#Essay

Abschied vom Phallozän

Gertraud Klemm

// Rezension von Monika Vasik

Die Schriftstellerin Gertraud Klemm ist für ihre engagierte feministische Haltung bekannt. Nun legt sie mit Abschied vom Phallozän einen lesenswerten politischen Essay vor. Darin fordert sie wortgewandt ein Ende des Patriarchats und dessen Ersatz durch matriarchal organisierte Gesellschaftsformen. Denn diese hätten einen ganzheitlicheren Ansatz, seien egalitärer und damit gerechter organisiert.

Das Wort Anthropozän ist als Bezeichnung für eine neue geologische Epoche zwar in den Naturwissenschaften nach wie vor umstritten, hat sich aber als Schlagwort etabliert. Es bezeichnet den rasant zunehmenden Einfluss des Menschen auf das System und seiner Aktivitäten auf das System Erde und den Weltraum. Auswirkungen sind etwa der Klimawandel, das Artensterben und die Artenverschleppung, Umweltverschmutzung, Landverlust und Erosion oder die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen unseres Planeten. Offenbar unausweichliche Folge ist die Akkumulation von Reichtum und Macht in der Hand weniger Personen. 

Doch es ist nicht der Mensch, der diese Krisen verursacht und Auswüchse am Köcheln hält, sondern, so die Autorin, es seien machthungrige Alpha-Männer, Politiker, die an den Schaltstellen der Macht sitzen und in Allianz mit skrupellosen Tech-Milliardären in ihrer ausbeuterischen Haltung die Erde und unsere Gesellschaften zum Nachteil aller unumkehrbar verändern, ja zerstören. 

Viele dieser Akteure hätten zudem meist „ein traditionelles, rückschrittliches Geschlechterbild mit im Gepäck“ (S. 12). Verstärkt wird dieses u. a durch die hierarchische Struktur der patriarchalen Weltreligionen, die Frauen „als Menschen zweiter Klasse“ (S. 69) betrachten und ihnen einen Platz außerhalb von Macht- und Entscheidungsstrukturen zuordnen, sodass „die männlich-göttliche Überlegenheit den spirituellen Deckel auf der weltlichen Ungleichheit“ (S. 69) bildet. Dies schlägt sich nicht zuletzt in Bekleidungsvorschriften und Freiheitseinschränkungen für Frauen, in der Sexualmoral sowie in Eingriffen in der reproduktiven Selbstbestimmung nieder.

„Was“, stellt Gertraud Klemm die Frage in den Raum, „wenn Umweltzerstörung, Rassismus, Kriege, globale Ungerechtigkeit und Misogynie unter dem Schirm der Patriarchatskritik verstanden und vielleicht sogar bewältigt werden könnten?“ (S. 8) Gleich zu Beginn ihrer Streitschrift plädiert sie dafür, den Begriff Anthropozän durch Phallozän zu ersetzen, ein Wort, mit dem die Autorin „das Zeitalter eines völlig aus dem Ruder gelaufenen Patriarchats verbildlichen“ (S. 12) möchte. 

Ihr Essay ist Weckruf und Plädoyer für eine Weltsicht, die sich kritisch mit dem Patriarchat, das kein Naturgesetz ist, und dessen Auswirkungen auseinandersetzt, und auch die Keimzelle des Patriarchats, die heteronormative Kleinfamilie, in den Blick nimmt, die ein Auslaufmodell sei. Diese „ganze Mutter-Kind-Kiste“ (S. 25) sei eine biografische Bruchstelle, weil der Anfang der eigenen Familiengründung meist mit der Isolation der jungen Mutter einhergeht, die unbezahlte Fürsorgearbeit, die im kapitalistischen Kontext nicht als Arbeit gilt, fast immer an Frauen hängen bleibt, was wiederum die Geschlechterungerechtigkeit sowie den Gender-Pay-Gap, Pensions-Gap und die Altersarmut von Frauen verfestigt.

