Zugleich weist sich an dem Roman, dass die Geschichte des 20. Jahrhunderts keinerlei Tendenz zeigt, zu verbleichen, sondern jede nachfolgende Generation aufs Neue trifft. Während etwa Ulrike Schmitzer in ihrem ebenfalls sehr gelungenem Roman mit ähnlicher Thematik, Die gestohlene Erinnerung von 2015, noch auf die Erinnerungen ihrer Großmutter und ihrer Mutter zurückgreifen kann (ohne ihnen auch immer trauen zu können), ist für die Hauptfigur von Braschels erstem Roman das Donauschwäbische auf eigenartige Weise fern und nah zugleich.
Lina führt das ganz normale Leben eines Millennials, arbeitet als „Projektkoordinatorin bei der Freizeitinformationsstelle für Kinder und Jugendliche“, wohnt in einer WG und hat einen ganz normalen, queeren und selbstverständlich antifaschistischen Freund:innenkreis. In ihrem ebenfalls empfehlenswerten Prosaband von 2020 es fehlt viel in der immer für eine Überraschung guten Edition Mosaik hat Katherina Braschel die Stimmung und Gedankenwelt dieser Generation eingefangen.
Als die Hauptfigur Lina während einer Straßenbahnfahrt zufällig das Wort „Donauschwaben“ mithört, ist das ihr persönliches Madeleine1, das sie auf die Suche schickt, nicht nach verlorenen Erinnerungen, denn die hat sie ja, sondern nach dem Verschwiegenen, dem Nichterzählten, der anderen Hälfte der halben Wahrheit. Ihre Kindheit in Salzburg in den Neunzigerjahren war geprägt von ihrer Herkunft, denn dort hatten sich viele der nach Österreich geflüchteten Donauschwaben niedergelassen und ihre Traditionen weiter gepflegt. Die Bräuche, die Umzüge der Vereine, die Trachten, Lieder und vor allem die Sprache waren dem Kind ein selbstverständliches „Dahoom“ (S. 34), als „Muttergottesmädchen“ (S.74) eine Stunde in der Kirche zu stehen, erfüllt noch die Zwölfjährige mit Stolz, obwohl die schwere Tracht mit Schichten von Unterröcken immer wieder die Mädchen kollabieren ließ.
Die Distanzierung davon als Jugendliche ist kein Bruch, sondern ein normaler Prozess des Entfernens, des Ersetzens der einen Lebenswirklichkeit durch eine andere.
Nun aber macht sich Lina an eine Neubewertung, nicht zuletzt befeuert durch die Fragen ihrer Freund:innen, auf die zu antworten ihr immer wieder irritierend schwer fällt. Zwar pflegen die Donauschwaben ihre Geschichte, betreiben Ahnenforschung, kennen die Ortsgeschichte der jeweiligen Dörfer in Rumänien, Ungarn, dem Banat oder, wie in Linas Fall, Serbien bis ins Detail, erzählen von ihrer ethnischen Unterdrückung und Diskriminierung, später dann Flucht und Vertreibung, doch die Unterstützung und Beteiligung an den Verbrechen des Dritten Reiches bleibt eine große Leerstelle. So bestand die SS-Division „Prinz Eugen“ zu über 90 Prozent aus sogenannten Volksdeutschen, die sich schwerster Kriegsverbrechen in Jugoslawien schuldig machten.
Für Lina beginnt damit eine Suche nach Wahrheit, in ihrer Familie und in dem, was ihr die Geschichtsschreibung bietet. Was hat ihr Großvater im Krieg getan? Die Erzählung der Mutter gibt nicht viel her, wirft mehr Fragen als Antworten auf. Das Schweigen in der Familie wird greifbar. Die Großmutter ist bereits verstorben, erinnert wird sie nur als bereits demente, alte Frau. Gerade diese ihr und ihrer Krankheit gewidmeten Passagen lassen den Fokus des Buches besonders klar heraustreten: Es geht Katherina Braschel nicht oder nicht nur um historische Aufarbeitung im klassischen Sinn; die Perspektive, die Lebenswelt, die Beziehungen und das Erinnern von Frauen steht im Mittelpunkt. Das geht keinesfalls mit Idealisierung einher, ist doch die Beziehung zur Mutter keineswegs unbelastet, zu Beginn nur auf Anrufe reduziert: „Jedes dieser Gespräche dauert zu lange und nach den wenigsten fühle ich etwas.“ (S. 18)
Doch die offenen Fragen führen sie wieder ins Haus ihrer Kindheit, zum einen zu den Büchern und Familiendokumenten, zum anderen aber auch zur Mutter selbst. Hier finden sich einige der prägnantesten Stellen im Roman. Braschel versteht es, die Wirkung des Ungesagten oder besser Ungefragten in der Mutter-Tochter-Beziehung minutiös darzustellen, zugleich aber auch, wie beide Seiten sich daran abarbeiten:
„Lina, warum interessiert dich das eigentlich so?“
Zwischen zwei Bissen legt meine Mutter plötzlich ihr Besteck neben den Teller und schaut mich direkt an.
„Äh, was? Wovon redest du?“
Fast schon ist es mein Reflex, so auf Fragen meiner Mutter wie diese zu antworten, ihr trotzig vorzuführen, dass niemand ihre Gedanken lesen kann, dass sie in ganzen Sätzen sprechen soll, und mich gegen ihre Annahme eines geteilten Verständnisses zu wehren. (S. 140)
Lina verlässt sich nicht nur auf familiäre Erinnerungen, sie beginnt historisch nachzuforschen, zu lesen, Quellen auszuwerten. Aus dem Roman wird dadurch kein Wissenschaftskrimi, doch Braschel vermittelt, was es bedeutet, aus tiefem persönlichen Interesse heraus auf die Masse des Wissens zu stoßen, die jedoch gerade für die intimsten Fragen keineswegs immer Antworten zu bieten hat.
Das Nichtwissen, mein Nichtwissen rückt mir von allen Seiten nahe, immer mehr Fragezeichen reihen sich aneinander und ich habe während der Onlinesuche aufgehört, richtig zu atmen. (S. 47)
Schließlich fährt sie nach Belgrad, doch auch der Besuch des Stadtteils, in dem ihre Familie gewohnt hat und des nahegelegenen Ortes, an dem einst das KZ Sajmište war (und von dem jeder gewusst haben musste), stillt nicht ihre Unruhe, lässt sie nicht mit ihrer Herkunft abschließen.
Die letzten Kapitel im Roman zeigen, dass Lina nicht mehr dieselbe ist, wie zu Beginn des Romans. Im Gespräch mit der Freund:in, noch mehr aber in der Begegnung mit ihrer Mutter, wird sie sich des Wertes ihrer Fragen, ihres Nachfragens und ihres Forschens bewusst. Das Schweigen ist einem Zuhören gewichen, unter dem das Gewicht der Vergangenheit zwar nicht schwindet, aber zumindest ein wenig leichter wird.
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1 In Marcel Prousts Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird der Erzähler durch den Geschmack eines in Tee getauchten Madeleine-Küchleins mit einem Schlag in seine Kindheit versetzt.
Holger Englerth, Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Universität Wien, Ausbildung zum Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger. Diplomarbeit über Asketische Praktiken von Frauen vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projekte Literaturzeitschriften in Österreich 1945–1990, Literature on the Move, Tagebücher Andreas Okopenko und zur Österreichischen Gesellschaft für Literatur.
