#Roman

Und Federn überall

Nava Ebrahimi

// Rezension von Sabine Schuster

Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz, ein gigantischer Geflügelschlachthof, sechs Menschen und ein einziger Tag, der alles verändert. Das ist die Grundstruktur des neuen Romans von Nava Ebrahimi Und Federn überall, der im November 2025 mit dem Péter-Horváth-Literaturpreis Stuttgart ausgezeichnet wurde und zuvor auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand.
Federn und das Phänomen der Wooden Breast durchziehen als Leitmotive den Text, Mensch und Tier müssen Federn lassen und die Verholzung der Brust, die einen Teil der industriell gezüchteten Hühner befällt und ihr Fleisch ungenießbar macht, beschreibt ebenso gut die Situation der Figuren in einer straff durchrationalisierten, seelisch zerrupften Gesellschaft.

Die Stadt Lasseren im Emsland und die Firma Möllring sind fiktiv, doch ihr reales Vorbild ist ein Geflügelbetrieb in Haren, wo die Autorin auch recherchiert hat. Es ist Winter und früher Montagmorgen, als für eine Handvoll Menschen mit großen Erwartungen der Tag beginnt. Sonia, die alleinerziehende Mutter, die in der Hühner-Zerlegung arbeitet und ihre pubertierende Tochter nach einem Streit zu Hause einsperrt, bewirbt sich für einen Job in der Verwaltung. Anna, die karrierebewusste junge Ingenieurin, testet das Automatisierungsverfahren Golden Eye, das Sonias Job am Fließband einsparen soll. Merkhausen, der ehrgeizige und einsame ältere Prozessoptimierer mit einer Vorliebe für polnische Frauen, fiebert seinem ersten Date mit Justyna entgegen, die er auf der Onlineplattform deutschpolnischeliebe.de gefunden hat. Justyna wiederum ist in eine Affäre mit dem 20 Jahre jüngeren Afghanen Nassim verstrickt. Der sehbehinderte Lyriker will die Asylbehörde mit seinen Gedichten beeindrucken und hat die deutsch-iranische Schriftstellerin Roshi gebeten, ihm bei der Übersetzung zu helfen. Nur wegen seiner Beharrlichkeit ist sie gegen ihren Willen aus Köln angereist und steigt nun im Niemandsland aus dem Zug: Sprühregen, kein Bahnhofsgebäude, eine Fußgängerbrücke über die Schienen, die Stadtmitte liegt eine Stunde entfernt, zu Fuß an der Autostraße entlang, der Bus ist schon weg.

Roshi, die Ich-Erzählerin in Ebrahimis multiperspektivischem Panorama, steht offensichtlich der Autorin selbst nahe. Alle weiteren Figuren charakterisiert sie in der dritten Person, jedoch ebenso unvermittelt und subjektiv, der Fokus auf Gedanken und Gefühle erzeugt große Nähe. Die Arbeiterin Sonia zum Beispiel wacht jeden Morgen mit den Hennen im Kopf auf, sie sind da, bevor sie ihre Augen aufschlägt, den Gaming-PC ihrer Tochter hört, darüber wütend wird, zur Ablenkung einen Text für ihr Jobgespräch improvisiert und um sechs Uhr morgens schließlich aufsteht:

„Wie fühlte sich das an, wenn die Enge in der Brust echt war? Wenn sich die Lungen nicht mehr ausdehnen konnten? Und das Herz mit jedem Schlag an eine Wand stieß? Sie konnte nicht sagen, woher dieser Zwang, sich in die Hennen hineinzuversetzen, rührte. Hennen – sie dachte immerzu an Hennen, nicht an Hähnchen, und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass in ihrer Vorstellung nur die weiblichen Exemplare an Wooden Breast litten, an der Verhärtung des Brustfleischs, die männlichen hingegen nicht. Wieso bloß? Und wieso überhaupt das alles, wieso ließen diese Gedanken sie nicht mehr los?“ (S. 11)

Die meisten Figuren in diesem Roman haben Brüche in ihren Biografien und leiden unter ökonomischen Zwängen, existenziellem Stress, Erschöpfung, Entfremdung oder Entwurzelung. Ihre Ziele verfolgen sie mit Nachdruck und Gefühle bleiben dabei schon einmal auf der Strecke. Trotzdem sprudeln die Geschichten förmlich aus ihnen heraus, und im Laufe des Tages lernen wir auch ihre Familien und deren Schicksale kennen, etwa wenn Merkhausen von seiner Großmutter und einer polnischen Enklave im Emsland der Nachkriegszeit erzählt, Justyna von ihrer Heimatstadt Jędrzejów und Nassim vom Terror der Taliban.
Vergleichsweise luxuriös und doch entscheidend sind Roshis Probleme beim Übersetzen. Die gebürtige Iranerin, die fast ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht hat, spricht schlecht Persisch und fürchtet, dass sie Nassim nicht wirklich helfen kann.

