Alleinruhelage – das klingt ein wenig nach einem pompösen Marmorgrab auf dem Wiener Zentralfriedhof oder mindestens einem ökologisch korrekten Plätzchen mit biologisch abbaubarer Urne im Friedwald. Obwohl die morbide Assoziation im Titel kein Zufall sein dürfte, steht Alleinruhelage im Österreichischen jedoch ganz konkret für eine perfekt gelegene, ruhige Immobilie fernab des Massenwohnens. Die Ich-Erzählerin des Romans, wie Eva Menasse eine in Berlin lebende Österreicherin mittleren Alters, besitzt eine solche Alleinruhelage, nämlich ein Wochenendhaus in einer waldreichen Seenlandschaft im deutschen Nordosten. In dem Haus stecken rund 20 Jahre ihrer Biografie. Hier hat die Frau ihre Ehe, das Ende dieser Ehe und das Aufwachsen der Kinder erlebt. Nun sei es an der Zeit, das Haus zu verkaufen, findet sie.
Haus, ich verkaufe dich. Ich habe dich oft direkt angesprochen, wenn ich allein kam und du da standst und mich anschautest, undurchdringlich wie ein Gott oder Götze, den man sich erschaffen hat und dessen Ausdruck man eben doch beschreiben könnte, jedes Mal ein bisschen anders, weil er Echo des eigenen Zustands ist: Hallo, Haus. (S. 7)
Vor Jahren wollte die Ich-Erzählerin ihr Domizil schon einmal veräußern. Damals richteten Alla und Bolek, eine moldawisch-polnische Handwerker-Combo, das Haus für den Makler her. Der „obelixhafte“ Mann und die Frau mit dem Raucherhusten und den Neonfingernägeln, zwei echte Originale, erledigten damals alles, wofür deutsche Handwerker offenbar zu spezialisiert und zu teuer sind: Kehrtürchen in den Schornstein einbauen, Grundstück säubern, Garten wiederherstellen. Wunderbar durchsonnt beschreibt Menasse den dank „irgendeinem postsowjetischen Gift“ von Unkraut befreiten und wieder erblühenden Garten:
Wohin man auch schaut, scheinen an den Bildrändern winzige Juwelen zu funkeln, zwischen den flüsternden Blättern. Vögelchen schießen die kräftigen Pfeile ihrer Rufe hin und her. Alles flirrt, summt, bebt vor Sommerfreude. Licht und Schatten spielen miteinander wie die Finger eines Liebespaars. (S. 17)
Die Ich-Erzählerin entschied seinerzeit, das perfekt auf Vordermann gebrachte Schmuckstück doch erst einmal zu behalten. „Es war der professionell begleitete Neuanfang, der meiner Ehe nicht vergönnt war.“ (S. 20) Sie bilanziert, im Wochenendhaus die „glücklichste zusammenhängende Zeit“ (S. 30) ihres Lebens verbracht zu haben.
Allerdings gab es sofort nach dem komplizierten Kauf des Hauses einen beharrlichen Störfaktor: die benachbarten Schrebergärtner, „von denen manche schon bald soweit waren, dass sie einen Meteoriteneinschlag oder ein Erdbeben für die Durchtriebenheit der Wessis gehalten hätten“. (S. 30) Die Vorbehalte beruhten durchaus auf Gegenseitigkeit:
Sie hielten uns für reich und hochmütig, wir hielten sie für gemein und schadenfroh. Dabei stimmte es auch umgekehrt. Sie waren reich an praktischen Kenntnissen, geizten aber mit der Weitergabe, wir lachten über ihre Gartenzwerge und Keramikenten. Essenziell unterscheidet nichts den Gartenzwerg von der weißsteinernen Nymphe, die wir zwischen unsere Kiefern hievten. Sie war bloß schwerer und teurer. (S. 38)
Mit der Person des silberhaarigen Laubenpieper-Beaus Paul Woitek hat dann die Zeitgeschichte ihren ersten Auftritt. Bei einem gemeinsamen Abendessen gesteht der untypisch hilfsbereite Datschenvereinsvorsitzende, dass er zur DDR-Funktionselite gehörte, „eine ganz rote Socke“ (S. 47) war – wodurch sich die Ich-Erzählerin, wie sie selbstkritisch einräumt, vorschnell zur Solidarisierung hinreißen lässt. Sie erzählt dem Gast von einem Verwandten, der „in der englischen Emigration zum Kommunisten“ wurde. „Kein Problem, sollte das heißen, wir sind unter uns.“ (S. 49)
Nun blieb der Sozialismus Österreich im Gegensatz zu Deutschland erspart. Dafür teilen Deutschland und Österreich eine nationalsozialistische Vergangenheit, die auch in diesem Roman Menasses untergründig da ist – ihr düsterer letzter Roman, Dunkelblum (2021), lehnte sich an das historische Massaker von Rechnitz/Burgenland im März 1945 an. In Alleinruhelage forscht die Ich-Erzählerin Betonfundamenten auf ihrem Grundstück und im Wald nach, Resten von geplanten Baracken, die während des Kriegs Evakuierte aus Krankenhäusern aufnehmen sollten. Und im See liegen Weltkriegsbomben.
Überhaupt der See! Die Ich-Erzählerin liefert Impressionen von der DDR-Sommerfrische nach und berichtet von späteren, äußerst mühevollen Seereinigungs- und -rettungsaktionen unter Woiteks tatkräftiger Führung – die auch ein literarisches Soziogramm der postsozialistischen Gesellschaft zeichnen. Seit Langem leidet das Gewässer unter der Verschmutzung durch Hotelabwässer. Inzwischen tritt in den Sommern regelmäßig die Blaualgenpest auf, ironischerweise auch, weil – natürlich unter Naturschutz stehende – Biber „die Zu- und Abflüsse gestaut und verengt“ haben.
Der biografisch inspirierte Roman schlägt Brücken zu einer Familiengeschichte, die der von Menasses Herkunftsfamilie ähnelt, streift das Drama um die heftig pubertierende Tochter in der Patchworkfamilie und lässt das Ehedrama diskret aus. Als neuer Liebhaber wird später ein gewisser „Habibi“ adressiert, der sich dann sang- und klanglos aus dem Staub macht.
Gesättigt von Gegenwart und immer überraschend, mäandert Alleinruhelage schwerelos durch die Zeit, springt vor und zurück, schweift ab – und wechselt dabei stufenlos die Register von Komik bis Melancholie, von Essay bis Poesie. Man schaut dem Treiben der Gedanken und Eindrücke gern zu, auch wenn es gegen Ende des Romans um den Tod und eine gescheiterte große Liebe – eben jenen „Habibi“ – geht. Alleinruhelage, ein eher schmales Buch, kann man gut noch lesen, bevor auch von diesem Sommer nur die Erinnerung an diesen Sommer bleibt.
Judith Leister lebt in München. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften in München und Berlin ist sie heute als freie Journalistin vor allem für die Neue Zürcher Zeitung, den SWR und den Deutschlandfunk tätig.
