#Roman

Anstalten

Timo Brandt

// Rezension von Evelyn Bubich

„Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben“

Anstalten, der neue Roman von Timo Brandt ist klug, kritisch, witzig – und hat selbstreferenzielle Züge. Denn er macht die Sprache zur Protagonistin und greift wertvolle Themen wie zwischenmenschliche Beziehung und Literatur auf. Sprachlich von hoher Präzision; ein Text, der sich selbst durchleuchtet und hinterfragt.

Ein Auto holpert über eine beschwerliche, nicht asphaltierte Straße auf dem Weg zu der Villa, in der heute Abend die „Literaturveranstaltung“ stattfinden wird. Dieses Holpern nimmt vielleicht schon einiges vorweg. Die junge Schriftstellerin Lynn scheint dem redseligen Taxifahrer mit Hang zu inhaltlich ausschweifenden Monologen auf engstem Raum ausgeliefert, nimmt seine Plattitüden aber mit Humor – und vor allem mit Lebenserfahrung. Männer, die sich vor allem gern selbst reden hören, kennt sie aus dem Kulturbetrieb nur allzu gut. Aus dem Rest des Lebens auch. So etwas fällt zwar immer irgendwie unangenehm, aber deshalb doch nicht weiter auf. Mit bösen Zungen gesprochen: Jede Art bringt ihre ganz eigenen Zampanos hervor.

Was auch fällt, ist der Regen, mit voller Wucht schlägt er gegen die Windschutzscheibe und weicht die Straße noch mehr auf. Eine humorvolle und zugleich ernste Metapher, denn einiges ist ins Rutschen gekommen in der heimischen (realen) Kulturlandschaft – und auch bei Lynn.

Kurvenreich und turbulent ist ihr Liebes- und Beziehungsleben. Seit der Trennung von Daniel ist sie mit Ben zusammen; glücklicher, oder gar selbstzufriedener, macht sie dieser Umstand aber auch nicht. Während sie in der Villa ihre Unterkunft für die kommende Nacht inspiziert, kommen ihr (wieder) Zweifel, ob das alles denn wirklich von Bedeutung ist, und wenn ja, von welcher genau, während ihr die bös-ironischen Worte einer Schriftstellerinnenkollegin durch den Kopf schwirren – „There are no more men left in my life, I survived them all!“ (S. 18). Anders als den Fahrer des Wagens, der sie hierhergebracht hat und der von seinen Fahrkünsten vollends überzeugt ist, beschleicht Lynn manchmal das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, besonders wenn es um die Komplexität von ebensolchen geht. Und vielleicht ist es ja einfacher, über die Liebe zu schreiben, als sie zu leben.

Schon in Timo Brandts erstem Band seiner vorerst als Trilogie angelegten Romanserie über Zwischenmenschlichkeit und Kunst, Oder die Löwengrube – eine sprachgewandte-philosophische Annäherung an die Liebe zwischen Menschen, die die Literatur lieben –, könnte dies als eine der Leitfragen gelesen werden. Im nachfolgenden Band Anstalten ist es ganz besonders die Liebe zur Sprache, die Auseinandersetzung mit all ihren Möglichkeiten und den Räumen, die diese auf ästhetischer wie psychologischer Ebene öffnen.

Als Lynn zum Beispiel Nathalie Coulomb kennenlernt, die spielerisch überzeichnete (fiktive) belgische Schriftstellerin mit Zigarette zwischen den hübschen Fingern, einem Faible für Champagner und zu große Hüte, die die französische Sprache verehrt und der deutschen – „So nutzlos und doch so schön, wie ein impuissant young man in nichts als Lederhosen“ (S. 39) – auf die Spur kommen will, entfaltet sich in dieser Begegnung ein breites Panorama der Sprachaffinität. Dialoge über die Verlässlichkeit der (deutschen) Sprache –

