#Roman

Vatertag

Hans-Joachim Gögl

// Rezension von Juergen Weber

Der Vorarlberger Erwachsenenbildner und Kurator Hans-Joachim Gögl ist ein staatspreisgekrönter Entwickler von Vermittlungsformaten. Mit Vatertag hat er ein neues Format für sich gefunden: einen Roman! Darin spricht er ein Thema an, das uns früher oder später alle angeht: der Verlust eines geliebten Menschen. Ein Abschied in drei ausgeklügelten Schritten.

Am Anfang steht ein Experiment
Als künstlerischer Leiter der Programmreihe INN SITU sowie der Tage der Utopie tritt der mit dem Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung ausgezeichnete, in Vorarlberg geborene, gelernte Buchhändler Hans-Joachim Gögl erstmals auch selbst als Autor an die Öffentlichkeit.
In einem vor Veröffentlichung seines Debütromans Vatertag erschienenen Podcast im ORF Radio Vorarlberg konfrontierte ihn die Journalistin Annette Raschner mit einer Frage zu seinem plötzlichen Perspektivenwechsel und dass er, der bisher immer im Hintergrund gewirkt hatte, nun erstmals sich selbst in den Mittelpunkt stelle. Das sehr interessante Gespräch zeigte auch viele andere Seiten des kultivierten Tausendsassas und drehte sich neben Vatertag natürlich auch um andere Dinge wie etwa seine Liebe zur Literatur, seine Affinität zu Ritualen und seine Vorstellungen von einem geglückten Leben.

Als „eine Übung in Achtsamkeit“ könnte man Vatertag gut und gern bezeichnen, denn der vor drei Monaten verstorbene Vater des Protagonisten und Ich-Erzählers hinterlässt diesem – gleichermaßen als Vermächtnis – vor allem diese drei Sätze:

Vergiss deine Kindheit!

Gehe langsam!

Setz dich in den Kreis von Kollegen! (Seite 49-51).

In der Distanzierung von seinem Vater ermisst der Protagonist des Romans sein eigenes Verhältnis zu einem „guten Leben“ und den Wegen, die dorthin führen könnten. Allerdings ist er durch seine eigene Designagentur dazu gezwungen, sich einem schnelleren Lebensstil anzupassen, als er es eigentlich möchte. Da hatte es sein Vater als Versicherungsvertreter wahrscheinlich um einiges einfacher. Trotzdem beschließt er, sich die nächsten fünf Wochen einem Experiment zu unterwerfen und – zumindest an drei Tagen der Woche – nach den drei Maximen seines Vaters zu leben. Ein „Reenactment zu seinen Ehren“ (S. 48) nennt er das.

Lament: Wehklage und Anklage zugleich

Mein Vater konnte wütend werden, und dann war es besser, ihm aus dem Weg zu gehen. […] Wann sein Zorn ausbrechen würde, war nicht vorherzusehen. (S. 79)

Am leichtesten fällt dem Protagonisten das langsamere Gehen, denn er bemerkt sogleich, dass er viel mehr wahrnimmt und die Welt sich ihm wie die Blüte einer Blume öffnet. Plötzlich nimmt er Dinge wahr, die ihm zuvor völlig gleichgültig waren, und auch die Menschen um ihn werden freundlicher, weil er freundlicher und weniger gehetzt durch die Welt geht. Selbst Punkt drei gelingt ihm gut, wenn er sich an den Stammtisch der Ex-Kollegen seines Vaters setzt und mittags um 12 schon einen sitzen hat.

Doch Geselligkeit bedeutet eben auch, sich anzupassen und Kompromisse einzugehen. Schwerer tut sich der Protagonist allerdings damit, seine Kindheit zu vergessen. Sein Vater hatte ihn schon früher dazu aufgefordert, im Jetzt zu leben und sich nicht in der Vergangenheit zu suhlen oder zu wühlen. Es gibt da jedoch ein paar schmerzliche Wunden, die aufgearbeitet werden müssen. Da wären der frühe Verlust der Mutter, das Verhältnis zu seiner Schwester und dann noch der züchtigende Zorn seines Vaters: „Wenn dieser Vater einlud, war in seinen Augen dasselbe Vergnügen zu sehen, wie wenn er schlug“ (S. 80), erzählt der Protagonist und erinnert sich beschämt an einen Geschäftstermin seines Vaters, bei dem seine Schwester und er „einfach nicht gehorchen wollten“. Danach setzte es dermaßen Prügel für ihn, dass sich der Vater später sogar dafür entschuldigte. Aber was blieb, waren die Schuldgefühle des Buben:

Ich war schuld, dass mein großer, starker Vater so dastehen musste vor mir, […] die Prellungen und Blutergüsse schmerzten mich weniger als der Vater, den ich hilflos gemacht hatte. (S. 205)

