Vielleicht hat man bisher nicht genau genug gelesen und der Tatsache, dass es im familiären Umfeld des Büchner-Preisträgers Josef Winkler nicht nur ein paar Brüder, sondern auch eine (bereits verstorbene) Schwester namens Maria gibt, zu wenig Aufmerksamkeit gezollt. Vielleicht hat der Autor auch von sich aus den Eindruck gewonnen, dass in dieser Hinsicht ein Missverhältnis besteht.
Nun jedenfalls hat er nach langer, intensiver, zurückgezogener Schreibarbeit einen umfangreichen Roman vorgelegt, der zwar die wesentlichen Motive und narrativen Kernstücke seines ureigenen literarischen Universums einmal mehr rekapituliert. Doch tritt neben das autofiktionale Ich, das wie bisher die detailreichen Erinnerungen (an Kindheit und Familie, das Heimatdorf Kamering im Kärntner Drautal, die Anfänge und den Verlauf der eigenen Schriftstellerkarriere, die Lektüren, Kinoerfahrungen und Reisen) vorträgt und reflektiert, die besagte um fünf Jahre ältere Schwester – eine weibliche Figur, deren Präsenz allein aus sogar bereits oft beschriebenen, bekannten Ereignissen und ‚Winkler-Anekdoten‘ etwas Verändertes, Bemerkenswertes entstehen lässt.
Im Namen der Schwester, die unter Schizophrenie litt und nach mehreren Klinikaufenthalten in einem „psychiatrischen Pflegeheim in Möllbrücke“ (S. 248f.) verstarb, erhält alles sozusagen ein neues Vorzeichen. Durch die psychologisch einfühlsame Darstellung des Lebens der tiefgläubigen Maria, einer gelernten Konditorin, erfolgt nicht nur eine Umschrift und Erweiterung katholischen Gedankenguts mitsamt den typischen Gebetsformeln, sondern eine weit darüber hinausgreifende, grundlegende Befragung existenzieller menschlicher Befindlichkeiten und ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten.
Dafür hat Winkler eine Poetologie des Nacherzählens und Paraphrasierens entwickelt – sei es von Filmsequenzen, literarischen Werken oder Geschichten, die von ihm erfunden und fortan in einen mittlerweile über Jahrzehnte währenden Schreibprozess verwickelt worden sind. Dieser ist geprägt von einem aufwändigen (Re-)Produktionsverlauf des ständigen Um- und Über-Schreibens, Korrigierens und Umstellens von Textbausteinen, des Kopierens, Zitierens und Immer-wieder-neu-Positionierens von lebensgeschichtlichen Materialien als Rohstoff für ein Verfahren, dessen Ergebnis eine höchst artifizielle Kunst autopoetischer Dichtung ist.
So führt er seinem Lesepublikum immer wieder aufs Neue vor Augen, dass sich die Texte, die er hervorbringt, nicht auf die (stets fragwürdig bleibende) Realität beziehen, sondern in erster Linie auf sich selbst. Paradoxerweise benötigt Winkler diese metafiktionale Grundlage, um den Eindruck von sprachlicher Unmittelbarkeit zu erzeugen, die ihm in der Kritik als Markenzeichen allenthalben konzediert wird.
Vom ersten Satz an wird aus einer Perspektive, in der Erinnerungen, persönliche Traumata und strukturelle, institutionelle Gewalt- und Unterdrückungsmechanismen untrennbar ineinandergreifen, eine prächtige Bildersprache ins Werk gesetzt, durch die ein hermetisch anmutendes Milieu geschildert wird. Winkler verzichtet auf eine chronologische Form, das vorliegende Buch ist als Mosaik konzipiert, in dem Rückblenden, Assoziationen, Hirngespinste und Phantasien collagenhaft eingearbeitet sind. Eine Reihe markanter Motive (beispielsweise ein blecherner Spielzeugengel, der Totenvogel, die sechzehnstufige Stiege im Elternhaus, die Heimkehr der ‚verlorenen‘ Kinder Maria und Josef, das Arsch-Ausreißen durch den Lehrer Hofmann, das kreuzförmig angelegte Dorf) ziehen sich wie rote Fäden durch das komplexe Gewebe aus pittoresken Redefiguren.
Dokumentarisch erscheinende Wahrnehmungen überschneiden sich mit einer surrealen Überhöhung der Sinneseindrücke und Empfindungen, sodass die Annäherung an die Schwester auf eine emotional ergreifende, zugleich sinnliche Weise erfolgt. Im Zuge dessen mutieren sowohl das konkrete Kamering als auch die fiktive „Patisserie Chaim Soutine“ (S. 12 u. a.) gleichermaßen zu Bezirken einer allegorischen Versinnbildlichung der geschwisterlichen Bande und Verhängnisse, in guten wie in schlechteren Tagen. Berührend sind vor allem jene Passagen, in denen Winkler in gelassener Stimmung und ohne jegliche Ambition, das Tun und Lassen Marias zu bewerten, ihre Verrichtungen, Phantasien und zwischenmenschlichen Reaktionen zu Papier gebracht hat – und seien es ihre erotischen Träume und Vorstellungen über einen männlichen Besucher in der Nacht, der sie begehrt (z. B. S. 101). Posthum wird Maria zur kongenialen Mit-Autorin des Buchs stilisiert.
