Dass Adrian Reiter, Jahrgang 1901, also „nur ein Jahr jünger als das Jahrhundert“ (S. 28), keinen der beiden Weltkriege als Soldat erlebt, verdankt er seinem Vater. Als diesen im Herbst 1917 die Angst packt, dass sein Sohn eingezogen werden könnte, schlägt er ihm beim Holzmachen im Wald, ohne verräterische Zeugen also, eine Axt ins Bein. „Wenn man bluten muss wie eine abgestochene Sau“, so das Kalkül, „blutet man besser zu Hause und nicht irgendwo in der ukrainischen Steppe.“ (S. 38f.) Sein Leben lang wird Adrian hinken, die Front ihm jedoch erspart bleiben, auch wenn mancher, dem er später begegnet, glaubt, seine Verletzung rühre vom Krieg her.
Im ersten Licht, der neue Roman von Norbert Gstrein, folgt diesem Adrian Reiter durch die Wirren des 20. Jahrhunderts. An einem nie namentlich genannten See unweit von Salzburg aufgewachsen, tritt er im ersten Kapitel als Rezeptionist eines Hotels auf den Plan; nebenan eine Villa, in der kriegsversehrte junge Männer untergebracht sind. Indem er sich mit ihnen anfreundet, kommt Adrian, der Sohn eines Postbeamten, auch mit einer sozialen Welt in Berührung, die er bislang nur aus staunender Ferne kannte. Bei dem „jungen Herrn“, den er zunächst unter dem Namen „Lemberg“ kennenlernt, handelt es sich um Ernest Eller, den angeblich im Krieg gefallenen Sohn einer wohlhabenden Wiener Familie. Weil sein Gesicht entstellt ist, will er seiner Verlobten nicht mehr unter die Augen treten, mit der feinen Gesellschaft, deren Teil er einst war, nichts mehr zu tun haben.
Von Ernests Mutter damit betraut, sich um ihren Sohn zu kümmern, ertappt Adrian sich bei dem Gedanken, wie es wäre, an die Stelle des „jungen Herrn“ zu treten, „ganz ihr Sohn zu sein, und der Gedanke allein genügte, dass ihm schwindlig wurde“ (S. 57). Er ahnt, dass seine moralischen Überzeugungen nicht so fest gefügt sind, wie er glaubte.
Adrian Reiter ist als Figur seines Jahrhunderts klug gewählt und psychologisch fein gezeichnet: beileibe keiner, den man, weil er der Protagonist eines Romans ist, für einen Helden halten konnte. Entlang der Stationen von Adrians Lebens zeigt Gstrein ihn als mittleren Charakter, der weder Ausschläge ins Fanatische, ins Böse noch ins Heroische kennt. Keine Frage, Gstrein hat ihn als exemplarischen Österreicher des 20. Jahrhunderts angelegt: in der prekären Sicherheit der Monarchie geboren, in den Jahren der Ersten Republik sozial avanciert, Ständestaat und Nationalsozialismus mehr durchlebt als durchlitten, danach von Scham über das eigene Schweigen und Wegschauen nicht frei, doch auch nicht ernsthaft niedergedrückt.
Die 1930er Jahre und den Siegeszug des Faschismus in Österreich erlebt Adrian als Lehrer für Geschichte und Englisch in Salzburg. Als einer der Schüler, Martin Baumgartner, seine Nähe sucht, weil ihn Adrians Erzählungen über den Krieg in den Unterrichtsstunden faszinieren, hat er nicht die Kraft und den Mut, ihm Grenzen aufzuzeigen. Im Jahr 1941 steht Baumgartner eines Nachts vor seiner Tür; in einer Spelunke, in der sich die beiden hemmungslos betrinken, erzählt er von grausamen Massakern an der Ostfront: „er sprach von einem Dorf in der Ukraine und davon, was dort im vergangenen Sommer geschehen sei“ (S. 210). Adrians lasche Versuche, Genaueres in Erfahrung zu bringen, verebben rasch, nicht einmal seine Frau Elfriede zieht er ins Vertrauen. Bald nach Ende des Krieges wird sie ihren Mann, der sich immer mehr in sich zurückgezogen hat, verlassen.
