#Roman

Strahlen

Verena Stauffer

// Rezension von Sabine Dengscherz

Vier Männer, vier Beziehungen: Das Ich spiegelt sich in den anderen, und die anderen spiegeln sich in der Kunst. In ihrem jüngsten Roman Strahlen erzählt Verena Stauffer von einer Malerin und ihrer Suche nach Inspiration – und nach Halt und Erfüllung: im künstlerischen Tun und in der Liebe, zwischen Geben und Nehmen, Verletzlichkeit und Vertrauen. Am Ende mündet alles in ein gewaltiges Bild.

Ava ist Malerin. Nach einer Trennung ist sie bereit für einen Neuanfang: Sie wird einen Job als Gastlektorin an einem US-College annehmen, Freunde besuchen, sich selbst in einer neuen Umgebung erleben und ihre Expertise in einem Kurs zum Thema „Is drawing political?“ einbringen. Über eine Brücke erreicht sie New York, mit einem Mietwagen und einem roten Rollkoffer. Ava hat etwas übrig für Brücken: Sie „verbinden, aber sie lösen auch los“ (S. 11).

Schneller als gedacht lernt die Künstlerin bei ihren Freunden Anna und Henry einen neuen Mann kennen: Kyle ist konservativ, neoliberal, katholisch, Republikaner, Professor für Rechtswissenschaften, stolzer Amerikaner. Er passt nicht zu Ava, aber die beiden kommen einander dennoch näher. Ein erster Kuss im Central Park, ein Manhattan in einer der ältesten Bars, man spielt den Song I’ll be your mirror von Nico and The Velvet Underground, und Ava verbringt die nächsten Wochen an der Seite von Kyle, im Dunstkreis ,seines‘ Amerika – frei von Ideen für ihre Kunst. Die Spiegelungen münden nicht in Inspiration. Noch nicht.

Mit der Rückkehr nach Europa verliert Kyle schnell an Reiz. Symbolträchtig verfehlen sich die beiden beinahe bei einem Treffen in Mailand, sie sind auf zwei verschiedenen Flughäfen gelandet – wie aus zwei verschiedenen Welten. Kyle wirkt nun „so bieder wie sein Wagen“ (S. 43), und umgekehrt scheint auch Ava ihm nicht mehr so zu gefallen wie noch in den USA. Dennoch verbringen sie wie geplant eine gemeinsame Zeit in einer gemieteten Villa am Gardasee, zusammen mit Freunden und Bekannten. Mit dabei ist u. a ein gewisser Stefan, der mit dem Aufbau und Verkauf einer Schokoladenfabrik reich geworden ist und angeblich ausschließlich Japanerinnen liebt. Alle in dieser Villa haben Geld. Alle außer Ava. Sie ist eingeladen. Eine Art exotischer Paradiesvogel, den man eben auch mit dabei hat. Sie könne die Runde ja vielleicht malen, heißt es einmal, so wie man sagen würde: Sie könne ja einmal für die anderen kochen.

Während die anderen über Geschäfte sprechen, macht Ava tatsächlich Skizzen. Nur eben nicht von der Urlaubsrunde. Vielmehr ist schon in den Wochen vor diesem Urlaub ein Plan für ein großformatiges Bild in ihr gewachsen, nun brennt sie darauf, in ihr Atelier zurückzukehren. Aber zunächst bleibt sie. Unter anderem, weil sie weiß, dass sie für ihr Bild „dieses Leben erleben“ (S. 51) muss. Ein Teil davon ist Kyle, Teil dieses Lebens und Teil des Gemäldes, obwohl – oder vielleicht auch weil – die Beziehung nicht mehr gut läuft. Am Ende steht ein Eklat, ein Schock, eine Gewalterfahrung.

Ava ist erneut auf sich selbst zurückgeworfen – und mit ihren Sorgen allein. Wie soll sie die nächste Miete zahlen? Aber es dauert nicht lange, und schon springt Stefan ein, es knistert ohnehin zwischen ihnen (liebt er etwa doch nicht nur Japanerinnen?), er kommt wie gerufen als Mäzen, bringt bezahlte Aufträge und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das Sicherheit vorgaukelt – bis es plötzlich vorbei ist. Für einen, der alles hat, was er will, war es wohl nur ein Spiel. Für Ava geht es um die Existenz, auch finanziell. Geben und Nehmen hat allerdings viele Seiten – und letztendlich wird auch Stefan ein Teil des Bilds.

Um Abschied von dieser Lebensphase zu nehmen, gibt Ava ihr letztes Geld für ein paar Tage allein auf Zypern aus, nicht ganz zufällig auf Kiki Beach (in einer Anspielung auf Verena Stauffers erfolgreichen Lyrikband mit diesem Titel). Ava ist wieder einmal bereit für Neues – oder für Altes in Variation. Neue Männer, neue Beziehungen, neue Inspiration. Über eine Dating-App lernt Ava den geheimnisvollen E kennen, der nicht einmal seinen Namen verraten will, voller Berührungsängste steckt und sich immer wieder für einige Tage zurückzieht. Dann schreibt er wieder poetische, einfühlsame Nachrichten. Die beiden gehen es langsam an, ein Treffen am Bodensee verläuft innig – aber auch irritierend. Aus der Ferne zu schreiben, passt besser zu E. Ava genießt den intellektuellen Austausch und die Gefühle, die er in ihr auslöst; in seiner Unbestimmtheit lässt er Raum für Projektionen („E wie Ewigkeit“, S. 233, „E wie Energie“, S. 270), aber auch für Sehnsucht. Diesen Sehnsuchtsraum betritt nun ein weiterer Mann: Tiam, ein junger Arzt mit iranischen Wurzeln, schon in New York sind die beiden einander begegnet, für einen kurzen Augenblick, er hat den gleichen roten Rollkoffer wie sie. Auf den ersten Blick scheint Tiam nun mit beiden Beinen im Wiener Leben zu stehen. Er ist alles, was E nicht ist, körperlich präsent, stark und etwas naiv – aber letztendlich doch verletzlicher als gedacht.

