Im Jahr 2006, zu einer Zeit, als die Sozialen Medien noch nicht ganz den Kinderschuhen entwachsen und die Bedeutung von Mit-jemandem-befreundet-Sein noch eine andere war, schrieb der deutsche Publizist Martin Hecht in seinem Band Wahre Freunde. Von der hohen Kunst der Freundschaft (DVA), dass Freundschaft „zwar die freieste aller möglichen Beziehungsformen, zugleich aber auch die riskanteste“ (S. 13) sei.
Dem würde Janko Ferk mutmaßlich dezidiert, aber höflich widersprechen wollen. In 10 Porträts erzählt er einfühlsam von Lebens-Freundschaften, die unterschiedlich lang gehalten haben, von mehreren, die mehr als vierzig Jahre andauerten, aber auch von einer, das ist die letzte Vignette, gewidmet Karl Pansy, die nur zehn Jahre „jung“ ist, also von beiden in fortgeschrittenem Alter geschlossen wurde.
Unter den Porträtierten Freunden – Freundinnen sind keine darunter – sind einige bekannte bis bekanntere; der prominenteste ist wohl der Tiroler Zeichner Paul Flora. Es gibt Mediziner, Steuerfachleute und Advokaten, aber auch den Literaturredakteur und Kritiker Harald Klauhs, der erst für die Wochenzeitung Die Furche schrieb und dann viele Jahre für die Tageszeitung Die Presse tätig war.
Ferk, Jahrgang 1958 und seit einigen Jahren in „aktiver Pension“, schlägt ein leichtes, recht schlackenloses Parlando an. Er zeichnet seinen Freundesreigen – einige der Beschriebenen sind nicht mehr am Leben, so dass es in diesen Fällen Freundes-Nachrufe geworden sind – mit Empathie; er führt viel Anekdotisches sowie Erinnerungen an die Studienzeit und an Eskapaden und Eskapädchen an, streut Schnurriges ein, bringt Persönliches und auch Reminiszenzen an geteilte kulinarische und sportliche Erlebnisse.
Letztlich geht es in dieser „Erzählung“ – und Ferk hat wohl bewusst diese Fiktion signalisierende Genre-Einordnung seinem Text vorangesetzt, um größere stilistische Freiheit in Anspruch nehmen zu können – um ein gelingendes Leben, um Lebenskunst. Diese, meinte Wilhelm Schmid – viel gelesener deutscher Philosoph und Publizist mit dem Schwerpunkt Lebenskunst – einmal, sei „das, was übrig geblieben ist nach dem Ende der großen Entwürfe zur Beglückung der Menschheit: die Rückkehr zum Selbst, zum einzelnen Individuum, das neu damit beginnt, sich selbst zu gestalten, das Leben zu gestalten und nicht die alten Illusionen zu hegen.“ (zit. nach: Wolfgang Kersting und Claus Langbehn (Hg.) Kritik der Lebenskunst, Suhrkamp 2007, S. 64)
Ein anderer deutscher Philosoph, der vor einigen Jahren verstorbene Dieter Henrich, erstellte dazu die ernüchternde und zugleich neu fordernde Diagnose, dass Lebenskunst recht eigentlich „ihre Wurzel nicht in irgendeinem Verlangen nach Wissen hat, sondern in demjenigen Wissenwollen, das aus dem Selbstverhältnis hervorgeht und es betrifft. Es ist die Sorge um die Möglichkeit, die Orientierung und die Bewahrung des eigenen Lebens, das sich selbst einen Ort bestimmen muss vor der Tiefe des Universums und der Undurchsichtigkeit seines Grundes …“ (zit. nach: Wolfgang Kersting und Claus Langbehn (Hg.) Kritik der Lebenskunst, Suhrkamp 2007, S. 88)
So ist die notwendige Voraussetzung eines gelingenden Lebens die Arbeit an einem selbst. Und ebenso die Arbeit an Freundschaft und an Freundschaften. Nachzulesen bei Janko Ferk.
Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) und Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023). Im Herbst 2026 erscheint in der Wiener Edition Atelier Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte.
