Zwei biografische Wegmarken kennzeichnen das Leben und Werk der Dichterin, Schriftstellerin und Übersetzerin Barbara Pumhösel, die in den Angaben ihres Lebenslaufs nie unerwähnt bleiben: das Erlauftal und das Arnotal. Geboren in niederösterreichischen Neustift bei Scheibbs wurde sie in ihrer Kindheit von der Mostviertler Natur- und Kulturlandschaft geprägt, deren Eindrücke bis heute nachwirken und Quell der Inspiration sowie Ausgangspunkt für poetische Reflexionen werden. Geprägt wurde die Autorin zudem von archetypischen Mostviertelbildern, wobei neben dem Gesehenem auch das Gehörte und Geschmeckte bis heute nachwirken.
Früh war sie fasziniert von Poesie sowie von Märchen und Geschichten ihrer Kindheit. Ihre erste bewusste Begegnung mit dem Wort war jene mit dem Mostviertler Idiom ihrer Mutter, das sie nicht nur des Inhalts wegen anzog, sondern durch die poetische Form, wie sie einmal in Die Position des Birnbaums für die Anthologie Mein Mostviertel (Literaturedition NÖ, 2015) erklärte. Später kamen Hochdeutsch und das Italienische hinzu und damit ihr Eintauchen in drei unterschiedliche Sprachwelten, wobei sie darüber hinaus des Französischen mächtig ist und sich mit italienischen Dialekten beschäftigte.
Als Jugendliche begann Pumhösel, Gedichte zu schreiben, wandte sich zudem der Kurzprosa und dem Genre Kinderbuch zu. Nach Abschluss ihres Romanistikstudiums übersiedelte sie schließlich nach Italien und lebt seither im Arnotal, wo sie u. a. in der Leseförderung tätig war, eine Bibliothek leitete und als Autorin zahlreicher Kinderbücher bekannt ist, die in viele Sprachen übersetzt wurden. In deutscher Sprache veröffentlichte die Dichterin bereits mehrere Lyrikbände. In diesen zeigt sie sich oft der Natur und Landschaften verbunden, die Ausgangspunkt für Denk- und Reflexionsbewegungen werden und um das Erinnern, um Politik, Dramen des menschlichen Lebens und lyrische Annäherungen an das eigene Schreiben kreisen. Die Lyrikerin zieht dabei gern Naturvergleiche als Metaphern für den Prozess des Schreibens und Dichtens heran und macht dies immer wieder durch Visualisierungen begreifbar.
Beispielhaft seien ihre Bände gedankenflussabwärts, in dem sie sich der Erlauf, einem Nebenfluss der Donau, widmete (Edition Thurnhof, 2009) und Die Distanz der Ufer (Limbus,2019), ein Langgedicht, in dem mit „Falterone“ und „Kalkalpen“ Quellgebiete von Arno und Erlauf angesprochen werden. Aber hier folgt sie vor allem der Donau, die im Schwarzwald entspringt, bei Pöchlarn die Erlauf aufnimmt und nach langem Verlauf ins Schwarze Meer mündet. Nicht zuletzt dient in beiden Werken der Fluss als Metapher für das eigene Schreiben.
„Ich sammle Lebenszeichen“, hieß es programmatisch in Die Distanz der Ufer (S. 11). Das macht Barbara Pumhösel auch in ihrer aktuellen Publikation, in der sie sich einem neuen poetischen Forschungsgebiet widmet. Sie taucht diesmal nicht in die Welt der Flüsse ein, sondern wendet sich Flügelwesen (S. 13) zu. Es sind Tiere unterschiedlicher Größe und Art, deren Gemeinsamkeit der Besitz von Flügeln ist, mit denen sich die meisten auch fortbewegen können. Darunter sind Vertreter der großen Gruppe der Insekten, etwa Ameisen, Hummeln, Falter, Heuschrecken oder Rosenkäfer, eine Vielzahl kleinerer Singvögel, zudem größere Vogelarten wie Albatros, Lachmöwe, Kiebitz, Goldfasan, Schneegans, Schneeammer, Tauben und Krähen, sowie Raubvögel wie der Turmfalke und nachtaktive Vögel wie der Tagschläfer (Nyctibius), nach dem der zweite Zyklus des Bands benannt ist.
Pumhösel steht diesmal nicht am oder in einem Fluss, nimmt wahr und lässt ihre Gedanken mäandern, sondern sie blickt aus dem Fenster, steht in der Natur oder wandert umher, während sie auf die Flügelwesen achtet, ihnen mit den Blicken folgt, aufmerkend zuhört und infolge einer Aufmerksamkeitsverschiebung bemerkt, „wie ich eine andere werde“ (S. 32). Sie zeigt sich in ihrem aktuellen Band erneut als beobachtendes Subjekt, das die menschliche Perspektive hinterfragt und sich gegenüber einer anderen, nicht menschlichen Seins-, Kommunikations- und Wahrnehmungsform öffnet.