Eine Folge des Patriarchats ist die Etablierung und Zementierung des weißen, westlich geprägten Mannes als Norm, während Frauen und Menschen anderer Kulturen als minderwertig angesehen wurden. Dies lässt sich anhand der Historie der wissenschaftlichen Misogynie belegen und wirkt bis heute nach, etwa in patriarchalen Denkansätzen und der mangelnden ethnischen Diversität in der klinischen Forschung. Als beispielhaft für Defizite und Fehlinterpretationen führt die Autorin u. a. die Geschichte der Klitoris und die Dämonisierung der weiblichen Lust an, die verabsäumte Erforschung von frauenspezifischen Leiden wie Endometriose und Menopause, oder die Tatsache, dass klinische Studien bevorzugt an der Normperson Mann durchgeführt werden. Aber auch falsche archäologische Zuschreibungen und fehlerhaft Geschichtsdeutungen müssen korrigiert werden. Folgerichtig plädiert Klemm für eine feministische und postkoloniale Wissenschaftskritik, die patriarchale Sichtweisen in der Forschung kritisch hinterfragt, damit „alteingesessene Vorurteile“ (S. 54) nicht länger reproduziert werden.

Angesichts der vielfältigen Krisen in der Welt will die Autorin eine „radikale Exit-Strategie: uns zu bilden, zu vernetzen, zu empören und zu verweigern“ (S. 79). Die Überrepräsentation von Männern in Entscheidungspositionen und vorwiegend männlich strukturierte Hierarchien müssen aufgebrochen, Frauen ein gleichberechtigter Platz in Macht- und Entscheidungsebenen zugestanden und die Formen des Zusammenlebens neu gestaltet werden. Dazu gehöre, dass die Geschichtslosigkeit von Frauen beendet wird, Lehrpläne entstaubt, der Kultur- und Wissenschaftsbetrieb sowie die Vergabe von Förderungen entpatriarchialisiert werden.

Ein alternatives Familien- und Gesellschaftsmodell sei das Matriarchat, zugleich Utopie, wirkmächtiger Gegenentwurf und Zukunftshoffnung. Es handelt sich dabei nicht um eine Umkehr des Patriarchats, sondern um die gelebte Praxis neu entwickelter Rollenbilder für Mann und Frau. Das Matriarchat unterscheidet sich fundamental in ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Strukturen. Es zeichnet sich dadurch aus, dass das Zusammenleben der Gesellschaft gerechter gestaltet wird, nicht Hierarchien und Dominanz wichtig sind, sondern gelebte Kooperation. Im Mittelpunkt stehen auch nicht Besitz oder Befugnisse, sondern Bedürfnisse. Matriarchate sind „egalitäre, Mutter-zentrierte Gesellschaften, die auf Augenhöhe miteinander umgehen und verteilend wirtschaften“. (S. 31) Dazu gehört, dass Entscheidungen in der Regel konsensual erfolgen und leibliche Vaterschaft keine Rolle spielt. 

Klemm nennt einige „matriarchal, matrilinear, matrilokal, oder matrifokal“ (S. 31) organisierte Gesellschaften in der Welt, etwa die Mosuo in China, die Yoruba in Westafrika oder die Frauen von Juchitán in Mexiko.

Nicht zuletzt kritisiert Klemm die machtlose Frauenpolitik, weil sie bislang gegen „kulturell eingefleischte, misogyne Positionen“ (S. 20) wenig ausrichtet. Sie blickt auf die Erfolge der ersten und zweiten Welle der Frauenbewegung zurück, die in friedlicher Revolution erkämpft wurden, aber „immer noch in ihren Anfängen steckt.“ (S. 20) Was heute fehlt, ist ein feministisches Wir, das sich dem gut eingespielten patriarchalen Wir entgegenstellt, „als real präsente, kritische Masse aufbegehrt, streikt oder einfordert“ (S. 23). Der Feminismus ist heute vor allem mit sich selbst und mit Theorien beschäftigt, befasst sich mit „Sprache, metaphysischen oder biologischen Grundsatzfragen oder der Unlösbarkeit einzelner Kriege“ (S. 21) und debattiert lieber Gendersternchen sowie inklusive Akronyme, statt sich der alltäglichen Politik oder der Ökonomie zuzuwenden. 

