Die Stunde der Wintervögel ist Baringers aktueller Gedichtband und wie dessen Lyrik-Vorgänger Kinderstube der Fische von 2018 und der Roman Der Zaunprinz von 2021 bei Limbus erschienen. Der 1955 in Wien geborene Ewald Baringer studierte in seiner Heimatstadt deutsche Philologie und Musikpädagogik, arbeitete als Musiklehrer und Kulturjournalist und lebt heute als freier Schriftsteller in Klosterneuburg. Er ist Mitglied im österreichischen P.E.N.-Club und im österreichischen Schriftstellerverband und hat für seine literarischen wie journalistischen Arbeiten u. a. zweimal den Anerkennungspreis des Landes Niederösterreich erhalten.
Das aktuelle Gedichtbuch im gewohnt geschmackvoll und schlicht gehaltenen Reihendesign von Limbus Lyrik, das stets ein wenig die Erinnerung an alte Insel-Bändchen wachruft, ist von Beginn an ein klares Bekenntnis zu auktorialer Eigenständigkeit, zur Suche nach dem Noch-nicht-Gesagten, was bereits im vorangestellten Motto (o. P., S. 5) von Martin Walser seinen Ausdruck findet:
schau in die wolken
dort lebt immer ein text
den es nicht gibt
den musst du finden
Dem trägt der Autor nicht zuletzt durch einen starken Hang zum Sprachspiel Rechnung. Das Buch ist voll von Wortneuschöpfungen, die sich einerseits durch provoziertes Verhören und Verschreiben ergeben, wie etwa im Gedicht das spiel ging nie zu ende („wenn alles glatt und griffig / sich vermehlt zum zungenwort”, S. 79), andererseits durch die Erweiterung und Verfremdung von Begriffen wie z. B. „mienenspielverderber” (S. 38) oder “entzugsverbindungen” (S. 68). Mitunter ergeben sich auch semantische Umdeutungen, wenn beispielshalber die „träger // von hosen orden leistungen” (S. 44) am Ende des Textes zu einer (Nicht-)Handlungsempfehlung im Komparativ mutieren: „träger sein / als alle anderen” (ebd.)
Solche Effekte korrespondieren wiederum sehr gut mit der konsequenten Kleinschreibung, die Ewald Baringer verwendet. Ansonsten gibt es wenige formale Auffälligkeiten, der Band verlässt sich weitgehend auf die freien Rhythmen der klassischen Moderne. Nur dann und wann schleichen sich fast wie zufällig einige Reime in seine Verse:
die antwort mein freund
kommt mit dem wolkenbruch
steht nicht im totenbuch
überall brandgeruch
es waren doch heute
feuerwehrleute
auf besuch (S. 8)
Eine Einteilung in Kapitel gibt es nicht; allerdings werden die einzelnen Gedichte durch das gelegentliche Auftauchen von inhaltlichen oder formalen Reprisen strukturiert. So tauchen etwa locker über das Buch verstreut Ein- bis Vierzeiler auf, die jeweils eine Zeile länger sind als angekündigt (eine augenzwinkernde Erinnerung an die Vergeblichkeit, vorgegebenen Regeln entsprechen zu wollen?) oder durchnummerierte Lebensweisheiten, in welchen Redensarten durch den lyrischen Kakao gezogen werden.
Andere Gedichte beziehen sich augenscheinlich durch strukturelle Spiegelungen aufeinander: „mit erika nach vietnam / mit elisabeth nach venezuela / […] / aber mit esther / in den vatikan” (S. 12) transformiert sich andernorts zu „mit verena nach england / mit valerie nach estland / […] / aber mit vroni / nach ernstbrunn” (S. 48).
Auch Reminiszenzen an die konkrete Poesie finden sich beispielshalber in jenen drei Texten ohne Titel, die sich mit der Dichotomie von „trödeln” und „hetzen” bzw. „trödeln und hetzen” befassen und jeweils nur mit genau diesen zwei bzw. drei Worten auskommen (vgl. S. 45, S. 59 und S. 77).
Gern arbeitet Ewald Baringer auch mit Zitaten aus Literatur, Geschichte und Alltag, die er als Ausgangs- oder Endpunkt ganz eigenständiger gedanklicher Entwicklungen benutzt. So werden bekannte Worte von Erich Fried („es ist was es ist / es sind die diebe / es sind die hiebe”, S. 52) oder von Girondistenführer Pierre Vergniaud („restauration // frisst ihre kinder / die danken’s mit ergebenheit”, S. 75) feinwitzig umgearbeitet. Selbst vor Gus Backus’ altem Schlagertext aus der Feder des österreichischen Kabarettisten Peter Wehle macht der Autor nicht halt:
welttag der klugscheißer
alle gewinnen ein freilos
und singen grässlich im chor
denn wild ist der westen
und schwer ist der beruf (S. 39)
Baringer nimmt mit seinem Band Stunde der Wintervögel auch mitunter genüssliche den Kulturbetrieb auf den Arm. Dabei spart er die schriftstellerische Existenz nicht aus, selbst die Vanitas dichterischen Schaffens wird ihm ironisches Versmaterial – und auch hier gilt natürlich: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären rein zufällig.
vergebliche literatur
mitten auf einer großen wiese im wienerwald
steht ein schwarzgekleideter
bekannter österreichischer autor
und rezitiert texte in ein mikrofon
ich verstehe kein einziges wort
aber es ist ein angenehmer sommerabend
der wind weht den tag in die stadt hinunter
mitsamt einigen diatonischen klängen
der eiskaffee war auch nicht besonders
morgen ist wieder ein anderer
höchstwahrscheinlich (S. 40)
Auch hier schwingt wieder wie so oft in Baringers Texten bei aller Lust am Komischen eine Spur Verzweiflung über die oft unerträgliche Indolenz der Mitwelt-Menschen und deren scheinbar unaufhaltsamer Hang zum Verhängnis mit. Doch nie ist alles gesagt, es gibt keine berühmten letzten Worte, denn Ewald Baringers Stunde der Wintervögel endet abrupt mit dem lapidaren Zweizeiler „unbedingt zu sagen / wäre noch folgendes” (o. P., S. 96). Was, das bliebe dann dem nächsten Gedichtband vorbehalten. Man liest sich!
Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.
