Auf Seite 116 dieses schmalen Buchs fällt das Wort „Wutwalzer“. Und das trifft’s: Dine Petrik, Lyrikerin, Romanautorin, Essayistin, schreibt fließend-stockend, poetisch-nüchtern, atemlos-hyperventilierend über das Leben der Bildhauerin Camille Claudel, das eine „verstörende Geschichte“ (S. 136) abgibt, wie die Kulturjournalistin und Kritikerin Barbara Beer in ihrem Nachwort bemerkt.
Wenn man möchte, kann man tatsächlich alles Mögliche über das empörende Schicksal Claudels nachlesen und -sehen, denn nach Jahrzehnten, in denen sie „an den Rand gedrängt wurde“, so Beer, kam doch noch die Anerkennung und damit die Rekonstruktion nicht nur ihres Lebenslaufs und ihres künstlerischen Schaffens, sondern auch die Beleuchtung der Rollen, die Auguste Rodin (Lehrer, Mentor, machtmissbrauchender Liebhaber, Neider) und Paul Claudel (um seinen Ruf besorgter Bruder, katholischer Dichter, Diplomat) darin spielten. Letzterer konstatiert, nachdem seine Schwester auf Betreiben der Familie hin auf Nimmerwiedersehen im „Irrenhaus“ verschwunden ist, sie hätte aus Enttäuschung über das gebrochene Heiratsversprechen Rodins den Verstand verloren – für Dine Petrik der „Versuch der Ablenkung“, denn Paul „schreibt sich seine Story auf Kosten der Schwester zurecht“ (S. 106). Petrik ihrerseits gibt uns hingegen ein ganz eigen-williges Bild von der Bildhauerin.
Den Rohstoff des Lebens ihrer Protagonistin ‒ die Werke in ihren unterschiedlichen Stadien und Ausführungen (Ton, Gips, Marmor), die Beziehungen zu Männern, zur Familie, zu Kolleginnen, die psychischen Probleme ‒ bearbeitet Petrik mit wohlgesetzten Schlägen, formt das Sprachmaterial mit Verve, modelliert literarische Details, gießt aber auch das Fundament der Faktizität oder bereitet ihr doch den Boden. Da gibt es kein Pardon für die männlichen Übergriffe und für die Versäumnisse in Sachen emotionaler Intelligenz, auch nicht für die prägende Lieblosigkeit der Mutter. Es ist eine andere Zeit (oder „Zeitebene“), gibt Petrik auch zu bedenken, die patriarchale Herrschaft hatte damals (Camille Claudel lebte von 1864 bis 1943) einen anderen Drive. „Aber so etwas wie Anstand? Ethik? Künstlerethik?“ (S. 107), das wäre doch wohl nicht zu viel verlangt gewesen. Stattdessen „Machtmissbrauch, im Kontext Gewalt.“ Und „In welchem Verhältnis stehen Macht und Genialität?“ (S. 118) Auf diese Frage gibt es keine Antwort, aber wie sie gestellt wird, ist wichtig. Nämlich so, dass sie voraussetzt, dass es geniale Frauen gibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Petrik stellt eine zweite unbeantwortbare Frage: „Was kann Liebe in diesem Kontext?“ (S. 118) Und auch diese: „Was Leben? Das Sein? Und die Liebe dazwischen bloß eine Flüchtigkeit, eine hauchdünne Berührung?“ (S. 28) Aber um Antworten geht es der Autorin nicht. Sollte sie sich eine Aufgabe gestellt haben, so wird die ganz am Ende des Buchs über die Bande, oder genauer: über Briefzitate formuliert, die den Versuch darstellen, Claudel ihr „Gesicht, ihre Würde, ihre Geschichte“ zurückzugeben (S. 130); und auch ihr Erbteil, bestehend aus dem, was durch ihre Internierung in der psychiatrischen Anstalt an Kenntnis über die Person und das Werk verloren gegangen ist, und was der Kunstgeschichte gestohlen wurde, indem dieser Bildhauerin jahrzehntelang das Arbeiten schwer und schließlich unmöglich gemacht wurde.