Der Schrecken, verlassen zu werden
Für die damalige Zeit, die Sechzigerjahre, waren sogenannte „Züchtigungsversuche“ der Väter üblich und es gibt wohl kaum ein Kind dieser Generation, das nicht von wütenden Vätern zumindest aus dem Umfeld zu berichten wüsste. Zumeist blieb in den Kindern eine Furcht zurück, dass so etwas jederzeit wieder passieren könnte, so unvorhergesehen geschahen diese Wutausbrüche.
Darüber schreibt auch der Autor, der im späteren Berufsleben wohl vergleichbare Ängste durchleben musste wie sein Protagonist: die große Verantwortung für die Angestellten, die vielen Termine, die Kollisionen von Emotionen und unterschiedlichen Charakteren. Das alles muss abgefangen und balanciert werden. Eine Übung in Gleichgewicht und Achtsamkeit, das alles unter einen Hut zu bringen.

Immerhin wird der Protagonist durch eine Liebesaffäre mit einer gewissen Anna dann doch noch entschädigt und lernt bei einem Gespräch in einem Strip-Lokal, das er unfreiwillig mit einem Kunden besuchen muss, eine ganz neue Vision für sich und seine Zukunft kennen. Statt das Elternhaus, das auch das Elternhaus des Vaters war, wie ein Museum zu behalten, verkauft er es und bastelt an einem Varieté-Projekt, für das sich auch Anna begeistern kann. Natürlich muss er vorher noch seinen toten Vater in einer Art Familienaufstellung dazu befragen. Zärtlich erinnert er sich an sein Lächeln und trägt einen schweren Weinkarton aus dem Keller des Hauses: „Die Mühe des Treppensteigens vermischte sich mit dem Schmerz – der Schrecken, verlassen worden zu sein.“ (S. 273) Aber er bleibt nicht stehen.

Rückzug der Angst
In 41 durchnummerierten, unterschiedlich langen Logbucheinträgen vermittelt der Autor eine Vater-Sohn-Geschichte, wie sie gewesen sein könnte. Unverhüllt und unverblümt stellt er auch den Bruch mit dem Zürcher Ex-Chef, von dem der Ich-Erzähler einst alles gelernt hatte, dar. Auch dieser eine Vaterfigur? In (Tag-) -Träumen arbeitet der Protagonist sich an einem Katalog seine Ängste ab: der Furcht vor einem Konkurs, einer unheilbaren Krankheit oder der Nachricht, dass ihn noch ein geliebter Mensch zu früh verlassen könnte.

Es fühlt sich ungefähr so an: Das Leben, jeder einzelne Tag, ist gefährlich, das Leben kann dich jederzeit anfallen, dann fällst du, und alle werden dich fallen sehen. Ich wusste gar nicht, dass ich immer Angst habe. (S.156)

Es braucht sehr viel Mut, diese Dinge anzusprechen. Die „Haushyänen“ der Furcht (S. 157), wie er sie nennt, die überall warten. Aber wie der Ich-Erzähler in einem Iaido-Schwertkurs lernt, ist es vor allen Dingen wichtig, immer in Kontakt mit der Angst zu bleiben. Denn, wenn wir mit unserer Angst verbunden sind, lernen wir, sie zu verstehen, und sie zieht sich zurück. „Gehst du aus dem Kontakt, beginnt der Schmerz“ (S. 181), sagt der Iaido-Meister.

Das, was bleibt
„Wir lernen im Gehen“, hat mir einmal der leider schon verstorbene Willi Resetarits als Widmung in ein Buch geschrieben. Nach dem Lesen von Hans-Joachim Gögls Vatertag verstehe ich den Eintrag. Denn weder der Vater im Roman, noch der Protagonist, noch der Autor des Romans sind als statische Figuren zu verstehen, sie entwickeln sich, verändern sich und mit ihnen auch ihre Beziehungen zueinander.

Vatertag hat sowohl autobiografische als auch autofiktionale Elemente, und der im eingangs erwähnten Interview angesprochene „Verwandlungs- und Annäherungsprozess“ ist eine fruchtbare Trauerarbeit, von der auch die Leser:innen profitieren können. Im Gehen.
In die offenen Leerstellen, die der Fantasie überlassen bleiben, fügen sich mühelos die eigenen Erinnerungen und Assoziationen der Kindheit und Jugend ein. Hans-Joachim Gögl ist es gelungen, eine authentische Vater-Sohn-Beziehung – mit ihren Verlusten und Wunden – zu portraitieren und dennoch weiterzugehen.

 

Juergen Weber arbeitete an den Universitäten Wien, Prag, Berlin und Boston, derzeit an einer italienischen Universität und als freier Autor für verschiedene Literaturportale, u. a. www.rezensionen.ch

Hans-Joachim Gögl Vatertag
Roman.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2026.
288 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-608-96730-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Homepage von Hans-Joachim Gögl

Rezension vom 28.09.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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