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Liebe der Armen

Stefan Tafler

// Rezension von Monika Vasik

Stefan Tafler war ein jüdischer Autor in Wien, der 1942 von den Nationalsozialisten im KZ Auschwitz ermordet wurde. Nun ist sein vergessener Roman Liebe der Armen im Milena Verlag wieder aufgelegt worden. Doch lohnt sich die Lektüre?

Der Nationalsozialismus mit seinem Rassenwahn und den Phantasien von deutscher Überlegenheit hinterließ ungeheure Verheerungen in Europa. Auch Literat:innen Wiens waren in vielerlei Ausmaß betroffen. Bücher wurden verboten oder verbrannt, jüdische Schriftsteller:innen vertrieben, verfolgt und ermordet. Damit endete nicht nur ihr literarisches Schaffen, sondern viele Werke gerieten in Vergessenheit, sobald niemand mehr da war, der sich daran erinnerte. Zu den Ermordeten zählen etwa der Wiener Arbeiterdichter Adolf Unger (1904-1942, ermordet im KZ Auschwitz) und die Wiener Schriftstellerin Alma Johanna Koenig (1887-1942, ermordet in Maly Trostinec), deren Bücher nur mehr in manchen Bibliotheken gefunden werden können. Dabei wäre es durchaus interessant, deren Werke zu lesen. Koenigs Buch Sahara. Nordafrikanische Novellen und Essays etwa wirft einen Blick auf die patriarchale Gesellschaft Algeriens der 1920er Jahre und wirkt erstaunlich zeitaktuell. Auch ihr posthum veröffentlichter Gedichtzyklus Sonette für Jan, in dem sie die Beziehung zu ihrem viel jüngeren polnischen Geliebten Oskar Jan Tauschinski (1914-1993) verdichtete, ist heute noch lesenswert. Werke anderer Wiener Schriftsteller:innen wie Lili Grün (1904-1942, ermordet in Maly Trostinec) und Else Feldmann (1884-1942, ermordet in Sobibor) hingegen wurden nach Ablauf des Urheberrechts erneut aufgelegt und sind heute wieder im Buchhandel erhältlich.“

Stefan Tafler war ebenfalls ein Wiener Schriftsteller. Seine Biografie kann heute nur mehr lückenhaft recherchiert werden. 1886 wurde er in eine jüdische Familie des gehobenen Bürgertums geboren und 1942 knapp 56-jährig ermordet. Als Jugendlicher verlor er bei einem Fahrradunfall seinen linken Arm, was nicht nur sein Engagement für Behinderte begründete, sondern 1921 auch die Publikation Der Krüppel nach sich zog, das Tagebuch eines Invaliden, der Selbstmord begeht. Nach einem weiteren Roman mit dem Titel Die Liebe der Zehnjährigen veröffentlichte er schließlich 1931 den Roman Liebe der Armen, der nun wieder in einer Neuausgabe erschienen ist. Die Entdeckung ist dem deutschen Journalisten Maik Baumgärtner zu verdanken, der das Buch herausgegeben und ein informatives Nachwort verfasst hat.

Die Handlung des Romans spielt knapp vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Wien. Im Mittelpunkt steht ein Zinshaus in der Laudongasse im achten Bezirk, in dem „kleine Leute“ ihr freudloses Dasein fristen. Das Personal besteht aus Tagelöhnern, Heimarbeiterinnen, Arbeitslosen, Kupplerinnen und Prostituierten. Es sind vor allem drei Familien, von denen Tafler erzählt. Frau Pluhak lebt mit einem jüngeren Lebensgefährten zusammen und ihren beiden Kindern Milli und Vickerl sowie dessen Freundin Mizzl. Ihr drittes Kind Heinrich ist ein Kleinganove, der nur gelegentlich nach Hause kommt, um Geld von seiner Mutter zu fordern. Familie Filleder wiederum winkt Wohlstand durch das Verhältnis ihrer Tochter Fini zum reichen Bob, der sie mit Geschenken überhäuft. Dieser heiratet zwar die Tochter eines reichen Bankdirektors, doch lässt er die Liebschaft weiterlaufen. Und da ist Familie Hunasch, die ihren zwei Töchtern Berta und Maltschi reiche Männer wünscht, damit auch sie sozial aufsteigen und zu Wohlstand kommen können. Frau Heindl hingegen betreibt im Haus ein Bordell und nimmt ihren Prostituierten reichlich Geld ab.

Ein Roman, der nach so vielen Jahren des Vergessens wiederentdeckt wird, weckt Erwartungen. Leider enttäuscht dieses Buch in mehrfacher Weise. Taflers Figurenzeichnung ist schlicht. Seine Menschen sind stumpfsinnig, verhalten sich lieblos, hier wird wild geohrfeigt und geprügelt „mit Klopfer, Fäusten und Füßen“ (S. 161). Frauen sind vor allem berechnend, flatterhafte Geschöpfe und Kanaillen, Männer Schwächlinge, Trinker oder Ganoven. Es gibt kaum Zwischentöne, denn „Pöbel blieb Pöbel!“ (S. 168)

Taflers Roman stellt von Anfang an klar, dass es keine Liebe für die Armen gibt, sondern nur das Tauschgeschäft Liebe für Geld und daran geknüpft die Hoffnung auf sozialen Aufstieg aus einer trostlosen Existenz. Jungen Frauen stehen zwei Möglichkeiten offen, der Tristesse zu entkommen, nämlich sich einem reichen Mann anzudienen oder in der Prostitution zu landen. Man fragt sich bei der Lektüre bald, warum Stefan Tafler ein Milieu wählte, von dem er offenbar keine Ahnung, sondern bloß klischierte Vorstellungen hat, schlimmer noch, man gewinnt beim Lesen den Eindruck, er mag sein Romanpersonal nicht, blickt auf die Menschen herab und denunziert sie durch simples Schwarz-Weiß-Denken und Abwertungen.

