#Roman

Walküre

Daniel Zipfel

// Rezension von Juergen Weber

Duell im Gerichtssaal

Walküre, der vierte Roman des Wahlwieners Daniel Zipfel setzt sich mit Schuld und Verantwortung aber auch mit Vergebung auseinander. Sein Protagonist, Benjamin Weiß, arbeitet in einer Asylrechtsberatung und betreut syrische Flüchtlinge. Selbst gerade aus dem Burn-out zurück, wird sein Dolmetscher beschuldigt, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Aber Benjamin erwarten auch noch andere menschliche Herausforderungen.

Ein Enkel und seine Nazi-Großmutter

Der frisch geschiedene Benjamin holt – trotz seiner privaten und beruflichen Herausforderungen – seine an Demenz erkrankte Großmutter, die Walküre, aus Endingen/Deutschland zu sich nach Wien, um sie dort in einem Pflegeheim unterzubringen. Während des Umzugs hat er noch – wie jede:r andere wohl auch – romantisch verklärte Erinnerungen an seine Kindheit bei der Großmutter. Doch im Laufe ihres Aufenthaltes wird ihm immer mehr klar, dass sie eine ziemlich düstere Vergangenheit hat. Bald merkt man, dass das titelgebende „Walküre“ sich auf sie, Benjamins Großmutter, bezieht. Walküren wurden während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft besonders fanatische Anhängerinnen des Regimes genannt. Benjamins Großmutter ist eine sogenannte Ewiggestrige, verwendet rassistische Stereotype oder räsoniert über natürliche Selektion, als sie einen unschuldigen Käfer zertritt. Sie lebt immer noch in einer Zeit, in der es nur Schwarz oder Weiß gab und wo der recht hatte, der die Macht hat. Mit all dem bringt die „Walküre“ ihren Enkel bald an seine persönlichen Grenzen, wenn er sich zwischen Rücksicht auf ihre Krankheit und stillem Protest entscheiden soll. Mit seiner Ex-Frau, die beruflich im gleichen Metier wie Benjamin arbeitet, allerdings auf der anderen Seite, spitzt sich die Situation ebenso zu. Und so kommt es am Höhepunkt der Handlung beinahe zu einem Duell der Worte. Im Gerichtssaal.

Es sprechen die Paragraphen statt Pistolen

Benjamins Kollege bei der Asylrechtsberatung, Wolfgang, erklärt ihm, dass vor Gericht der Inhalt nur etwas für „Winkelschreiberlinge“ sei. „Die Guten würden auf die Form achten“ (S. 125), so Wolfgang, denn letztendlich könne ein Gutachten nur durch Formfehler bekämpft werden. Eine juristische Praxis, die wohl auch in vielen anderen Rechtsbereichen so gehandhabt wird. Wer denkt, es ginge um Gerechtigkeit, der täusche sich, so Wolfgang. Als Adnan Al Saed, der für Benjamin dolmetscht, durch den Brief eines anderen Syrers, Hassan, beim Bundesamt beschuldigt wird, in Syrien selbst in Verbrechen verwickelt gewesen zu sein, macht sich Benjamin genau diesen Rat Wolfgangs zunutze. Sein Gegenüber am Bundesamt ist niemand geringerer als seine Ex-Frau Milena, mit der er zwei Kinder, Alex und Jonas, hat. Die Scheidung sorgt auch für eine gewisse berufliche Konkurrenz, die eben einen zutiefst privaten Hintergrund hat. Vor Gericht wird dieser Konflikt dann quasi mitausgetragen: Milena und Benjamin liefern sich in der Verhandlung über Adnans Schicksal ein juristisches Duell. Anstelle von Pistolen sprechen die Paragraphen – und Benjamin gewinnt. Vorerst.

Das Vertrauen, dass Menschen sich ändern können

In der Zwischenzeit hat sich die Walküre mit Adnan angefreundet und spricht ihn mit dem Namen ihres viel zu früh verstorbenen Mannes Paul an. Um eben diesen geht es auch in der Akte, die Benjamin gerade noch aus dem brennenden Feuer retten konnte, das seine Großmutter im Garten entfacht hatte. Darin findet er Unterlagen, die belegen, dass sein Großvater Paul sich während des Zweiten Weltkriegs in der Ukraine geweigert hatte, sich an der Erschießung von Zivilisten zu beteiligen. Dies beschreibt Daniel Zipfel in beklemmenden Details, etwa wie Paul von seinen Kollegen daraufhin behandelt wurde und schließlich vor einem Kriegsgericht landete. In letzter Minute wurde damals – aufgrund eines Formalfehlers – das Urteil aufgehoben und Paul  begnadigt. Gerettet hatte ihn seine Frau, Benjamins Großmutter, die Walküre, die als Schreibkraft bei der Gestapo arbeitete.

Als Adnans Fall von den Behörden nochmals aufgegriffen wird, weil Hassan, der Verfasser des Adnan inkriminierenden Briefes, mit einem Schraubenzieher ermordet wird, fällt auch bei Benjamin der Verdacht auf seinen Dolmetscher. Vorsichtshalber checkt er alle Schraubenzieher bei seiner Großmutter, wo Adnan immer mal wieder aushilft. Aber bevor die Handlung sich zu einem Krimi entwickelt, findet Benjamin dann doch sein Vertrauen in die Menschheit wieder.

Parallelmontage, gute Dialoge und aufregende Plot Twists

Die Parallelmontage als Stilmittel funktioniert in Walküre sehr gut, um die Handlung voranzutreiben und die Gegenwart der Vergangenheit zu unterstreichen. Natürlich ist auch der Showdown zwischen Benjamin und Milena, das Duell der ehemaligen Eheleute, gut gelungen. Wenn aber Benjamin die Akten über seinen Großvater liest, und Zipfel von der Schilderung dieser Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse zu Adnans Schicksal wechselt, fallen einem nicht nur die Parallelen der Verbrechen, sondern auch die Schicksale der Opfer ins Auge. Das Dilemma seines Protagonisten Benjamin, der nicht weiß, ob er Adnan nun trauen kann oder nicht, wird einfühlsam beschrieben und nachvollziehbar geschildert. Großvater Paul aber – im Gegensatz zu Pauls Großmutter ein Sympathieträger – ist der eigentliche Held dieser Geschichte, denn er hat als Einziger nicht mitgemacht. Obwohl seine Frau, die Walküre, ihn in den Krieg gehetzt hatte und sich für ihn schämte, weil er desertierte und als Invalide überlebte, liebte Paul sie bis zu seinem eigenen frühen Ende. Schließlich hat sie ihm trotz allem das Leben gerettet – um es ihm dann bis an sein Ende zur Hölle zu machen.

“Etwas zur Kenntnis nehmen, das war ein schöner Ausdruck für Schmerz“ (S. 202), schreibt Daniel Zipfel und zeigt, dass sich Benjamin Weiß letztendlich seiner Vergangenheit ebenso stellen muss, wie Adnan. Und vielleicht wird dann auch mit Milena wieder alles gut.

 

Juergen Weber arbeitete an den Universitäten Wien, Prag, Berlin und Boston, derzeit an einer italienischen Universität und als freier Autor für verschiedene Literaturportale, u. a. www.rezensionen.ch

Daniel Zipfel Walküre
Roman.
Wien, Graz: Leykam, 2026.
256 Seiten, Hardcover mit Strukturpapier und Lesebändchen.
ISBN: 978-3-7011-8395-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Homepage von Daniel Zipfel

 

Rezension vom 31.03.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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