Das macht Winkler keiner nach und erzeugt aus einem wahren „Sturzbach der Bilder aus der Vergangenheit“ (S. 37) einen dichterischen Sog von höchster Strahlkraft und Nachwirkung. Diese ausgeklügelte Remix-Ästhetik bietet ungleich mehr als bloße Repetitionen von bestimmten Leitmotiven oder Plot-Strukturen. Wenn auch nicht alle der sich oft über viele Zeilen hinweg konstruierten Sätze glücklich ihr Ziel erreichen (z. B. S. 261: „Ich saß neben dem Autofahrer und schaute immer wieder auf den am Rückspiegel an einem Rosenkranz hin und her pendelnden, an seinen eigenen Hostien würgenden Kruzifix, meine Schwester Maria saß, ebenfalls wortlos, auf dem Rücksitz.“), bleibt dennoch der Ernst des gesamten Unterfangens gewahrt.
Denn Literatur wird zu einem Kampfmittel gemacht, um sich gegen die Zumutungen der Umwelt zur Wehr zu setzen. Das betrifft sowohl den Schreibprozess als solchen, als auch die Rezeption, sind doch Winklers Lektüren geprägt von ungezügelter Fülle und Exzessivität. Besonders eindrucksvoll sind seine Kurzanalysen von Werken wie etwa Tausend und eine Nacht, woraus er ebenfalls zitiert und seine Lesart gegen die herrschsüchtige Mentalität des Vaters, der das Buch ebenfalls gelesen hatte, setzt (S. 222). Umgekehrt haben gemeinsame Lektüren mit Maria (vgl. S. 30) zum geistigen Austausch zwischen den beiden entscheidend beigetragen und sich seit Schultagen als geradezu privates Kommunikationsmedium bewährt.
Es geht also nicht um eine historische Rekonstruktion dessen, was irgendwann irgendwo geschehen ist, sondern um Selbstreflexion in unterschiedlichsten Spielarten, die auch durchaus humorvolle Formulierungen kennt, in denen es etwa zu einer Relativierung üblicher Redensarten und Phrasen kommt, die von Winkler häufig in Anführungszeichen gesetzt werden (z. B. Seiten 33, 90, 93, 115, 232, 266, 369). Seine schillernden Wortkaskaden stellen sicher, dass er der Sprache, die er verwendet, selbst nicht ohne Weiteres auf den Leim geht. Als sehr komisch zu bezeichnen wären auch die personifizierenden Gleichsetzungen eines neumodischen Traktors mit Gottfried, dem ältesten Bruder (Seiten 284, 286, 289), der als Kruzifix-Schnitzer ein Monopol auf katholische Moral beansprucht und mit den schriftstellerischen Ambitionen Josefs nicht das Geringste anzufangen weiß.
Einen gewissen Höhepunkt erreicht das Buch schließlich auf Seite 380 mit einem nicht inhaltlich, sondern formal eingerichteten Plot-Point, wenn man so sagen will. Der Ich-Erzähler wechselt nämlich in einen fortan bis zum Schluss dominierenden du-Modus der direkten Anrede seiner imaginären Gesprächspartner:innen. Damit wird eine weitere Steigerungsstufe im Sinne der persönlichen Unmittelbarkeit der literarisierten Dispute des Autors erreicht, der man nur mit Verwunderung, Befremden, mitunter Bestürzung begegnen kann.
Was bleibt, gemahnt an das Sprichwort „Same, same but different“, womit im Alltagsgebrauch Dinge und Sachverhalte benannt werden, die auf den ersten Blick fast identisch aussehen, trotzdem jedoch wichtige Unterschiede aufweisen. Genau diese Mischung, ob pragmatisch oder ironisch akzentuiert, macht den Reiz des vorliegenden Romans aus.
Arno Rußegger, ao. Univ.-Prof. i.R., Studium der Germanistik und Anglistik, verbrachte seine wissenschaftliche Laufbahn zunächst am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv, danach (ab 2009) am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt. Dissertation über Robert Musil, Habilitation (2004) zum Thema Selbstbezüglichkeiten in Literatur und Film. Forschungs-, Lehr- und Publikationstätigkeit mit folgenden Schwerpunkten: Österreichische Literatur seit 1900, intermediale Literatur, Filmanalyse, Kinder- und Jugendliteratur, angewandte Germanistik (Buchforschung, Literaturvermittlung, Literaturbetrieb). Buchpublikationen: als Hrsg. [gemeinsam mit Ulrike Krieg-Holz]: Österreichbilder. Mediale Konstruktionen aus Eigen- und Fremdperspektive (Marburg 2022); als Hrsg. [gemeinsam mit Gottfried Schlemmer und Georg Seeßlen]: Hans Moser. Wiener Weltschmerzkomiker (Wien 2020); als Hrsg. [gemeinsam mit Andreas Peterjan]: Neo-Phantastik (Wien 2018) (= libri liberorum, Heft 49; als Hrsg. [gemeinsam mit Angela Fabris und Jörg Helbig]: Horror-Kultfilme (Marburg 2017).
