#Lyrik

verbrenner

Jörg Piringer

// Rezension von Alexander Kluy

Das Langgedicht hat hierzulande keinen leichten Stand. Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist dies anders. Nach Ansicht der englischen Literaturwissenschaftlerin Tess Somervell ist das Langgedicht genau die richtige Form „for the unmanageable scale, the messy confusion and the epic ambivalence of our age“.
Jörg Piringers Band verbrenner ist unter Garantie kein direktes Echo dieser These, greift aber dessen literaturphänomenologischen Gehalt auf.

„ein stück über das brennen
das brennen der wälder
das brennen in mir
das brennen im hals
die nie enden wollende trockenheit“ (S. 5)

Schon in den ersten Zeilen von verbrenner signalisiert der in Wien lebende Akustik- und Experimentallyriker Piringer, dass es ihm um das Große und das Ganze geht, nicht nur um „motorhaube“ oder „kühlergrill“, wie es im vierten Absatz des oben zitierten Textes heißt.

Piringer, 2021 mit dem Medienkunst-Preis der Stadt Wien ausgezeichnet und als studierter Informatiker vertraut mit dem Anhäufen und Verarbeiten von Daten, gab er mehrfach an der Wiener schule für dichtung Kurse über „akustische poesie“, „rhythm & sound“ und über digitale Poesie. Spätestens ab Seite 10 seines neuen Bandes verbrenner realisiert man: Dieses in konsequenter Kleinschreibung verfasste Poem über Zerstörung, Verschwinden und Transformation ist auch ein durchrhythmisiertes Sprech-Stück. Gar zu gerne würde man dieses zündende, zündelnde, von Feuer wie Feurio inspirierte wie davon handelnde Libretto-Poem als Rezitation erleben.

Piringer führt Heterogenes zusammen, Poetisches, Fakten und statistische Angaben, verfremdete, am Computer generierte Grafiken von eigener Hand, amtliche Mahnungen und Erläuterungen („verwenden sie das nicht-abflammgerät nur in gut belüfteten bereichen“). Er montiert sie und benutzt mit so leichter wie raffinierter Hand rhetorische Kunstgriffe wie etwa Anapher oder Repetitio, Wiederholung, die langsam erweitert und immer größer wird. Ja, man kann sich hier trefflich selbst examinieren, was noch einmal eine Geminatio ist, nämlich eine Verdoppelung, und was ein Pleonasmus, die Kombination zweier Wörter zur Verstärkung der Aussage, was „figurae per detractionem“ verheißt, die Auslassung von Wort- oder Satzteilen, und was Ellipse, Auslassung, oder Syllepse, Worteinsparung. Das macht den Text einerseits hochlodernd gelehrt, zur selben Zeit jedoch geradezu spielerisch und immer wieder von neuem biegsam und lebendig.

Impetus wie Basismotiv tragen Piringer durch immer neue Ab- und Unterarten, durch Variationen und welt-konkrete Benennungen, wobei er hie und da auch den Kalauer nicht scheut. Dabei verheddert er sich nur selten in Hermetischem. Im Gegenteil, Piringers Verse in diesem Weltengedichtband sind parataktische, einfache – mit Ausnahme des zwei Doppelseiten kurzen Einschubs „kandrasonifikalopsilismikismo“, worin er Wortkombinationen, fast in der Manier eines Karl Valentin, ins komisch Absurd-Abstruse übersteigert.

Auf Seite 38 heißt es diesbezüglich unverdrossen:

„essen und verbrennen
glühen muss ich
brennen und verbrennen
laufen muss ich
rennen
rennen
rennen
immer weiter
immer heisser“

Am Ende dann erstarrt alles in absoluter Schwärze, wo „[…] selbst die zeit / in der starre des alls / zu ticken aufhört“ (S. 226). Poetologisch und emotional erschüttert, da Piringer die Position des Schreibenden mit Vergänglichkeit und Vergessen zusammenführt, bittet er:

erinnert euch
an mich
den autor
die autorin
irgendwann
irgendwo
irgendwas
unendlich lang vor mir
und unendlich lang nach
wenn keines der worte
mehr sinn ergibt.“ (S. 225)

Denn diese Schwärze, wenn das Verbrennen vorbei und an seiner Statt „ein ewig gefrorenes lied“ getreten ist, ist ja auch die der schwarz bedruckten weißen Buchseite. Der US-amerikanische Dichter John Berryman behauptete in seinem Gedichtband The Dream Songs (1969) ketzerisch: „The only happy people in the world / are those who do not have to write long poems”. Im Fall Jörg Piringers ist vom Gegenteil auszugehen – und glücklich ist erst recht sein Lesepublikum über dieses Langgedicht.

 

Alexander Kluy ist Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler. Zahlreiche Veröffentlichungen in österreichischen, deutschen und Schweizer Zeitungen und Zeitschriften. Editionen, zuletzt Konrad Engelbert Oelsner Luzifer oder Gereinigte Beiträge zur Französischen Revolution (Limbus, 2024) und Felix Dörmann Jazz (Edition Atelier, 2023). Zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt im Klever Verlag Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche (2025) sowie in der Edition Atelier die kulturhistorischen Bände Das Kreuzworträtsel und seine Geschichte (2024) und Der Regenschirm. Eine Kulturgeschichte (2023).

Jörg Piringer verbrenner
Klagenfurt, Graz und Wien: Ritter Verlag, 2025.
232 Seiten mit Abb., broschiert.
ISBN 978-3-85415-687-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Jörg Piringer

Rezension vom 01.01.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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