#Comic
#Sachbuch

Die Frau als Mensch. Schamaninnen

Ulli Lust

// Rezension von Johanna Lenhart

Im zweiten Band ihrer Reihe Die Frau als Mensch konzentriert sich Ulli Lust auf eiszeitliche Statuetten und die Rolle von Schamaninnen in der Gesellschaft der Eiszeit. Der „essayistische Comic“ vermittelt neueste Erkenntnisse aus der Forschung, stellt aber vor allem auch Interpretations- und Sehgewohnheiten – und was wir daraus für die Rollenverteilung der Gegenwart ableiten – in Frage.

Die Realität der Vergangenheit war wahrscheinlich komplexer, als man es sich vorstellen kann.“ (S. 207) zitiert Ulli Lust im zweiten Teil von Die Frau als Mensch den tschechischen Paläoanthropologen und -archäologen Jiří Svoboda und beschreibt damit das Unterfangen des Bandes präzise. Hatte Lust sich im ersten Teil von Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte, der als erstes Comic im Vorjahr mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet wurde, mit der (Neu-)Interpretation von archäologischen Funden aus der Steinzeit und den daraus resultierenden Ableitungen darüber, welche Rolle Frauen zukam, beschäftigt, wendet sie sich im zweiten Band mit dem Untertitel Schamaninnen nun der Kunst zu. Ausgangspunkt ist eine überraschende Beobachtung: Aus dieser doch sehr langen Zeitspanne (immerhin 30.000 Jahre) sind vor allem Statuetten von als Frauen gelesenen Personen erhalten, von als männlich gelesenen dagegen nur wenige.Warum ist dieses Verhältnis nicht ausgewogener? Welche Rollen spielten diese Statuetten und was kann man aus Funden über die Lebenswelt der Menschen in der Eiszeit – und besonders der sozialen Position von Frauen – ableiten?

In den beiden Bänden kulminiert eine langjährige Beschäftigung Lusts mit der Steinzeit. Angefangen von einer jährlich erscheinenden Heftserie mit dem Titel Springpoems (1998-2005), die von jungsteinzeitlichen Fruchtbarkeitsritualen inspiriert wurde, bis hin zur Vertiefung in die aktuelle paläontologische Forschung – in der es in jüngerer Zeit durch neue Möglichkeiten und eine inklusivere wissenschaftliche Landschaft (immer mehr weibliche Paläontolog:innen) zu völlig neuen Erkenntnissen in Bezug auf das Leben in der Steinzeit kam. Anlass für Lust, diese neue Perspektive in einem „essayistischen Comic“ zu verarbeiten, der „in Bildern und Texten gemeinsam mit den Leser*innen Fragen“ stellt, aber „nicht notwendigerweise Antworten geben“ muss. Ein sehr sympathischer Ansatz, gerade in einem Feld, dessen Bilder- und Geschichtenwelt von so vielen vereinfachenden populären Darstellungen – Achtung Wortspiel! – in Stein gemeißelt wurde. 

Wenn im ersten Band der Fokus noch stärker auf der Aufdeckung einseitiger Interpretationen von steinzeitlichen Fundstücken (und anderen Kunstgegenständen) aus männlicher Perspektive liegt, konzentriert sich Schamaninnen viel stärker auf Lusts eigene Exploration der Statuetten. Stets basierend auf aktuellen wissenschaftlichen Publikationen, untersucht sie die eiszeitliche Lebenswelt aus künstlerisch-narrativer Perspektive, hinterfragt Sehgewohnheiten, stellt Hypothesen auf und fragt sich und die Leser:innen: „Sprechen Bilder über die Jahrtausende zu uns?“ (S. 10)

Eine exemplarische Statuette, die den Comic begleitet, ist die sogenannte Venus von Willendorf. Die 1908 bei Bauarbeiten in Willendorf in der Wachau/NÖ gefundene und im Naturhistorischen Museum in Wien aufbewahrte Steinplastik ist bekanntlich einer der ältesten gefundenen Figurinen aus der Steinzeit. Eine mögliche Geschichte rund um ihr Entstehen wird in spekulativen, narrativen Episoden erzählt, zu denen sich mit Belegen versehene Erklärungen, Fakten und Forschung gesellen. 

