„Es geht um ‚Bemühungspflicht‘, Höchstsatz-Senkung, Sanktionen und die Einführung von Mindest- und Ersatzfreiheitsstrafen bei Sozialbetrug.“ (Kleine Zeitung Online, 11.09.2025)
Was sich liest wie eine Ankündigung oder wie eine Zusammenfassung des Romans von Sandra Weihs, ist eine von mehreren einschlägigen Schlagzeilen aus einer steirischen Tageszeitung vom September 2025 – jenem Monat, in dem auch der Roman Bemühungspflicht erschienen ist. Sein Titel ist einer Formulierung aus dem oberösterreichischen Sozialhilfegesetz von 2020 entlehnt, das die „Bereitschaft, in angemessener und zumutbarer Weise zur Abwendung, Bewältigung oder Überwindung der sozialen Notlage beizutragen“ verlangt: Der oder die arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger:in ist verpflichtet, die eigene Arbeitskraft sowie eigene Mittel aus Vermögen oder Einkommen einzusetzen und – mittlerweile – den für den Arbeitsmarkt erforderlichen Spracherwerb nachzuweisen, um Mittel aus der Sozialhilfe zu erhalten.
Manfred Gruber, Weihs‘ Protagonist, geht davon aus, dieser seiner Bemühungspflicht nachgekommen zu sein, bis er eines Morgens feststellen muss, die Sozialhilfe wurde nicht auf sein Konto überwiesen, er kann seinen Orangensaft, den er sich ausnahmsweise gönnen will, an der Supermarktkasse nicht bezahlen. Gruber war ein benachteiligtes Kind, hat seinen Beruf als Metzger, der ihn körperlich auch ziemlich mitgenommen hat, wider Willen ergriffen. Er ist schon länger arbeitslos. Abgesehen vom elterlichen Häuschen am Rand einer mittelgroßen, namenlosen Stadt, in dem er bis zu deren Tod die Mutter pflegte, hat er nur Armut und auch psychische und physische Gewalt „geerbt“. Er ist nie wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen, konnte auch der patriarchalen Linie des Scheiterns nicht entkommen, auch wenn er eher den Müttern die Schuld gibt: „Du bist ein Scheidungskind, dein Sohn ist ein Scheidungskind, dein Enkel wird ein Bastard! Weil die Mütter versagt haben, nicht die Väter!“ (S. 202)
Die Zurichtungen und Zumutungen der Arbeitslosigkeit, Armut und der sozialen Ausgrenzung für den misogynen Einzelgänger und Vater eines erwachsenen Sohnes sind massiv. Er leidet gesundheitlich daran, dass er sich keine neuen Schuhe, aber auch das Heizen des Hauses nicht wirklich leisten kann, die Kiste Bier rationiert sich der zum Alkoholismus neigende Mann streng. Aber er wird von Weihs auch aufmüpfig und als einer, der um seine Rechte weiß und kämpft, Beschwerdebriefe schreibt und in der Behörde laut werden kann, geschildert. Die Autorin lässt ihn offen aussprechen, dass er in diesem kapitalistischen System gar nicht arbeiten möchte – wie übrigens auch die Sozialarbeiterin, die die Aussage dann etwas relativiert. Seine Chancenlosigkeit in einem Land und einer Gesellschaft – sei es eine Wohn-, Lebens- oder Bedarfsgemeinschaft –, in der nicht der Mensch zählt, sondern das Geld, lassen ihn verbittern und auch gegenüber sich selbst gewalttätig werden.
Sandra Weihs erzählt Grubers Geschichte – die an einzelnen Tagen im Frühling 2019 spielt, also kurz bevor die Bemühungspflicht eingeführt werden soll und Gruber sein Haus zu verlieren droht, wenn er keine Arbeit findet – auf eine überraschende und überzeugende Weise, nämlich großteils aus der Du-Perspektive.
Quasi-dokumentarisches Material wie Beschwerdebriefe, TV-Ausschnitte aus dem sogenannten Reality-TV und Interviewpassagen der Nachbarn zeigen Grubers Renitenz und den Blick der Gesellschaft auf Sozialhilfeempfänger:innen. Das Trash-TV hätte es nach Ansicht der Rezensentin nicht unbedingt gebraucht. Sachkenntnis und Empathie des Textes überzeugen ohnehin. An manchen Stellen wird die Erzählperspektive weitergereicht wie eine Staffel. Dann kommt etwa Grubers Betreuerin im Sozialamt zu Wort, die zwar auf der anderen Seite des Schalters, respektive Systems, aber in der realitätsnahen Schilderung eigentlich im selben Boot mit einem wie Gruber sitzt. Sie wird im Amt mitunter von Klienten und als Alleinerzieherin gleichfalls von Armut bedroht, dass sie gleich viel verdient wie eine Alleinerzieherin an Sozialhilfe bezieht, macht den prekären Alltag auch nicht gerade einfacher. Diese auktoriale Erzählperspektive gibt ungeschönt Haltung und Verzweiflung all jener wieder, die sich abgehängt fühlen, wie es so unschön heißt. Die eigentliche Ich-Erzählerin ist eine hinzugezogene Sozialarbeiterin, die sich nicht nur um den „Fall Manfred Gruber“, sondern auch um den Menschen bemüht, was wiederum in einem bürokratischen (Sozialhilfe-)System, das um jeden Preis darauf aus ist, Geld einzusparen, sehr schwer möglich ist.
Sandra Weihs hat ein Buch der Stunde geschrieben. Die steirische Landesregierung etwa hat sich kurz nach Erscheinen des Romans das oberösterreichische Sozialhilfe-Regelwerk zum Vorbild genommen und ihre sozialen Leistungen um fünf Prozent unter den gesamtösterreichischen Durchschnitt gekürzt, womit die Kosten um 13 Millionen sinken könnten. Ähnliches passiert nicht nur in FPÖ-(mit-)regierten österreichischen Bundesländern, auch Deutschland kann sich seinen Sozialstaat nicht mehr leisten, wie es der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz formuliert.
Bemühungspflicht ist weder naiv noch wertend, sondern bitter, bissig und mitunter schmerzhaft, die Figuren sind weder sympathisch noch besonders identitätsstiftend, aber plausibel, vielschichtig und sehr nah dran an einer Wirklichkeit, die in ihren erhellenden und ernüchternden Details in der Literatur oft nur als Genrebild wiedergegeben wird. Ein relevanter und radikaler Gesellschaftsroman, eine kluge und differenzierte Bestandsaufnahme, Lektüreempfehlung und Pflichtlektüre!
Angelika Reitzer, Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Filmemacherin und Literaturvermittlerin, lebt in Wien. www.angelikareitzer.eu
