#Prosa
#Debüt

Pusztagold

Clara Heinrich

// Rezension von Harald Gschwandtner

2024 hat Clara Heinrich mit dem Projekt Pusztagold ihr Sprachkunst-Studium an der Wiener Universität für angewandte Kunst abgeschlossen. Ihr gleichnamiges Debüt, ganz bewusst nicht als „Roman“ gelabelt, als Buch erschienen. Als literarisches Memoir orientiert Pusztagold sich an der Biographie der Autorin, erzählt von Jahren der Krise und des Aufbruchs, von Krankheit, Fürsorge, Klima und Wachstum – und vom Schreiben.

Pusztagold ist eine Paprikasorte, die sich durch mild-aromatischen Geschmack und dickwandig-fleischige Früchte auszeichnet. Auch wenn das Wort in Clara Heinrichs Debüt nur nebenher, ja beiläufig auftaucht, steht der klingende Name doch für gleich mehrere Dimensionen des Textes. Für eine Landschaft im Osten Österreichs, an der Grenze zu Ungarn; für eine Landwirtschaft, die sich gegen die Allmacht der Agrarkonzerne stellt und auf die Wiederentdeckung alter Gemüsesorten setzt; und für die verschlungenen Wege, die einen aus der Ferne zurück zu den eigenen Wurzeln führen, wo etwas glänzt, das man früher so nicht wahrgenommen hat. „Hat die Puszta alles, was ich denke und tue und bin, geprägt?“ (S. 10), heißt es gleich zu Beginn, als Variation eines Zitats von Joan Didion.

C ist die Ich-Erzählerin von Pusztagold, die wie ihre Autorin aus dem Burgenland stammt und deren Eltern ein bekanntes Weingut in Gols betreiben. Als literarische Spielfigur erlaubt C Clara Heinrich einige Freiheiten, auch wenn die Nähe von Protagonistin und Autorin augenscheinlich ist:

„Lange Zeit habe ich mich nicht getraut, in diesem Text etwas zu erfinden. Ich wollte die Wahrheit erzählen. Jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich darüber nachdenke, was Wahrheit überhaupt bedeutet. Und nach und nach erst traue ich mich, dazuzudichten. Als hätte der Text erst seine Wahrheit finden müssen.“ (S. 185)

Immer wieder kommt Heinrichs autofiktionales Schreibprojekt auf die Frage zurück, wie man sinnfällig vom eigenen Leben berichten kann. Großen Raum nehmen Cs Lektüren ein, aus denen sie ausführlich zitiert und exzerpiert, als Referenzen ihres Schreibens und Orientierungspunkte der Existenz. Lesend beobachtet man die allmähliche Verfertigung eines Textes beim Schreiben – einem Schreiben, das für C als Praxis der Selbstfürsorge auch therapeutische Funktion hat. Als sich Cs Leben durch eine schwere Erkrankung ihres Partners A tiefgreifend und dauerhaft verändert, wird das Festhalten des Erlebten für sie zu einer Möglichkeit der emotionalen Bewältigung.

In den ersten Kapiteln müht sich die Protagonistin indes noch mit ihrem Studium in Berlin ab: Sie ist am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft eingeschrieben, arbeitet an einer Masterarbeit zur politischen Dimension von Saatgutvermehrung und -erhaltung. Doch wo die akademische Usance Struktur und Stringenz einfordert, ufert das Thema der Arbeit allerorts aus, weil sich bei der Recherche ständig neue Aspekte und Perspektiven auftun. Immer mehr fühlt sich die Erzählerin „dem Material ausgeliefert“, sieht „Bezüge und Referenzen in Details, die in so einer Abschlussarbeit keinen Platz haben“, und kann doch nicht anders, als an ihrer extensiven Schreib- und Denkpraxis festzuhalten. „Der Betreuer meiner Masterarbeit wiederholt unermüdlich: zu groß, zu viel, zu abstrakt, zu experimentell.“ (S. 36f.)
Jenes Schreiben, das der universitäre Betrieb von ihr erwartet, empfindet sie als einengend und allzu konventionell, ärgert sich, wenn ihr der Betreuer nahelegt, „literarische und poetische Texte nicht in meine Masterarbeit der Politikwissenschaft einzubeziehen.“ (S. 55) Könnte man von dem, wozu sie Idee um Idee, These um These zusammenträgt und notiert, nicht auch ganz anders erzählen, freier, origineller?

„Manchmal […] bin ich fast ein bisschen sauer auf Donna Haraway oder Anna Tsing, die mir mit ihrem Schreibstil ein falsches Bild akademischer Produktion vermittelt haben. Wieso dürfen die das und ich nicht?, frage ich und fühle mich dabei wie ein quengeliges Kind.“ (S. 66)

Später wird im Buch von der „nie vollendeten Masterarbeit“ (S. 162) die Rede sein. Da hat Cs Schreiben längst andere Wege genommen, ist, ermuntert durch Autorinnen und Essayistinnen, die sich zwischen den Genres und Disziplinen bewegen, in literarisch-künstlerische Gefilde übergewechselt.

