Natürlich ist man bei Büchern wie Schwindelfrei zunächst einmal versucht, sie wie Schlüsselromane, wenn nicht gar Schlüssellochromane, zu lesen. Denn immerhin hat sich die 1947 in Salzburg geborene Käthe Kratz über Jahrzehnte hinweg einen Namen gemacht, der in die unterschiedlichsten gesellschaftlichen und künstlerischen Bereiche hinein- und herausstrahlt, zunächst als Studentin der Kunstgeschichte, dann der Filmwissenschaften an der Wiener Filmakademie, wo sie als erste Frau das Regie-Fach belegte, schließlich als international beachtete, erfolgreiche Regisseurin und Cutterin von Spiel- und Dokumentarfilmen für Kino und Fernsehen. Da haben sich viele Verbindungen, Beziehungen, Affiliationen ergeben, über die man, endlich, etwas Genaueres erfahren möchte. Wie war das denn nun mit dem Soundso? Und was hatte denn die, wie hieß sie noch gleich, damit zu tun? Nicht zu unterschätzen sind auch die (vermeintlichen) Sich-Selbst-Erkenner:innen, die oft aus privatem Antrieb hervorstechen wollen als besserwisserische Auskunftspersonen.
Käthe Kratz favorisiert mit der vorliegenden Lebenschronik derartige Lektüren aber in keiner Weise. Zu augenfällig sind die literarischen Überformungen dessen, was eben nicht einfach eine autobiographische Richtigstellung früherer Ereignisse oder gar eine Abrechnung mit Weggefährt:innen geworden ist.
Als namenlos bleibende Protagonistin fungiert „das [kleine] Mädchen“ (mit „sie“ als Pronomen) bzw. „die Frau“, später „die alte Frau“, deren Geschichte im Präsens aufgerollt wird. In Analogie erhalten auch die anderen Personen, etwa die Familienmitglieder, keine Namen, sondern werden durchgehend mit ihren sozialen Funktionsbezeichnungen tituliert, zum Beispiel: „der Vater, „die Mutter“, „die [große] Schwester“, „der Bruder“, „die Tochter“, gleichermaßen „der Bildhauer“, „der Autor“, „die Freundin“ und andere. Dadurch erhalten die Schilderungen eine offene, typisierende Dimension, sozusagen eine ‚höhere‘ Gegenwärtigkeit.
Vergangenes, Erinnerungen, Berichte stehen immer auch in Bezug zum aktuellen Standpunkt des Erzählprozesses. Dieses innere Jetzt entwickelt beim Lesen eine große Ausstrahlung und macht vor allem für die Generationsgemeinschaft der Autorin das Typische an kollektiven Erfahrungen noch einmal nachempfindbar. Für alle anderen ist es eine Art Lehrstunde in Zeitgeschichte mit einem Schwerpunkt in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, weil Käthe Kratz nicht nur als Künstlerin, sondern auch in frauenemanzipatorischer Hinsicht (214ff.) überaus aktiv war, und da wie dort patriarchale Barrieren überwunden hat. In ausführlichen essayistischen Passagen werden zusätzliche Horizonte eröffnet, in denen allgemeine kulturpolitische Aspekte behandelt und kommentiert werden, weit über die hiesigen Verhältnisse hinaus (z. B. die Antibabypille, S. 218f., oder Kurt Waldheim und die Folgen, S. 282ff.).
Dem entspricht wohl am besten, dass die Erzählhaltung auktorial angelegt ist und an vielen Stellen genützt wird, um mitzuteilen, was die eine oder andere Begebenheit noch Jahre später an Folgen nach sich zog. Mit solch rückblickenden Vorausblicken (z. B. 31, 38, 60, 83, 248, 302 u. v. a.) sind meist ‚Pointen‘-artige, mehr oder weniger lakonische Abschlüsse von Episoden verbunden. Kratz vermag Situationen mit knappen Schilderungen plastisch zu veranschaulichen. Da merkt man, dass eine Schriftstellerin am Werk ist, die das Drehbuchschreiben studiert hat und das dramaturgische ABC beherrscht. Gleichzeitig ergibt sich daraus ‒ trotz der Brüche und Probleme in der Karriere der Hauptfigur ‒ der Eindruck existentieller Abrundung und Abgeklärtheit, was Verhaltensweisen, Reaktionen und (mehr oder weniger späte) Erkenntnisse betrifft. Daher dient das vorliegende Buch wohl in erster Linie als Analyseinstrument für das eigene Gewordensein, obwohl Passagen wie beispielsweise jene über das Schicksal einer Regie-Kollegin, die Selbstmord begeht, oder die intensive Auseinandersetzung mit der Tochter berühren und lange im Gedächtnis bleiben aufgrund ihrer Exemplarität.