Und dabei hat alles so gut angefangen. Der Vater war stolz auf seine talentierte Tochter, er hat sie gefördert. Dass sie die Geliebte des Meisters Rodin wird, war aber nicht vorgesehen und ein Skandal für die gutsituierten Claudels. Die geheimgehaltenen Folgen der Mesalliance, nämlich die Geburt von zwei Kindern, außerdem vielleicht auch Abtreibungen, werden zu Eck- und Angelpunkten in Petriks Text. Hier muss vieles Spekulation bleiben, und die Autorin hält am Ende fest, es handle sich bei ihrem Buch um eine „großteils fiktive Arbeit“, die „im Kontext der Zitate“ stehe, darauf folgt ein Literaturverzeichnis.
Die Gerüchte die Schwangerschaften betreffend werden von Petrik als glaubhaft betrachtet, und: „Gras über die Sache.“ (S. 134) Was passiert mit der missbrauchten Seele der jungen Frau, blutjung kann man sagen, die dem viel älteren Meister das Heiratsversprechen glaubt? Er ist nicht nur auf dieser Ebene Verräter, sondern er macht auch sein Geschäft mit ihr als Modell und talentierter Mitarbeiterin, die aber niemals zur Konkurrenz werden darf. Ein „erbärmliches Heucheln und Lügen“ (S. 17) wirft ihm die Autorin vor. Seine Kunst wird Rodin in diesem Buch aber keineswegs abgesprochen, und das ist gut so. Sonst wäre auch Claudels Anteil daran, der wohl beträchtlich ist, zu kurz gekommen. Nur so, indem der Empörung gelegentlich der Atem stockt und Fakten und Zitate auf den Tisch kommen, kann ein Portrait der hoch begabten und tief zerstörten Camille Claudel entstehen.
Petrik vermutet in einer Anmerkung, dass Rodins Skulptur „Eve“ die „von ihm geschwängerte Studentin und Mitarbeiterin“ (S. 133) Claudel zeigt, daher jahrzehntelang nicht ausgestellt und später vom Künstler vordatiert wurde. Von diesem Punkt aus – so viel Fiktion muss erlaubt sein – schreibt Petrik über die umfängliche Ausbeutung der Bildhauerin einerseits und über ihre psychische und in der Skulptur verewigte physische Abwehr der Zumutungen dieser männlich dominierten Kunstwelt andererseits. Und nicht nur, dass ein Bronzeguss dieser „Eva“ im Belvedere zu sehen ist, Petrik knüpft auch den einen oder anderen biographischen Faden zwischen Claudels Leben und Werk und dem Wien der Jahrhundertwende.
Dieses Buch ist vieles: ein geharnischtes Stück über Benachteiligung und Übersehenwerden im Kunstbetrieb ebenso wie die fragmentierte Erzählung einer lange vernachlässigten Episode der Kunstgeschichte, Portrait einer seelischen Zerrüttung und Annäherung an ein historisches Objekt, das auf literarischem Weg zur Akteurin werden und aus ihrer anfangs selbst gewählten, dann aufgezwungenen Isolation geholt werden soll. Was in dem „panischen Kopf“ (S. 120) Claudels passiert, wie es einer geht, die „der Kunst hingegeben, ja übereignet“ (S. 12) ist, dafür versucht Petrik eine Sprache zu finden. Die Annäherung gelingt besonders dort, wo man im poetischen Furor innehalten und den Kopf heben kann, um auf das Panorama zu blicken. Leicht macht es dieses Buch der Leserschaft nicht – aber so ist das wohl gedacht.
Karin S. Wozonig, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Germanistik an der Universität Wien und UCLA (USA). Publikationen zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und zur Chaostheorie. Zuletzt veröffentlichte Karin S. Wozonig in der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz Ratten. Ein Porträt (2024) und im Residenz Verlag die Biografie Betty Paoli – Dichterin und Journalistin (2024) sowie unter dem Titel Ich bin nicht von der Zeitlichkeit eine Auswahl an Texten von Betty Paoli. www.karin-schreibt.org
