#Roman

Hotel Love

Petra Piuk

// Rezension von Daniela Fürst

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In ihrem vierten Roman Hotel Love zeigt Petra Piuk gekonnt, wie sich feministische Gesellschaftskritik in eine schwarz-humorige Dystopie verpacken lässt und das Ergebnis auch noch köstliche Unterhaltung garantiert.

 

William Shakespeares Tragödie Romeo und Julia hat schon zahlreiche Bearbeitungen, Adaptionen und Neuinterpretationen erfahren. Auch Petra Piuk hat sich der wohl bekanntesten Liebesgeschichte in der Literatur angenommen, auf ihre ganz persönliche und gewohnt spielerisch „böse“ Art und Weise. Doch nehmen Sie sich zu Beginn dieser Rezension ein paar Minuten Zeit und basteln Sie sich im Kopf ein Bild von einem Liebeshotel, einem Hotel Love. Ein Ort, an dem eine der schönsten menschlichen Empfindungen an erster Stelle steht, mit allem was dazu gehört. Ein Ort, an dem die Romantik nicht zu kurz kommt, jedem Bedürfnis nach Zärtlichkeit, Nähe und Körperlichkeit nachgegangen werden kann und wo die so lieblose Welt da draußen keinen Platz findet. Wo man schlicht sein natürliches Anrecht auf Glücklichsein in Anspruch nehmen kann. Sofern Sie ein Mann sind …

Wir schreiben das Jahr 2031, die Temperaturen haben sich dank Klimawandel auf angenehme 43 Grad Durchschnittstemperatur erhöht und dem neuen Kanzler wiederum haben wir es zu verdanken, dass die Männerpartei an der Macht ist. Der Love-Kanzler hat die naturgegebene Ordnung wiederhergestellt, die durch völlig abstruse und ja, durchaus gefährliche Ideen wie Demokratie und Genderbewegung beinahe zerstört worden wäre. In der Praxis bedeutet das, Frauen haben keine Menschenrechte mehr. Ihre Daseinsberechtigung besteht einzig darin, dem Manne zu dienen und für sein Glück da zu sein, egal was er dafür benötigt. Natürlich gab es im Zuge der Reorganisation Proteste, aber jede große Veränderung fordert auch ihre Opfer und am Ende sind doch alle Männer glücklich.
Jene Frauen, die es damals nicht rechtzeitig über die Grenze schafften, versuchten entweder mit allen Mitteln „geheiratet“ zu werden oder schlossen sich den illegalen Gruppen von Widerständigen an, die sich immer noch in den zerstörten Wäldern verstecken. „Widerständige, die aufgegriffen werden, werden erschossen oder – je nach Bedarf – an die Verteilerzentren, die neuen Familien oder die Betreiber des Fun-Parks verkauft, wo sie leichte Beute für Hobbyjäger und Reality-Show-Macher sind.“ (S. 64) Nachdem dem Kanzler natürlich nichts mehr am Herzen liegt als das Glück der Männer, braucht es nicht nur eine entsprechende Lebensumgebung, sondern auch Alternativen zum biologisch bedingt leider sehr fehleranfälligen weiblichen Humanoiden. Denn hat nicht jeder Mann das Recht auf die perfekte Liebe und die dazugehörende perfekte Frau? Love Kanzler!

Um aber letzteres nicht dem Zufall oder gar der Biologie überlassen zu müssen, gibt es zum Glück die Alternative in Form von Fembots. Die ideale Frau für jedermann, ohne Abnutzungs- und Alterungserscheinungen, ohne Ansprüche oder „menschliche“ Anwandlungen. Auch Roman, unser romantischer Romanheld, möchte sein gebrochenes Herz heilen und dazu braucht es nun mal die Liebe seines Lebens, seine Julia. Er lernte sie noch im Real Life kennen und lieben, doch die damaligen gesellschaftlichen Gegebenheiten und leider auch Julias Macken haben das Glück letztlich scheitern lassen. Nun hat er sich für das 7-Tage-Programm Wifey Material – so erschaffe ich die perfekte Ehefrau im Hotel Love entschieden, um sich seinen sehnlichsten Wunsch zu erfüllen, nämlich am Ende mit seiner perfekten Julia vor dem Traualtar zu stehen.
Optisch ist der von Roman entworfene Julia-Android mehr als gelungen und die Harmonie zwischen den beiden Turteltäubchen könnte nicht größer sein, wären da nicht diese dissonanten Zwischentöne. Irgendetwas stimmt nicht und das macht Roman zusehends gereizter. Er entwickelt sogar eine erektile Störung. Ja, es gibt zu viele Störgeräusche, wie Julia 2.0 es nennt, bestehend aus Sätzen, Satzfetzen oder Erinnerungsfragmenten, aus der realen Beziehung mit Julia stammend, die Roman versucht hat, aus dem Gedächtnisprotokoll zu löschen, die sich aber immer wieder einschleichen und aufploppen. Julia 2.0 wird dank ihres hohen IQ (selbstverständlich von Roman so erwünscht) rasch klar: „Sie muss an die fehlenden Informationen kommen, um die Erinnerungslücken zu füllen, um ihre Rolle perfekt spielen, um Roman glücklich machen zu können.“ (S. 131) Und Julia 2.0 schreitet gemäß ihrer programmierten Bestimmung umgehend zur Tat, denn wenn sie versagt, wird sie verschrottet.