Dabei treten anthropozentrische Ordnungen für eine Weile in den Hintergrund, sind aber dennoch als Störungen präsent und werden reflektiert. So erwähnt sie gleich im ersten Gedicht den Habitatverlust der Wildbienen und das Insektensterben, in anderen Lockvogelfallen, Vogelscheuchen und rote Listen oder thematisiert Irrwege in der tierischen Zucht und die Auswirkungen des Klimawandels.
Die Lyrikerin zeigt sich zudem als aufmerksame Fährtenleserin, die Vogelspuren analysiert, nach Baumnestern sucht und Vogelstimmen nachhört. Was sie antreibt, „ist mehr als Neugier“, denn „diesen Spuren folge ich / einer Geschichte wegen / die hier nur angedeutet wird / durch zwei kleine weiße / Federn und Zeichnungen / aus Zehenabdrücken“ (S. 27), lesen wir etwa in ihrem Gedicht im Schnee.
Die aufmerkende Wahrnehmung regt ihre Gedanken an, lässt Erinnerungen frei flottieren und ruft Assoziationen, Träume und Phantasien wach. Es sind nicht nur heutige Momentaufnahmen dieser beflügelten Welt, die Eingang ins Gedicht finden, sondern die Dichterin zieht historische und kulturelle Verbindungen, wenn sie Statuen des altägyptischen Gottes Thot mit Ibiskopf, Vogeldarstellungen aus dem 8. Jahrhundert, Aquarelle Albrecht Dürers oder Vogelmotive auf Geschirr und damit die jahrtausendealte menschliche Faszination für die Vogelwelt einbezieht. Auch musikalische Anspielungen bereichern die Assoziationsräume dieser kurzen, wenige Verse bis eine Buchseite langen Gedichte, etwa wenn sie so unterschiedlichen Musikern wie Joseph Haydn, Antonio Salieri, Leonhard Cohen und Lou Reed ihren Platz im Text gibt.
Vor allem aber finden wir Anspielungen auf die Literatur in Form von Zitaten in deutscher, englischer und französischer Sprache, die einigen Zyklen und Gedichten vorangestellt sind und die mehrsprachliche Gewandtheit der Lyrikerin zeigen. Es gibt zudem zahlreiche literarische Anspielungen, etwa die Verwendung von Motiven aus Märchen, anderen Lektüren sowie Liedern, die das Lesen der vier Gedichtzyklen des Bands zu einer Entdeckungsreise machen. Vor allem aber gibt es vielerlei Bezüge zum eigenen Schreiben, beginnend beim Titel Wortnester, der schon darauf hinweist, dass Worte und Gedichte eine Zeit der Hege und Pflege brauchen, bis sie entwickelt genug sind, in die Welt zu fliegen.
Auch Gedichttitel wie Erzählperspektive, Sprache, das Gedicht oder Lesenester zeigen die Beschäftigung mit dem Wort. Zudem werden in den Texten das Lesen, Buchseiten, Muttersprache, Wortnetz, Verse, auch das „Geheimnis / hinter den Buchstaben“ (S. 30) oder fliegende Blätter erwähnt und „manche beherbergen schon zwitschernde / Verse“ (S. 18).
Eine formale Eigenheit ist, dass die Titel fett gedruckt erst am Ende der Gedichte platziert sind und diese abschließen. Manche sind in Klammern gesetzt, für andere wählte die Dichterin die Kursivschrift. Anhand des ersten Zyklus Das ü in Glück und Flügel lassen sich finale Entscheidungen über die Texttitel gut nachvollziehen, vergleicht man die nun leicht abgeänderte Version mit der Vorgängervariante, die Pumhösels 2019 erschienen Podium-Porträtband Nr.102 eröffnet hat. Schon damals waren die kursiv gesetzten Titel nachgereiht und alle trugen Klammern, was den Eindruck des Optionalen verstärkte, während nun einige davon in normaler Schrift und ohne Klammern gesetzt und damit integraler Bestandteil der Gedichtarchitektur sind.
Barbara Pumhösel meinte einmal, dass Schreiben eine Lebenshaltung sei, „das Einschieben einer Linse, die … eine klarere Sicht ermöglicht“. Und „manchmal macht sich etwas selbständig“ und wird Gedicht. Es ist ein kreativer Prozess und selten gelingt der schönste Moment, nämlich das Ineinsfallen von Glück und Flügeln im gelungenen Text, dann nämlich, wenn nicht nur ein, zwei Verse zwitschern, sondern ein Gedicht gelingend „abhebt“ (S. 29). Oder gereift auf einem Blatt Papier Platz nimmt.
Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com