Es gibt wunderbare Werke der Literatur, die sich atmosphärisch dicht mit der proletarischen Welt befassen, uns Einblicke ins Leben von Menschen am Rand der Gesellschaft geben. Hier sei nur als ein Beispiel der Name Else Feldmann genannt, deren Romane ebenfalls im Milena Verlag verfügbar sind. Taflers Liebe der Armen gehört leider nicht dazu, weil er es nicht schafft, Figuren aus Fleisch und Blut zu erschaffen, sondern bloß pappkartonartige Schablonen, die durchs Leben staksen. Das liegt allerdings auch an seinen unzulänglichen sprachlichen Mitteln. Seine Sprache bewegt sich meist auf Schundroman-Niveau, in dem der Kitsch blüht und Gefühle durch Einsatz von Adjektiven behauptet, aber nicht spürbar werden. Hier ist fast alles auserzählt, ohne zwischen den Zeilen Platz für die Phantasie der Lesenden zu lassen. Taflers Sprache wirkt zudem durch den Einsatz antiquierter Wörter und Wendungen angejahrt, etwa durch ein Verb wie „krawallieren“ (S. 22) und Satzkonstruktionen wie: „Als er aber die Berta wieder so frech sich gehaben sah“ (S. 48) oder „die Wunde war schwürig geworden“ (S. 57). Wobei kleinere Eingriffe in den Text durch den Verlag oder den Herausgeber stattgefunden haben, etwa durch die Übernahme der neuen Rechtschreibung.

Was den Roman darüber hinaus zum Ärgernis macht, ist, dass zwar zahlreiche weibliche Figuren auftreten, aber Stefan Tafler wenig Ahnung von Frauen, ihren Körpern und ihren Gefühlen zeigt, sondern ihnen den männlichen Blick überstülpt, der manches lieber nicht so genau sehen und wissen will. Unbeholfen wirkt etwa die Wendung, dass „ein warmer Strahl zwischen den Beinen das mit Bangen erwartete Unwohlsein“ (S. 58) ankündigt.
Unerträglich jedoch ist sein Umgang mit Pädophilie, sexueller Gewalt und weiblicher Lust. Es ist ein eherner Männertraum, dass Mädchen danach lechzen, mit älteren und alten Männern Sex zu haben. Und sind sie nicht willig, werden sie eben mit Gewalt genommen, haben beim Sex mit dem potenten Mann natürlich Freude und empfinden dabei ungezügelte Lust. Es ist eine männliche Fantasie, die bis heute unausrottbar scheint, siehe Harvey Weinstein oder der Skandal rund um Jeffrey Epstein und die sexuelle Ausbeutung Minderjähriger.

So beschreibt Tafler etwa die Vergewaltigung der 13-jährigen Milli, die noch Jungfrau ist, durch ihren Stiefvater, der ihr schon zuvor eindeutige Avancen machte. „Sie war voller Angst und bereute, ihrer Mutter nicht längst ihre Beobachtungen anvertraut zu haben“ (S. 27), heißt es bei Tafler, wenige Zeilen später dann, „Sie flüchtete erschrocken ins Zimmer“. Der Vergewaltiger versperrt die Wohnungstür und nimmt dem Mädchen jede Fluchtmöglichkeit. Er sagt, dass er ihr nichts tun werde, sie nur gern habe. Und da kippt die Szene, wenn es plötzlich heißt, „[d]ieses Anerbieten schmeichelte ihrer weiblichen Eitelkeit“ (S. 27). Es wird eine Mitschuld der 13-jährigen durch ihre Lüsternheit fixiert, denn sie reizt ihn mit ihrer „Keckheit“, sei ein „Luder“, das mit ihm, dem Vergewaltiger, spiele. Schwülstig dichtet Tafler dem Mädchen Lust an, denn „Begierde und Neugier stachelten sie maßlos auf … Rasend schlug ihr Puls. Fast hätte sie aufgeschrien, so glühte ihr Blut.“ (S. 28) Und weil die Vergewaltigung für die Kleine so toll war und er ihr weiter nachstellt, wird der Stiefvater jetzt „ihr Geliebter“ (S. 58, 100), wobei sie in einem hellen Moment erkennt, dass sie ihn „trotz der Raserei, mit der sie sich ihm hingab, eigentlich doch nicht liebte.“ (S. 59)

Dass sexuelle Gewalt auf so tumbe, ungelenke und klischierte Art und Weise dargestellt wird, mehr noch, dass solch ein Werk unkommentiert in einem Verlag erscheint, der einst als Wiener Frauenverlag gegründet wurde, der sich damals Gleichberechtigung sowie die sexuelle Selbstbestimmung der Frau auf die Fahnen heftete, erstaunt. Es gibt noch zahlreiche weitere Stilblüten, etwa wenn Tafler eine Frau denken lässt: „Selber zu werben, war doch nicht so schön, als vom Mann genommen zu werden!“ (S. 172) Es wundert dann auch nicht mehr, dass im Verlagstext wahrheitswidrig eine Beziehung von Milli zu ihrem Bruder Heinrich behauptet, der Stiefvater aber nicht erwähnt wird, weil möglicherweise niemand das Buch genau gelesen und dessen literarische Qualität hinterfragt hat. Fazit: Es harren noch zahlreiche vergessene Werke auf ihre Wiederentdeckung. Dieser Roman aber hätte ruhig weiter im Dunkel des Vergessens bleiben können.

Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com

Stefan Tafler Liebe der Armen
Roman.
Wien: Milena Verlage, 2026.
280 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Leseband.
ISBN: 978-3-903460-51-5

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 03.04.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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