Facettenreich und schonungslos, in üppigen, doch präzisen Sprachbildern erzählt Verena Stauffer von der Fähigkeit und der Unfähigkeit zu lieben, der Fragilität von Beziehungen und der Sehnsucht nach einer Stabilität, die nicht zu finden ist. Und sie erzählt von Schnittstellen, Scharnieren zwischen Leben und Kunst. Phantasie und Realität verschwimmen zusehends, alles ist in dauerndem Wandel … auch – oder nicht zuletzt – das Bild, das wir uns von anderen machen, die Art und Weise, wie wir andere sehen. Ava und E haben ihre Beziehung in den virtuellen Raum verlegt, in ein „Game“, das E mitprogrammiert hat, so wie er die Parameter der ganzen Beziehung vorgibt – zumindest äußerlich. Ava lässt sich auf ihre Weise darauf ein, und gemeinsam leben sie ihre Phantasien aus. Schließlich mündet auch das in Avas Malerei. In den Pinselstrichen, den Farbflächen ist ein Stück Lebens-Geschichte geronnen, weit mehr als eine Momentaufnahme. Zeit-Schichten schimmern durch das Figurale, es winkt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, und vermutlich sieht jeder und jede etwas anderes in diesem Bild.

Ava lebt intensiv und manchmal verzweifelt, aber sie sammelt auch Erfahrungen wie Trophäen und ändert sich dadurch jedes Mal ein Stück weit selbst. Nichts bleibt gleich. Selbst Steine verändern ihre Gestalt – und tauchen in Variationen auf im Roman. E hat viel übrig für Kristalle, er ist ein „Strahler“, sucht Mineralien in den Schweizer Alpen. In dem Mondstein, den Tiam Ava geschenkt hat, sieht Ava immer wieder Neues, manchmal auch sich selbst. Nicht zufällig stammt der Stein vom Fuß des Adam’s Peak, jenem Berg auf Sri Lanka, der für jede Religionsgemeinschaft etwas anderes bedeutet. Strahlen ist nicht zuletzt ein Roman über die Wahrnehmung – und viele mögliche Brechungen. Alles spielt eine Rolle: Hormone, Stimmungen, Perspektiven, Worte, Farben, Gerüche.

Poetisch, farbenfroh und sinnlich erzählt Verena Stauffer davon, wie Inspiration zuweilen unendlich weit weg erscheinen kann und obwohl man sie doch vor den [eigenen] Augen hat, davon, wie Vorstellung und Außenwelt ineinanderfließen und wie auch das für real Gehaltene aus jeder Perspektive andere Seiten zeigt. Ava ist möglicherweise schwanger. Ava ist möglicherweise nicht schwanger. Avas Schwangerschaft ist möglicherweise ein bisschen wie Schrödingers Katze. Was in Ava steckt, ist möglicherweise ein Mondstein. Erfahrungen kristallisieren in Kunst. Die eine oder andere lässt sich darin deutlich wiedererkennen. Wenn auch in veränderter Form.

Sprachlich und motivisch dicht, in schönen, treffenden Formulierungen und sinnlich im wahrsten Sinne des Wortes kreist der Text um künstlerisches Schaffen in einem Ringen zwischen Selbst- und Fremdbestimmung: Inspiration ist empfindlich für Situationen, Berührungen, Verletzungen, Stimmungen, Hormone, Lichtverhältnisse, Zufälle und vieles mehr. Ästhetisches Empfinden ist Wahrnehmen mit allen Sinnen – oder auch die Phantasie davon: ob es nun um Kunst geht oder um Kristalle, um Essen, Pflanzen, Gerüche oder Berührungen. Wie sehr kann man sich auf jemanden einlassen? Wo beginnt die Vereinnahmung – und worin besteht sie dann eigentlich? Was gibt uns Halt? Ein Mensch, eine Wohnung, eine Stadt, ein Land, eine Ideologie oder ein Beruf?

Verena Stauffer tut mit Sprache, was die Künstlerin in ihrem Roman mit Farben macht: Sie saugt das Leben auf, verarbeitet es, spiegelt es verändert zurück – reduziert und angereichert zugleich. Virtuos und sprachlich präzise wandelt die vielfach ausgezeichnete Autorin in diesem Text zwischen intellektuell-ästhetischem „Ideenreich“ und körperlicher Greifbarkeit, in unterschiedlichen sozialen und politischen Kontexten und an der Schwelle zwischen virtuellem und analogem Sein. Mal sind wir ganz aktuell im Hier und Jetzt und Heute, in dem die USA und Israel Krieg gegen den Iran führen, mal tauchen wir ein in einen farbenfrohen Wirbel aus Bildern und Gefühlen. Kunst erschafft eine Welt. Aus einer Rippe der bestehenden. Immer wieder neu. Auf der Leinwand oder im Roman.

 

Sabine Dengscherz, geb. 1973 in OÖ, Schreibwissenschaftlerin, Schriftstellerin, Universitätslektorin. Studium der Germanistik, Kommunikationswissenschaft und Hungarologie, Venia für Transkulturelle Kommunikation und Mehrsprachigkeit. Forschung zu Schreibprozessen, Schreibstrategien und Kulturbegriffen. Mitglied in der GAV, im ÖSV und im Literaturkreis Podium. Lebt in Wien und Dénesfa. www.dengscherz.at

Verena Stauffer Strahlen
Roman.
Frankfurt/Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2026.
320 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-627-00345-6

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 20.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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