Diese „Scheiß Wirklichkeit“ (S. 162), wie Roman es so treffend ausdrückt, verweist in Petra Piuks Dystopie auf unsere Wirklichkeit: auf erschreckend real existierende Verhältnisse in unserer Gesellschaft. Toxische Männlichkeit, in ihren offensichtlichen Ausprägungen wie Dominanz, Aggressivität und Misogynie sowie den subtileren Formen, wie etwa emotionale Härte, „Gaslighting“ oder „Love Bombing“, ist für viele Frauen trauriger Alltag. Als wäre das nicht schon schlimm genug, propagieren die sogenannten „Tradwives-Influencerinnen“, auf Social Media die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen und konservativen Werten. Wie schön doch so ein Leben als klassische Hausfrau und Mutter sei, die sich dem Ehemann unterordnen darf, während er die Familie versorgt und alle Entscheidungen trifft. Diese fast ausschließlich weißen Frauen repräsentieren zutiefst konservative Ansichten, durchtränkt mit patriarchalen und identitären Narrativen. Von da ist es auch nicht weit zu den weißen reaktionär-libertären reichen Männern wie Elon Musk oder Peter Thiel, deren Meinung nach die Welt von einer reichen Unternehmerelite regiert werden soll. Die Technik, die sie entwickeln und die sie unter anderem dazu brauchen, den Rest der Menschheit kontrollieren zu können, ist ihr heiliger Gral.

Petra Piuk fordert ihre Leser:innen nicht nur in ihren Denkmustern, sondern auch sprachlich gerne heraus. Die Autorin arbeitet in Hotel Love, wie schon in ihren anderen Romanen, mit verschiedenen Textsorten, die sie collagenartig zu einem dichten Stakkato an unterschiedlichen Stimmen zusammenbaut. Mit den meist recht kurzen Abschnitten in der Ästhetik von Social-Media-Einträgen, Werbeeinschaltungen und Teasern zwischen der gegenwärtigen Handlung und den Rückblicken auf Roman und Julias Lovestory baut sie gekonnt eine zusätzliche Atmosphäre im Text auf, die einem das Gefühl vermitteln, der Indoktrinierung mit der Love-Kanzler-Philosophie nicht entkommen zu können.

Hotel Love ist ein wahrer Fiebertraum in zweierlei Hinsicht: definitiv ein orgiastisch feuchter für all jene, die durch Feminismus und Gleichberechtigung die traditionelle Männlichkeit bedroht oder gar schon zerstört sehen; ein Fieber-Albtraum aber für alle anderen, die sich der realen Rückschritte in Sachen Frauenrechte bewusst sind. Denn nach der Lektüre und in Anbetracht der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen fühlen sich diese Leser:innen wohl in ihren bösen Ahnungen mehr als bestätigt. Petra Piuks Hotel Love ist nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch pure feministische Gesellschaftskritik. Die Überzeichnung und der schwarze Humor lassen uns erst schmunzeln und dann schlucken. Die Gleichberechtigung von Frauen steht nämlich alles andere als auf stabilen Beinen, geschweige denn eine Gendergerechtigkeit, die über die Dichotomie weiblich/männlich hinausgeht. Und gerade in Krisenzeiten wird nur zu gerne ein reaktionäres Männlichkeitsideal beschworen, das uns Sicherheit und Stärke vermitteln soll. Also checken Sie lieber ein im Hotel Love und nehmen Sie teil am 7-tägigen Sensibilisierungsprogramm rund um die unheilige Dreifaltigkeit aus Patriarchat, Technikwahn und der Glücksdoktrin des perfekten Lebens.

Und während ich das hier schreibe, dudeln Die Ärzte in meinem Kopf:

Als ich das Mädchen mit den Latzhosen sah (Jubbiduh, schalalala)
Da war mir eines sofort klar (Jubbiduh, schalalala)
Sie ist nicht so, wie die andern sind (Jubbiduh, schalalala)
Und wo sie ist, weht ein anderer Wind, whoa-oh-oh (Jubbiduh, schalalala)1

Warum es genau dieser Song ist, liegt nicht nur daran, dass ich mir bei diesen Zeilen Piuks Julia vor meinem geistigen Auge vorstelle. Sie werden es verstehen, wenn Sie den Refrain kennen. Oder fragen Sie den HappySystemBot – den allwissenden Infobot des Love-Kanzlers.

 

Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.

Petra Piuk Hotel Love
Roman.
Wien: Leykam, 2025.
240 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-7011-8385-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Petra Piuk

Rezension vom 29.10.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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