„Halb Essay, halb Gedichtband“: So beschreibt der Hanser Verlag die neue Publikation von Raoul Schrott. Das Wort „halb“ würde bedeuten, dass es zwei Hälften sind, die erst gemeinsam ein Ganzes ergeben. Doch es handelt sich um zwei eigenständige, jeweils für sich stehende Werke, die in einem Buch zusammengefasst sind. Stimmiger wäre es, von einer Dilogie zu sprechen, die thematisch zusammenhängt, bei der aber jeder Teil in sich geschlossen ist. Unterstrichen wird diese Eigenständigkeit dadurch, dass das Werk als Wendebuch vorliegt und von zwei Seiten begonnen werden kann. Beide Vorderseiten sind grafisch nahezu ident gestaltet, tragen mit Zeitgeist denselben Titel und unterscheiden sich nur durch den Untertitel. Eine Gattungsbezeichnung fehlt auf dem Cover, weshalb man erst beim Anblättern merkt, ob man im Essay- oder im Gedichtband gelandet ist.
Im Mittelpunkt von Schrotts Ausführungen steht die Frage, was Zeitgeist ist, wer ihn prägt und wem er nützt? Seit wann kennt man diesen Begriff? Wie hat er sich verändert? Und was bedeutet Zeitgeist für uns heute?
Der Essayband trägt den Subtitel Ein Plädoyer für Menschlichkeit und ist unterteilt in drei Kapitel. Schrott gibt zunächst einen historischen Abriss, der bis ins Römische Reich und zum frühen Christentum zurückreicht. Er erinnert an die Schutzgeister der Ahnen und geht den Ursprüngen des dem Zeitgeist vorangehenden Begriffs „genius saeculi“ nach, der Wirkmacht bestimmter Zeiten auf Völker und Staaten. Das Wort Zeitgeist kam erst im 19. Jahrhundert auf. Es geht auf den Dichter John Barclay und dessen 1614 erschienenes lateinisches Werk Icon Animorum zurück. Zeitgeist meint die charakteristische Gesinnung und die geistige Haltung einer Epoche, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Er beeinflusst Wertvorstellungen sowie Leitbilder einer Gesellschaft und hat Auswirkungen auf Lebensgefühle, Denkweisen und das Handeln.
Von Beginn an positioniert sich Raoul Schrott wortgewandt als Gegner des Zeitgeists, weil dieser unser Menschsein und die Entwicklung des Ichs negativ beeinflusse. Ausbreiten könne er sich „eigentlich nur in ideellen oder existentiellen Leeren“ (S. 14), schreibt Schrott und kritisiert „die Verhaltenskonformität, das stereotype Denken, de[n] moralische[n] Druck, den er ausübt, und das Mitläufertum, das er befördert“. (S. 15) Wer sich diesem Gruppendruck widersetze, laufe Gefahr, als reaktionär zu gelten. Zu Zeugen seiner Ausführungen ruft er zahlreiche Stimmen aus Literatur und Philosophie auf, die schon früh Auswirkungen und Gefahren des Zeitgeists benannten.
Schrott folgt auf so interessante wie informative Weise der Entwicklung des Zeitgeists bis in unsere Tage. Er verdeutlicht den Einfluss der abnehmenden Macht der Kirche, von Marktwirtschaft und neoliberalem Kapitalismus für dessen Erstarken. Und er wendet sich dessen Dynamik sowie richtungs- und prinzipienlosen Opportunismus zu, den Verführungen und damit einhergehenden Problemen unserer Gegenwart. So geht er u. a. auf die Macht sozialer Medien und von Influencer:innen ein, die simplifizieren und zeitgeistig vermarktbare Inhalte verstärken, weist auf die Gefahren von Big Money, Big Tech, von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz hin, die als Informationsquelle benutzt wird, aber bloß „Daten wiederzukäuen“ und „Allgemeinplätze des Sinns“ sowie „Plattitüden des Kollektiven“ zu produzieren vermag. (S. 39)
Schrott spricht auch Klartext, wenn er das Amerikanische des Zeitgeists anspricht, die „nunmehrige amerikanische Herrschaft von Idioten“ (S. 35) anprangert oder den aktuellen Präsidenten der USA als „verlogenen Narzissten von beschränktem Verstand“ (S. 33) bezeichnet, der ein Beispiel dafür sei, dass „die Glorie der Selbstdarstellung zum alleinigen Lebenszweck werden kann“. (S. 42)
Gegenentwurf zum „Kollektivismus des Zeitgeistes“ (S. 81) ist für Raoul Schrott die Autonomie eines reflektierenden Menschen „im Sinne Rousseaus […] den Prinzipien der Aufklärung gemäss und auf Grundlage der Wissenschaften“. (S. 19) Er beschwört das Ideal einer Persönlichkeit, „die Klugheit in Form von differenzierendem Denken, ethischen Gesichtspunkten und Selbstreflexion“ (S. 91) entwickelt, und die Idee der Selbstermächtigung eines „Individuums, das seinen Lebensentwurf mittels Bildung und Erfahrungen zu verwirklichen sucht“. (S. 82)
Schrotts Essays sind meinungsstarke Analysen unserer Zeit. Er argumentiert eindrücklich, würzt gelegentlich auch mit Binsenweisheiten und Stehsätzen. Es erstaunt allerdings, dass er ein wesentliches Anliegen der Emanzipationsbestrebungen, nämlich eine feministische Linguistik und die Repräsentation von nicht männlichen Menschen in der Sprache, bloß einem Zeitgeistphänomen zuordnet. So wirft er der feministischen Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch vor, „ihre akademische Bühne ausnützend […] das Gendern … hoffähig gemacht“ (S. 58) zu haben und diagnostiziert, dass dies „weder sprachgeschichtlich haltbar noch kulturell tragbar“ (S. 59) sei – ein apodiktischer Befund!
