Die Sightseeing-Tour des deutschen Ehepaars Renate und Jürgen durch Wien findet durch ein Erdbeben ein jähes Ende, plötzlich klafft mitten auf dem Stephansplatz ein Spalt und Jürgen stürzt in die Tiefe. Die beherzte Renate nimmt den Kampf mit den (bzw. gegen die) Wiener Rettungskräften und Behörden auf, um ihren Mann wiederzufinden. Das erweist sich aber gar nicht so einfach, denn die legendäre Gründlichkeit aka Umständlichkeit der österreichischen Bürokratie feiert bei Navarro in satirischer Überhöhung genauso fröhliche Urstände wie der klischeebehaftete Umgang der Wiener:innen mit den „Piefkes“.
Auf der Suche nach ihrem Ehemann stellt Renates (ungünstige) Nationalität eine veritable Hürde dar, die viel wichtiger zu sein scheint, als der Umstand, einen Menschen aus Lebensgefahr zu retten:
„Die Wartezeit war eine Unverschämtheit und ständig musste man ihr Dinge zweimal sagen, weil die Menschen hier einfach nicht in der Lage waren, normales Deutsch zu sprechen. Zwischenzeitlich hatte sie sogar das Gefühl, die Beamten machten sich über sie lustig.“ (S. 20)
Kompetenz stellt sich die durchorganisierte deutsche Touristin naturgemäß anders vor: „‘… Oida! Ich melde mich … scheiße!!‘. Damit endete der Anruf. […] Wenn das die Leute waren, die Jürgen retten sollten, dann gute Nacht.“ (S. 82) Folglich nimmt Renate die Suche selbst in die Hand, unterstützt von Reinhold, einem von Kammerjäger auf Geisterjäger umgesattelten Wiener Original, dem Magistrats-Underdog Elif und der Musikwissenschaftlerin Irina, die Mittel und Wege kennen, die offiziellen Behörden- und Archivwege zu umgehen. Ihre Recherchen führen – auch buchstäblich – in die Tiefen der Stadt und erschüttern diese nachhaltig in ihren Grundfesten.
Navarro gelingt es, die zahlreichen mehr oder weniger wahrscheinlichen Ereignisse sowie die multiplen Raum- und Zeitstränge am Ende einigermaßen plausibel zusammenzuführen und die sprichwörtliche Beziehung Wiens zum Tod in bewährter Tradition Georg Kreislers, Kurt Sowinetz’ oder Voodoo Jürgens’ um eine weitere Dimension zu bereichern. Aktuell und erschreckend zeitsymptomatisch erscheint das (zumindest im Roman gescheiterte) Geschäftsmodell des Unternehmens „Rebirth“, das mittels KI Verstorbene wieder zum Leben erwecken möchte und die brutalen Arbeitsbedingungen der kurzlebigen Start-up-Szene offenlegt.
Abseits schlaglichtartiger Zeitdiagnostik – auch die Folgen der Pandemie, die globale Krisenlage oder der Pflegenotstand sind Thema – arbeitet sich Navarro lustvoll an gängigen Wien- und Österreichklischees ab. Die fiktiven Machenschaften bei der – auch real existierenden – MA 68 Feuerwehr und Katastrophenschutz stehen in der Nachfolge der Serienklassiker Kottan ermittelt oder MA 2412. Und der bereits im Titel anklingende Falco-Hit aus dem Jahr 1985 liefert auch 40 Jahre später den passenden Soundtrack für grantige Kellner, parapsychologische Phänomene und wagemutige Streifzüge durch die Katakomben.
Diese Elemente kombiniert Navarro auf originelle Weise miteinander, so arbeitet der ehemalige Kammerjäger Reinhold nun als Paraspektograf, die beiden Tätigkeitsfelder scheinen doch gar nicht so weit voneinander entfernt zu sein:
„Das Aufbauen der Gerätschaften, das Anfertigen von Berichten, von haarsträubend unwissenschaftlichen Messdaten und Honorarnoten – all das waren Prozesse, die er so oder ähnlich aus der Schädlingsbekämpfung in Meidling adaptiert hatte.“ (S. 32)
Zu guter Letzt deckt der Roman auch eine der zahlreichen Wiener ‚Urban Legends‘ auf, so liefert Navarro eine mögliche Erklärung für die Quelle des charakteristischen Geruchs in den Gängen der U-Bahnlinie 1.
Rasche Szenenwechsel, witzige Dialoge und unerwartete Plot-Twists garantieren eine stets unterhaltsame Lektüre von Vienna Falling, die einen am Ende allerdings etwas atemlos zurücklässt. Vielleicht wäre hier weniger mehr gewesen und der Verzicht auf ein paar obskure Einfälle und Pointenfeuerwerke hätte nachdrücklicher zum Überdenken konventioneller Klischees anregen können. Äußerst gelungen ist jedenfalls die Ausstattung: Das dekorative Muster des Buchschnitts macht den Band nicht nur in einem instagram-tauglichen Bücherregal zu einem absoluten Hingucker!
Veronika Hofeneder ist freie Literaturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien; Mitherausgeberin der Werkausgabe von Vicki Baum(Wallstein, 2025), https://vicki-baum-digital.univie.ac.at/. Forschungsschwerpunkte: Literatur und Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre, Österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatur von Frauen, Literatur und Individualpsychologie, Feuilletonforschung. https://www.germ.univie.ac.at/veronika-hofeneder/
