#Roman

Die Wolken von beiden Seiten gesehen

Klemens Renoldner

// Rezension von Sabine Dengscherz

Ein Brief, ein (vermeintlicher?) Selbstmord und eine zerbrochene Freundschaft – eine Recherche, Filmideen und eine Spurensuche auf mehreren Ebenen, samt Ungereimtheiten und Diskussionsbedarf. Klemens Renolders Roman Die Wolken von beiden Seiten gesehen ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit der (Un-)Möglichkeit biographischen Erzählens und individuellen Strategien der Annäherung.

Was können wir wissen? Was glauben wir zu wissen? Über uns selbst und über andere? Felix Tichy ist für einige Wochen in Paris, um für eine Serie über Franz Schubert zu recherchieren. 2028 soll sie ausgestrahlt werden, zum 200. Todestag des Komponisten. Ein Film über die Rezeption und Wirkung von Schubert soll es werden, einer, der sich mit Spuren in anderen Werken und in Zeitdokumenten beschäftigt, auf Schuberts Schaffen fokussiert und darauf, wie andere es aufgegriffen haben.

Über das Leben des Komponisten will Tichy nicht erzählen, es geht ihm keinesfalls um einen Film, der sich mit den „hundert Mal reproduzierten biographischen Klischees“ (S. 28) auseinandersetzt, und ebenso wenig darum, diese Klischees in Frage zu stellen. Die Faktenlage ist sowieso immer viel zu dünn für reichhaltiges Erzählen, ist Tichy überzeugt. Damit eine lebendige Geschichte entsteht, muss viel interpretiert, ergänzt, vermutet oder schlicht erfunden werden … Außerdem: erfinden wir unsere eigene Biographie nicht laufend selbst und immer wieder neu?

Klemens Renolders jüngster Roman Die Wolken von beiden Seiten gesehen kreist um Facetten biographischer Fiktion und um Wahrheitsfindung und die vielen Hürden und Hindernisse, die eine solche so gut wie unmöglich machen. Dabei verbindet Renolder musikalische Expertise mit literarischer und hat seinen Text im wahrsten Sinne des Wortes komponiert: Wie in einem (klassischen) Musikstück wird das Hauptmotiv der Spurensuche vielfach variiert und in immer wieder neuen Tonfolgen aufgegriffen.

Die Schubert-Recherche in Paris gibt dabei eine Art orchestrale Untermalung ab für die Solo-Auftritte eines ehemaligen Freundes: Florian Lothar ist ein begabter Hornist und schwieriger Mensch. Felix und er haben sich lange nicht gesehen, nach einem Krach neun Jahre zuvor hatten sie keinen Kontakt mehr. Doch auf einmal schickt Florian einen Brief, ein dickes Bündel mit 22 handgeschriebenen Seiten, aufgegeben in Manaus, Brasilien. „Wenn du diesen Brief liest, bin ich tot“ beginnt der Text gleich reichlich verstörend, und was folgt, ist eine Abrechnung mit verpatzten Chancen, gescheiterten Beziehungen und Freundschaften, enttäuschten Hoffnungen. Und dann noch eine Bitte: Felix Tichy möge auf seinem – also Florian Lothars – Begräbnis ein paar Dinge klarstellen, geraderücken, Florians Version vertreten.

Was steckt dahinter? Ist es ein Hilferuf oder eine Vorlage für einen Nachruf? Tichy recherchiert ab jetzt zweigleisig. Zu Schubert und zu Florian. Beruflich und privat. Während Tichy in der Schubert-Recherche das eine oder andere Detail rund um die Werkrezeption zutage fördert, erweist sich die – dann eben doch biographische – Spurensuche zu Florian als wenig ergiebig.

Die österreichische Botschaft in Brasilien darf keine Auskunft erteilen, gemeinsame Freunde und Bekannte reden lieber über sich selbst als über Florian, und lange Zeit lässt sich nicht einmal feststellen, ob der Briefschreiber noch am Leben ist oder nicht – und wenn ja, wo er sich aufhält. Brasilien? Er war doch nie in Brasilien! Von San Francisco ist die Rede, von London, von einer Psychiatrie in der Steiermark. Was ist eingebildet und was ist echt? Wer lügt, wer verschweigt etwas und wer erfindet etwas dazu?

Immer wieder wird aus Florians Brief zitiert, der die Geschichte des verschollenen Musikers als die eines zutiefst verletzlichen und verletzten Menschen erzählt – aber auch eines Menschen, der die Schuld immer bei den anderen sucht. Der offenbar durchaus begabte Hornist ist international aufgetreten, hat mit bekannten Orchestern zusammengearbeitet, aber letztendlich doch nicht die Karriere gemacht, die er sich gewünscht hätte, weder als Solist noch in der Musikwissenschaft. Das mag daran liegen, dass er zu ehrgeizig war und sich nicht mit einem Instrument begnügte, sondern unbedingt zwei spielen wollte (Wiener Horn und Doppelhorn), oder auch daran, dass er seine Mitmenschen immer wieder vor den Kopf gestoßen hatte. Tatsache ist: So manches hat nicht geklappt, obwohl die Anfänge oft vielversprechend waren. Verträge mit Orchestern wurden nicht verlängert und bei einer Bewerbung für eine Professur in Wien hatte Florian es zwar in den Dreiervorschlag geschafft, aber eben nicht auf Platz eins, und die Stelle erhielt letztendlich ein anderer.