„Das, oui, das hatte ich ganz vergessen, dieses Sprichwort. Vom Regen in die Taufe. Geburt, eine Frage der affaire, des Falls.“
„Traufe.“
„Quoi?“
„Traufe, mit r. Nicht Taufe.“
„Ah, merde, was sagte ich eben. Kein Verlass auf diesen jungen Mann deutsche Sprache.“ (S. 40)

– sowie darüber, dass sich die Sprache stetig verändere, immer im Fluss der Zeit sei. Die Sprache, sie “ändert sich ja heute so schnell” (S. 196), wird jemand feststellen, vielleicht mit gespielter Teilnahmslosigkeit, der sie als starres, herrschaftliches System und seinen zugewiesenen Platz darin als unverhandelbar begreift. Es ist dabei nicht zuletzt die Kritik an der Beibehaltung der gewohnten Ordnung, die Brandt in seiner Beschäftigung mit dem Sprachdiskurs antreibt und die sich dabei auf Diskurslinguistik, den Wandel von Sprache – eng verknüpft mit Identität – und auf die Gender- und Queer-Thematik stützt beziehungsweise Letzteres auch inhaltlich aufgreift. So trifft zum Beispiel die authentisch gezeichnete Figur einer älteren, im Literaturbetrieb etablierten männlich gelesenen Person auf die queere Figur Mik, die in dieser Konstellation mit jener Irritation konfrontiert wird, die ihr Name auslöst. Ihr Name, der keine Geschlechtszuschreibung zulässt, ein Name, der es nicht zulässt, wiederum eine andere Person in eine bestimmte Schublade zu stecken. Man(n) kennt sich nicht aus.

„Ich –“
„Ach ja, sagen Sie doch bitte Ihren Namen.“
„Mik“
„Wie?“
Sauer hob seine Hand ans Ohr.
„Mik. M i k. Ich –“
„Ist das eine Abkürzung?“ (S. 149)

In der Sprache, da liegt die Macht – etwas, das uns nicht bloß bei Foucault unterkommt –, greift Brandt in seinem sehr raffiniert konstruierten Buch anschaulich auf. Raffiniert ist es deshalb, weil es einerseits komplexe Themen verhandelt, der erzählerische Zugang aber ein leichter und niederschwelliger ist und hier sehr viel auf Witz und Ironie gesetzt wird – und man als Lesende auch wirklich viel lachen muss. Zum Beispiel, wenn Lynn den auf elitär gebürsteten Veranstalter mit dem grotesken Namen Schinkenschweg in seiner Präpotenz und Ignoranz in die Schranken weist. Aber es geht auch liebevoller zu: An einer anderen Stelle heißt es, genauso vordergründig wie naiv – und das ist schön! –: „Vielleicht ist es eher so, dass man in die Sprachen, die man spricht und kennt, verliebt sein muss. Verliebt in die Möglichkeiten, die sie bieten. Verliebt in ihre Selbstverständlichkeit.“ (S. 222) Und verliebt in ihre Wandelbarkeit, denn nur daraus ergeben sich die Perspektiven, die sie anbietet. Darin verbirgt sich ein wahrer Kern.

Neben der Sprache arbeitet sich der sehr dialoglastige Prosatext auch stark am Literaturbetrieb und seinen inneren Mechanismen ab. In den findigen Dialogen steckt auch das erzählerische Feingespür von Brandt und sein Vermögen, Leser:innen in deren eigenen Erfahrungswelten abzuholen. Es kann gut sein, dass eine junge Schriftstellerin am Podium hier verstärkt auf den Aspekt der Autofiktion oder des Autobiografischen ihres Textes angesprochen wird, auch wenn der Text gar nicht autofiktional oder autobiografisch angelegt ist. An dem Privatleben der jungen Frau will man – auch der Literaturbetrieb selbst? – ja nicht ganz uneigennützig und schon ein bisschen sensationsgeil teilhaben, während sich das Interesse am Privatleben des Altherrenautors wahrscheinlich eher in Grenzen halten wird. Aber nein, es muss natürlich an der hohen Literatur liegen, die der etablierte Autor schafft, an den künstlerischen Qualitäten als Schriftsteller. Sonst wäre er ja auch nicht etabliert; das ist ja selbsterklärend. Und abseits davon, vielleicht sollte es allgemein so gehalten werden: eine:n Schriftsteller:in nicht auf ihre:seine Schriftstellerei anzusprechen, wie man eine:n Kranke:n nicht auf ihre:seine Krankheit anspricht.

