Nun ist Italiens Hauptstadt als literarischer Topos weidlich beschrieben. „Königlich, Rom, hast du mich immer empfangen / Golden und schwarz die Campagna und in der Ferne / Hob sich dein ewiger Umriss vom feurigen Himmel“ schrieb 1936 etwa Marie Luise Kaschnitz im Gedicht Rom.
Bei Reitzer herrscht ein eindringlicher, pathosfreier Duktus – da taucht weder Royales noch Idyllisches auf. Vielmehr: verschwitzte Polohemden, Bier und Schnaps. Wenn Lichter, dann „meistens verwischt“ (S. 7). Statt antiken Göttinnen gibt es Schuhverkäuferinnen, statt Ambrosia „Bier Kebab Pizza“ (S. 8). Rom ist ganz profane Gegenwart, ist Friseursalon und Billigshopping.
„Das sogenannte Unvergängliche und seine zeitgenössischen Parks / kenn ich nur vom Hinuntergehen auf den Grund / kenn ich nur ungefähr und fang erst an zu schauen“ (S. 8), liest man da, mit dem feinsinnigen Zusatz „voll Neid auf diese BAUARBEITER in der Ewigkeit“ (S. 8).
Mit artistisch leichter Hand führt die Dichterin eine Figur namens Dichterin ein, die am Dichten zweifelt. Zudem treten auf: der Untermieter, Trainingsanzüge, Kanaldeckel oder widerspenstige Haare, die in die Stirn fallen. Denn: „ach was, das ist ein taubengrauer Tag / siehst du nicht die kupierten Routen auf der Karte“. Reitzer hat für ihr Langpoem Rom einen stimmigen Ton getroffen, zwischen Lakonie, sich Prosa auf Sichtweise nähernder Aufzählung und subtiler Zuspitzung.
Ihr Rom ist Alltag, manchmal Stillstand. Geschickt arrangiert sie Vignetten und Zitate von Kolleg:innen, die vor ihr über Rom schrieben: Ingeborg Bachmann, Paul Nizon und Wolfgang Koeppen. In Angelika Reitzers Rom tritt das Blau mehr und mehr in den Vordergrund, hat hier mit Blaumachen zu tun, dort mit Färben. Es gibt „Bergblau“ und „Azurit“, „Ultramarin“, auch „dunkles Purpur“. Diese Farbe, das titelgebende Blauzeug, zieht sich über die Stadt und hat mit dem Sakrament der Taufe zu tun, was latent mitschwingt:
an allen Montagen die blauen Tücher aufgehängt
sie arbeiten nicht sie fasten. Bald ist
der große Tag
Ein Taufkleid reicht für alle (S. 23)
Mit dem nachfolgenden Gedicht, Schönbrunn, ändert sich zwangsläufig wie naheliegend der Fokus. Hier ist die Tonlage nicht ganz so portato (getragen). Dafür findet man sich fast in einem „Gedanken-Gedicht“, in dem – ohne Fragezeichen – Fragen gestellt werden, nach Miteinander, nach Lebensgestaltung, nach Zärtlichkeit, Sehnsucht und Nähe.
Eine Frau malt ein Bild von einer Frau die ein Bild malt
sie stellt nebenher fest: außerhalb des Rahmens!
ists doch viel bunter. (S. 27)
Eine solch kunstvolles Spiel mit unterschiedlichen Perspektiven wird gleich zu Beginn in das Bild integriert: „nachschauen: die Zeit aufmachen wie eine Schachtel aus Indonesien“ (S. 8). Das führt Reitzer am Ende in vier Gedichten vor, die sie schon durch den Titel Anhang: Lyrische Indizes absetzt. Hier geht es in vier Sektionen um „Kindheit“, „Wohnen“, „Arbeiten“ und „Demokratie, oder: die Finsternis aufhalten“.
An andrer Stelle liest man: „das Gedicht wirft Licht auf die Dinge / hebt sie heraus rettet“ (S. 66). In diesem Quartett geht es eben darum: um die eigene Kindheit, Jugend und Familie, wie eine eigene Sprache zu finden, Außenseiter sein, womit schmerzhafte Erinnerungen einhergehen, Vorkommnisse und Ausschließungen, die nicht selten die Grenze zu Kränkung und Verletzung überschritten.
Es geht um Leben und Zeit, von Reitzer pointiert gefasst in einer Liste der aufeinander folgenden Wohnungen, wie um Politik, Migration und Fremde. Dabei tritt neuerlich eine Ironie zutage, die den Vorwurf gut gemeinten, also platten Agitprops gewitzt aushebelt:
das wird schwer jetzt, ich weiß
an der Stelle
(und das hätte ich nie in einem literarischen Text gemacht)eine Warnung vor dem Hund: Trauen Sie
keinem, der sagt: Wir sind das Volk, oder: Es ist
kompliziert. Oder sogar: Es gibt keine Alternative. (S. 90)
Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) sowie Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023). Anfang Oktober 2026 erscheint in der Wiener Edition Atelier Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte.
