Graf Murány und Edith, Fürst Lassin und Kitty und mittendrin die Kutschertochter Christine: Eine Konstellation, die für allerlei explosive Szenen gut ist. Auf der Flucht vor seiner Frau, die ihm nach außerehelichen Abenteuern mit der Scheidung droht, begibt sich Murány, ein etwas verlotterter ungarischer Graf, auf den heruntergekommenen Landsitz der Familie. Ein Anlass für die am Anwesen aufgewachsene Christine, sich eine Liebesgeschichte zu erträumen, deren schwärmerische Oberfläche kaum vertuscht, dass sie sich durch die Verbindung vor allem auch einen Klassenaufstieg, den Zugang zu einem besseren Leben erhofft.
Es kommt, wie es kommen muss: Muránys Ehefrau Edith reist an, es kommt zum Eklat ‒ und alles bleibt, wie es war. Das Ehepaar versöhnt sich, von den großen Träumen Christines bleiben nur Scherben. Parallel dazu wird die Geschichte von Fürst Lassin und seiner Frau Kitty erzählt: Kitty, ebenfalls getrennt von ihrem Mann, ist Ediths Reisebegleitung und inspiriert vom Ehepaar Murány, versucht sie ebenfalls ihre Ehe zu kitten. Die Versöhnung bleibt jedoch aus ‒ Scheidung ist der einzige Weg.
Was hier auf den ersten Blick daherkommt wie ein melodramatisches Ehedrama ‒ oder zwei ‒ , erzählt auf den zweiten Blick sehr viel differenzierter von Paaren als Individuen, die manchmal zusammenfinden, manchmal nicht, und die sehr unterschiedliche Perspektiven auf ihre jeweiligen Beziehungen haben.
Die Marriot
Die Autorin Emilie Mataja (1855‒1938) war zu ihrer Zeit ein regelrechter Star der deutschsprachigen Kulturszene. Wie die Literaturwissenschaftlerin Katharina Prager in der begleitenden biografischen Skizze umreißt, zog sich die Frage, was es heißt, als Frau künstlerisch ‒ oder überhaupt ‒ tätig zu sein, durch ihr gesamtes Schaffen: Von Beginn an war sie unter dem Pseudonym Emil Marriot aktiv ‒ ohne sich jedoch große Mühe zu geben, ihre wahre Identität zu verbergen, was ihr bald den Beinamen DIE Marriot einbrachte.
Ein Changieren zwischen den Geschlechtern, das ihre Tätigkeit als „schaffende“ Frau ‒ „anständige“ Frauen kümmern sich um Haus und Kinder ‒ notwendig machte. Ein ähnlich zwiespältiges Thema, das Matajas Leben dominierte (und das auch in Anständige Frauen zentral ist), war der gesellschaftliche Aufstieg, den die aus bescheidenen Verhältnissen stammende Familie Mataja anstrebten. Themen, die natürlich nicht frei von Interferenzen sind, wie auch Prager feststellt: „Für die ins Bürgertum strebenden Matajas war es wichtig, sich an die für anständige Leute vorgegebene Einteilung der Geschlechter zu halten: Talent, Klugheit und Öffentlichkeit waren für Männer gedacht, während Frauen schön, lieb und möglichst passiv im Privaten verbleiben sollten.“ (S. 282)
Ebenfalls typisch für die Zeit, veröffentlichte Mataja viele ihrer Romane, Erzählungen und Essays zunächst in Zeitungen. So auch Anständige Frauen, der 1906 zunächst als Fortsetzungsroman im Neuen Wiener Tagblatt erschien, was dem Roman seine dynamische Struktur und seinen Rhythmus verleiht ‒ voller kleiner und großer Höhepunkte und überraschenden Wendungen.