„Selbst wenn wir es schaffen, die Gedichte zu übersetzen, sie ins Deutsche zu hieven, dann werden sie ihm nicht mehr gefallen. […] Er wird an seinen Fähigkeiten zweifeln, sich schämen und vermutlich aufhören zu schreiben. Wenn er Glück hat und die Beamten seine Gedichte – sagen wir – herzig finden, erhält er Asyl, aber er wird aufhören zu schreiben, wenn die Gedichte ihren Zweck erfüllt haben. Sobald Poesie einen Zweck erfüllt hat, ist sie am Ende.“ (S. 174f.)

Während Roshi noch mit ihrer Verantwortung hadert, erlangt Nassim auf ganz andere Weise Berühmtheit. Ein Radfahrer, vielleicht auch eine Radfahrerin, zerstört im rasanten Vorbeifahren seinen Blindenstock, das Lokalradio berichtet und die Firmenleitung von Möllring will ihm noch am selben Tag einen Spendenscheck überreichen, mit Geschenkkorb, Presse et cetera.

Trotz der Tristesse und Unwirtlichkeit des Schauplatzes – drinnen die nasskalten Hallen für die Schlachtung und Zerlegung, draußen das graue, konturlose Land – bleibt dieser präzise konstruierte Episodenroman als ganz großes Kino im Gedächtnis: mit lebendigen und zugleich kantigen Charakteren, slapstickartigen Szenen wie der aus dem Ruder laufenden Konfrontation Annas mit Merkhausen („Was sucht mein Busen in deinen schmutzigen Gedanken? In deinen Telefonaten mit diesem Hans Wurst?“ S. 289) und einem erstaunlichen, surrealen Schlusstableau, auf das sich alle Figuren an unsichtbaren Fäden zubewegen, um sich kurz darauf in einer Wolke aus weißen Federn aufzulösen:

„Aus dem Dunkel, aus dem Bodennebel heraus erscheinen sie, zwei, drei, vier, dann mehrere auf einmal. Erst sehen sie aus wie weiße Knäuel, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit wenige Zentimeter über der Wiese schweben, aber je näher sie kommen, desto mehr zeichnen sich die ersten genauer ab, eine Form wird erkennbar oder zumindest die Idee einer Form, Wesen mit Köpfen, Schnäbeln und Beinen, mit denen sie rennen, als hätten sie ein Ziel, manche schneller, manche langsamer, manche hinkend, und manche bleiben sitzen oder liegen, und alle gackern, zögerlich, als hätte sie jemand überraschend dazu aufgefordert, die Stimme zu erheben.
Federn fliegen, und alle sehen sie, die Hühner und ihre Federn, alle, die eigentlich in die Kamera lächeln sollten, wenden die Köpfe nach links, und die Gesichtszüge erstarren, die ohnehin unterkühlten Körper werden steif, und das Gruppenfoto friert für einen Moment ein.
Dann rennt der Junge los.“ (S. 340 f.)

Sonia holt als Erste ihren kleinen Sohn ein und tut es ihm gleich, sie breitet die Arme aus und schreit, wie sie es noch nie getan hat. Justyna folgt ihnen, und beinahe zeitgleich rennen Merkhausen und Nassim los, der Frau, die sie lieben hinterher, vor sich selbst davon und den Hühnern entgegen. Anna schaltet Golden Eye und die anderen Maschinen in sich ab, johlt kurz auf und überholt alle. Eine grandiose Szene, in der Ebrahimis angespannte Figuren aus ihren inneren Käfigen ausbrechen und für einige Minuten Freiheit atmen. Ihre Probleme löst das nicht, doch sie werden nach diesem Erlebnis nicht mehr dieselben sein.

Als „einen der herausragenden Romane des Jahres“, der wirtschaftliche, gesellschaftliche und emotionale Abhängigkeitsverhältnisse literarisch eindrucksvoll sichtbar mache, würdigte die Jury des Péter-Horváth-Literaturpreises Ebrahimis Buch. Die 1978 in Teheran geborene Autorin studierte Journalismus und Volkswirtschaftslehre in Köln, arbeitete u. a. bei der Financial Times Deutschland und lebt heute mit ihrer Familie in Graz. Seit ihrem Debüt Sechzehn Wörter (Österreichischer Buchpreis Debüt 2017) zählt sie zu den vielbeachteten Stimmen der deutschsprachigen Literatur, 2021 erhielt sie für ihren Text Der Cousin den Ingeborg-Bachmann-Preis.

 

Sabine Schuster, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien, Abschluss 1992, von 2001 bis 2023 Redakteurin des Online-Buchmagazins im Literaturhaus Wien, freiberufliche Rezensentin und Deutsch-Trainerin.

 

Nava Ebrahimi Und Federn überall
München: Luchterhand Literaturverlag, 2025.
352 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-630-87745-7.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 02.12.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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