Oberflächlich betrachtet geschieht nicht viel: Hannah arbeitet als Assistentin an der Vorbereitung einer großen Ausstellung mit, bei der erstmals alle Museen und Ausstellungshäuser ihrer Heimatstadt zusammenspielen. Ihre Aufgaben sind Recherche und Interviews mit Ausstellungsbeiträger:innen. Daneben hilft sie ihrer Schwester beim Ausräumen deren Wohnung, weil diese eine Stelle in China antritt. Einige Male trifft sie ihren Vater, am Ende besucht er – zur Überraschung von Hannah – die Ausstellungseröffnung.
Den Rahmen des Romans bildet das titelgebende Blaue vom Himmel bzw. dessen Verschwinden. Schrefel lässt sich zwar etwas Zeit mit der Enthüllung, dass das Buchcover und auch diese Rezension in dieser Hinsicht geschwätziger sind, schadet der Lektüre aber auf keinen Fall: Um den Temperaturanstieg durch den Klimawandel zu bremsen, soll Staub in großen Mengen in die Stratosphäre verbracht werden, wodurch der Himmel allerdings seine blaue Farbe verlieren würde. Durch diesen Erzählrahmen fügt sich Das Blaue vom Himmel in eine ganze Reihe zuletzt erschienener österreichischer Romane, die sich einer utopischen bzw. dystopischen Zukunft widmen. Selten jedoch so überzeugend und nahbar wie das Romandebüt der in Berlin lebenden österreichischen Autorin und Lektorin Magdalena Schrefel. Dies gelingt ihr vor allem durch Reduktion. Sie liefert kein üppiges Worldbuilding, sondern beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Bereiche: Das familiäre Setting und die Kunst.
In Hannahs Familie ist die Mutter schon früh abhandengekommen, der Vater Jacob hat als Alleinerzieher seine beiden Töchter großgezogen – und wie in jeder Familie gibt es auch hier Kränkungen, Geheimnisse und Unausgesprochenes, zugleich aber überzeugend geschilderte Zuneigung und Vertrautheit. Die Gespräche und der Umgang der Schwestern in der ersten Hälfte des Romans lassen den Wunsch aufkommen, selbst ein Geschwister der beiden zu sein, und als die Schwester abreist, entsteht ein Gefühl des überraschenden Bedauerns beim Lesen, als wäre es ein persönlicher Abschied.
Damit ist jenes Wort gefallen, das zentral für den dem Roman ist: Abschied. Schrefel hat ein Buch über Abschiede und Verluste geschrieben, das nichts kleinredet, aber auch keine großen Geschichten macht, sondern verlässlich und genau den richtigen Ton trifft. Das gilt nicht nur für die Schilderung der dreiköpfigen Familie, ihrer Erinnerungen und ihren Umgang miteinander, sondern auch für Hannahs Arbeit an der geplanten Ausstellung.
Selten wurde über Kunst und Kunstschaffen mit so viel Achtung und Feingefühl, aber auch praktischer Distanz und Ironie geschrieben. Hannah lässt sich auf ihre Interviewpartner:innen und deren Kunst mit großer Achtsamkeit ein, verliert aber trotz dieser sehr persönlichen Begegnungen nicht die Fähigkeiten, ihre Einstellungen zu reflektieren und ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Dabei fällt durchaus auch ein gerüttelt Maß an ironischer Kritik am Kulturbetrieb ab, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Die große Leistung von Schrefel besteht darin, die Folgen einer großen, weltumspannenden Entscheidung auf eine menschlich nachvollziehbare, oft ganz alltägliche und vertraute Ebene herunterzuholen. Der „große“, sich global auswirkende Verlust spiegelt sich in den „kleinen“ persönlichen Verlusten, etwa der Mutter oder des Vertrauens in den Vater, der zu großen Teilen einfach aus dem Erwachsenwerden der Töchter resultiert. Schrefel versteht es, hier nur so viel zu erzählen, wie notwendig ist, letztlich lässt sie lieber etwas offen, bevor sie simple Lösungen präsentiert. Daraus resultiert auch mitunter eine überraschende Leichtigkeit, die jedoch zugleich die durch Verlusterfahrungen ausgelösten Gefühle keineswegs reduziert oder banalisiert. Dazu kommt immer wieder ein sehr feiner, sachter Humor: Wenn z. B. der Vater am Ende in der Ausstellung herummuffelt und Hannah sich gezwungen sieht, ihre Arbeit zu verteidigen, dann entsteht jene beinahe tragische Komik, die immer wieder im Roman aufblitzt.
Magdalena Schrefel gelingt mit ihren Figuren und einem absichtsvoll kleingehaltenem großen Thema ein außergewöhnliches und beeindruckendes Debüt als Romanschriftstellerin.
Holger Englerth, Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Universität Wien, Ausbildung zum Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger. Diplomarbeit über Asketische Praktiken von Frauen vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projekte Literaturzeitschriften in Österreich 1945–1990, Literature on the Move, Tagebücher Andreas Okopenko und zur Österreichischen Gesellschaft für Literatur.
