Es ist ein bewährter Plot, dem Marlene Gölz’ Debütroman folgt: Nach vielen Jahren in der Stadt kehrt eine Figur an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück, quartiert sich im Haus der Eltern ein, trifft Menschen von früher – und kommt einer Sache auf die Spur, die man bislang vor ihr geheim gehalten hat. So weit, so klassisch. Die Frage ist also, was man aus diesem vielfach erprobten Modell macht.
Der Anlass für Caros Rückkehr in die Heimat ist ein tragischer: Melanie, ihre beste Freundin, ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Als Jugendliche waren die beiden unzertrennlich, hatten, so unterschiedlich sie waren, Freud und Leid und vieles mehr geteilt, bevor Caros Umzug nach Wien die Freundschaft auf die Probe stellte. Während Caro studierte, später heiratete und Kinder bekam, blieb Melanie bis auf eine kurze Episode dort, wo die beiden aufgewachsen waren, wo jeder jeden kennt. In einem Ort, einer Marktgemeinde, wie es sie in Oberösterreich zuhauf gibt.
Freilich waren die Rollen nicht so klar verteilt, das weiß Caro selbst: Denn trotz Studium und Großstadt war sie die Konventionellere, Vorsichtigere der beiden, die sich lieber zurücknahm und den Stil der anderen imitierte, um ja das Richtige zu tun. Selbst den „guten Geschmack“ hat sie sich von ihrer urbanen Peergroup abgeschaut, ja „antrainiert“ (S. 90), um eine zu sein, wie schon andere gewesen sind. Hatte Melanie, aller falschen Abzweigungen zum Trotz, nicht ein eigenes Leben, ihr eigenes, unverwechselbares Leben gelebt? Ihrem schrillen, expressiven Stil blieb sie treu, pfiff auf kühle Eleganz und minimalistische Selbstbeschränkung.
Es ist Ende Juni, als Caro zu Melanies Begräbnis aufs Land fährt, und vorerst will sie nicht zurück in die Stadt. Als freiberufliche Übersetzerin kann sie überall arbeiten; ihr Mann André, von dem sie annehmen muss, dass er eine Affäre hat, scheint sie nicht wirklich zu vermissen. Im Haus der Eltern ist jedenfalls genügend Platz für sie und die beiden Buben; die Mutter lebt seit dem Tod des Vaters allein hier. „Bis Himmelfahrt bestimmt“, sagt sie, wenn jemand fragt, wie lange sie bleiben will, zumal die Wohnung in der Stadt wegen Baufehlern dringend sanierungsbedürftig ist. Eine buchstäbliche Unbehaustheit, die zugleich metaphorisch für Caros marod gewordenen emotionalen Haushalt steht.
„Und als ließe sich aufholen, was sie in den letzten Jahren versäumt hatte, nahm sich Caro vor, einen Sommer lang zu suchen, was sie verloren hatte, verknüpft mit der leisen Hoffnung, dass auch sie wieder ankommen würde. Sie musste sich versöhnen, mit dieser Gegend, und Dinge in Ordnung bringen, die schon lange durcheinander waren.“ (S. 40)
Ein Sommer wie damals, in der Gegend von damals? Caro weiß, die Unbeschwertheit der Jugend ist längst dahin, nicht nur, weil Melanie nicht mehr am Leben ist. Je länger dieser Sommer dauert, desto intensiver beschäftigt sich Caro mit sich selbst, mit ihren Entscheidungen und mit denen, die Melanie getroffen hatte. Zwischen Care-Arbeit und Alltagstrott bleiben ihr, so erkennt Caro in der unfreiwilligen Auszeit, kaum Raum für ihre eigenen Bedürfnisse. Es fällt ihr schwer, sich aufzuraffen, neu anzufangen, und doch ist sie sich schmerzlich bewusst, dass sie „nicht ewig den Atem anhalten und zusehen“ kann, „wie unverrichteter Dinge die Zeit verging“ (S. 111).
Manches von dem, was Caro umtreibt in diesem Roman, verläuft sich im Lauf der Handlung – etwa die Geschichte um Waffen und Wiederbetätigung, die mal hier, mal dort angetippt wird, ohne große Wirkung zu entfalten. Himmelfahrt läuft nicht auf ein großes Finale zu, in dem alle Fäden kunstvoll zusammengeführt werden; das Erzählte bleibt Ausschnitt aus einem Leben, das auch jemand leben könnte, der keine literarische Figur ist.
Eine Stärke des Romans ist zweifellos die genaue Beobachtung emotionaler Dynamiken: zwischen Mutter und Tochter, zwischen Caro und André, aber auch zwischen Caro und ihrem früheren Freund Tom, der den Hof seiner Eltern übernommen hat und Ideen fürs ökonomische Überleben wälzt. Eine Figur, wie man sie aus dem Romankosmos Reinhard Kaiser-Mühleckers kennt.
Mit feinem Gespür für Details zeichnet Marlene Gölz das Porträt einer Freundschaft, die sich mit den Jahren gewandelt hat und dennoch innig bleibt. „Wie wenig weiß man eigentlich über die Menschen, die man mag?“, wird Caro gegen Ende des Romans fragen. Himmelfahrt erzählt von zwei ungleichen Freundinnen, von Herkunft und Erbe, und von dem, was ein gutes Leben ausmachen könnte. Auch das über den Text gespannte Netz von Verweisen auf Populär- und Unterhaltungskultur spielt auf dieses Grundthema an: auf die Frage, was sich „über den Wolken“ verbirgt, während unten in den Pfützen Benzin schwimmt, „schillernd wie ein Regenbogen“ (S. 61). Reinhard Mey grüßt herzlich.
Unaufgeregt in seinem Erzählduktus, bleibt der Roman nahe bei Caros Perspektive, kommt nur momenthaft aus dem Tritt, wo sprachliche Bilder seltsam quer zum sonst klaren Duktus stehen: Warum bloß „küssen“ plötzlich „die Blätter der Baumkronen“ die Wolken am Himmel (S. 25)? Und spritzt Wasser tatsächlich „tosend über den Giesenkannenrand“ (S. 29)?
Himmelfahrt ist ein kluges, offenherziges, oft auch trauriges Buch mit starken Szenen – die Bilder für eine Verfilmung des Stoffs hat man bei der Lektüre im Kopf. Eine Hoffnung, die, scheint’s, auch die Ich-Erzählerin hegt: „Sie ging weiter in diesem goldenen Licht und dachte, wie schön es wäre, wenn diese Straße niemals endete. Immer so weiter. Die Einstellung, von hinten, das war wie der Abspann eines Films. So könnte die Geschichte enden.“ (S. 60)
Harald Gschwandtner, geb. 1986, Literaturwissenschaftler, Kritiker und Lektor, Senior Scientist im Literaturarchiv Salzburg. Veröffentlichungen zur österreichischen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, u. a. Strategen im Literaturkampf. Thomas Bernhard, Peter Handke und die Kritik (Böhlau, 2021).
