
Am Mittwoch Abend wurden in Klagenfurt die 50. Tage der deutschsprachigen Literatur (TddL) eröffnet. Die Klagenfurter Rede zur Literatur hielt in diesem Doppeljubiläumsjahr – neben 50 Jahre TddL wird heuer auch der 100. Geburtstag der Namensstifterin Ingeborg Bachmann gefeiert – die deutsche Autorin und Bachmann-Preisträgerin von 2020 Helga Schubert.
Und führe uns nicht in Versuchung lautet der Titel von Schuberts Rede, die sie „zu Ehren der österreichischen Dichterin Ingeborg Bachmann“ hielt, „die morgen vor hundert Jahren hier geboren wurde und also noch leben könnte.“ Der im Titel erwähnten „Versuchung“ gelte es auch im Sprechen über Ingeborg Bachmann zu widerstehen; die Texte der Autorin sollten dieses Sprechen bestimmen, nicht ihr Privatleben und ihr tragischer Tod. Diese Ausführungen verknüpfte Schubert mit ihren Einladungen nach Klagenfurt. 1980 wurde Schubert auf Vorschlag von Günter Kunert zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen, erhielt jedoch keine Genehmigung zur Ausreise aus der DDR nach Österreich. Begründet wurde die Entscheidung unter anderem damit, dass es keine „deutsche Literatur“ gebe; Zudem sah die Stasi den Juryvorsitzenden Marcel Reich-Ranicki als „berüchtigten Antikommunisten“ an. Von 1987 bis 1990, als Reich-Ranicki nicht mehr Juryvorsitzender war, gehörte sie selbst der Jury an.
Zum Ende ihrer Klagenfurter Rede zur Literatur zitierte Schubert aus Ingeborg Bachmanns berühmter Dankesrede anlässlich der Verleihung des Hörspielpreis der Kriegsblinden am 17. März 1959:
Der Schriftsteller – und das ist auch in seiner Natur – ist mit seinem ganzen Wesen auf ein Du gerichtet, auf den Menschen, dem er seine Erfahrung vom Menschen zukommen lassen möchte (oder seine Erfahrung der Dinge, der Welt und seiner Zeit, ja von all dem auch!), aber insbesondere vom Menschen, der er selber oder die anderen sein können und wo er selber und die anderen am meisten Mensch sind. Alle Fühler ausgestreckt, tastet er nach der Gestalt der Welt, nach den Zügen des Menschen in dieser Zeit.
Bei den TddL stellen sich insgesamt 14 Autor:innen – 4 davon mit Österreichbezug: Wolfgang Popp (A), Magdalena Schrefel (A), Fiona Sironic (D/A) und Christoph Szalay (A) – der siebenköpfigen Jury, der Mara Delius (D), Laura de Weck (CH), Mithu Sanyal (D), Brigitte Schwens-Harrant (A), Thomas Strässle (CH) und Philipp Tingler (CH) angehören. Der Juryvorsitzende Klaus Kastberger (A) wird nach der Jubiläumsausgabe seine Jurorentätigkeit bei den TddL beschließen.
Bei der Preisverleihung zum Abschluss der TddL am Sonntag werden insgesamt 6 Preise verliehen: Der von der Landeshauptstadt Klagenfurt gestiftete und heuer erstmals mit EUR 30.000 dotierte Ingeborg-Bachmann-Preis, der als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum gilt, der Deutschlandfunk-Preis (EUR 12.500 / gestiftet von Deutschlandradio), der KELAG-Preis (EUR 15.000 / gestiftet von der Kärntner-Elektrizitäts-Aktiengesellschaft), der 3sat-Preis (EUR 7.500 / gestiftet von 3sat, dem Gemeinschaftsprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten ZDF, ORF, SRG und ARD), der BKS Bank–Publikumspreis (EUR 7.000 / gestiftet von der BKS Bank) und eine heuer zum zweiten Mal vergebene zweimonatige Residence am Ossiacher See (EUR 3.000 / gestiftet und vergeben vom Festival Carinthischer Sommer).
Nach einem Jahr Pause fand heuer von 21. bis 24. Juni wieder ein Klagenfurter Literaturkurs statt – in neuer Form und veranstaltet vom Robert-Musil-Institut für Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt mit Unterstützung des Landes Kärnten (Abteilung 14 – Kunst und Kultur).
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