Die Zustände verfallen und verschwimmen
Entgegen dem adeligen Milieu, in dem die Geschichte angesiedelt ist, ist im Schloss Borryán vom Prunk vergangener Tage nicht mehr viel übrig. Die Familie kommt schon lange nur noch selten, das wenige verbliebene Personal ist mäßig an der Instandhaltung interessiert und die finanziellen Mittel sind auch nicht mehr ganz so einfach verfügbar, wie sie es einmal waren. Alles verfällt, die Rosenstöcke sind von einer Krankheit befallen und der Torwart ‒ ein Angestellter, der sich um das Öffnen und Schließen des Tores zum Anwesen kümmert ‒ ist, Sinnbild für den Zustand des Schlosses und eine Art Running Gag, nicht in der Lage, das Tor auch tatsächlich zu öffnen:
Dem Alten war die Pfeife entglitten und zu Boden gefallen. Der Kopf hing ihm auf die Brust herab, seine halbblinden, entzündeten Triefaugen hatten sich geschlossen. Mücken und Fliegen umkreisten ihn, setzten sich ihm auf die Nase, die Wangen, die Hände. Er spürte es nicht. Und hörte auch nicht, daß gellend nach ihm gerufen wurde: so fest schlief er, und obendrein war er beinahe taub. (S. 86)
Es ist wie im Aristokratenmelodram Downton Abbey nur schlampiger, wie die Herausgeberin der Reihe Bettina Balàka im Nachwort treffend bemerkt.
Der Gegensatz von Upstairs und Downstairs aus dem sich auch die britische TV-Serie speist, ist in Anständige Frauen zentral. Nur bröckelt die Trennung der gesellschaftlichen Schichten zusehends, die Hierarchien sind unsauber getrennt und Klassenaufstieg (und Abstieg ‒ im Fall des Grafen) scheinen plötzlich im Bereich des Möglichen ‒ für Christine eine fatale Illusion.
Meisterhaft überzeugend wechselt Mataja immer wieder die Perspektive und schildert die Ereignisse mal aus Christines, mal aus Muránys, Ediths, Fürst Lassins oder Kittys Sicht und macht durch diesen Kniff Diskrepanzen sichtbar: Situationen werden von den unterschiedlichen Figuren komplett anders gelesen und interpretiert, die Konsequenzen von Ereignissen völlig anders eingeschätzt. Komplett andere Perspektiven, die nicht nur der Standes- sondern auch der Geschlechterunterschied mit sich bringt ‒ und oft wird überdeutlich, wie wenige Überschneidungen es zwischen den unterschiedlichen Akteur:innen tatsächlich gibt. Besonders bitter wird dies natürlich sichtbar im Verhältnis von Murány und Christine:
Das Mädchen hatte er aufs neue [sic] vergessen. Im Kutscherhäuschen aber durchwachte und durchweinte eine die ganze Nacht. (S. 112)
Was aber auffällt, ist, wie sehr schlussendlich die Frauenfiguren ihr Leben in diesen von Machtgefällen geprägten Beziehungen, in die Hand nehmen. Edith, die, bei aller Emotionalität, mit Strategie und Findigkeit, den etwas dümmlichen Grafen dazu bringt, zu tun, was sie will. Christine, der zwar übel mitgespielt wird, die sich aber nicht still und leise zurückzieht, sondern sich aufbäumt und laut wird. Sogar die ewig kränkelnde Kitty, beginnt, obwohl ihr die Versöhnung mit ihrem Mann nicht gelingt, ihr Leben selbst zu steuern, anstatt sich zu fügen.
Anständige Frauen macht auf sehr kurzweilige und intelligente Weise, Hierarchien sichtbar, ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu bemühen und (fast) ohne der Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen ‒ während die Männer eher am Rande existieren, sind es vor allem die Frauen, die mit all ihren Widersprüchen, Begehrlichkeiten und alltäglichen Konflikten mit der Welt und sich selbst als Denkende, Handelnde ‒ „Schaffende“ ‒ gezeichnet werden. Mit dem zeitlichen Abstand der heutigen Lektüre lässt sich so die langsam sich wandelnde Gesellschaft beobachten ‒ die feinen Haarrisse, die soziale Beziehungen ins Wanken bringen. Allein dafür lohnt es sich Anständige Frauen wiederzuentdecken ‒ und man wird dabei auch bestens unterhalten werden.
Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung und Digital Transformation tätig; Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.
