Niedrige Fetthenne, Katzenminze, Veilchen, Rosen und Steinnelken, der Ich-Protagonist aus der ersten Erzählung des Bandes ist Gärtner und hat naturgemäß – dieses Wort wird noch eine Rolle spielen – zu allen Pflanzen eine klare Meinung. Seine Mutter ist vor einem Tag gestorben, in Schlaglichtern blickt er zurück auf sein Leben als Schüler, Lehrling und jetzt als Gärtner. Dabei reflektiert er über die Auswirkungen des Klimawandels auf Pflanzen, erzählt von den Beweggründen für den eigenen frühen Schulabbruch und bringt die Geschichte der Mutter mit mehreren unterschiedlichen Blumen und Bäumen in Verbindung. Schon diese erste Erzählung mit dem trefflichen Titel Himmelsschlüsselchen lässt ihre Leser:innen auf wenigen Seiten in eine besondere Perspektive eintauchen, in die eines Gärtners, der die Welt mit dem Fokus auf die Flora betrachtet: Auf Urlauben macht der Protagonist keine Fotos, sondern betrachtet die Pflanzen, und um zu trauern, geht er in den Wald, sucht eine große Eiche auf, setzt sich an den Stamm gelehnt hin und schnuppert am Holz.
Georg Haderer setzt bereits in der ersten Erzählung den Schwerpunkt auf den subjektiven Blickwinkel einer Person. Diese konsequente Perspektive zieht sich wie ein roter Faden durch den Band, sie rüttelt die Leser:innen wach – denn ja, auch auf diese Weise kann der Blick auf die Welt gerichtet sein – und stellt somit eine Verbindung zwischen den sehr unterschiedlichen Erzählungen her. Überdies begünstigt Haderers Herangehensweise die Entstehung einer speziellen Atmosphäre in jeder einzelnen Erzählung, sorgt für einen hohen Grad an Vielfalt innerhalb des Bandes.
Kleinanzeige, Elternabend, persönliches Geständnis
Bemerkenswert für den ersten Erzählband des Tiroler Autors ist dessen Vielgestaltigkeit, was Form, Inhalt, erzählerische Haltung und Perspektive anbelangt. Es finden sich darin Texte in der persönlichen Ich-Perspektive wie die des Gärtners oder Beiträge, die aus zusammengeschnittenen kuriosen Kleinanzeigen bestehen. Ebenso sind Erzählungen enthalten, die von einem Er oder einer Sie erzählen, den bzw. die man erst nach und nach etwas besser fassen kann, oder auch solche, die primär aus Dialogen bestehen, etwa das Geplänkel zwischen Jugendlichen oder Gespräche bei einem Elternabend. Trigger ist wiederum eine Erzählung, die in der Du-Perspektive gehalten ist und schon mit dem ersten Satz zwar auf vieles anspielt, aber auch gleichzeitig einiges offenlässt: „Es war allein dein Wunsch, Ministrant*in zu werden.“ (S. 13) Darin liegt die Kraft von Haderers Erzählungen, sie schlagen einen zunächst klaren Weg ein, der jedoch alle möglichen Haken schlagen kann – wie die Leser:innen rasch herausfinden.
Zudem ist die Themenwahl aufschlussreich: Haderer nimmt aktuelle Phänomene wie Vereinsamung, Selbstoptimierung und Kapitalismus in den Blick, gleichzeitig setzt er gezielt auf die Diversität der geschilderten Situationen. Letztere lässt sich auch aus der Zusammenstellung der vielfältigen Schauplätze der Erzählungen erschließen: Schulen, ein Holztempel in Japan, eine kleine Wohnung in einer Großstadt, eine Tischlerwerkstatt, eine griechische Insel oder eine psychiatrische Einrichtung. Da heißt es dann etwa abschließend: „Vielleicht sollte ich ihm auf den Oberschenkel schlagen. Ihn schlagen, um ihm zu helfen, sag was, Lukas, ich halte es nicht aus, wenn du nichts sagst, ach, wenn wir nicht so kaputt wären, so verdammt kaputt wären, so verdammt und kaputt.“ (S. 55)
Haderers Pumuckl trifft Thomas Bernhard
Die Erzählungen fallen durchaus düster aus. Zugleich finden sich immer wieder absurde Elemente darin, etwa wenn eine Figur namens Franz, die von allerlei körperlichen Leiden geplagt wird, von der Nachbarin gefragt wird, ob dies wohl auf PMS oder die Pille zurückzuführen sei. Welche Pille, denkt sich Franz und kann sich keinen Reim auf die Frage machen. Dass hier auf den Schriftsteller Franz Kafka verwiesen wird, lässt sich jedenfalls vermuten, und der Beginn der Erzählung auf den bekannten ersten Satz von Franz Kafkas Der Prozess anspielt, indem er die Situation eines gerade aufgewachten Protagonisten schildert. Haderer situiert seine Kafka-Figur in der Gegenwart. Wir lernen einen verunsicherten Charakter kennen, der von den vorherrschenden Normen der Gegenwart, etwa dem erhöhten Körperbewusstsein, geprägt ist.
Haderers Figurenpersonal birgt einige Überraschungen. Es reicht von einem Physiklehrer über den genannten Gärtner bis hin zu einem Schreiner, der sich als ein Herr Eder herausstellt. Dass es sich um eine Literarisierung von Meister Eder und sein Pumuckl handelt, wird rasch klar, als der Pumuckl selbst angesprochen wird. Haderer bringt dabei nicht nur die altbekannte Kinderserie ins Spiel, sondern verwebt diese auch noch mit dem bekannten Duktus von Thomas Bernhards Übertreibungskunst. Schreinern ist somit eine der aufschlussreichsten Erzählungen des Bandes, da diese die bereits erahnte couragierte Verspieltheit der Texte auf den Punkt bringt. Haderers Schreinermeister Eder eignet sich Thomas Bernhards Sprachkunst des Lamentierens an: „Während der alte Wimmer, der ja eine der widerwärtigsten Kunden überhaupt ist, eine Person, die diese Bezeichnung gar nicht verdient, der eigentlich Betriebsstörer heißen müsste, weil ein Kunde naturgemäß zum Florieren und Fortbestehen eines Betriebs, …“ (S. 57) usw. Mit Schreinern spannt der Autor leichtfüßig den Bogen von einer bayerischen Kinderbuchikone zu avancierter österreichischer Sprachkunst.
Georg Haderer gelingt es mit seinem ersten Erzählband, auf unmittelbare Weise in Szenen und Ereignisse einzutauchen, die Erzählungen zeichnen sich durch eine besondere Direktheit aus, die sowohl der gewählten Sprache als auch der Form der Texte geschuldet ist. Damit gibt Ein Apfeljahr und andere Versprechen nicht nur Einblicke in den Facettenreichtum von Kurzprosa; schon mit der ersten Seite öffnet sich die Tür in ein Versuchslabor der Erzählungen.
Ursula Ebel, geb. 1986 in Lilienfeld/NÖ, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Gender Studies in Wien, Paris und Berlin; seit 2011 Mitarbeiterin und seit 2014 stellvertretende Leiterin der Österreichischen Gesellschaft für Literatur; Literaturkritiken für u. a. Die Presse, Buchkultur und das Magazin des Literaturhaus Wien.
