Der Tod ist die größte Unbekannte und zugleich Konstante in unserem Leben. Auch wenn wir Menschen versuchen, ihn mit Hilfe von Religion, Spiritualität, Philosophie und auch Naturwissenschaft für uns begreiflicher zu machen, es bleibt bei einer Annäherung. In der Literaturgeschichte finden sich zahlreiche Autor:innen, die sich in ihren Werken mit Tod und Verlust auseinandergesetzt haben, oft auch um eigene Erfahrungen damit verstehen oder verarbeiten zu können. Bernadette Maria Schiefer nimmt sich in ihrem zweiten Roman des Themas an, indem sie uns von Marie und Paul erzählt, die ihren dreijährigen Sohn Christopher bei einem Badeunfall verloren haben. Sie haben sich zwei Jahre nach seinem Tod nach Irland zurückgezogen, um an diesem neutralen Ort, an dem Christopher nie war, vielleicht einen Neuanfang machen zu können – einen Neuanfang als Individuen und als Paar.
Während Paul wieder anfängt, künstlerisch zu arbeiten und dabei scheinbar zurückfindet in eine Art von neuem Alltag, kann Marie einfach keinen Sinn finden, in den Dingen, die sie tut. Die Erinnerungen lassen sie nicht los und ein Leben ohne Schmerz scheint ihr immer unmöglicher. In der Trauer, die jeder für sich durchlebt, drohen sie sich zunehmend auch als Paar zu verlieren. Keiner kann dem anderen Halt geben, wo doch der eigene Schmerz schon kaum auszuhalten ist. Dann kommen auch noch Ada und später ihr Freund Pablo auf Besuch. Das befreundete Paar möchte die beiden etwas ablenken und auf andere Gedanken bringen. Paul nimmt das nur zu gerne an und scheint die Gespräche über Kunst, Essen und die Landschaft zu genießen. Doch das Nicht-darüber-Reden und das so tun, als ob das Leben einfach so weitergehen könnte, ist für Marie ebenso unerträglich, wie die simple Frage, wie es ihr denn gehe. Nichts mehr ist für Marie unbelastet, nichts ist einfach nur so.
„Ich lag nur am Strand mit ihr. Sie weiß nicht, wie viel Kraft dies alles kostet.“ (Seite 39)
Während Marie mit Paul und ihren Gästen die Tage verbringt, Urlaubsdinge macht, zieht sie sich immer wieder zurück in ihre Gedanken, führt innere Dialoge mit sich selbst, Paul und Christopher. Gespräche, die sie gerne in Wirklichkeit führen würde, es aber nicht oder nicht mehr kann. Dabei würde sie so gerne über ihre Gefühle sprechen, über ihre Ängste, die innere Einsamkeit und die Wut. Und sie würde gerne von Christopher erzählen, von ihrem Kind, auch wenn das nur noch in der Vergangenheitsform möglich ist. In diesen kursiv gesetzten Gedanken macht die Autorin deutlich, wie viel komplexer und emotional ungleich belastender der Tod eines Kindes ist. Stirbt ein geliebter Mensch in fortgeschrittenem oder hohem Alter, tröstet uns die Vorstellung ein wenig, dass dieser ein „ganzes“ Leben hatte: angefangen bei der Kindheit, über Jugend und Erwachsensein mit allem, was dazu gehört, bis hin zum Alter. Das empfinden wir als natürlich, und macht den Verlust vielleicht auch erträglicher. Stirbt ein Mensch aber vor seiner Zeit, als junger Mensch oder gar als Kind, spüren wir neben dem Schmerz auch das Gefühl des „Unnormalen“. Wir fühlen uns so wie Marie um gemeinsame Zeit und Erlebnisse beraubt. Wir trauern um nie gemachte Erfahrungen und nie erreichbare Träume. Wir hadern mit der Ungerechtigkeit und kämpfen mit der Unbegreiflichkeit, warum so etwas passieren kann.
