und Merian wiederum erzählend die Geschicke der jungen Männer im Tunnelsystem anleitet.
Wer die Erzählung bestimmt, bestimmt zu einem nicht unbedeutenden Teil, was für wahr gehalten wird – das ist gewiss keine neue Einsicht, doch die Wirkweise gesellschaftlicher Hegemonien, allen voran patriarchaler Strukturen, durchgängig am Motiv des Todes, des Sterbens und der Trauer aufzuschlüsseln, ist ein höchst originelles wie kühnes Unterfangen, das Wipauers Text so konsequent wie überzeugend umsetzt.
David Wimmer-Wallbrecher, geb 1993 in Tamsweg. Studium der Germanistik und Kunstgeschichte in Graz und Bristol. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Franz-Nabl-Institut in Graz und. Kulturschaffender in unterschiedlichen Konstellationen (Film, Literatur, Theater), außerdem ist er Mitglied des Autor:innenkollektivs plattform. Letzte Publikationen: Glitches, Bots und Strahlenkatzen. Gegenwart bei Clemens Setz (Hg. mit Klaus Kastberger, Sonderzahl 2022), Gerhard Roth. Archen des Schreibens (Hg. mit Daniela Bartens, Sonderzahl 2025).