Der Schöpfungsprozess, dem hier Ausdruck verliehen wird, ist ein klar künstlerischer: Die Venus von Willendorf und ihre Schwestern sind in dieser Interpretation Kunstobjekte und als solche eng mit der Praxis von Schaman:innen verbunden. Neben ihrer Funktion als Heiler:innen, Expert:innen für den weiblichen Zyklus, Geburt und Abtreibungen, und Pflanzenkundige, waren sie auch Wissende – Träger:innen von Liedern und Geschichten – sowie Seelenwanderer:innen und Künstler:innen, die in anderen Zuständen und in enger Verbundenheit mit Tier und Natur, der „poetischen Improvisation“ (S. 124) fähig sind. 

Was weniger gesagt als gezeigt wird, ist, dass diese Funktion für Lust vor allem von Frauen wahrgenommen wurde, wie die Welt von Schamaninnen auch generell fast ausschließlich von als Frauen gelesenen Personen (Geschlechtlichkeit jenseits des Binären wird zumindest gestreift) bevölkert wird: Auch das ein Bruch in der scheinbar selbstverständlichen Darstellung von Menschen in der Steinzeit, die sich meist auf bewaffnete, gewaltbereite, männlich gelesene Personen konzentriert. Andere narrative Einschübe beschäftigen sich mit verschiedenen Mythen indigener Gemeinschaften, die durch ihre „lange[n] kulturelle[n] Kontinuität“ (S. 138) Partikel von urzeitlicher Geschichte und Vorstellungswelten noch in sich tragen. Natürlich nicht als direkte Ableitung, sondern vielmehr als Gegennarrativ zur rationalistisch-westlichen Vorstellung davon, wie Menschen agiert und zusammengelebt haben. Auch wenn diese Mythen keine direkte Verbindung zur Eiszeit herstellen, enthalten sie doch „jüngere und ältere Motive, die dabei helfen, Spuren in die Vergangenheit zurückzuverfolgen.“ (S. 194)

Eine Spurensuche, die sich allerdings nicht nur auf die Vergangenheit konzentriert, sondern auch in die Gegenwart schaut: Gerahmt ist Schamaninnen – wie schon Am Anfang der Geschichte – von autobiografischen Episoden, die zeigen, wie Narrative und Bilder über die Vergangenheit sich in unsere Gegenwart schmuggeln und suggerieren, dass wir nicht so weit voneinander entfernt sind, wie es manchmal scheinen mag. Was in Schamaninnen allerdings sehr viel deutlicher wird, ist die Interpretation, die auch Ulli Lust beim Zeichnen vornimmt. Indem sie immer wieder ihren eigenen Prozess des Schaffens und Verstehens thematisiert und damit auch Momente des Fragens und Abwägens sichtbar macht.

Dass nicht alle Bilder vollständig entschlüsselbar sind, dass es immer Reste von Unsicherheit und Offenheit gibt, macht Schamaninnen dabei umso effektiver darin, zu hinterfragen, was wir auf Basis unserer eigenen Perspektive zu wissen glauben. Dass sich Schamaninnen doch sehr viel weniger explizit mit der Demontage des patriarchalen Blicks auseinandersetzt als der erste Band und dafür mehr mit der interpretativen Kraft der Autorin, ist dabei nur konsequent auf dem Weg zur Selbstverständlichkeit weiblicher Deutungshoheit.

Ulli Lust schafft so auch mit Schamaninnen etwas, was nur wenigen gelingt: Nachhaltig einen Denkprozess anzustoßen, der nicht nur Wissen über die urgeschichtlichen Eiszeiten vermittelt, sondern Prozesse der Wissenserzeugung kritisch vorführt – so präzise und unterhaltsam wie dicht und komplex: Ein Leseerlebnis auf allen Ebenen.

 

Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung und Digital Transformation tätig; Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.

Ulli Lust Die Frau als Mensch: Schamaninnen
Comic.
Berlin: Reprodukt, 2026.
304 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-95640-494-8.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Ulli Lust

 

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 6

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 7

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 8

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 9

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 10

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 11

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 14

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 15

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 16

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 17

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 18

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 19

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 20

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 21

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 22

Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen,
S. 23

Cover Ulli Lust Die Frau als Mensch. Schamaninnen

1 / 17

Rezension vom 06.03.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.