„Ich habe mein Kind nicht für den Tod geboren.“ (Seite 105)
In Rückblenden erfahren wir, was genau geschehen ist und wie Marie in der ersten Zeit nach Christophers Tod versuchte, die gemeinsamen Wege nachzuzeichnen. Sie kehrte an Orte zurück, an denen sie mit ihrem Sohn besondere Momente hatte, nur um jedes Mal die zurückgebliebene Leerstelle umso deutlicher zu spüren. Immer gibt es da andere Kinder, Eltern und Großeltern, die noch voller Selbstverständlichkeit solche sind, nichts ahnend, wie schnell alles vorbei sein kann und dass auch Marie einmal eine Mutter war. Wir gehen nur zu gerne davon aus, alle Unwägbarkeiten der Natur mit Technik zähmen und alles kontrollieren zu können. Wir wollen den Zufall ausmerzen, der manchmal dazu führt, dass ein Kind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort ist und sein Leben verliert. Doch es ist passiert und Marie stellt sich nicht nur selbst die Frage nach Schuld, sie spürt auch das Stigma des Schuldigseins. „Wir sind stiller geworden. […] Versuchen, keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Die Eltern eines toten Kindes fallen auf. Warum haben Sie es nicht verhindert?, fragen ihre stummen Blicke. Warum zogen sie dieses Unglück an?“ (Seite 66) Gefühle, die zunehmend dazu führen, dass Marie sich vom Leben ausgeschlossen fühlt, nicht mehr so recht weiß, wie sie sich verhalten und darüber hinaus noch eine Partnerin für Paul sein soll.
„Wir haben uns, Marie. Nein, Paul. Es ist ein Trugschluss. Wir haben uns nicht mehr.“ (Seite 82)
Was der Roman für mich so eindringlich zum Ausdruck bringt, ist die Tatsache, dass solche Verluste uns nicht nur sprichwörtlich aus unserer Rolle werfen. Nicht alle schaffen es, wieder zurückzufinden ins Leben und in die Gemeinschaft. Doch Verluste sind nicht nur eine individuelle, subjektiv empfundene Erfahrung, sie haben immer auch Auswirkungen auf unser Lebensumfeld und sind geprägt durch ein soziokulturelles Gefüge aus kollektiven Erfahrungen, Praktiken und Diskursen. So ist auch die Trauer einerseits etwas zutiefst Individuelles und zugleich aber auch eingebettet in gesellschaftliche Gepflogenheiten, Normen und Tabus. Wie wir trauern, deckt sich nicht immer mit den Vorstellungen darüber, wie oder auch wie lange wir trauern sollen, können oder dürfen. Und genau dieser Zwiespalt zwischen individueller Verfasstheit und gesellschaftlichen Erwartungen, der vor allem für Trauernde oft unüberwindbar groß erscheint, ist in der Ich-Erzählerin Marie so deutlich nachzuspüren. Die Konfrontation mit dem befreundeten Paar und deren Beziehungsproblemen erhöht den Druck auf Marie und Paul, einerseits bald wieder heil zu sein und wieder „normal“ behandelt werden zu können, andererseits die durch die Trauer gewachsene Vereinzelung zu überwinden und sich als Paar in einem gemeinsamen Leben danach wiederzufinden. Dass sie am Ende vielleicht doch mehr sind, als die Eltern eines toten Kindes.
Über Tod und Trauer zu schreiben, ist zweifellos ein herausforderndes Thema, auch wenn Autor:innen dabei manchmal auf die eigene Erfahrung zurückgreifen können. Unter anderem wohl deshalb, weil die Rezeption stark von der jeweiligen Gefühlswelt und den emotionalen Vorstellungsräumen der Leser:innen abhängig ist. Gelingt es nicht, diese anzusprechen, oder hat der oder die Leser:in (zum Glück!) noch keine solche Erfahrung machen müssen, können manche Textpassagen auch als pathetisch empfunden werden. Dazu zählen vor allem die kursiv gesetzten inneren Gespräche, die die Autorin ihre Protagonistin führen lässt. Sie sind zudem stellenweise etwas verwirrend, aber sie vermitteln zugleich auch die Irrationalität der Trauer und unterstreichen, wie schwer bis unmöglich es sein kann, wirklich darüber zu reden. Mit nur 144 Seiten ist Nach dir sicherlich ein schmales, doch dafür einprägsames Buch, in dem kein Wort zu viel und keine literarische „Dekoration“ notwendig ist, um ein ganzes Gefühlsleben zu erzählen.
Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.
