Von Beginn an ist klar, dass die Kindergärtnerin Karmen als Fahrerin durch ein Telefonat, in dem sie eine schockierende Nachricht erhält, abgelenkt war. Ihr Verteidiger, die Psychologin, die Richterin – und nicht zuletzt die Medien, hier noch einmal übertroffen von Social Media, lassen diese anfängliche Klarheit aber immer mehr in einem zunehmend (hoffentlich) überzeichneten, absurden Ablauf der Geschehnisse verschwinden. Kafka ist da nicht weit, die literarischen Anspielungen sind kaum zu überlesen. So trägt z. B. eines der Kapitel den Namen „Der Käfer“. Für den Roman selbst bedeuten die Verweise jedoch mehr ein freundliches Zunicken an andere, die sich dem Thema der Schuld verschrieben haben, als dass sie darüber hinaus groß ins Gewicht fallen.
Vielmehr steht im Zentrum, wie ein einziger Moment einen Knick im Leben verursachen kann, der nicht so einfach auszubügeln sein wird und der entgegen der weit verbreiteten Hoffnung, dass sich letztlich alles wieder in Ordnung bringen lassen werde, einen ein Leben lang begleiten wird.
Ausgerechnet im Kapitel „Was danach kommt“ verdeutlicht Suck, wie sehr ein so kurzer Moment wie der tödliche Unfall selbst den Blick auf das bisherige Leben ändert, es im Falle von Karmen sogar erst wieder hervorholt. Im Umgang mit ihrer Tat, mit ihrer Situation im Allgemeinen erweist sie sich keineswegs als leuchtendes Beispiel für Resilienz und begeht Fehler gerne auch ein zweites Mal. Dabei fehlt es ihr nicht an Reflexionsfähigkeit: „Ich will ihr sagen, dass es mir leidtut, aber wie immer bin ich mein eigener Sargnagel.“ (S. 120) Dennoch bleibt sie sich selbst ein Rätsel, wie eigentlich jeder vernünftige Mensch.
Vom Verlag wird in der Bewerbung des Romans der Aspekt der medialen Inszenierung besonders hervorgehoben. Für Karmen selbst ist sie im Roman eher ein Problem unter vielen anderen. Gerade in dieser Hinsicht verfügt sie über ein gerüttelt Maß an Widerstandsfähigkeit, ist es doch ihre Hauptleistung, zu einem Blick auf sich selbst zu finden, der von all den Stimmen um sie herum weitgehend unbeeindruckt bleibt. Dabei ist die Sprache im Roman von Anika Suck eine Art Verbündeter: Wenn sich Karmen in die Mutter des toten Kindes einfühlt, klingt das so: „Verlier mal eben dein Kind wegen einer abgelenkten Autofahrerin. Passiert ab und zu. Passiert genau dir.“ (S. 140) Es ist eine schnörkellose Erzählweise, die Alltagssprache nicht scheut – und damit ihrem Thema Nähe und Eindringlichkeit verleiht. Nebenbei: Dass der Satz „Ich kann auch so eine waache Scheiße labern wie du“ (S. 99) vom Lektorat belassen wurde, ist eine wahre Genugtuung beim Lesen – und illustriert zugleich, dass es Suck gelingt, selbst bei unumgänglicher Schwere und Traurigkeit nicht ohne Witz zu bleiben.
Wenn gegen Ende des Romans einige Plotfäden durch einen Deus ex Machina-Moment gelöst werden, dann akzeptiert Karmen selbst diese Lösung nicht. Die Protagonistin ist in diesem Fall in gewisser Weise weiter als ihre Autorin. Dies ist nur eine der vielen, in diesem klugen Romandebüt zu entdeckenden Überraschungen, der ohne weiteres ein Bestseller sein könnte. Dass Verkehrsunfälle mit Todesfolge in den Medien mit einer Sprache des Verdrängens, der Kalmierung behandelt werden, die Folgen für Betroffene kaum thematisiert werden, sondern tabuisiert werden, steht dem vielleicht entgegen. Um so wichtiger, dass Was danach kommt geschrieben wurde.
Holger Englerth, Studium der Geschichte und Deutschen Philologie an der Universität Wien, Ausbildung zum Diplomierten Gesundheits- und Krankenpfleger. Diplomarbeit über Asketische Praktiken von Frauen vom 4. bis zum 7. Jahrhundert. Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Projekte Literaturzeitschriften in Österreich 1945–1990, Literature on the Move, Tagebücher Andreas Okopenko und zur Österreichischen Gesellschaft für Literatur.
