
Der vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport gestiftete und mit EUR 25.000 dotierte Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur 2026 wurde am 27. Juli 2026 im Rahmen eines Festaktes in Salzburg von Kulturminister Andreas Babler an die portugiesische Autorin Lídia Jorge verliehen.
„Lídia Jorge zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Stimmen der portugiesischen Literatur. In den bald fünfzig Jahren ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat sie nicht nur dreizehn Romane verfasst, sondern auch einige Kinderbücher, Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte und Essays, die ins Spanische, Französische, Englische und Deutsche übersetzt wurden“, so die Jury, die aus Cristina Beretta, Thomas Keul, Thomas Macho, Marlene Streeruwitz und Andrea Zederbauer bestand, in ihrer Begründung.
„Die Kritik am europäischen Kolonialismus gehört zu den Grundthemen der Literatur von Lídia Jorge, ebenso wie die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Armut, mit der Diskriminierung von Frauen, mit Rassismus oder mit der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974. Als ‘Zeugin der Zeiten und der Räume’ widmet sie sich häufig dem Bericht, der Wiedergabe des Gesprochenen und Erzählten, dem Bekenntnis, mitunter auch in einer Art von Polyphonie, mit kurzen Sätzen, Zitaten von Gedichten und Wörtern aus dem Spanischen, Französischen, Englischen oder Italienischen.“
Mit ihrem vielstimmigen und historisch wachen Werk habe Lídia Jorge der portugiesischen Gegenwartsliteratur eine unverwechselbare Stimme von großer literarischer, gesellschaftlicher und europaweit wirksamer Bedeutung gegeben, so Laudator Thomas Macho in seiner von Andrea Zederbauer vorgelesen Rede.
Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler pries die Autorin in seiner Rede als „Chronistin des Wandels“, die aufzeige, was an Veränderung möglich sei: „Ob es um die Aufarbeitung des Kolonialismus geht, um die Nelkenrevolution oder um das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne.“
Lídia Jorge, geboren 1946 in Boliqueime im Süden Portugals, studierte französische Literatur in Lissabon und verbrachte während der Unabhängigkeitskämpfe einige Jahre in Angola und Mosambik. Mit ihren ersten beiden Romanen gehörte sie zur Avantgarde der zeitgenössischen portugiesischen Literatur und hat seitdem zahlreiche renommierte Auszeichnungen für ihr Werk erhalten. 2021 nahm Lídia Jorge eine Professur an der Universität Genf an. 2022 wurde an der University of Massachusetts Amherst der Lídia-Jorge-Lehrstuhl eingerichtet. Sie lebt heute in Lissabon.
In deutscher Übersetzung erschienen (Auswahl): Die Stunde der Nelken (Secession, 2026, aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis), Erbarmen (Secession, 2024, aus dem Portugiesischen von Steven Uhly), Milene (Suhrkamp, 2005, aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner), Die Küste des Raunens, Suhrkamp 1995, aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner, verfilmt 2004 von Margarida Cardoso, dt. Titel: „Es war einmal in Afrika“), Der Tag der Wunder (Suhrkamp 1992, aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann)
Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wird seit 1965 für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat, was durch Übersetzungen dokumentiert sein muss. Das Werk muss auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegen. Zuletzt wurde ausgezeichnet.
Zuletzt wurden mit dem Preis ausgezeichnet: Serhij Zhadan (2025, Ukraine), Joanna Bator (2024, Polen), Marie Ndiaye (2023, Frankreich), Ali Smith (2022, Schottland), László Krasznahorkai (2021, Ungarn), Drago Jančar (2020, Slowenien), Michel Houellebecq (2019, Frankreich) und 2018 Zadie Smith (2018, Großbritannien).
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