Der Autor zeigt sich als Verfechter eines generischen Maskulinums, das noch aus einer Zeit stammt, in der Frauen keinerlei gesellschaftliche Rolle spielten und daher auch in der Sprache kaum vorkamen. Er stellt sich gegen geschlechtsneutrale Begriffe, gegen eine Aufgabe des traditionellen grammatikalischen Plurals und die „Doppelung des Singulars in weibliche und männliche Formen“ (S. 62). Denn es sei ein Irrglaube, „Sprache könne unser Denken verändern“, so der Autor.
Es bleibt ihm unbenommen, in seinen Texten das generische Maskulinum zu verwenden. Daraus allerdings abzuleiten, das Gendern sei kulturell untragbar, wirft die Frage auf, von welcher Kultur Schrott hier überhaupt spricht. An anderer Stelle schreibt er, nicht nur „Transfer ist der Motor jeder Kultur, der sie am Leben erhält“ (S. 55). Aber auch unsere gemeinsame Sprache ist nichts Starres. So wurden etwa das früher gebräuchliche Wort „Weib“ sogar in den Texten der katholischen Liturgie längst durch „Frau“ ersetzt, was nichts mit Zeitgeist zu tun hat, sondern mit einer Entwicklung unserer Sprache und unseres Sprachverständnisses. Und nicht nur ich, wie der Autor in den 1960er Jahren geboren, sehe als reflektierte und reflektierende Frau das Gendern nicht als Auswuchs eines Zeitgeistes, der nur „Ausweis moralisch korrekter Haltungen“ (S. 56) ist, sondern als ein Zeichen eines inklusiven, würdevollen Umgangs auch mit anderen als bloß männlichen Menschen.
Im letzten Teil des Essaybands vergleicht Raoul Schrott schließlich die Rollen von Dichtung und Essay, die er bereits in seiner Einleitung umrissen hat. So sei die Prosa seiner Essays „faktisch“ und habe zum Ziel, „mit einer Stimme der Vernunft Grundzüge der Gegenwart zu entwerfen.“ (S. 6) Seine Dichtung hingegen gebe „Stimmen des Subjektiven wieder“ und zeige „Individuen mit ihren Eigenheiten und in aller Fragilität“ (S. 6). Der Autor erklärt hier auch die Intentionen seiner Dichtung und gibt damit die Lesart vor. Aber diese lässt sich gut auch ohne dieses Wissen begreifen, weil die Gedichte für sich sprechen.
Dreht man Schrotts Buch nun um und beginnt, auf der anderen Seite zu lesen, landet man in einem reichhaltigen, äußerst lesenswerten Lyrikband, der den Subtitel Über uns, jetzt trägt und fast die doppelte Seitenzahl wie der Essayband hat. Unterteilt ist er in Kapitel wie „Szenen des Untergangs“, „Porträts“ und „Eine Liebe in Städten und Oasen“. Es sind Gedichte in durchgehender Kleinschreibung von selten mehr als einer Buchseite Länge. Unter jedem Text ist ein Ort und ein Tag des Entstehens in den Jahren 2023 bis 2025 angeführt. Meist sind es Dörfer und Städte in Europa und Nordafrika, die zum Inspirationsraum und Anlass für ein Gedicht wurden, vereinzelt auch Beiträge in Medien wie New Scientist oder CNN.
Alternierend dazu gibt es Gedanken in Form von Zitaten, Überlegungen und Kommentaren, mal philosophisch, mal aus der Welt der Malerei, der Fotografie oder der Literatur, die mit den poetischen Beiträgen auf vielerlei Weise korrespondieren.
Die Poesie präsentiere „das Subjektive, mit dem ein Ich die Welt erfährt“ (S. 95), so Schrott. Alle in diesem Band versammelten Gedichte seien Ausdruck seiner intensiven Beschäftigung mit dem Thema Zeitgeist. Sie kreisen um das Ausgesetztsein und ein sich Aussetzen eines Individuums, thematisieren immer wieder das große wie kleine Scheitern oder antizipieren den persönlichen und gesellschaftlichen Untergang. Sie nehmen oft ihren Ausgang von Wahrnehmungen, einem zugewandten Aufmerken und Vorstellungen, zeigen sich offen für Einblicke und Einsichten. Doch können wir unseren Augen trauen? Was sehen wir, was erfassen wir und was begreifen wir, wenn wir uns in anderen Umgebungen und anderen Kulturkreisen aufhalten, menschlicher Schicksale gewahr werden, ein geliebtes und liebendes „Du“ ansehen oder uns selbst in einem Spiegel betrachten?
Manche Texte sind Momentaufnahmen und erfassen die existenzielle Geworfenheit des Menschen, andere kreisen um produktive oder lähmende Leerstellen in einem Raum oder in einem Subjekt. Andere wiederum thematisieren das künstlerische Schaffen und die Frage, wie man zur eigenen, inneren Wahrheit gelangt, aus der man schöpfen und „in reinster form exemplarisch“ (S. 49) werden kann. So sind die Gedichte wie Puzzleteile, die sich allmählich zu einem Bild fügen, zu dem auch produktive Leerstellen gehören, die wir mit unserem eigenen Denken und Empfinden füllen können.
Allein, man hätte den Texten allerdings ein aufmerksames Lektorat gewünscht, das einige Fehler vor Drucklegung beseitigen hätte können.
Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020, Finalistin beim Lyrikpreis Meran 2026; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com
