„…worin es um das Geräusch geht, das ein Mistsackl macht, da es von der Schaufel eines Baggers fällt“ (S. 7), heißt es gleich nach der Nennung des Titels zu Beginn des neuen Langgedichts von Stefan Schmitzer. Rasch wird das Thema doch breiter gefasst, Raumstationen und Müllhalden kommen ins Spiel, ehe auch die grundsätzliche Frage des Bandes aufscheint: Bekommen wir lesbar verschriftlicht, „was sich verschriftlichen lässt“, und ebenso lesbar verschriftlicht, „dass sich etwas nicht verschriftlichen lässt“? (S. 7) Dies bleibe nur zu hoffen, heißt es, ehe der Text zum Geräusch des fallenden Sackerls zurückkehrt. Dieser erzählerische Einstieg von space waste lässt zunächst offen, wohin die Reise zwischen Benennung, Benennbarkeit und Lesbarkeit führen wird.
Ein Gesamtkunstwerk zwischen Erde und Galaxien
space waste stellt ein Projekt des Autors dar, das sich auf den gleichnamigen Kurzfilm Space Waste (2025), den er zusammen mit dem US-amerikanischen Regisseur und Künstler von Don Hải Phú Daedalus 2024 in New York realisierte. Auch Musik von David Daniel war Teil des Vorhabens, das zweifelsohne als ein Gesamtkunstwerk gelesen werden kann. In das Buch reihen sich auch Bilder ein, wie zum Beispiel das Infografik-Plakat Der Mensch als Industriepalast von 1926 von Fritz Kahn oder historische Grafiken aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Das Besondere dieses auf vielen künstlerischen Ebenen agierenden Projekts ist jedoch, dass in diesem Buch nicht der reine Text aus dem Film vorliegt, sondern es wurde ein sich auf das Gesamtkunstwerk beziehender Text entwickelt, den die erwähnten Grafiken sowie Film-Stills als wichtige Bezugspunkte auszeichnen.
Schmitzer geht in seinem interdisziplinären Band dabei an die Grenzen des Sagbaren, Wahrnehmbaren, Beschreibbaren, Fassbaren und Erzählbaren. Er kombiniert in dieser literarischen Versuchsanordnung unterschiedliche Künste und tituliert die Personen, die diese Werke geschaffen haben, allesamt als Ritualspezialisten. Damit klingt auch der selbstironische Zugang des Autors an. Denn ist ein:e Künstler:in ein:e Spezialist:in? Nur partiell, würde wohl ein Großteil der Leser:innen annehmen, denn dieser Terminus wird eher für fachlich ausgebildete Expert:innen verwendet, nicht unbedingt aber für jene, die in einem künstlerischen Prozess Werke schaffen. Ähnlich ist es um Rituale bestellt, auch sie werden üblicherweise nicht mit Künstler:innen in Verbindung gebracht, diese folgen neuen Wegen und nicht ausgetretenen Pfaden.
Schmitzers Interesse am Weltraum wurde schon in seinem 2021 erschienenen Buch liste der künstlichen objekte auf dem mond, in welchem er den menschlichen Überbleibseln auf dem Mond nachgeht, deutlich. In dem zuletzt veröffentlichten Buch loup garou steht das Wissen von Figuren der Weltgeschichte und des Mythos im Fokus. space waste verbindet nun die irdische und die intergalaktische Ebene.
Dabei setzt sich der Autor auch mit Versprechen aus dem Bereich der Technik und der Digitalisierung in diesem Band auseinander. So lässt er ein erzählerisches Ich in Kontakt mit einer KI treten, diese wird zu einem Gegenüber, vielleicht sogar zur Muse. Ähnlich respektlos und unverschämt wie gegenüber wohl so mancher Muse wird der Protagonist gegenüber der KI. Deutlich wird in Schmitzers Ausführungen, dass die Maschine auch im Kontext der „künstlicheren“ Intelligenz überwiegend – noch – die Inhalte des Menschen, der ihr „begegnet“, spiegelt.
Neue Verfahren am Rande der Sprache
Trotz der Themenvielfalt kommt der inhaltlichen Ebene in Schmitzers Dichtung nur eine partielle Rolle zu, denn das Phonetische gewinnt Seite für Seite die Oberhand. Groß- und Kleinschreibung, ungewohnte bzw. falsche Schreibweisen und Fremdsprachen werden kunstvoll in den Text aufgenommen, wie etwa hier:
ES FOLGT NEUNTENS EIN LEHRGEDICHT
dass die MENSCHEN […]
dass sie aus STERNENSTAUB sind
dass es dás sei was die optische täuschung ertäuschet
wonach obem wie untem und innem wie äußem sei
weil · musst auch dazusagen was das heiße wir
STERENENSTAUB seinitem das heiße dass stelldirvor alle die SCHWERM
ELEMENTEitem KOHLENSTOFF
NEON
BROM
KALZIUM
et ceterea (S. 31-32)
Die Nähe von Wort und seiner Phonetik ist, was Schmitzers experimentelle Lyrik auszeichnet. Es scheint geradezu so, als könnte der Autor die zweifellos auch die Literatur bestimmende Grenze von Worten und ihren vordefinierten Zuschreibungen außer Kraft setzen, oder sie zumindest aufweichen: Worte werden aus den gängigen Kontexten gerissen, ihre Phonetik wird in den Vordergrund gerückt, ihre Bedeutung überbetont etc. Durch diese Verfahren entsteht ein neuer Zugang zur Sprache. Dabei kann es zu ungewöhnlichen Kreationen kommen, die Schüler:innen in wohl allen Schulen Österreichs rot durchgestrichen oder zumindest mit zwei Fragezeichen versehen werden würden, etwa wenn es heißt:
ES SIND
die atmigen bäume
und sachigen sachen
und die kinder daheim an ihren empfängnisgeräten
ALLE aus zeug gefügt welches
schon mehrmals verbrannt
komprimiert
und zerlegt ist (S. 33-34)
Doch beschließen wir den Beitrag mit der Ausgangsfrage, um die der Band kreist. Wozu sind Dichtung und Literatur fähig, was kann beschreibbar gemacht werden? Schmitzer kommt zu einer Formel, die einmal gefunden, einem Credo gleich, immer wieder wiederholt wird:
wir wiederholen: das gedicht ist ein kraftfeld das leuchtet
so du aufschreibst was dran nicht zum aufschreiben ist ·
und da hast du ein kraftfeld wiederhole ein KRAFTFELD!
· und es SCHWEBT! · heb· das kraftfeld mit deiner
SPACE SUIT hand schaufel hand auf auserwählter · heb·
es auf · schaufel auf · (S. 104)
Das literarische Arrangement aus Ton, Sprache, Bildern und Regelverstößen setzt inspace waste künstlerische Spielräume auf ungewohnte Weise frei, Stefan Schmitzer zählt nicht zuletzt dank dieses Bandes zu den eigenwilligsten Autor:innen Österreichs.
Ursula Ebel,geb. 1986, ist Literaturvermittlerin und -kritikerin, schreibt Rezensionen u. a. für Die Presse und Buchkultur, stellv. Leiterin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und Co-Gründerin des Feministischen Buchclubs in St. Pölten.
