„Was wusste das Licht vom Ende, fragte sich Klara. Jeden Morgen überwand es die Finsternis. Jeden Abend gab es sich geschlagen. Und heute? Heute war etwas anders.“ (S. 21)
Ein Neuling ist Jaqueline Scheiber in der Buchszene schon seit einiger Zeit nicht mehr. Die auf Plattformen wie Instagram bekannt gewordene Autorin schreibt im Grunde, seit sie denken kann – zunächst Lyrik unter dem Pseudonym minusgold. Dass sie ihr Herz einige Jahre für alle, die es sehen wollten, sichtbar nach außen trug, mündete in erste Veröffentlichungen unter ihrem Klarnamen wie Offenheit (2020, Kremayr & Scheriau) und Ungeschönt (2023, Piper); und weil Scheiber nie lang fackelt, wenn sie eine Idee hat, stemmt sie mit RENNEN WARTEN BLEIBEN (2022) und Flüchtige Entfremdung (2024) außerdem zwei erfolgreiche Schreib- und Kunstprojekte im Eigenverlag. All ihrem Schreiben gemein ist eine spezielle Feinfühligkeit für das zwischenmenschlich Feinstoffliche und die Relevanz unseres Gefühlslebens.
Das Räderwerk der Unausweichlichlichkeit
Mit dreimeterdreißig wagt Jaqueline Scheiber sich nun an einen Roman – und geht mit ihrem Debüt den eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Ausgangspunkt und Urkatastrophe des Plots ist der Moment, der Protagonistin Klara den Boden unter den Füßen wegzieht: Ihr Freund Balász liegt am frühen Morgen tot neben ihr im Bett. Das ist nicht zu viel verraten, da das Zentrum des Textes sich zuerst zart, dann immer mutiger von diesem Augenblick, der alles verändert, wegbewegt – in dem Tempo, in dem Klara allmählich begreift, was geschehen ist und die Realisation des Unausweichlichen in ihr Bewusstsein sinkt.
Fortan laufen in Scheibers Erzählung zwei Zeitebenen parallel: In Rückblenden spannt sich die Geschichte von Klara und Balász auf – zwei auf unterschiedliche Art verlorene Seelen, die unverhofft zueinander finden, die sich Stück für Stück aneinander herantasten. Balász, ein durch und durch weicher, durchlässiger, liebevoller Charakter, Filmnerd, ist in Ungarn aufgewachsen und kämpft gegen das Gefühl, in Wien immer ein Außenseiter zu bleiben; Klara, Scheidungskind mit gestähltem Hochleistungskörper und immer hart gegen sich selbst, steht unter dem Druck, sich immerzu beweisen zu müssen. Im Gegensatz zu Balász lassen Sorgen und Nöte anderer sie strauchelnd und ratlos zurück.
„Man stelle sich ein Auffangbecken vor, vielleicht eine Art Schale in uns selbst, in der jede Bewegung, die wir in unserem Leben hatten, etwas hinterließ. Gewicht, Tropfen, Volumen. Und manche Menschen hinterließen in kurzer Zeit mehr davon, sie füllten etwas von sich in die eigene Schale, deren Pegel rasch anstieg und ein Gefühl für jemanden zum Ausdruck brachte.“ (S. 65)
Moderne star-crossed lovers
Wie ausgerechnet Klara und Balász, diese beiden grundunterschiedlichen Menschen, vorsichtig die Liebe zueinander entdecken, liest sich über weite Strecken wie ein Traum, und vielleicht ist es auch einer, den uns Jaqueline Scheiber auftischt. Sie sieht sehr genau hin, gibt der Entwicklung ihrer beiden bald Liebenden viel Zeit, ehe sie aufeinandertreffen, und man spürt die Zuneigung, die die Autorin zu ihren Figuren hat, in jeder Zeile. Die leisen Anflüge von Kitsch, die manche Szenen und Rückblenden durchwehen, sind sehr bewusst gesetzt: Sie bilden den notwendigen Kontrast zur zweiten Ebene, auf der Klara durch die stille, dunkle Wohnung wandert, noch unwillig, sich der Tatsache zu stellen, dass Balász nicht mehr ist – der Mensch, mit dem eine Zukunft möglich und zum Greifen nah schien.