Die Autorin diagnostiziert die zunehmende Individualisierung und den Zerfall des Feminismus in verschiedene Generationen und Strömungen, die noch dazu unterschiedliche Sprachen sprechen. Sie beklagt die akademische Ignoranz und verlangt einen inklusiven, solidarischen Feminismus, der heteronormativ angepasste und bildungsferne Frauen einschließt, Mutterschaft mitdenkt und Forderungen nach Gleichstellung leicht verständlich, nachvollziehbar und mehrheitstauglich formuliert. Es braucht wieder eine gemeinsame, inklusivere Sprache, um miteinander in ein Gespräch über Probleme und mögliche Lösungsansätze für einen Weg zur Gerechtigkeit für alle.

Ein Essay ist Ausdruck einer Meinung, ein Ausführen von Gedanken und Thesen, eine Streitschrift braucht überdies die pointierte Zuspitzung und griffige Untertitel wie „Der patriarchale Tunnelblick auf die Welt“, „Die Frau, das Nutztier“ oder „Dem Feminismus wieder die Gummistiefel anziehen, oder: zurück zur Drecksarbeit“. Abschied vom Phallozän ist ein wichtiger Beitrag in der aktuellen Feminismusdebatte und vermittelt Wissen. Das schmale Buch ist zudem leicht lesbar und wird damit dem Ansinnen eines inklusiven Ansatzes der Vermittlung gerecht. 

Viele Sätze sind als empörte Fragen formuliert, die ein Nachdenken über Antworten für unsere komplexe Welt initiieren und weitergehende Debatten anstoßen können. Allerdings ist die Streitschrift nicht in einem konsistenten thematischen Bogen verfasst, sondern wirkt durch das mosaikartige Zusammenfügen von Teilaspekten ein wenig sprunghaft. Was erstaunt, sind zudem manche Allgemeinplätze sowie die Einseitigkeit der westlich geprägten Europäerin Klemm. So erwähnt sie zwar kleine matriarchale Gesellschaften in Asien, Afrika und Lateinamerika, arbeitet wunderbar heraus, wie diese sich vom Patriarchat unterscheiden. Und sie brandmarkt Sklaverei und Kolonialismus, die sie „als humanistisches Totalversagen klassifiziert“ (S. 60). Als Vertreter des Patriarchats aber nennt sie nur Trump und amerikanische Tech-Milliardäre. Kein Wort verliert sie über Putin und seine Oligarchen, kein Wort über patriarchale Führerfiguren in anderen Ländern, wenige über Männermoral und stark eingeschränkte Frauenrechte in islamischen Ländern, etwa in Afghanistan und im Iran, was schade ist.

 

Monika Vasik, geb. 1960, Studium der Medizin an der Universität Wien, Promotion 1986; Lyrikerin, Rezensentin, Ärztin; Literaturpreise u. a. Lise-Meitner-Preis 2003, Publikumspreis beim Feldkircher Lyrikpreis 2020; Mitbegründerin und bis 2022 Mitverantwortliche der Poesiegalerie; mehrere Lyrikbände, zuletzt: hochgestimmt (Elif Verlag, 2019) und Knochenblüten (Elif Verlag, 2022). www.monikavasik.com

Gertraud Klemm Abschied vom Phallozän. Eine Streitschrift
Berlin: Matthes & Seitz, 2025.
142 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-7518-2088-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe 

Homepage von Getraud Klemm

 

Rezension vom 07.10.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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