#Lyrik

Sprungbrett und Sarg

Erich Wolfgang Skwara

// Rezension von Marcus Neuert

Gedichte vor der großen Transzendenz

Die Lyrik des 1948 in Salzburg geborenen Autors Erich Wolfgang Skwara hat einen melancholischen, mitunter an die Einsicht in eine Lebens-Vergeblichkeit gemahnenden Ton – so jedenfalls sein jüngstes Buch Sprungbrett und Sarg, dessen Texte zwischen verzweifeltem Lebens- und Erlebenswillen und der Gewissheit des Todes changieren. Autor wie lyrisches Ich sind zumindest innerlich immer „unterwegs zwischen zwei Orten. Ich bin der glücklichste Reisende, aber der unglücklichste Ankommende” (S. 118), wie Skwara – Thomas Bernhard zitierend – über sich selbst sagt.

Das Werk Erich Wolfgang Skwaras erscheint äußerlich dominiert von seinen Romanen, Erzählungen, seinen Essays, Übersetzungen und unzähligen journalistischen Arbeiten. Sein lyrisches Schaffen hingegen mutet angesichts zeitlich stark auseinanderliegender Publikationen eher erratisch an. Sieht man jedoch näher hin, so offenbart sich in diesen monografisch nur gelegentlichen Veröffentlichungen durchaus eine gewisse Stringenz: folgten die ersten vier noch kurz aufeinander in den Jahren 1971 bis 1975, so kamen die letzten beiden, Den Abschied proben (1987) und Nach dem Norden (1998), mithin im Abstand von zwölf Jahren heraus. Für seinen soeben erschienenen siebten Gedichtband Sprungbrett und Sarg. Späte Gedichte 1998-2025 hat sich Skwara sage und schreibe achtundzwanzig Jahre Zeit gelassen.

Angesichts der größer werdenden Abstände zwischen den Publikationen drängt sich eine Analogie zu unserem Planetensystem förmlich auf: kreisen Merkur, Venus, Erde und Mars noch vergleichsweise nahe beieinander um die Sonne, so werden die Abstände zu den äußeren Planeten immer größer. Natürlich gab es immer wieder – quasi asteroidengleich – in Literaturzeitschriften und Anthologien versprengte Veröffentlichungen einzelner Texte, aber die große Ordnung schiebt der Autor hinterher. Bereits Nach dem Norden war als Sammlung der Gedichte 1987-1998 angelegt.

Das ist ein bei Lyrikern eher selten wahrzunehmendes Phänomen und vielleicht zudem ein wenig der Schnelllebigkeit auch des Lyrikmarktes (wenn man denn bei dieser Gattung ernsthaft in solch wirtschaftskonformen Termini denken möchte) geschuldet. Wer nicht wenigstens alle drei, vier Jahre mit einem neuen Band reüssiert, fällt rasch dem Vergessen anheim.

Da hilft es, dass man Skwara eben gerade nicht unbedingt in erster Linie als Verfasser von Gedichten sehen würde. Auch Bernhard Judex, der das Nachwort von Sprungbrett und Sarg schrieb, war offenbar überrascht von der Selbstaussage des Autors: „Im Grunde bin ich ein Lyriker.” (S. 112). Damit korrespondiert unter anderem die Tatsache, dass Skwara von der Stadt Trois-Rivières im kanadischen Québec 2005 explizit für seine Gedichte die Ehrenbürgerwürde zuerkannt wurde.

Den thematischen Grundton von Sprungbrett und Sarg nimmt der Titel schon ein wenig vorweg: das Leben in den reiferen Jahren, quasi ein letztes Aufbäumen der leiblichen Existenz trifft auf die Todesahnung, die große Transzendenz. Damit ist die Stimmung nachdenklich, melancholisch, gleitet aber nie ins Larmoyante ab. Der Autor nimmt auch kaum je zu Sarkasmen oder Ironie Zuflucht. Er beobachtet die Welt und sich selbst aus dem Wissen um die eigene Unzulänglichkeit heraus, still und poetisch, aber gleichzeitig scharf, überwach, analytisch:

Keinem ist das Warten vertraut wie mir
und keiner beherrscht es so schlecht.
Ich warte ohne Unterschied
auf die Post und das Wunder.
Warte auf Ankunft und brenne vor Reisefieber.
Will schweigen und werfe mit Worten um mich. (S. 45)

Skwaras Gedichte präsentieren sich reim- und schnörkellos, sein Duktus bleibt fast immer auf der Ebene einer angemessen formulierenden Alltagssprache. Kaum je verwendet er eine komplizierte Metaphorik oder Neologismen, und da, wo er es tut, sind sie von bemerkenswerter Originalität (vgl. „Abfallkönig”, „Gnadenkind”, S. 40). Auch ein, wenn überhaupt vorhandener, dann unregelmäßiger Strophenbau, ganz und gar dem semantischen Strom folgend, ist die Regel.