Von Baumgartner kann Adrian sich aber weiterhin nicht lösen. Ein ums andere Mal taucht der selbsternannte „Lieblingsschüler“ als ungebetener Gast auf: „Sehnsucht gehabt, Herr Professor?“ (S. 261), höhnt er stets zur Begrüßung, und doch fährt Adrian sogar mit ihm zum Wanderurlaub in die Tiroler Berge. Als Lehrer gehört Adrian in den Nachkriegsjahren zu jenen, die im Geschichtsunterricht „um nichts in der Welt zum Zweiten Weltkrieg kommen wollten, wie der jüngste Krieg längst schon genannt wurde“. Stets gelingt es ihm, „sich bis zum Ende des Schuljahres zu retten, ohne etwas Entscheidendes sagen zu müssen“ (S. 255). Mit sicherer Hand, nur manchmal allzu vordergründig verwebt Gstrein Figurenporträt und Sozialgeschichte.
„Er hatte seinen Baumgartner, gewiss, aber er wagte zu behaupten, dass viele andere auch ihre Baumgartner hatten oder sogar ihre eigenen Baumgartner waren, und das schwang in buchstäblich jedem Gespräch mit, in jeder Beteuerung, die einer abgab, ihm doch zu glauben, weil man dann als Gegenleistung damit rechnen durfte, dass einem selbst geglaubt wurde, was auch immer man erzählte.“ (S. 246f.)
Erst nach Baumgartners Tod gelingt es Adrian, sich aus seiner emotionalen Starre zu lösen. Auf einer Reise nach England, wohin ihn eine alte, von Frau Eller genährte Sehnsucht zieht, lernt er Anfang der 1960er Jahre Vivian kennen und lieben; ihr und ihrem Bruder Teddy ist der dritte Teil von Im ersten Licht gewidmet. Damit vervollständigt sich jenes Triptychon, das gleich der erste Satz des Romans gezeichnet hatte: „Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“ (S. 11) Teddy Stephen, als Freiwilliger der britischen Armee in den Krieg gezogen, wurde 1917 bei Ypern als Deserteur hingerichtet: ein Schock, den seine Schwester Vivian nie überwunden hat. Auch in seinen späten Jahren lassen Adrian die beiden Kriege, in die er dank des Gewaltstreichs seines Vaters nie ziehen musste, nicht los.
Miteinander verwoben sind die drei Teile des Romans durch eine Vielzahl von Motiven, durch auktoriale Pro- und Analepsen, durch wiederkehrende Bilder und Zitate. Die Wendung vom „Kadaverleuchten lebender Leichname“, entlehnt aus einem 1924 gedruckten Feuilleton Joseph Roths, die Gstrein seinen Protagonisten in der Zeitung lesen lässt (S. 35), kommt Adrian Jahrzehnte später in England wieder in den Sinn (S. 336). In einem Alptraum, der ihn in dieser Zeit heimsucht, stürmt er gemeinsam mit Teddy aus dem Schützengraben und sieht plötzlich Ernest Eller an seiner Seite.
Mühelos verschränkt der Roman Erzählebenen und historische Schauplätze, entwirft wie beiläufig eine beinah universelle Geschichte von Krieg und Nachkrieg, von Gewalt und Schuld, von Scham und Erinnerung. Die Fäden der Handlung behält Gstrein sicher in der Hand. Man merkt, dass hier ein versierter, auch routinierter Erzähler am Werk ist. Nur manchmal ist dieser Erzähler, so hat es den Anschein, allzu verliebt ins eigene Können und Formulieren, etwa wenn die Visage eines Geistlichen, für den er erkennbar wenig Sympathien hegt, wiederholt als „Marzipangesicht“ firmiert (S. 53, 54, 104 u. 225).
Zwischen ironischem Erzählton im Geiste Thomas Manns – der Thomas-Mann-Preis kam 2021 zu Gstreins imposanter Sammlung hinzu – und postmodernem Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit findet Im ersten Licht nicht immer die richtige Balance. Im „Der Autor“ übertitelten Epilog lässt Gstrein seinen Protagonisten im hohen Alter die Lesung eines Schriftstellers besuchen, der 1988 sein erstes Buch veröffentlicht – ein Buch, das, wäre der Verlag nicht dagegen gewesen, den Titel Einer getragen hätte.
Trotz leichter Abzüge in der Haltungsnote hat Norbert Gstrein mit Im ersten Licht einen erzählerisch souveränen, ja stilistisch stellenweise brillanten Roman vorlegt.
Harald Gschwandtner, geb. 1986, Literaturwissenschaftler, Kritiker und Lektor, Senior Scientist im Stefan Zweig Haus / Literaturarchiv Salzburg. Veröffentlichungen zur österreichischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, u. a. Strategen im Literaturkampf. Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik (Böhlau, 2021).