Die stärksten Momente in dreimeterdreißig finden sich in surrealen Szene, in Klaras Weigerung, Balászs Tod anzuerkennen: Wie sich immer wieder Sekunden ausweiten zu Ewigkeiten und umgekehrt, wie Klara in einer Übersprungshandlung beginnt, das Bad zu putzen, wütend darüber, dass ihr Freund nicht reinlich genug war, zeigt die überbordende Hilflosigkeit angesichts eines abrupten Endes großer Lebensplanungen. Besonders eindrücklich gerät eine Szene, in der Traum und Wirklichkeit verschwimmen und Klara im Furor und ersten Schock die halbe Wohnungseinrichtung in eine Reisetasche packt: „Erst verschwand die messingfarbene Stehlampe mit dem grünen Lampenschirm im offenen Fach auf der Vorderseite. Dann folgten die Kissen mit dem blauen Leinenbezug, dann das Sofa. Sie hatte Mühe, die L-Form unterzubringen, doch mit etwas Druck rutschte auch der letzte Standfuß ins Innere. […] Wie ein Motor, der sich rasant beschleunigte, rannte sie von Zimmer zu Zimmer und warf alles in die Tasche. Die Topfpflanze, den Fahrradhelm, die Akustikgitarre, eine Reihe Bücher, Ordner, Briefe.“ (S. 57f.)
Da wundert es auch nicht mehr, dass plötzlich der „Sonnenesser“ in Klaras Küche sitzt, über die Zeit philosophiert und Klara auf dem Weg ins Morgengrauen und zurück ins Schlafzimmer begleiten wird. Zwar wirkt der unverhoffte Begleiter ab und an wie ein Fremdkörper, ist aber als Verkörperung des Unausweichlichen im eng gewobenen Beziehungsgeflecht und in der klaustrophobischen Enge der Nacht, durch die sich Protagonistin Klara tastet, durchaus stringent.
Es ist mit allem zu rechnen
Die Zeit, die sich in Scheibers Roman mal dehnt, mal schreckhaft zusammenzieht, mäandert auf einer weiteren Ebene wie ein ewiges Band durch den Text: Die einzelnen Kapitel sind nicht durch klassische Überschriften voneinander getrennt, sondern durch zwei Elemente, die Orientierung geben: Die Gegenwart wird von einem unerbittlichen „TICK, TACK“ begleitet, das sich zwischen die Seiten schiebt; jedes Kapitel der zarten Liebesgeschichte zwischen Klara und Balász wird durch die fortlaufenden Verszeilen des Gedichts Für dich der Lyrikerin und Sängerin Lydia Daher eingeleitet, ein weiterer Metatext über Verlust und Abschied. Das ist eine sehr klare, sehr bewusste Setzung, die manche Leser:in vielleicht zu sehr als „on the nose“ empfinden mag, schafft aber im Universum von dreimeterdreißig einen Bezugsrahmen, der die Erzählung zusammenhält.
Wie aber einen Roman zu Ende bringen, der so nah dran ist an seinen Figuren, an ihrer Emotionalität? Die Autorin trifft auch hier mutige Entscheidungen, weicht formal von der bisherigen Erzählweise ab und schenkt – so viel sei hier verraten – den Leser:innen auf den letzten Seiten den traurigsten, zuversichtlichsten und vor allem wahrhaftigsten Abschluss, den man sich für dreimeterdreißig wünschen könnte. Jaqueline Scheiber jedenfalls ist mit ihrem Erstling ein Kunststück gelungen: Sie findet Worte für eine Erfahrung, die man eigentlich nicht in Worte fassen kann – und erfindet sich dabei als literarische Stimme wieder einmal neu. Man darf gespannt sein, was ihre nächsten Schritte sein werden.
„Ich rechnete mit allem, seitdem mit nichts mehr zu rechnen war. Ich rechnete mit abwegigen Unterhaltungen und stummen Tagen. Ich rechnete damit, mich nie wieder in Bewegung setzen zu können. Ich rechnete auch damit, dir für den Rest der Zeit Fragen zu stellen, auf die du mir keine Antwort geben würdest.“ (S. 233)
Stefanie Jaksch war einige Jahre als PR-Verantwortliche und Dramaturgin an deutschen Theatern tätig, seit 2011 lebt und liest sie in Wien, wo sie bis 2023 die Verlags- und Programmleitung für Kremayr & Scheriau innehatte. Die von ihr konzipierte Essay-Reihe übermorgen wurde u. a. mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch ausgezeichnet. Seit 2024 ist die Wortarbeiterin als freischaffende Autorin, Moderatorin, Kuratorin und Lektorin unterwegs und hat das Büro für Kultur- und Literaturarbeit „In Worten“ gegründet. Im Herbst 2024 erschien bei Haymon ihr Essay Über das Helle, seit 2025 ist Stefanie Jaksch außerdem Verlegerin des Verlags WASSER Publishing.