Dass Brandt seine Leser:innen nun aus der Löwengrube gleich zu Beginn mit einer wilden Taxifahrt in Anstalten katapultiert, dorthin, wo die Kranken Heilung von der Welt erfahren, oder so ähnlich, ist wahrscheinlich genauso dem Spiel mit der Sprache zu verdanken. Auf halber Seehöhe zwischen Dorf und Château befindet sich ein Sanatorium, wohl eines der beliebtesten Motive der westlichen Literaturgeschichte, „die Irrenanstalt“, wie der Fahrer des Wagens zu Beginn der Geschichte noch wie in der guten alten Zeit, „ja, ja“, zu sagen pflegt.
Später führt ein Spaziergang auch Lynn in diese Anstalt, in der sie neben sehr gesprächigen Patient:innen auf einen Stoffbären mit dem Namen „Neunzehntes Jahrhundert“ trifft. All die Traurigkeit und zugleich die Hoffnung seiner Besitzerin Franzi spiegelt sich in ihm wider. Als Kind wurde Franzi Opfer sexueller Gewalt und hat sich später in einer verklärten Romantikwelt eine Heimat für ihr Trauma zurechtimaginiert. Es drängt sich die Frage auf, ob frau lieber mit einem Bären oder einem Mann im Wald wäre – die Geschichte macht hier eine zu jeder Zeit zeitaktuelle radikale Wendung und bildet trotzdem nur einen kleinen Teil dieser literarischen Wunderkammer Anstalten ab. Vieles kann eine:n ver-rückt – oder krank – machen in der Welt, aber was hilft und wieder auf den rutschigen Boden der Realität zurückholt, ist möglicherweise die Literatur und ein Zitat des Ikonoklasten und Dramatikers Bernard Shaw: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ (S. 51)

Und nicht zu vergessen bei der Lektüre von Brandts Texten, ganz besonders auch dieses, ist der literarische Horizont dieses außergewöhnlich belesenen, jungen Schriftstellers Timo Brandt. Öffnet man seine Bücher, fällt nicht nur Brandt heraus – und irgendwo anders hinein, in die Leserin zum Beispiel –, sondern immer auch ein Teil seiner sehr umfangreichen und vielfältigen Lektüreerfahrung, die er wie einen faltbaren Taschenatlas vor uns auffächert, als läge darin die Leichtigkeit einer schweren Welt. Und dieser Atlas hängt nicht nur lose im Raum herum, Brandt weiß seine Leser:innen damit zu begeistern und knüpft auf den letzten Seiten von Anstalten auch schon an den dritten Band seiner Romanreihe an:

„Wussten Sie, par exemple, dass Georges Simenon auch Belgier ist?“
[…]
„… erzählen Sie mir gerne mehr von diesem Belgier, Madame. Sie sagen, er sei etwas verrückt gewesen?“ (S. 228)

Evelyn Bubich, geboren 1988 in Klagenfurt, studierte Komparatistik, Digital Media Publishing und Kommunikationsmanagement; Autorin, Lektorin, Literaturvermittlerin; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen und Anthologien sowie im Freien Radio; Literatur-Performances und genreübergreifende Arbeiten; Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Podium, Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren; 2026 erscheint ihr Debütroman All These Pretty Girls (Otto Müller Verlag); lebt in Wien. Homepage von Evelyn Bubich

Timo Brandt Anstalten
Roman.
Graz: Edition Keiper, 2026.
232 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-903575-73-8.

Verlagsseite mit Infos zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 24.07.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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