Man hat es also mit einem autofiktionalen Werk zu tun, was einerseits einer Mode des Literaturbetriebs geschuldet sein mag, andererseits aber bestimmt eine Sehnsucht nach einem stets unauflösbaren Rest bedient, was die Suche nach einem sinnerfüllten Dasein betrifft. Erinnerungen reproduzieren eben nicht umstandslos Fakten, sondern lassen das Leben eher als eine Spur von Wegmarken erscheinen, deren Zusammenhang und Deutung nicht ein für alle Mal zu fixieren sind. Es geschieht aus nachvollziehbaren, guten Gründen, sich als loses Geflecht von ‚Lehrstellen‘ darzustellen, wie man literaturtheoretisch sagen könnte, deren mögliche Fügungen und Kontexte jedoch immer wieder im „Nebel“ verlaufen – so lautet eine der zentralen Metaphern, mit deren Hilfe Käthe Kratz die Kontingenz von Narrativen, Überlieferungen und Überlegungen in der vorliegenden Großerzählung mit einbezogen hat.
Sie kennt den Nebel, er ist ihr vertraut, was er verbirgt, weiß sie nicht. Es wird eine Lebensaufgabe werden, den Nebel zu lichten. Oft wird sie die Orientierung verlieren, sie wird verloren gehen, wird nur Schemen sehen, die sie nicht erkennen oder gar greifen kann. Aber die Tür wird offenbleiben, und sei es bisweilen nur einen Spalt breit. Und der Nebel wird irgendwann, spät, sehr spät zu einem matten Dunst werden. (S. 214f.)
Außerdem bezeichnet der Nebel die durch und durch rückständige Normalität der österreichischen (Nachkriegs-)Wirklichkeit, aus der sich die Protagonistin seit ihrer Kindheit mit aller Konsequenz herausarbeiten wollte.
Schwindelfrei ist ein beredtes Beispiel dafür, wie es im Alter gelingen kann, über die Spiegelung der persönlichen Biographie in einem Stück Literatur zu einem Resümee zu gelangen, das über das Ich hinausweist, stets emphatisch, ohne Euphorie, ohne Groll.
Arno Rußegger, ao. Univ.-Prof. i.R., Studium der Germanistik und Anglistik, verbrachte seine wissenschaftliche Laufbahn zunächst am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv, danach (ab 2009) am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt. Dissertation über Robert Musil, Habilitation (2004) zum Thema Selbstbezüglichkeiten in Literatur und Film. Forschungs-, Lehr- und Publikationstätigkeit mit folgenden Schwerpunkten: Österreichische Literatur seit 1900, intermediale Literatur, Filmanalyse, Kinder- und Jugendliteratur, angewandte Germanistik (Buchforschung, Literaturvermittlung, Literaturbetrieb). Buchpublikationen: als Hrsg. [gemeinsam mit Ulrike Krieg-Holz]: Österreichbilder. Mediale Konstruktionen aus Eigen- und Fremdperspektive (Marburg 2022); als Hrsg. [gemeinsam mit Gottfried Schlemmer und Georg Seeßlen]: Hans Moser. Wiener Weltschmerzkomiker (Wien 2020); als Hrsg. [gemeinsam mit Andreas Peterjan]: Neo-Phantastik (Wien 2018) (= libri liberorum, Heft 49; als Hrsg. [gemeinsam mit Angela Fabris und Jörg Helbig]: Horror-Kultfilme (Marburg 2017).