Der Band ist in vier Kapitel unterteilt: die beiden ersten, Von den kleineren Schmerzen und Auf halbem Weg betitelt, bestehen aus deutschsprachigen Gedichten, die beiden restlichen sind fremdsprachliche Originale und deren deutsche Übersetzungen durch den Autor selbst: L’incidente / Der Unfall enthält elf italienischsprachige Texte, Crucifixions / Kreuzigungen zwei Gedichte auf französisch und fünf auf englisch nebst den Übertragungen ins Deutsche.

Bereits an dieser Einteilung ist ablesbar, wie stark Skwaras lyrische Arbeiten mit seinen zahlreichen, auch teils langjährigen Auslandsaufenthalten korrespondieren. Nach seinem Studium der Romanistik und der Musikgeschichte in Paris war er u. a. Dozent an der Georgetown University in Washington D.C. und der San Diego State University und lebte später viele Jahre in Florenz. Zudem hat er immer wieder namhafte Autoren aus dem Amerikanischen und Französischen übersetzt. Eine umfangreiche Reise- und Recherchetätigkeit gesellte sich noch dazu.

So nimmt es kaum Wunder, dass auch die Gedichte, die in den beiden auf Deutsch geschriebenen Zyklen enthalten sind, ausnahmslos den Ort ihrer Entstehung ausweisen: Rom, Florenz, Lucca, San Diego, Hong Kong, London und weitere vertiefen den Eindruck der Rastlosigkeit eines stets reflektierenden Geistes, auch wenn zwischen den Texten Jahre liegen mögen – die Zeitpunkte der Niederschrift werden interessanterweise nicht aufgeführt.

Wo immer auf der Welt Skwara das Dichten auch beginnt: es ist stets von einer bemerkenswerten Aura der Vergeblichkeit geprägt. Was das lyrische Ich erkennt, erweist sich in vielen Fällen als nicht umsetzbar für eine glückhafte Existenz:

Wie darf ich für morgen
erhoffen was mir gestern
nicht glückte? Wie dürfte ich
heute sagen wenn ich weiß
daß ich den Tag
nicht bestanden habe. (S. 26)

Zwar kommt das Ich nicht selten zu Einsichten, die von der Sublimierung des Lebens sprechen und auf eine nachdenkliche Art altersweise wirken: „Wo die erfüllten Weine reifen / muß keiner sie trinken. Bewußtsein reicht aus.” (S. 13). Doch das Scheitern am eigenen Anspruch ist vorprogrammiert, wenn die Umstände, das Schicksal gar, nicht mitspielen: „Aber versprochen ist dir nichts. / Kein Haus keine Rückkehr an diesen Ort.” (ebd.)

Auch die Liebe spielt häufig eine Rolle. Sie wird ebenso zur Projektionsfläche für ein Konstatieren des Unerfüllten und des eigenen Unvermögens, dem die Zeit wegläuft, die noch bleibt, wie im Text Abschied von Asien, wo es heißt:

Du hast wenig verstanden
und nichts gelernt.
Aber du hast dich verliebt

hast dich scheu und nicht wild verliebt.
Stürme folgen ihrer eigenen Zeit.
Bist zu spät gekommen zu früh geboren
zu früh zu spät. (S. 29)

Die Angst, nicht zu genügen, setzt sich im Umgang mit der Sprache fort. In den drei kleinen, Paul Nizon gewidmeten Gedichten Von den kleineren Schmerzen 1-3 kämpft das lyrische Subjekt (auch hier wie schon im letzten Zitat in der 2. Person Singular) gegen die Überwältigung durch sinnliche Eindrücke, dass es unmöglich geworden ist, diese zu benennen, und stellt am Ende in luzider Selbstbetrachtung fest:

Du hast keine Sprache mehr.
Du vermerkst den Verlust
fast mit Freude.
Als sei schon verloren gegangen
was dir zur Last war:
das mißlungene Lachen
die Frauen die immer fortlaufen
das Leben
die gute Tat im rechten Augenblick.
Deine Stummheit wird dich erlösen.
Aber so einfach geht es nicht. (S. 34)

Ein Sich-Wegstehlen aus der poetischen Verantwortung kann nicht die Lösung sein. Was immer auch das im jeweiligen Gedicht verhandelte Thema sein mag, im Hintergrund geht es in der Poesie von Erich Wolfgang Skwara stets auch um dichterisches Sprechen und die Beantwortung der Frage: „Ist Menschsein / Zutat oder Hauptgeschäft?” (S. 39).

Auch in den fremdsprachigen Gedichten begegnen wir diesem grüblerischen Mäandern. Vieles erscheint als vorläufig, kaum etwas kann adäquat erlebt oder erwidert werden. Doch warum schreibt Skwara einen Teil seiner Lyrik nicht in seiner Muttersprache? In einer kleinen Vorbemerkung erfahren wir, dass er schon früh insbesondere in Werken der italienischen Dichtung eine „stets große innere Nähe zu Musik und Ton meiner eigenen (österreichisch-)deutschen Sprache empfunden” habe (S. 57). Wer des Italienischen mächtig ist, kann sich leicht von der entsprechenden klanglichen Wirkung überzeugen.

Doch nicht nur die italienischen Originale, auch die Übertragungen ins Deutsche unterliegen plötzlich einer veränderten Rhythmik, die – auch gerade weil sie in kein enges metrisches Korsett geschnürt wird – die Verse plötzlich auf eine fast schon als mediterran zu bezeichnende Art und Weise schweben lässt. Auch die Sprache selbst blüht auf, ihre Verknüpfungen korrespondieren fast noch eindringlicher miteinander als in den deutschsprachigen Originalen. Die Bitternis von Liebe und Tod wird gleichsam dem lyrischen Ich erträglicher durch den südlichen Sound, den Myrthe und Vesuv im Italienischen erzeugen: „Siccome amore e morte avrebbero gusto uguale / bevendo il mirto il Vesuvio sebra tanto vicino” (S. 64) bzw. „Weil Liebe und Tod gleichen Geschmack besitzen / scheint beim Trinken der Myrthe der Vesuv so nah” (S. 65).

Der Ton der englischen und französischen Originale klingt geerdeter, was vielleicht seinen Anteil daran hat, dass auch die Übertragungen ins Deutsche manchmal weniger leichtfüßig erscheinen als aus dem Italienischen: „Je marche elle vole / je suis lourd elle est légère” (S. 92) etwa wird zu „Ich spaziere sie eilt / ich bin plump sie ist anmutig” (S. 94). Das Marschieren, das Fliegen und das Schwer- bzw. Leicht-Sein muss in differenziertere Worte gekleidet werden. Doch auch diese Texte haben ihren unbestreitbaren Reiz, besonders die beiden Glenn Gould gewidmeten Gedichte, die das Verhältnis von Musik und körperlicher Liebe zum Thema haben:

[…]
when you commit the crime
of intrusion
to her and to him.

To love and to order.

You were not meant
to be the bridge
between the two.
You are just meant
to tear.
Fulfill your purpose. (S. 105)

[…]
wenn du das Verbrechen
verübst dich aufzuzwingen
ihr und ihm.

Der Liebe und der Ordnung.

Du warst nicht dafür bestimmt
die Brücke zu sein.
Dein Auftrag ist es
zu zerreißen.
Erfülle deinen Zweck. (S. 109)

Wenn man für das Erscheinen von Erich Wolfgang Skwaras achtem Gedichtband eine Prognose wagen müsste, so wäre damit analog zu den bisherigen Intervallen wohl irgendwann um das Jahr 2070 herum zu rechnen. Das könnten dann aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch Gedichte aus dem Nachlass sein. Es steht sehr zu hoffen, dass der Autor sein Publikum nicht so lange warten lässt.

 

Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.

Erich Wolfgang Skwara Sprungbrett und Sarg
Gedichte.
Graz: edition keiper, 2026
92 Seiten, broschiert.
ISBN: 978-3-903575-78-3.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

 

Rezension vom 15.08.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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