Pusztagold ist Ergebnis und Dokument eines vielschichtigen Mit-Schreibens mit dem Leben. Als A erkrankt und erst nach einem zermürbenden Spießrutenlauf durch Arztpraxen und Ambulanzen die Diagnose ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom) erhält, ist C auf die emotional herausfordernde Betreuung ihres Partners zurückgeworfen. Im Studium hatte sie sich intensiv mit Konzepten von „Care“ und Fürsorge beschäftigt; nun lässt sie die Situation bald an ihre eigenen körperlichen Grenzen stoßen. Schließlich ziehen die beiden, nach einem längeren Aufenthalt bei As Eltern in Mannheim, zurück ins Burgenland.

Während A das abgedunkelte Zimmer kaum mehr verlassen kann, jede kleinste Aktivität mit Erschöpfung bestraft wird, versucht C, sich neben der Pflege ihres Partners eine neue Existenz im alten Umfeld aufzubauen. Mit Hilfe ihrer Eltern und Großeltern macht sie sich mit dem Anbau von Pflanzen vertraut, übersetzt angelesenes Wissen rasch in die Praxis. Pusztagold handelt von einer allmählichen Aussöhnung mit der eigenen Herkunft, von einem Dialog zwischen Generationen und familiären Temperamenten, der nicht ohne Konflikte verläuft, aber sich, von gegenseitigem Respekt getragen, doch nach und nach einspielt. In seinen besten Momenten liefert das Buch überaus gelungene Reflexionen über das Verhältnis von Mensch, Landschaft und Naturraum im Zeichen globaler Polykrisen – durchgespielt an kleinen Details, die großen Zusammenhänge dabei ständig im Blick.

In seiner Gesamtheit überzeugt Heinrichs sprunghaftes, tendenziell plotscheues Schreibverfahren aber nicht ganz: Stark ist Pusztagold dort, wo das Wissen, das C aus ihren Lektüren zieht, eingewoben ist in die Beschreibung der täglichen Abläufe und Tätigkeiten – wo mit dem Blick in den Garten ganz selbstverständlich die Angst vor der Klimakatastrophe unserer Gegenwart präsent ist. Andernorts verzettelt sich der Text im Sammeln, Konstellieren und Diskutieren kluger Zitate. Was größtmögliche Nähe und Involviertheit in die Welt der Protagonistin verspricht, riskiert zugleich, sich in einem Zuviel an Information zu verlieren, weil ja jede Lektüre, jeder gedachte Gedanke den Horizont dieses geschilderten Lebens absteckt. Anderes wiederum wirkt, noch ganz im Jargon des Studiums gefangen, sprachlich ein wenig anämisch: „Ist die Lyrik ein Beurteilungsverfahren, um Störung sichtbar zu machen?“ (S. 24), fragt C einmal einen Freund am Telefon. Gerade im ersten Teil, wo Pusztagold mitunter den Charakter eines exzerptaffinen Tagebuchs annimmt, hätte beherztes Ausgeizen den Ertrag der literarischen Ambition vermehrt, der Prägnanz des Textes gutgetan.

Dennoch ist Pusztagold ein interessantes, weil eigenwilliges Debüt im Kosmos des gegenwärtig (allzu) populären autofiktionalen Erzählens. „Ist das deine Geschichte? Ist das alles so gewesen? Ist das autobiographisch? Ist das echt?“ (S. 191) Als C erste Arbeiten veröffentlicht, wird sie mit der Frage konfrontiert, wie nah an der Wirklichkeit ihr Schreiben angesiedelt ist. „Na ja, es ist schon Literatur“, antwortet sie und findet für das Verhältnis von Text und Welt ein eingängiges Bild, in dem die Aspekte ihrer Literatur zusammenfallen: „Sage: der Text wurzelt hier in meinem Alltag. Zeige auf den tonhaltigen Boden und sage: Wenn ich daraus eine Schüssel forme und brenne, ist es ja auch immer noch Ton. Nur die Form ist eine andere.“ (S. 191)

 

Harald Gschwandtner, geb. 1986, Literaturwissenschaftler, Kritiker und Lektor, Senior Scientist im Literaturarchiv Salzburg. Veröffentlichungen zur österreichischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, u. a. Strategen im Literaturkampf. Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik (Böhlau, 2021).

Clara Heinrich Pusztagold
Zürich: AKI-Verlag, 2025.
283 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-311-35021-7

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Rezension vom 08.04.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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