Hintergrund dieses Romans, des vierten von Stefan Kutzenberger, ist der Untergang des Dampfschiffs „Austria“ im Jahr 1858. Es ist von Hamburg auf Kurs nach New York, als ein Brand ausbricht und das Schiff ruderlos und unter Volldampf durch das Wasser pflügt. Von den mehr als 540 Menschen an Bord überleben 89 die Katastrophe, aufgenommen von zwei Schiffen, die zu Hilfe eilen. Eine der vielen Reisenden mit Auswanderungsabsichten auf der „Austria“ steht im Zentrum des Geschehens: Henriette Wulff, beste Freundin und Briefpartnerin des dänischen Märchendichters Hans Christian Andersen, ferner unter den Passagieren sind der Dirigent Theodore Eisfeld und der 1848er-Revolutionär Alexander Friedländer, beide sind flüchtige Bekannte Andersens.
Kutzenberger hat sich ein raffiniertes Setting ausgedacht: Henriette Wulff befindet sich in einer misslichen Lage, sie treibt nackt auf einer Tür auf dem Atlantik, das brennende Schiff vor Augen, echtes Briefeschreiben also unmöglich. Doch die Gewohnheit, ihre Erlebnisse mit dem Märchendichter, den sie seit Jahrzehnten kennt, zu teilen, gibt sie nicht auf. Sie schreibt Briefe an ihn in ihrem Kopf. Und Hans Christian Andersen zu Hause in Kopenhagen schreibt seinerseits an Henriette ins Blaue hinein, für die Schublade und auf Vorrat; abschicken will er seine Briefe, sobald er die New Yorker Adresse der Ausgewanderten bekommt. Aus dieser originellen Konstellation entwickelt Kutzenberger einen Briefroman mit Dichter- und Freundinnenbiographien, in der die imaginierten Briefe Henriette Wulffs auch von den zehn Tagen an Bord berichten und wie sie auf die Tür gekommen ist; seine nicht abgeschickten Briefe gewähren einen Einblick in das Leben und die Persönlichkeit des Dichters Andersen. Der Bestsellerautor des Jahres 1858, so erfahren wir, hat klein angefangen, sehr klein, nämlich als belächelter Sonderling im Salon der vornehmen Familie Wulff, in dem er sich gleich in die Tochter Henriette verliebt hat – und sie sich in ihn. Jetzt ist Henriette eine gebildete, kluge, weitgereiste, unverheiratete Frau mit einer sehr engen Bindung zu ihrem Bruder, der, wie der Vater der beiden, zur See gefahren und zwei Jahre vor der Zeit des Romans an Gelbfieber gestorben ist, tief von der Schwester betrauert.
Was wir vom Werdegang und der Persönlichkeit des Märchenerzählers aus dem imaginären Briefwechsel erfahren, ist kurios, es sei „einem künftigen Schriftsteller bestimmt“, Andersen „als Protagonisten zu benutzen“, kolportiert dieser selbst ein Urteil des Philosophen Sören Kierkegard über ihn (S. 61). Dieses Unterfangen nimmt Die Liste der Lebenden auf ganz besondere Weise in Angriff. Der Gegenwart seiner liebsten Freundin und Gesprächspartnerin dauerhaft beraubt – nämlich zuerst durch ihre Auswanderung und später durch die Möglichkeit, dass sie bei dem Schiffsunglück, von dem er aus der Zeitung erfährt, ums Leben gekommen sein könnte –, begibt Andersen sich auf briefliche Selbstsuche, betreibt Selbstvergewisserung und fällt schließlich in den Bekenntnismodus. Henriette Wulff, auf ihrer Tür treibend, ist die Klügere der beiden. Sie hat ihn, ihre große, unerreichbare Liebe, längst durchschaut. Aber sie ist auch eine wohlerzogene Frau, auf Anstand und Form bedacht. Und so kristallisiert sich langsam heraus, wie es gekommen ist, dass die beiden nie zueinander gefunden haben, zumindest nicht als Liebespaar. Im ausgefältelten Beziehungsgeflecht spielen dann noch zwei süße Wiener Mädel à la Schnitzler eine Rolle, eines davon Anlass von Andersens einziger sexueller Erfahrung, außerdem der in Henriette verliebte Kapitän der „Austria“. Und dann vor allem die Literatur.
„Alles in diesem Buch stimmt“, trägt der Autor am Ende nach, da haben wir bereits 200 Seiten des Fabulierens in einem vielfältigen Spektrum gelesen. Kutzenberger präsentiert uns „literarische Wahrheit, die sich aus historischen Quellen speist“, und er tut das gekonnt. Bis zu der Stelle, an der die beiden Briefschreiber ihre Distanz aufgeben, vom Jahrzehnte gepflogenen Sie zum Du übergehen und sich gegenseitig ihre erotischen Abenteuer schildern, ist dieser Roman eine überzeugende historische Erzählung mit der Zeit gemäßen, avancierten Mitteln. Die Sprache klingt weder altertümelnd noch anachronistisch, was bei literarischen Zeitreisen selten gelingt. Nur wo die Hauptfiguren sich in Selbstkasteiung und Selbstfindung durch Sex ergehen, leidet die erzählerische Eleganz des Romans, da nützen Anspielungen auf Wien als zukünftige Stadt der Psychoanalyse nichts, es bleibt sprachlich unangemessen heutig.
Fein gewobene Bezüge, historische Diktion ohne Vorspiegelung historischer Echtheit, ein gelungener erzählerischer Coup und der Glaube an die Kraft der Literatur machen dieses Buch aus. Bewegend sind die Einsichten, die zu spät kommen. Hans Christian Andersen, der in seinen Märchen und Erzählungen nicht zimperlich ist, wenn es um grausame Tode geht, will seine Freundin mit aller Macht ins Leben schreiben, auf die „Liste der Lebenden“ setzen, der aus der Schiffskatastrophe Geretteten. Dazu muss er sich die Vorgänge an Bord genau vorstellen und beschreiben, er konstatiert jedoch: „Ach, was schreibe ich hier nur für belangloses Zeug! Ich glaube, Literatur funktioniert so nicht, das ist ja eine unzumutbare Anhäufung von Fakten, die besser in einer Zeitung aufgehoben wäre.“ (S. 180) Und dann erklärt uns der Märchenerzähler und vielleicht unterschätzte Romancier wirklich noch, wie Literatur funktioniert: „interesselos“, denn „jede Absicht zerstört sie“. (S. 181) Der Dichtung ist in diesem Roman buchstäblich eine magische Wirkung zugedacht, sie beschwört die Lebenden und die Toten. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Karin S. Wozonig, Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Anglistik/Amerikanistik und Germanistik an der Universität Wien und UCLA (USA). Publikationen zur deutschsprachigen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und zur Chaostheorie. Zuletzt veröffentlichte Karin S. Wozonig in der Naturkunden-Reihe bei Matthes & Seitz Ratten. Ein Porträt (2024) und im Residenz Verlag die Biografie Betty Paoli – Dichterin und Journalistin (2024) sowie unter dem Titel Ich bin nicht von der Zeitlichkeit eine Auswahl an Texten von Betty Paoli. www.karin-schreibt.org