Felix Tichy hat so manches anders in Erinnerung als Florians Brief es schildert. Gemeinsame Freund:innen erzählen wieder andere Geschichten, aus anderen Perspektiven. Nichts scheint so recht zusammenzupassen. Vieles ist ungereimt, widersprüchlich, und vermutlich gibt es zahllose Gründe, sich etwas im Nachhinein schönzureden. Da ist etwa die „üble Geschichte“ (S. 78): der Tod von Florians Freundin Jane. War es Selbstmord? Ein Unfall? Ein Verbrechen? War Florian deshalb wirklich in Untersuchungshaft? Tichys Recherchen führen an allerhand Nebenschauplätze, die Freund:innen, mit denen er über Florian reden möchte, sind eigentlich mit sich selbst beschäftigt, stecken in ihren eigenen Geschichten, haben andere Interessen oder halten sich aus unterschiedlichen Gründen bedeckt.

Florian schreibt in seinem Brief:

„Der Mensch […] hat keine Ahnung von der Welt. Am wenigsten von sich selber. Ich kenne mich also auch nicht“ (S. 88).

Ist das ehrlich gemeint oder eine Masche, eine Begründung dafür, sich die Dinge so zu erzählen, wie man sie haben will? Mit jeder Schicht, jedem Detail, das zutage tritt, tun sich jedenfalls wieder neue Perspektiven und Möglichkeiten auf. „Mutabor“ lautet das Zauberwort (S. 283), wie in Wilhelm Hauffs Märchen Kalif Storch – Verwandlung ist Programm. Spuren von Artefakten schimmern in neuen Artefakten durch, das gilt für Musik wie für Literatur; was fehlt im „Notenmaterial“, lässt sich zuweilen durch „l’intelligence artificielle“ ergänzen (S. 202), was da ist, wird wieder und wieder verwertet, nicht nur von der Maschine, auch Bach und Mozart sollen schon „einzelne Arien oder Duette, auch Chorszenen und Ouvertüren von einem Werk in ein anderes verpflanzt, und mit einem neuen Text recycelt“ (S. 201) haben.

Spurensuche ist eine komplexe Angelegenheit. Das gilt auch für die Spurensuche in diesem Roman, in dem Fakten, Vorstellungskraft und Einbildung Palimpsest-artig montiert erscheinen. Eingeflochten sind zudem etliche musik- und literaturgeschichtliche Anspielungen, manche sind explizit, bei anderen bleibt es den Leser:innen überlassen, sie zu entschlüsseln und sich somit selbst auf Spurensuche im Text zu begeben.

Einige Beispiele dafür: Dem Roman vorangestellt ist ein Songtext der kanadischen Musikerin und Komponistin Joni Mitchell (Both sides now), aus dem der Roman auch seinen Titel bezieht. Der Beginn der dritten Strophe des Songs lautet: „I’ve looked at clouds from both sides now“, die vierte Strophe variiert diese Zeile mit „love“, und dies taucht auch in Florians Brief auf:

„I’ve looked at love from both sides now!“ (S. 82).

Der Haupttext des Romans ist in drei Teile (Sätze?) untergliedert, die wiederum mit Zitaten aus Schubert-Liedtexten überschrieben sind: „Hie und da ist an den Bäumen manches bunte Blatt zu sehn“ (S. 7, „Letzte Hoffnung“, Teil der Winterreise), „Habe ja doch nichts begangen, dass ich Menschen sollte scheu’n“ (S. 53, „Der Wegweiser“), „Und der Himmel, da oben, wie ist er so weit“ (S. 227, „Des Baches Wiegenlied“). Die ersten beiden stammen aus Schuberts Winterreise, das dritte aus dem Liedzyklus Die schöne Müllerin.

In seiner Komposition führt der Roman immer wieder vor, was er behandelt: Die Verwandlung von Motiven und Figuren in verschiedenen Kontexten – und die Verflechtung unser aller Leben miteinander und mit dem, was uns umgibt. Was dabei jeweils im Vordergrund steht und was in den Hintergrund rückt, ist gewissermaßen Ansichtssache. Und zumeist gibt es dabei durchaus mehr als zwei Seiten.

 

Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schriftstellerin, Universitätslektorin, Schreibwissenschaftlerin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied in der GAV, im ÖSV und im Literaturkreis Podium. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at

Klemens Renolder Die Wolken von beiden Seiten gesehen.
Roman.
Wien: Sonderzahl, 2026.
302 Seiten, gebunden.
ISBN: 978-3-85449-697-7.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 06.07.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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